Von Reinhold Schneider

Am Weihnachtstage des so gefürchteten und ersehnten Jahres 1000 empfing der junge Ungarfürst Stephan in Gran unter dem Jubel des Volkes die Königskrone, die Papst Silvester II. ihm auf sein Ansuchen gesandt hatte; er wurde mit heiligem Öle gesalbt und erhob in seiner Rechten das an einem langen Schafte befestigte Apostelkreuz, das ihm vom Papste mit der Krone übermittelte Zeichen seiner apostolischen Sendung (*). Ein neues, dem Papste und dem Glauben unmittelbar verpflichtets Königreich war geschaffen. Ende des 9. Jahrhunderts hatten die Magyaren, deren Urheimat wohl an der mittleren Wolga lag, da Land in Besitz genommen, das ihnen zur neuen Heimat werden sollte; im Jahre 955 kamen ihre Beutezüge nach Westen auf dem Lechfeld zum Stillstand. Fürst Geisa, Stephans Vater, hatte die Macht der Stammeshäuptlinge gebrochen und die einheitliche Herrschaft seines Hauses begründet; um diese Zeit kamen die Sendboten des Kreuzes, Priester des Bischofs Pilgrim von Passau und des heiligen Wolfgang von Regensburg, in das Land; sie fanden unter dem heidnischen Volke Christen, die vor zwanzig Jahren als Gefangene verschleppt worden waren. Geisa suchte mit Italien und Deutschland in Frieden zu leben; er warb am bayrischen Herzogshofe für seinen Sohn Stephan um die Fürstin Gisela, deren Bruder als Kaiser Heinrich II. den Thron des Reiches bestieg. Vom Schutzpatron von Passau hatte Stephan auch seinen christlichen Namen empfangen; er mußte, als er im Jahre 990 das Erbe des Vaters antrat, dessen Werk erhärten und aufrührerische Stammesfürsten niederwerfen; als König drang er bald nach seiner Krönung über die Theiß und nach Bulgarien vor. Dann suchte er, wie sein Vater, Frieden zu halten; er gründete die Heiligtümer seines Landes, das Benediktinerkloster auf dem Martinsberg (Pannonhalma), eine der Jungfrau und dem heiligen Adalbert geweihte Kirche in Gran, ein für bayrische Nonnen bestimmtes Kloster in Veszprém und in derselben Stadt eine dem heiligen Michael anbefohlene Kathedrale; Baumeister aus Italien und Dalmatien errichteten strenge, wuchtige Basiliken in den zehn Bischofsstädten des Landes; die Königin Gisela und ihre Frauen beschenkten die Kirchen mit Meßgewändern und Decken. Der König wies den Priestern bedeutende Aufgaben im Staate zu; er ließ Burgen auf seinen weitverstreuten Besitzungen errichten und legte Beamte in die Burgen, die über das sich ansiedelnde Volk geboten; den Beamten traten Kriegsleute zur Seite; so entstanden die Komitate. Nach dem Muster der fränkisch-deutschen Markgrafschaften gründete der König Grenzgespannschaften zur Verteidigung des Landes; er ließ Münzen schlagen in der Art der Regensburger Halbdenare Herzog Heinrichs II. und Zoll-, Fähr- und Brückengelder erheben. Alljährlich am Tage Mariae Himmelfahrt – der Gottesmutter hatte er sein Land und Volk unterstellt – hielt er Gerichtstag in Stuhlweißenburg; ein jeder Ungar, gleich welchen Standes und Ranges, konnte vor ihm erscheinen und Recht fordern. So verlieh der König seinem Lande und Volke Gestalt und Aufgabe, das vollkommen Neue einpflanzend, aber nicht ohne Rücksicht auf die Überlieferung und überkommene Bindungen, friedfertigen Geistes, aber zum Kampfe bereit. Da nach dem Todes seines Schwagers, des heiligen Kaisers Heinrich II., der Salier Konrad II. den Anspruch der Karolinger auf die Provinz Pannonien wieder aufnahm und mit seinen böhmischen Vasallen gegen Ungarn zog scheiterte er an der Kriegsmacht Stephans des Heiligen.

Die christliche Ordnung Ungarns, die Stellung des Königreiches zwischen Osten und Westen mit entschiedener Richtung nach Westen, dieses Werk Stephans des Heiligen zeugt auf das eindringlichste für den ersten König des Landes. Die Wirkungen sind deutlich sichtbar; eine unerhört wechselvolle Geschichte hat sie nicht auslöschen können; dennoch ist die Gestalt Stephans nicht leicht zu erkennen. Eine Art geheimnisvoller, ehrfurchtsgebietender Größe ist ihr eigen und ist vielleicht auch ihr bestes Kennzeichen; aus der Tiefe heidnischer Vergangenheit steigt dieser König herauf; seine Krone leuchtet im Lichte der großen christlichen Zeit, sein Antlitz ist wie beschattet; wir wissen nicht, waltet die Milde oder die Strenge vor, die Glut des Glaubens oder die Herrschergewalt, die kühne kriegerische Prägung seines Stammvaters Arpad oder die umbildende Macht des Westens, wohin das Auge des Königs so oft gerichtet war. Sein Wirken war gesegnet; ihm war die Gnade geworden, in eine hochstrebende Zeit zu treten und mit ihr einig zu sein. Nur eines war ihm verweigert: einen Sohn als Erben zu sehen. Der Erstgeborene, dessen Taufpate Kaiser Otto III. gewesen, starb früh; Emmerich, der zweite, entsagte nach des Bruders Tod dem ersehnten geistlichen Beruf und ließ sich vom Vater für den Thron heranbilden; mit dreißig Jahre wurde er auf der Jagd von einem wütenden Eber angefallen und tödlich verwundet. Von dem Jüngling, der sich aus Gehorsam mit dem Vater vermählte, aber wie der heilige Kaiser Heinrich unter strengem Gelübde lebte, blieb ein reine Bild zurück; Königsmacht und -schuld berührten ihn nicht; die Nachwelt verehrte ihn als Heiligen. Von König Stephan aber wird berichtet: „Große Traurigkeit und Bitterkeit quälten ihn, weil in seiner Verwandtschaft keiner fähig schien, nach seinem Tode sein Land dem Christentum zu erhalten.“ Nur ein einziger Sproß des alten Fürstenstammes war noch am Leben: Vászoly, den Stephan jugendlicher Ausschweifungen wegen hatte einkerkern lassen; der Herrscher, der an schwerer Krankheit darniederlag, entschloß sich, Vászoly aus seinem Kerker zu entlassen und zum Thronerben zu erklären. Aber in einer Nacht wurde der König vom Klirren eines fallenden Dolches geweckt; er sah einen Mann vor seinem Lager, der ihn ermorden wollte. Stephan verzieh dem um Gnade Flehenden, aber nicht den eigentlichen Urhebern des Anschlags; mit Vászoly hatten sich Adlige verschworen, den kranken König zu töten und die christliche Ordnung noch einmal zu stürzen. Stephan, der so eindringlich zur Milde und Barmherzigkeit ermahnt hatte, bestrafte den Undankbaren hart nach dem Brauche der Zeit; er ließ Vászoly blenden. Am Hofe lebte noch Peter Orseolo, der Sohn einer jüngeren Schwester des Königs, die sich mit dem Dogen vermählt hatte; Peter war in Venedig geboren; er war tapfer, aber heftig und rasch und verstand die Ungarn wohl nicht. Doch dem sterbenden Herrscher blieb keine Wahl; er rief die Geistlichen und Vornehmen des Landes zusammen, bezeichnete Peter Orseolo als seinen Erben und ermahnte alle noch einmal, im Glauben zu beharren und die Gerechtigkeit zu lieben. Dann starb Stephan der Heilige; es war der 15. August des Jahres 1038, der Tag Mariae Himmelfahrt, an dem der König viele Jahre lang öffentlich Recht gesprochen hatte.

Stephan hinterließ eine Krone, aber keine Dynastie. Wohl sah Ungarn später in Ladislaus dem Heiligen, Koloman und Ludwig dem Großen bedeutende Fürsten auf seinem Thron, die, wie Ladislaus, dem Herzen des Volkes vielleicht näher waren als der Gründer; Stephans Gestalt blieb doch die beherrschende Erscheinung der ungarischen Geschichte. Eine von Ladislaus im Jahre 1083 nach Stuhlweißenburg berufene Synode erklärte Stephan zum Heiligen; sein Name, seine Krone erlangten eine eigentümliche Gewalt; die Krone selbst wurde, unabhängig von ihrem Träger, zur Macht. Nicht im Königtum, sondern in der Krone, aber im ganz konkreten, gegenständlichen Sinn sahen die Ungarn die Hoheit, die das Königreich tragende geschichtliche Kraft. Wenn die Krone Stephans des Heiligen die Stirne eines Mannes berührt, wird dieser zum König, wird ihm die in dieser Krone beschlossene, an sie gebundene Macht übertragen. Nach dem Untergang des Königshauses war „dem Volke zum Trost die Krone verblieben, die einstmals das Haupt des heiligen Königs schmückte, die bei der Krönung in Gran zum ersten mal seine Stirn berührte und damit den ungarischen Staat gründete.“ Aber die Verwaltung der Krone wird von den Ständen beansprucht, von ihnen hängt die Krönung ab; als die Krone Stephans durch Rechtsverletzung in ungeweihte Hände geraten war, wurden „alle Ehren, die Wirksamkeit, die Bedeutungen, die Kraft und das Mysterium der alten Krone“ auf eine Krone übertragen, die auf dem Reliquienschrein Stephans ruhte. Ein revolutionäres Prinzip verbindet sich mit dieser Krone; im Jahre 1401 kerkerten die ungarischen Stände den König Sigismund ein und schlossen ihn von der heiligen Krone aus. Nicht im Erbrecht, sondern im konkreten Symbol wohnt die Macht; das Symbol aber ist Besitz der Stände.

Und dennoch geht von dem verehrten Symbol eine Verpflichtung, eine Art von Herrschaft aus. Es kann in unrechte Hände fallen und mißbraucht werden; es ist doch nicht möglich, daß der sich auf das Symbol Berufende beharrlich dem Geiste widerspricht, der das Symbol geschaffen hat. Der Glaube, der Rechtssinn, die ernste hohe Menschlichkeit König Stephans sind mit dem Symbol vereinigt; wer es besitzen, wer es recht verwalten, wer sich darauf berufen will, der muß dem hohen Bilde des ersten Königs zu entsprechen suchen. „Herrsche milde, demütig, friedfertig, ohne Zorn, Stolz und Haß“, ermahnte Stephan seinen Sohn Emmerich. „Wenn du friedfertig bist, wirst du König genannt werden, … wenn du zornig, stolz, überheblich und friedlos bist, wahrlich dann wird dein Land den Fremden gegeben werden.“ – „Freue dich, König zu sein und König genannt zu werden; richte nicht, doch wird es dir einmal gegeben, in einer Sache, die deiner würdig ist, zu richten, so richte mit Milde und Barmherzigkeit.“ – „Bete, daß du ruhig und ohne von Feinden angegriffen zu werden, im Frieden mit deinen Untertanen, den Lauf deines Lebens beschließen könnest.“ – „Vor allem hinterlasse, gebiete und rate ich dir, mein geliebter Sohn, daß du, wenn du die Königskrone zu Ehren bringen willst, ein sorgsamer Hüter des katholischen und apostolischen Glaubens werden mögest. Denn wer einen falschen Glauben hat oder seinen Glauben nicht mit Werken schmückt, wird weder in dieser Welt ruhmreich regieren, noch teilhaben an der Krone des ewigen Reiches.“ Darin lag ja der letze Sinn der Herrschaft Stephans des Heiligen: das Volk hinüberzuführen in das ewige Leben, in Erwartung des letzten Tages, angesichts des Weltkönigs zu herrschen und zu ordnen auf Erden und die irdische Krone als Verheißung der ewigen zu tragen.

So hat Stephan der Heilige vielleicht doch eine Herrschaft von längerer Dauer begründet als so mancher glückliche Ahne seiner Dynastie. Kraft seiner Krone herrscht er immer noch; er ist der eigentliche König, der eigentlich Mächtige Ungarns. An seiner Forderung, an seinen Gesetzen muß das Tun derer gemessen werden, die in seiner Krone das Sinnbild ihres geschichtlichen Daseins sehen und verehren. Und wie er im Jahre 1000, als das Gottesreich herabkommen sollte auf die Erde, sich unter der Krone beugte und dann das Apostelkreuz erhob, den Eingang des vollkommen Neuen, des von oben Gekommenen in die Geschichte bezeugend, so werden diejenigen, die sich auf sein Erbe berufen, immer wieder beginnen müssen: immer wieder, in jedem Augenblick, kommt die Stunde, wo die Herrschaft des unbedingten Glaubens, der milden Stärke anfangen soll, wo das Apostelkreuz nach der Hand eines Mächtigen verlangt. Immer wieder fordert der König sein Volk ein, muß das Volk bereit sein für den König, der es in das ewige Leben führt.

(*) Wir gehen aus von den Werken des bedeutenden ungarischen Historikers Bálint Hóman und bleiben diesen Büchern verpflichtet: König Stephan I. Die Grundidee des ungarischen Staates. Korn, Breslau, 282 S.; Geschichte des ungarischen Mittelalters. Walter de Grunter, Berlin, 1. Band, 439 S.

Erschienen in: Weisse Blätter – Monatsschrift für Geschichte, Tradition und Staat, Ausgabe Januar – Februar 1942, Bad Neustadt (Saale)