Käßmann: "Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt?"

Das Interview mit der EKD-Ratsvorsitzenden Frau Dr. Margot Käßmann in der Berliner Zeitung hat so manchen verwundert. Naivität mußte sie sich vorwerfen lassen, weil sie darüber philosophiert hatte, wie sich der Zweite Weltkrieg hätte aufhalten lassen können:

Von diesem Land ist ein schrecklicher Krieg ausgegangen. Wie hätte man dem anders begegnen können, als mit Gewalt?

Das Argument lautet immer: Hätten die Alliierten nicht eingegriffen, hätte es keinen Frieden gegeben. Warum gab es vorher keine Strategien? Warum wurde die Opposition in Deutschland nicht gestärkt? Warum wurden die Gleise, die nach Auschwitz führten, nicht bombardiert? Schließlich heißt es immer: Jetzt müssen wir Waffen einsetzen. Der Preis, der dafür zu zahlen ist, ist enorm hoch.

Appeasement-Politik hat Hitler wenig beeindruckt.

Dennoch: Krieg setzt ein Gewaltpotenzial frei, für das ich keine Rechtfertigung sehe. Krieg hat Unrecht, Zerstörung, Vergewaltigungen im Schlepptau. Krieg zerstört alle, die an ihm beteiligt sind. Ich hatte in jüngster Zeit Soldaten zu Besuch, die mit ihren Erlebnissen nicht fertig werden. Es ist gut, dass es zu diesen Weihnachten ein verstärktes Bewusstsein dafür gibt.

Vielleicht zu Unrecht. Ihre Fragen könnten durchaus zu neuen Erkenntnissen führen – wenn man sie denn ernst nähme.

Im März 2005 gab es im Spiegel einen Artikel, in dem über die Versuche deutscher Widerstandskreise mit der britischen Regierung in Kontakt zu kommen berichtet wurde. Ziel war ein gemeinsames Vorgehen gegen Hitler:

Um den Frieden in Europa zu bewahren, sollten die Westmächte, sollte vor allem die britische Regierung nach Ansicht deutscher NS-Gegner vernehmlich mit dem Säbel rasseln. Die Regimekritiker entfalteten deshalb in den beiden Jahren vor Kriegsbeginn eine hektische Reiseaktivität.

Allein Carl Friedrich Goerdeler, in dieser Zeit der führende Kopf des deutschen Widerstands, fuhr zwischen Juni 1937 und Ende 1938 in 22 Länder. Unablässig warnte der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister vor den braunen Machthabern: „Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir es mit Gangstern der schlimmsten Sorte zu tun haben.“ Über Adolf Hitlers aggressive Außenpolitik sagte er, der Diktator brauche „jeden Morgen zum Frühstück ein neues Opfer“.

Goerdeler beschwor die westlichen Regierungen, sich auf keinen Beschwichtigungskurs einzulassen. Aber er wurde von seinen Gesprächspartnern nicht ernst genommen. Sir Montagu Norman, der Gouverneur der Bank von England, wies ihn zurecht, ein guter Patriot denunziere nicht seine eigene Regierung. Und von Sir Robert Vansittart, dem Ersten Diplomatischen Berater im Außenministerium, musste sich Goerdeler den Vorwurf gefallen lassen, er betreibe Landesverrat.

Nachdem der „Führer“ am 28. Mai 1938 vor höheren Wehrmachtoffizieren seinen „unerschütterlichen Willen“ verkündet hatte, dass „die Tschechoslowakei von der Landkarte verschwindet“, warnte der Generalstabschef des Heeres, Ludwig Beck, ein Krieg gegen die Tschechoslowakei werde zum Weltkrieg führen und das „finis Germaniae“ bedeuten.

Beck schickte, Mitte August, einen weiteren Emissär nach London: den pommerschen Gutsbesitzer Ewald von Kleist-Schmenzin. Dem geläuterten Deutschnationalen gab der Generaloberst als Auftrag mit auf den Weg: „Bringen Sie mir den sicheren Beweis, dass England kämpfen will, wenn wir die Tschechoslowakei angreifen, und ich will diesem Regime ein Ende machen.“

Statt diese Gelegeheit wahrzunehmen zog es England unter Neville Chamberlain vor, Ende September 1938 das Münchner Abkommen zu unterzeichnen.

Zu beachten ist, daß das britische Außenministerium wissen mußte, daß Hitler sich mit dem Sudetenland nicht zufrieden geben würde, weil es durch den „Landesverrat“ Goerdelers ja von dessen weitergehenden Absichten bezüglich der Tschechoslowakei informiert worden war. Statt also die Informationen und die Kontakte dazu zu nutzen, sich Hitlers beizeiten bequem zu entledigen und ein moderateres Regime in Deutschland zu ermöglichen, wurden sie dazu verwendet, die von den Widerständlern offengelegten Pläne zu hintertreiben, indem es den „Führer“ ermutigte und seine Machtbasis in Deutschland somit zu verbreitern half – durchaus bewußt, wie es scheint!

Dennoch gaben die Widerständler ihren Glauben an den Frieden nicht auf:

Fünf Wochen nach der Konferenz von München formulierte Goerdeler in einem Memorandum seine Gedanken über ein gedeihliches Zusammenwirken von Deutschen und Briten, wenn erst einmal das Nazi-Regime gefallen sei. In dem Papier meldete Goerdeler jedoch auch Ansprüche an, die ihn – und den deutschen Widerstand insgesamt – bei den Engländern ins Zwielicht rückten.

Aber auch nachdem Hitler dann im März 1939 die „Rest-Tschechei“ annektiert hatte, verhielt sich das britische Außenministerium, das vor dem deutschen Angriff auf Polen die Rolle des Vermittlers zwischen Deutschland und Polen innehatte, keineswegs so, daß der Weltkrieg abgewendet wurde, sondern so, daß er wahrscheinlicher wurde, indem es alle Avancen von Seiten des deutschen Widerstandes ignorierte.

Carl Friedrich Goerdeler (Reichskanzler im Schattenkabinett des deutschen Widerstandes) vor dem Volksgerichtshof