Das Vorwort zu Menschliche Rechtfertigung Wilhelms II. nach seinen Randbemerkungen in den Akten des Auswärtigen Amtes (Hrsg. Friedrich Freska, Rösl & Cie. Verlag München, 1920)

Das Jahr 1920 soll uns die Vollendung unserer Schmach bringen: Neunhundert Deutsche sollen gemäß dem Verlangen der Entente ausgeliefert und vor Ententegegrichten abgeurteilt werden. Unter den Neunhundert befinden sich unsere hervorragendsten Heerführer, Industrielle, vor allem aber der Deutsche Kaiser, gegen den in England beim Staatsanwalt bereits fünfzigtausend Klagen vorliegen.

Das Urteil gegen die Gebrüder Röchling beweist, daß es sich nicht um eine Farce handelt. Die Bestrafung dieser Industriellen, die ihrer Zeit nach Befehlen handelten, soll den deutschen Industriellen durch zehnjährige Zuchthausbrandmarkung ehrlos machen, werk- und handelsunfähig. Die ungeheuerlichen Geldstrafen sollen es ermöglichen, daß der industrielle Besitz dieser deutschen Männer in aller Gerechtigkeit an Frankreich übergehe und die Französisierung des Saarlandes ermögliche.

Entente-Mächte beim Verteilen der Beute (britische Postkarte)

Entente-Mächte beim Verteilen der Beute (britische Postkarte)

Werden die anderen Neunhundert geradeso gebrandmarkt, beraubt und entehrt, vor allem der Deutsche Kaiser, dann ist gerichtsnotorisch erwiesen, daß das deutsche Volk ein Lumpenpack, eine Räuberbande gewesen sei, denn nur tiefstehende Charaktere können eine Führerschaft vom Zuchthäuslern ertragen.

Ein Auslieferungsparagraph wie im Friedensvertrag zu Versailles ist noch nie dagewesen in irgendeinem Friedensinstrument. Die „Süddeutschen Monatshefte“ sagten, als er bekannt wurde, nicht einmal wilde Stämme seine jemals so geschändet worden.

In der Nationalversammlung rief Herr Scheidemann aus, die Hand müsse verdorren, die derartige Friedensbedingungen unterzeichne. Er dankte ab, ließ den Füllfedermann Müller unterzeichnen und hielt seine Hand gesund.

Diese politische Leidensstation unseres Volkes ist das Ziel eines Weges, der mit der Absetzung Bismarcks beschritten wurde. Abkehr von Russland, Treibhausindustrie, Reichtumsanbetung, Gottlosigkeit sind die vier Marksteine, die auf der Straße zum Kriege Weiser waren.


Die Treibhausindustrie führte zum System des „dumping“, wie es die Angelsachsen nennen, Überschwemmung des Auslandsmarktes mit Waren zu Schleuderpreisen, die niedriger waren als die Inlandspreise. Das wurde als unfaire Konkurrenz angesehen. Die Massenproduktion verstärkte den Prozess der Proletarisierung und veränderte die Struktur unseres Volkes, das früher überwiegend ackerbauend war, zu schnell. Die proletarische Menge wurde gemäß den Ideen des Marxismus antimonarchisch in ihrer Gesinnung und wandte sich in ihren Gefühlen gegen den Zarismus, als die Hauptstütze der Monarchien in Europa. Russland gab dauernden Propagandastoff für Demokratie und Republik.

Hinter diesem ganzen Prozesse aber steht die Reichtumsanbetung, die keine Klasse unseres Volkes verschonte, fast alle Gemüter vergiftete und so den Boden schuf, auf dem demokratische Gesinnung anzukämpfen vermochte gegen die sittlichen Prinzpien des preußischen Staates, der mit Verantwortung, Rang und Macht belohnte an Stelle des Geldes. Ehre als Lohn scheint auch heute noch bessere Menschen und größere Charaktere zu züchten als Bezahlung mit Geld. Die starkten Charaktere unseres Volkes, auch unter den Soldaten, stammen alle aus dem Zeitalter Bismarcks: Hindenburg ist ihr reinster Typus. Unsere jüngeren Generalstabsoffiziere besitzen außerordentlich trainierte Gehirne, aber, wie es ihr Größter mit Trauer bemerkte, viel Biegsamkeit, Strebertum und Opportunismus.

Die Front hat andere Herzen und Stirnen hervorgebracht. Dem Grafen von der Goltz, dem Finnlandsbefreier und Baltikumkämpfer, wurde von einer hohen Generalstabstelle im Namen der Regierung nahegelegt, doch die Trupen aus Kurland selbst heimzuführen, es würde ihm auch dafür an Dank nicht fehlen. „Ich habe meine Karriere als Charakter begonnen und gedenke nicht sie als Opportunist zu beschließen“, gab der Graf zur Antwort. Reichtumsanbetung und Opportunismus hatten die Menschen der Oberschicht in Deutschland moralisch unfähig gemacht zur Durchkämpfung eines Weltkrieges. Die Arbeiterklasse besaß wohl gute Gewerkschaftsbeamte und gute Redner, aber keinen Führer mit starkem politischen Instinkt, wie etwa in England Lloyd Georges, der aus dieser Schicht stammt. Das Volk verließ sich auf die Tüchtigkeit der Regierung; immer noch wirkte Bismarcks Autorität nach.

Wäre das System nicht an sich so gut gewesen, nie hätte dieser Krieg überhaupt bestaden werden können. In der Verzögerung der Niederlage errang der gestorbene Preußengeist einen letzten großen Triumph. Symbolisch war es, daß wir mit dem Feldzugplane eines gestorbenen Genius, des toten Grafen Schlieffen, in den Krieg gingen, dessen Flankenangriff durch Belgien, wie es jetzt der rote General Gröner bezeugt, England von Frankreich trennen sollte. Aber die Einstellung dieses Kriegsplanes hatte eine politisch andere Voraussetzung des Krieges im Auge, als unsere Stabsmänner sie sahen. Schlieffen dachte an einen schnellen Krieg im Westen und ohne Frage an eine Verständigung mit Russland im Osten, kannte er als Altpreuße doch die vielerlei dynastischen und persönlichen Bande, die uns mit dem Reiche verknüpften, das uns tatsächlich brauchte. Unter einem Schlieffen hätten wir die Seeschlacht gehabt, die Tirpitz zu beginn forderte, wäre die ganze Kriegsentwicklung fieberhafter und schneller verlaufen, und damit wäre vielleicht schon in einem halben Jahre der Zeitpunkt erreicht worden, an dem die diplomatischen Lenker unserer Geschicke imstande gewesen wären, Entschlüsse für einen Frieden des Erfolges oder eingestandenen Mißerfolges zu fassen.

In Wirklichkeit aber kämpften wir gegen unsere natürliche Rückendeckung, gegen Russland zu blutig und zu lange. Wir versäumten den Friedensschluß mit dem Zaren, weil wir ja einen Sozialistenfeldzug gegen den Despoten führten, weil uns die Befreiung der Polen und Litauer und Juden vom zaristischen Joche wichtiger wurde, als der Schutz unserer eigenen Haut. Brest-Litowsk ist nur der natürliche Endpunkt auf diesem Wege einer zwangsläufig falschen Politik. Wir führten auf das Zureden unserer Sozialisten das bolschewistische Gift nach Russland ein wie etwa Pest- oder Cholerakulturen. Dieser Verletzung politischer Hygiene rächte sich folgerichtig an uns selbst.

Antizaristische Karikatur in 'Der wahre Jacob' (1905)

Antizaristische Karikatur in 'Der wahre Jacob' (1905)

Weil wir den Sozialisten- und Demokratenkreig gegen Russland intensiv führten, kam der Zeitpunkt mit unabwendbarer Notwendigkeit heran, an dem die Monarchie offiziell mit der Demokratie und dem Sozialismus paktieren mußte. Allein der Pakt mit den Führern brachte der neuen Regierung nicht den Zuzug der übermüdeten und mit Schlagworten verseuchten Massen. Die Regierungsfähigkeit der Mehrheitssozialisten erzeugte bei den durch russische Phantasmorgien benebelten Menschen der Unterschicht das Gefühl, von den alten Führern verraten worden zu sein. Hatten die Bolschewisten nicht Russland den Frieden gebracht? Sie hatten es doch selbst erlebt, zum Teil als Ostkämpfer, hatten selbst die Bilder und Broschüren in die russischen Schützengräben gebracht. Nahe lag es, zu sagen, hat das russische Brudervolk sich durch Waffenstreik Frieden und Ende der Blutarbeit erzwungen, warum soll es nicht auch uns möglich sein?

So nur wird uns das Unglaubliche verständlich, daß in Hunderten von Fällen Frontregimenter und Divisionen an Kameraden, die zum Gegenstoße in die Westschlacht gingen, vorüberliefen und ihnen zuschrien: „Streikbrecher!“ Was auch dawider gesagt wird, das Gefüge unseres Heeres wurde durch den revolutionären Geist der Heimat zermürbt. Die Rückschläge des Jahres beruhen zum größten Teile auf der Lockerung des Gefüges. Der Genius des Feldherrn versagt, wenn er fühlt, daß sein Instrument, das Heer, an Schärfe verliert.

Die Massen glauten „an die Weltverbüderung, Die Führer glaubten den Massen“. Ist erst der Waffenstillstand geschlossen, dann gibt es einen erträglichen Frieden im Zeichen der vierzehn Wilsonpunkte. Denn drüben ist auch die Welt kriegsmüde. Zogen doch anno siebzehn an sechzig französisch Bataillone meuternd gegen Paris. Freilich, der harte Clemenceau ließ sie durch schwarze, gelbe und amerikanische Truppen wieder einfangen, dezimieren und die Überbleibenden in den vordersten Frontreihen schanzen. Aber gerade das war der Fehler, daß nur dran gedacht wurde, wie die Massen drüben beschaffen waren. Daß es drüben diktatorische Führer gab und farbige Formationen, die mit Freude jeden weißen Widerstand niederkartäschten, das wurde nicht bedacht. Lettow-Vorbeck mit zehntausend Askaris hätte Berlin und Kiel halten können in dem „glorreichen“ Monat November 1918.

Auf dem Wege unnatürlicher politischer Entwicklung gelangte folgerichtig die Sozialdemokratie zur Macht. Unsere Monarchie vernichtete ihre vom Schicksal bestimmte Rückenanlehnung, die russische Monarchie. Damit verlor sie selbst an Stabilität und brach zusammen.

Die demokratischen und sozialistischen Herrscher des neuen Scheinreiches sehen, daß ihre Hoffnungen auf die Massen und Demokratien im Westen falsch waren. All unsere Mimiky schützt uns nicht vor dem Schicksale, entehrt und ausgesogen zu werden. Bald werden sich die Massen wieder betrogen fühlen, und es wird gegen die jetzigen Herrscher von irgendeiner Seite aus Abrechnung verlangt werden.

Die Auslieferung der Neunhundert droht. Die Deutschen beginnen aufzuhorchen, beginnen sich zu besinnen. Sie erkennen es als ihre Pflicht, für die bedrohten Volksgenossen einzutreten. Werden sie Polizisten, Beamte und Soldaten finden, die diese Männer in die Ententekerker abliefern?

Wir haben angeboten, selbst zu Gericht zu sitzen. Einer Antwort sind wir nicht gewürdigt worden.

Kronprinz Rupprecht von Bayern hat einen Akt staatsrechtlicher und königlicher Klugheit begangen, als er dagegen protestierte, ausgeliefert zu werden, danach aber erklärte, um seiner gefangenen Volksgenossen willen, wolle er sich freiwillig dem Feinde stellen. Die Märtyrerkrone ist dem Kronprinzen gewiß. Der Monarchie sind viele Herzen gewonnen.

Zu diesem Zeiptunkte nun erleben wir in Deutschland den ungeheuerlichen Vorgang, daß ein Tscheche, Karl Kautsky, der amtlich mit der Herausgabe der Akten des Auswärtigen Amtes betraut war, die die Vorgeschichte des Krieges enthalten, neben der amtlichen Publikation eine private macht, in der er als Historiker nachzuweisen versucht, daß die Mittelmächte, daß der Deutsche Kaiser die Schuld am Weltkriege tragen. Durch die Geschäftstüchtigkeit seines Verlegers Paul Cassierer wurde diese Publikation noch vor der Veröffentlichung des amtlichen Materials im Auslande getätigt.

Ein Tscheche also, der erst mit der Revolution die deutsche Staatsbürgerschaft erwarb, stellt als Kronzeuge das deutsche amtliche Material mit Kommentar der Entente zu ihrem Prozess gegen die Neunhundert zur Verfügung. Ein Historiker tritt einen Schuldbeweis an, ohne die Akten der Gegenseite zu kennen. Einseitiger Parteihaß feiert seine Orgien. Wäre die Angelegenheit nicht so traurig in ihren Folgen für die Betroffenen, die der Entente vielleicht geopfert werden müssen, dann wäre Hohn und Verachtung für dieses Machwerk das beste Gegenmittel. Allein der tiefe Sinn dieser Veröffentlichung besteht darin, die Massen gegen den Kaiser und seine Leute rein menschlich einzunehmen. Herrn Kautskys amtliches Material kostet 26 M. Herrn Kauskys Kommentar mit den Randbemerkungen des Kaisers 6 M. Es leuchtet ein, wer den größeren Leserkreis findet.

Karl Kautsky ist ein Fanatiker seiner Idee, war als Historiker ein Mann von Rang, trotz seines Sozialismus ein tschechischer Nationalist nach dem Blute und dem Gefühl, das beweisen seine Schilderungen der Taboriten in der Geschichte des Sozialismus. Für nationales Deutschtum hat er als Tscheche und Sozialfanatiker nichts übrig. Darum war ihm die Veröffentlichung der Schuldakten von seiner Partei übertragen, die sich durch diese Art der Objektivität moralische Einwirkung auf die Führer der Entente versprach.

Später wurden mit der Nachprüfung Graf Montgelas und Professor Schücking betraut. Mit der Herausgabe ward gezögert. Allmählich sahen wohl Männer der neuen regierenden Schicht ein, daß es mit der Politik der Selbstgeißelung doch nicht so einfach ginge, wie erhofft wurde. Aber die Fanatiker der Partei wollten innenpolitische, keine außenpolitischen Wirkungen. Die Herren der frühren Zeit zu diskreditieren, ihre Einwirkungen zunichte zu machen, schienen ihnen des Kampfes und Preises wert. Immer und immer wieder wurde darum die politische Schuldfrage aufgerollt. Aus diesem Grunde wurde ein Untersuchungsausschuß eingesetzt, aus diesem Grunde wurde Lüge auf Lüge gehäuft, aus diesem Grunde wurde versucht, ein militärisches Sündenregister zusammenzustellen, und aus diesem Grunde wurde Kautskys Broschüre geschrieben.

Sie können freier atmen, wenn der Kaiser, Ludendorff, Hindenburg und andere Heerführer und Politiker, wie Helfferich, Bethmann Hollweg, Jagow, in Ententezuchthäusern schmachten. Nur den neuen Herrn soll das urteilslose deutsche Volk Weisheit und Fürsicht zutrauen.

Die neuen Herrrn sollen allein beim urteilslosen deutschen Volke Geltung behalten, und die Erinnerung an das Alte, die Tradition einer großen Vergangenheit, eines Aufstieges durch zwei Jahrhunderte soll unter Schmutz und Schmach begraben werden. Soll ich das nun, um mich der Redeweise des Historikers Kautsky zu bedienen, ein sauberes Plänchen nennen oder „eine Verschwörung zu Weimar“?

Daß dies alles absichtslos aus dem Willen des Herrn Karl Kautsky, aus dem Zwange seiner historischen Geschichtsauffassung heraus geboren sein will, möchte ich mit Fug und Recht bezweifeln. Es wirkt das Wort des Scheidemann mit der unverdorrten Rechten nach, der in Weimar sagte: „Wir werden die Herren schon zu fassen kreigen!“ Ein Pröbchen reiner Demokratie ist es, das wir da in unserem deutschen Fleische erleben: Die Machthaber von vordem werden zu Ehren der heutigen Machtnutznießer an den Feuern der Partei geröstet.

Der Tscheche Kautsky ist der Kohlenträger und Küchenjunge des Koches Scheidemann.

Aber sollen wir Deutsche, die wir die Volksgenossen höher werten als die Partei, eine solche Selbstentehrung unseres Volkes zulassen?

Zeitgenössische Hetzkarikatur gegen Kaiser Wilhelm II.

Zeitgenössische Hetzkarikatur gegen Kaiser Wilhelm II.

Es gilt den menschlichen Kampf zu führen, um Willhelm II. von Hohenzollern aus der Rachsucht der Feinde unseres Volkes zu entreißen. Der Kaiser ist uns ein Symbol der gesamten Neunhundert. Wir kämpfen um ihn, weil er ein Deutscher ist. Und vielleicht müssen es uns die jetzigen Machthaber einst danken, daß wir für diese Idee fechten, denn kommen wird eine Zeit, da wir mit irgendwelchen Ausländern um der heutigen Machthaber Köpfe kämpfen müssen. In der Stunde der Not wollen wir es beweisen, daß uns der Deutsche auch als politischer Feind als Bruder gilt gegen den Feind.

Carl Friedrich Goerdeler (Reichskanzler im Schattenkabinett des dt. Widerstandes)

Carl Friedrich Goerdeler (Reichskanzler im Schattenkabinett des dt. Widerstandes)