KRUSENSTERN: Zar Paul I. wollte 1799 mit dem Zweiten Koalitionskrieg nicht neue Territorien erobern, sondern unter anderem die katholische und die orthodoxe Kirche vereinigen und so die tausendjährige Spaltung der christlichen Welt überwinden. Dies erklärte der renommierte Historiker Oleg Sokolov, Präsident der Russischen Gesellschaft für Militärgeschichte, in einem Referat am Suworow-Abend im Rahmen der Russischen Kulturwoche 2008 in Zürich.

Buch von Prof. Oleg Sokolov zur Napoleonischen Armee

Buch von Prof. Oleg Sokolov zur Napoleonischen Armee

Von Professor Oleg Sokolov

“Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln”, – schrieb der preussische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz. Dies gilt auch für den so genannten Zweiten Koalitionskrieg von 1798 bis 1802, an dem sich das Russische Zarenreich aktiv beteiligte. Die Strategie des russischen Heeres und seines Oberbefehlshabers Alexander Suworow auf den italienischen Kriegsschauplätzen wurde in vielem von politischen Zielen bestimmt, die Russland sich gesetzt hatte. Um Suworows Handlungen richtig begreifen zu können, muss man die politischen Voraussetzungen für den Krieg von 1799 betrachten.

Zu Beginn möchte ich darauf hinweisen, dass ernstzunehmende zeitgenössische Historiker aufgrund neuer Forschungen die bisher übliche Darstellung von Zar Paul I. als einer geistig abnormen Person entschieden zurückweisen.

Der Monarch [von Peter III. als legitimer Nachkomme anerkannt, obwohl er wahrscheinlich der Sohn von Graf Saltykow war, einem Liebhaber seiner Mutter Katharina II.], dessen Leben 1801 ein tragisches Ende nahm, war in der Tat ein impulsiver und auffahrender Mensch, besass aber auch viele Tugenden.

Er genoss eine vortreffliche Ausbildung, beherrschte perfekt mehrere Fremdsprachen, zeichnete sich vor allem jedoch durch bemerkenswerte charakterliche Eigenschaften wie Ehrlichkeit und Geradheit aus. Und er war bestrebt, nicht nur mit dem üblichen Machiavellismus zu herrschen, sondern auch mit Gerechtigkeit und Ritterlichkeit. Sogar in der Aussenpolitik verabscheute er die üblichen diplomatischen Griffe und Kniffe: “Wahrheitstreue, Uneigennützigkeit und Kraft können selbst laut und direkt sprechen” – erklärte der Zar in einer Weisung an einen seiner Botschafter.

Zar Paul I. will die ständigen Kriegshändel beenden

Deshalb wollte der neue Zar nach seinem Machtantritt 1796 der Aussenpolitik Russlands eine entschlossene Wendung geben. Er erklärte der Koalition, dass sich Russland an einem Krieg gegen Frankreich nicht beteiligen werde.

In seiner Note an die Regierungen der europäischen Staaten fasste sein Kanzler Graf Ostermann-Tolstoi die Beweggründe dieser Entscheidung zusammen: “Seit 1756 führt Russland immerfort Krieg und bleibt daher der einzige Staat in der Welt, der sich im Laufe von 40 Jahren in der unglücklichen Lage befindet seine Bevölkerung aufzuzehren. Das menschenliebende Herz Zar Pauls konnte seinen lieben Untertanen die Erholung nach langen Entbehrungen nicht verweigern…”.

Auf Befehl des Zaren wurde das neue Rekrutierungssystem abgeschafft, ein sich in der Nordsee befindliches Geschwader wurde zurückbeordert, ebenso die Truppen, die im Transkaukasien gegen Persien eingesetzt waren, zudem wurden alle Vorbereitungen auf den Feldzug gegen Frankreich annulliert. Im Sommer 1797 wurde sogar Graf Panin nach Berlin geschickt, um über die Möglichkeiten der Unterzeichnung eines Friedensvertrages mit dem französischen Gesandten Caillard zu verhandeln.

Napoleons Italien-Feldzug löst eine brutale Annexionspolitik aus

Die aussenpolitische Situation veränderte sich jedoch dramatisch. Einerseits stieg der erfolgreiche Italien-Feldzug von Napoléon Bonaparte 1796-1797 der französischen Regierung so zu Kopf, dass sie eine brutale Annexionspolitik begann. Andererseits lösten die Siege der republikanischen Truppen Unruhen aus – das Volk rebellierte gegen das nicht mehr zeitgemässen Regime – gegen die weltliche Macht des Papstes, gegen die genuesischen Oligarchen und gegen die mit Lastern behaftete neapolitanische Monarchie. Auch in der Schweiz begann ein Volksaufstand gegen das oligarchische System.

Als Ergebnis zogen Anfang 1798 die französischen Truppen unter Befehl der Generale Brune und Schauenburg in die Schweiz ein. Im April desselben Jahres wurde die so genannte Helvetische Republik ausgerufen, die aber von Frankreich abhängig war.
Zur gleichen Zeit gaben die Ereignisse in Rom, wo während der Unruhen der französische Gesandte General Duphot ermordet wurde, Anlass für den Einmarsch der Franzosen in den Kirchenstaat. Im Februar 1798 besetzten die vom General Berthier befehligten Truppen Rom und auf dem Forum Romanum verkündeten italienische Jakobiner die Gründung der Römischen Republik. Ende des Jahres 1798 zogen die Franzosen in Neapel ein und im Januar 1799 wurde dort die so genannte Parthenopäische Republik ausgerufen.

Napoléons Ägyptische Expedition entmachtet “nebenbei” den Malteser-Orden

Aber die Ereignisse beschränkten sich nicht auf Italien. Die französische Regierung (das Direktorium) akzeptierte die Idee von Talleyrand und schickte das Heer unter dem Befehl von Napoléon Bonaparte zur Eroberung von Ägypten.
Am 19. Mai 1798 verliess die französische Armada Toulon. Mit den sich später anschliessenden Geleitschiffen zählte sie insgesamt 43 Kriegsschiffe (davon 13 Schlachtschiffe) und rund 300 Transportschiffe. An Bord des Geschwaders waren 35.000 Soldaten und Offiziere sowie 167 bedeutende Wissenschaftler und Künstler, da Bonaparte diese Ägyptische Expedition auch als eine Forschungsreise gedacht hatte.

Am 9. Juni näherte sich die französische Flotte der Insel Malta. Vor der Hafeneinfahrt von Valletta reihte sich Mast an Mast über mehrere Meilen. Napoléon Bonaparte forderte von den Malteser-Rittern die Kapitulation, worauf die Leitung des alten Ordens die Stadt und die alte Festung ohne den geringsten Widerstand übergab. So erfüllte sich das, wovon der junge General schon im Jahre 1797 sprach – Franzosen eroberten den wichtigsten Stützpunkt am Mittelmeer und kamen dabei den Engländern zuvor.
Am 1. Juli zeigten sich am Horizont die Ufer des geheimnisvollen und anlockenden Ägyptens. Trotz des Sturmes und der Gefahr, dass die englische Flotte auftauchen könnte, erteilte der junge Oberkommandierende entschlossen den Befehl zur Ausschiffung. Ein erstaunliches Abenteuer begann…

Die Ritterlichkeit des Malteser-Ordens beeinflusst Zar Paul I.

Unter dem Einfluss der Veränderungen in Europa veränderte sich das Verhalten von Paul I. gegenüber Frankreich, wobei die Vertreibung des Malteser-Ordens von seiner Insel den Zaren besonders stark beeinflusste, der sich schon als Jugendlicher für diesen Ritterorden begeistert hatte. Die Malteser-Ritter des ausgehenden 18. Jahrhunderts gehörten nicht nur dem “ältesten”, sondern in einem gewissen Grade dem einzigen “echten” Orden an, der gegen Ungläubige kämpfte.

Das Interesse an der Geschichte des Malteser-Ordens erweckte die Begeisterung von Zar Paul I. für die Ideen der Ritterlichkeit. Im Licht dieser Ideale lassen sich viele Entscheidungen des Zaren erklären, insbesondere dessen Aussenpolitik.

Zum Beweis seiner Dankbarkeit für die Unterstützung des Ordens überreichte Graf Litta dem Zaren das Gesuch, in dem er im Namen des Grossmeisters um die kaiserliche Obhut bat. Am 18. November 1779 nahm Paul I. feierlich den Titel des Patrons des Malteserordens an. So kam der katholische Ritterorden nach Russland und die Symbole der Kreuzritter wurden auch an den Newa-Ufern bekannt.

Zar Paul I. (1754-1801)

Zar Paul I. (1754-1801)

Zar Paul I. will die katholische und die orthodoxe Kirche vereinigen

Klar ist, dass all das nur möglich war aufgrund einer sehr offenen Sichtweise der Religion. Viele Forscher sind sich darüber einig, dass Paul I. bestrebt war, die katholische und die orthodoxe Kirche zu vereinigen und die tausendjährige Spaltung der christlichen Welt zu überwinden. In diesem Zusammenhang gewann der Malteserorden eine sehr grosse Bedeutung.
Deshalb nahm Paul I. alles, was mit dem Orden in Verbindung stand, sehr ernst. Der Malteserorden war für ihn sein Wunschtraum von der erneuerten und veredelten monarchistischen Idee. Als Erster hat das der hervorragende Forscher N.J. Eidelman der Regierung Pauls I. betont:

Die Idee der Ritterlichkeit – hauptsächlich der westlichen mittelalterlichen Ritterlichkeit (und daher der Anspruch nicht nur auf den russischen, sondern auch auf den ökumenischen Klang des “neuen Wortes”), Ritterlichkeit mit ihrem historischen Ruf des Edelsinns, uneigennützigen Dienstes, Muts… Ritterlichkeit gegen Jakobinertum (und gegen die Lügen der Katharinen-Epoche!), das heisst veredelte Ungleichheit gegen “böse Gleichheit”.

So wurde die kleine Felseninsel im Mittelmeer, wo die gewaltige Festung der Hospitaliter emporragte und die rote Fahne mit dem weissen Malteserkreuz im Winde flatterte, für den russischen Kaiser zu mehr als nur einem verlorenen Stück Land mitten im Meer – für ihn war es die Verwirklichung der ritterlichen Idee.

Wappen der Malteserritter

Wappen der Malteserritter

Zar Paul I. wird Grossmeister des Malteserordens

Man kann sich leicht vorstellen, welche Bedeutung für die Ereignisse auf der entfernten Insel für Russland hatten, als General Napoléon Bonaparte so nebenbei, auf dem Wege nach Ägypten die Festung der Johanniter eroberte und zugleich den Orden auflöste!

Die Nachricht kam in Sankt Petersburg im Juli 1789 an. Schon im August erliess Paul I. in Gatschina ein Manifest, wo er das Gelübde ablegte, die Institutionen des Ordens “sowie seine Privilegien heilig zu verwahren, und alles daranzusetzen, den Orden auf die ihm gebührende hohe Stufe zu bringen, die er einst einnahm”.

Als Patron des Ordens liess Paul I. die vertriebenen Ritter nach Russland kommen. Sie verurteilten den Grossmeister Ferdinand von Hompesch, der die Insel und die Festung ohne Gegenwehr an Franzosen übergab, und am 9. November 1798 ernannte das Kapitel aus 249 Rittern den russischen Zar Paul I. zum 70. Grossmeister des Malteserordens.

Es versteht sich von selbst, dass Paul I. seine Wahl zum Grossmeister mit Begeisterung aufnahm. Von nun an wurden die Zeichen des Malteserordens fast die höchsten Auszeichnungen des russischen Kaiserreichs, und sogar auf dem russischen Staatswappen, auf der Brust des Doppeladlers zeigte sich das Malteserkreuz.

Fjodor Uschakow

Fjodor Uschakow

Russland, die Türkei, Neapel, England und Österreich gegen Frankreich

Sobald die Eroberung Maltas bekannt wurde, traf man auch andere ernste politische Entscheidungen. Unverzüglich sandte Paul I. das Geschwader des Admirals Fjodor Uschakow nach Konstantinopel. Die russische Marine, die sich unweit des Bosporus befand, erhielt den Auftrag, ein Schiff mit der Botschaft vorauszuschicken, dass Russland bereit wäre, dem Osmanischem Reich notfalls Hilfe gegen die Franzosen zu erweisen.

Um diese Zeit wusste der Sultan bereits von der Landung Napoléon Bonapartes in Ägypten. Die unerwartete Mitteilung über den russischen Beistand zeigte unmittelbare Wirkung. Alle Bedenken Selims III. wegen der Reaktion auf die französische Invasion waren sofort zerstreut. Aus dem Reskript des Sultans erfuhren die Rechtgläubigen die Kriegserklärung gegen Frankreich und der französische Gesandte wurde, wie es der Brauch des Osmanischen Reiches verlangte, ins Gefängnis der Sieben Türme gebracht.

Die russische Flotte bekam sofort freien Zutritt zur Meerenge, und im Oktober wurde eine Konvention unterzeichnet, in der sich die Türkei zu beträchtlichen Unterhaltungskosten des russischen Geschwaders verpflichtete. Am 3. Januar 1799 (23. Dezember 1798 nach dem alten Kalender) wurde schliesslich ein Bündnisvertrag zwischen Russland und der Türkei unterschrieben.

Beinahe um dieselbe Zeit wurde ein Bündnisvertrag mit dem Königreich Neapel unterzeichnet, das seinerseits einen Vertrag mit Engländern geschlossen hatte. Ein Vertrag zwischen Russland und England folgte am 28. Dezember 1798. Die Engländer sollten Russland finanziell bei der Kriegführung unterstützen. Das russische Kaiserreich sollte ein Heer für Kriegshandlungen in Norditalien und für den Einfall in Holland aufbringen. Auf Malta sollte nach ihrer Eroberung von den Verbündeten zeitweilig die russisch-englisch-neapolitanische Besatzung stationiert werden, bis die Malteser-Ritter zur Verteidigung der Insel kommen konnten.

Am längsten zögerte die österreichische Regierung, zumal die österreichischen Bevollmächtigten zu dieser Zeit immer noch in Rastatt mit Franzosen und Reichsfürsten über die endgültige Friedensregelung der deutschen Fragen verhandelten. Übrigens waren es die Franzosen, welche die Bedenken der Österreicher zerstreuten. Als bekannt wurde, dass sich gegen Frankreich eine neue Koalition gebildet hatte, dass die russischen Truppen Richtung Deutschland rückten und dass früher oder später Österreich sich dieser Koalition anschliessen sollte, gab das französische Direktorium den Angriffsbefehl. Am 1. März 1799 überwand die so genannte Donauarmee den Rhein bei Kehl und rückte in vier Kolonnen den Österreichern entgegen. Der Krieg brach aus und weitete sich bald auf ganz Europa aus.

Zar Paul I. löst eine Kettenraktion quer durch Europa aus

Es ist interessant, dass der Hauptauslöser für diese Kettenreaktion die Entscheidung des russichen Zaren war. Es ist fraglich, wie sich das Ottomanische Reich sowie Österreich ohne dessen entschlossene, eindeutige und unabhängige Handlungen verhalten hätten.

Selbstverständlich gab es mehrere Gründe zu einer solchen Wende in der russischen Politik: eine rapide Erweiterung der französischen Einflusssphären in Deutschland und Italien, die Möglichkeit des Auftauchens der Franzosen im Balkan, Befürchtungen wegen der Versuche der Wiederherstellung in Polen, aktive Tätigkeit englischer Diplomaten und französischer Emigranten am russischen Hofe und andere mehr.

Aber die Bedeutung der Malteser Episode kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Gerade die Eroberung von Malta bekräftigte Pauls Entschluss, den Krieg mit der französischen Republik zu beginnen. Es ist bemerkenswert, dass den Zaren weniger die Ergreifung eines wichtigen strategischen Punktes im Mittelmeer durch die Franzosen beunruhigte, als die Zerschlagung des alten Ritterordens. Ein berühmter amerikanischer Forscher bemerkte:

Die Briten unterschätzten den ideologischen Faktor und glaubten, dass Paul I. den Titel (des Grossmeisters) annahm, um die Anwesenheit der russischen Truppen im Mittelmeer zu sichern, indem er einen wichtigen strategischen Stützpunkt gewann… Auch Bonaparte hat die Bedeutung Maltas für Paul I. unterschätzt. Der Zar setzte sich in erster Linie nicht für die Insel, sondern für den Orden ein, den Bonaparte wenig zu schätzen wusste.

Einer der wichtigsten Punkte im Vertrag mit den Engländern war die Verpflichtung der Koalitionsstaaten, nicht die Macht über die den Franzosen entrissenen Insel Malta zu behalten. Vielmehr war das gemeinsame Ziel des Bündnisses auf folgende Weise formuliert:

Durch wirksame Massnahmen dem Erfolg der französischen Waffen sowie der Verbreitung des Anarchismus ein Ende machen; Frankreich in die bisherigen Grenzen zwingen und dadurch dauerhaften Frieden und politisches Gleichgewicht wiederherstellen.

Es ist darauf hinzuweisen, dass dabei keine Rede von der Restauration der Monarchie in Frankreich war, wobei eine solche Restauration positiv betrachtet wurde. Das Hauptziel des Bündnisses war ein Kreuzzug im Namen der Gerechtigkeit, die Wiederherstellung der bisherigen Grenzen und der legitimen Macht.

Dieses Mal herrschte an den Fronten ein für die Franzosen ungünstiges Kräfteverhältnis. In Frankreich liess die revolutionäre Begeisterung nach. Napoléon Bonaparte erkannte das genau:

“Der Krieg, der bis vor kurzum noch ein Krieg der ganzen Nation und des Volkes war…, wurde zu einem Krieg eines gleichgültigen Volkes, einem Krieg der Regierungen”.

Aber die französische Regierung – das Direktorium – war in dem Masse korrupt, dass sie kein Beispiel für Selbstaufopferung sein konnte, sondern sich in Raffgier und schlimmen Machenschaften erging. Die Wirtschaft des Landes und die Versorgung der Armee lagen am Boden. Im Land herrschte Chaos, Banditen beherrschten die Verkehrswege. Eine solche Regierung “konnte tyrannisieren, aber nicht verwalten”.

Frankreich alleine im Kampf gegen halb Europa und Russland

Aber abgesehen von der Unfähigkeit und der Korruption der Regierung, verfügte Frankreich über genug Menschen und Material und die Koalition hätte kaum mit einem glatten Sieg rechnen können, wenn Napoléon Bonaparte mit seinen 35.000 Mann Elitetruppen und seinen hervorragenden Generälen nicht völlig isoliert auf dem europäischen Kriegsschauplatz gewesen wäre. Der Mangel an diesen Elitekräften gab den Verbündeten einen beträchtlichen Vorteil.

Im Frühling 1799 konnten sie gegen die Republik mehr als 330.000 Mann vorrücken lassen. Gewiss waren diese Truppen über die breite Front von Holland bis Norditalien hin verstreut, aber an manchen Frontabschnitten war die zahlenmässige Überlegenheit eineinhalb, manchmal sogar doppelt so hoch.

Noch vor Beginn der Kriegshandlungen zu Lande hatte die russische Flotte zusammen mit der türkischen eine erfolgreiche Operation ausgeführt. Das russische Geschwader unter dem Kommando von Admiral Uschakow eroberte die Ionischen Inseln und belagerte die Festung auf der Insel Korfu, wo eine französische Garnison stationiert war.

Am 2. März 1799, nach der hartnäckigen Verteidigung der Festung, ergab sich der Kommandant, General Chabot. 2.930 französische Soldaten und Offiziere gerieten in Gefangenschaft. Die russische Flotte verdrängte die Franzosen von den Ionischen Inseln und gewann dadurch einen Stützpunkt für weitere Operationen im Mittelmeer.

Die erste Niederlage von Napoléon Bonaparte auf dem Schlachtfeld

Wie bereits erwähnt, überwand am 1. März die Armee Jourdans den Rhein und drang tief nach Deutschland hinein. Einige Tage später ging General Masséna mit seinen Truppen zum Angriff in der Schweiz über. Anfangs war die Offensive Massénas erfolgreich und er schlug einige österreichische Trupps, aber am 23. März wurde er bei Feldkirch zum Halten gebracht und musste sich nach missratenen Kampfhandlungen zurückziehen.

Ebenso scheiterte Jourdans Angriff. Erzherzog Karl sammelte seine Kräfte, errang einen Sieg über die Franzosen in der Schlacht bei Stockach und ist dadurch in die Geschichte eingegangen, dass er Napoléon Bonaparte die erste Niederlage auf dem Schlachtfeld zufügte. Einige Tage später waren die Franzosen gezwungen, den Rückzug über den Rhein anzutreten.
In Norditalien begannen die Franzosen als Erste den Vormarsch, in der Hoffnung die Österreicher vor Eintreffen der russischen Truppen zu schlagen. Viel später als die französischen Truppen in der Schweiz und in Deutschland ging General Schérer, Oberbefehlshaber der französischen Armee in Norditalien, zum Angriff gegen die österreichischen Truppen unter General Krey über. Aber auch hier misslang der französische Angriff. Einige Tage später, am 5. April, in der Schlacht bei Magnano, brachten die Österreicher General Schérer eine Niederlage bei und zwangen ihn zum Rückzug über den Fluss Аdda, wobei er dem Gegner viel Territorium abtreten musste.

General Alexander Suworow

General Alexander Suworow

Suworow ist unbeugsam, willensstark und mit Drang nach dem Sieg

Die Franzosen befanden sich also noch vor der Ankunft der russischen Truppen auf dem Kriegsschauplatz in Norditalien und der Schweiz nicht in der besten Lage. Mit dem Anmarsch der russischen Truppen und der Ankunft von Alexander Suworow hatten die Verbündeten den entscheidenden Vorteil an Truppen.

Es ging übrigens nicht nicht nur um zahlenmässige Überlegenheit. Von nun an stand an der Spitze der Koalitionstruppen ein Mann, der unbeugsam war, willensstark, voll von Lebenskraft und mit Drang nach dem Sieg. Pedanterie und Vorsicht wurden von Ungestüm und Verwegenheit abgelöst. Die erste Anweisung Suworows an seinen österreichischen Untergeordneten sagt alles:

“Angreifen!!! Blanke Waffe! – Bajonette, Säbel! Erdrücken und ergreifen, keine Sekunde verlieren, alles besiegen, sogar die undenkbaren Hindernisse bewältigen, dem Feind auf den Fersen sein, alles ausrotten, bis auf den letzten Menschen. Kosaken haschen Fliehende und ihr Gepäck; vorwärts, ohne Ruhe und Rast, den Sieg ausnutzen […]

Angreifen, alles vernichten, was im Wege steht, ohne abzuwarten […]

Soldaten auf jede Weise aufheitern, Spass muss sein! Nur keine Signale, keine Trompeten und Trommeln. Halblaut sprechen! Keine Streifen, keine Erkundungen, die die Vorhaben an den Tag bringen. Standhaftigkeit, Weitblick, gutes Augenmass, Zeit, Tapferkeit, Drang, weniger Einzelheiten.

Kolonnen von Infanterie stossen schnell mit dem Seitengewehr, wenn nötig auch zusammen mit der Kavallerie, gegen feindliche Vorposten vor; Kolonnenspitzen warten nicht auf die Entwicklung nach links oder nach rechts zu Linien oder zu mittleren Kolonnen; Kavallerie muss Vorposten besiegen und vertreiben und Geschütze in Besitz nehmen; […] Dann kehrt sie […] zurück: der Feind ist bereits nah, die Linie bildet sich in einem Augenblick, ohne Pedanterie, im Geschwindmarsch; wenn die Linie zerrissen ist – es ist nicht so schlimm, man braucht keine Schützen, vorwärts in geschwindem Marsch!“

Suworow übernahm den Oberbefehl über die Koalitionstruppen am 15. April 1799 in Valeggio und veranlasste sofort die Offensive. Die Österreicher und die Russen rückten unter seinem Befehl im Eilmarsch vor und versetzten am 26. bis 27. April in der Schlacht am Fluss Adda den Truppen Schérers einen vernichtenden Schlag. Am 29. April zog Suworow in Mailand ein und schon am 25. Mai waren seine Truppen in der Hauptstadt des Piemont, in Turin.

Die französische Armee unter General MacDonald war gezwungen, ihre Errungenschaften im Süden Italiens aufzugeben und den Truppen in Norditalien zur Hilfe zu eilen. Suworow jedoch griff schlagartig die Einheiten MacDonalds an und fügte den Franzosen in der dreitägigen Schlacht an der Trebbia vom 17. bis 19. Juni 1799 trotz all ihres Mutes und dem sachkundigen Kommando der jungen talentierten Generale eine Niederlage bei. General Moreau, der nach der Niederlage Schérers den Oberbefehl über die französischen Truppen in Norditalien übernahm, konnte seinem Waffenbruder nicht zur rechten Zeit zu Hilfe kommen, so dass sich die Reste der französischen Truppen nach Genua zurückziehen mussten.

Die Karriere von General Joubert endet mit den ersten Schüssen

Im Süden Italiens konnten die Koalitionstruppen nach dem Abzug der Truppen MacDonalds leicht die Kontrolle über den südlichen Teil der Apenninhalbinsel unter ihre Kontrolle bringen und mit Unterstützung von Royalisten Neapel erobern, wobei mit französischen Soldaten sowie mit neapolitanischen Republikanern grausam abgerechnet wurde.

Bald darauf rückten die Koalitionstruppen auch in Rom ein. Den Franzosen blieb nur ein Stückchen Land an der Meeresküste bei Genua übrig. Hier kamen die Reste der republikanischen Truppen zusammen. Hierher sandte das Direktorium auch einen neuen Befehlshaber, den jungen, begabten und tapferen General Joubert. Er hatte sich im Italienfeldzug Napoleons ausgezeichnet und galt als einer seiner besten Assistenten. Vor seiner Abreise nach Italien heiratete er eine schöne Frau und versprach ihr, aus dem Feldzug siegreich zurückzukehren.

Kaum bei der Armee angelangt und leidenschaftlich strebend, Bonaparte in seinen Heldentaten zu übertreffen, konzentrierte er seine Truppen und liess sie vorrücken. Joubert war es gelungen, rund 35.000 Soldaten unter die Fahne zu rufen. Obwohl ihm 52.000 Russen und Österreichen gegenüber standen, zögerte der junge Feldherr nicht und begann am 15. August 1799 bei Novi das verhängnisvolle Gefecht an. Sobald die ersten Schüsse fielen, fand er sich in den ersten Reihen der Kämpfenden und fiel durch eine feindliche Kugel, die ihn ins Herz traf. Den Oberbefehl übernahm daraufhin wieder Moreau.

Suworow führt Krieg gegen die Ideen der Französischen Revolution

Trotz des Todes ihres Heerführers und der zahlenmässigen Überlegenheit des Gegners kämpften die Franzosen mit grossem Mut. Der Gegner aber war nicht weniger hartnäckig. Im Endeffekt spielte in dieser Schlacht die zahlenmässige Überlegenheit der Verbündeten die entscheidende Rolle. Die französische Armee wurde aufgerieben und musste sich Richtung Genueser Riviera zurückziehen.

Während sich Erzherzog Karl trotz der bedeutenden Überzahl seiner Truppen seine ersten Erfolge am Rhein nicht zunutze machen konnte, waren in Italien im Laufe von nur fünf Monaten alle französischen Armeen vernichtet worden und die Koalition herrschte von nun an auf der ganzen Halbinsel.

Man muss sagen, dass die Erfolge der russisch-österreichischen Truppen unter Suworows Befehl in vielem durch politische Faktoren bedingt waren. Suworow führte den Krieg nicht wegen des Gewinns; er teilte die Ansichten von Zar Paul I. und auch für ihn war vor allem der ideologische Aspekt wichtig. Eine wichtige Aufgabe sah er in der Wiederherstellung entweihter Throne und Altare, sowie im Kampf gegen den Einfluss der Ideen der Französischen Revolution.

Das war nur unter der Bedingung möglich, dass die Verbündeten einen uneigennützigen Krieg führen und kein Blutbad wie die Royalisten in Neapel anrichten würden. Suworow achtete auf strenge Disziplin in seinen Truppen und war bestrebt, die Bevölkerung der italienischen Staaten auf seine Seite zu bringen. Nicht durch Terrormethoden, sondern im Gegenteil durch Rücksicht auf die Rechte und Bräuche der Einheimischen. Beim Einzug in Mailand am 29. April 1799, zu Ostern, kam der russische Feldherr zum Erzbischof, küsste die Hand des Geistlichen und sagte: “Ich wurde gesandt, um den alten Heiligen Stuhl wiederherzustellen und das Volk zum Gehorsam seinem Herrscher gegenüber zu bringen. Helfen Sie mir, diese heilige Pflicht zu erfüllen.” Und er schrieb Suworow in einem Aufruf an das italienische Volk:

“Bewaffnet euch, Völker Italiens! Eilt zu den Fahnen, die zur Schlacht für Gott und Glauben getragen werden. – Haben euch die französischen Herrscher mit unmässigen Steuern belastet? Verarmt ihr nicht durch grausame Kriegsschatzungen?

Elend und Not stürzen unter dem Namen Freiheit und Brüderlichkeit herein. Sie versetzen eure Familien in klägliche Armut, entführen eure Söhne […] Seht auf die Helden, die um eurer Errettung willen vom Norden gekommen sind. Diese tapferen Kämpfer trachten nach der Befreiung Italiens […]

Gesetze, Glauben und Frieden, die ihr vergebens unter dem dreijährigen Sklavenjoch begehrtet, werden ins Leben zurückgerufen. Die künftige Macht erstattet auch Priestern ihre heilige Würde und ihren Besitz zurück”.

Merkwürdigerweise führte dieses Herangehen an die politischen Fragen in Italien zu Meinungsverschiedenheiten im Lager der Verbündeten. Es ist allgemein bekannt, das jede Koalitionsarmee sehr schwierig zu leiten ist. Jede Koalitionsmacht hat eigene Interessen und verfolgt eigene Ziele.

Es gibt genug Anlass für Meinungsverschiedenheiten, die in heftigen Streits gelöst (oder auch nicht gelöst) werden. Abgesehen davon, dass der russische Feldherr und die österreichischen Generäle charakterlich nicht zusammenpassten und dass es viele Unterschiede in der Ausbildung der russischen und der österreichischen Armee gab, können wir vermuten, dass es nicht ohne Differenzen abgegangen ist. Und so war es auch.

Karl Emanuel II.

Karl Emanuel II.

Suworow will Karl Emanuel II. aus dem Exil zurück holen

Sobald die russisch-österreichischen Truppen unter Suworow wichtige Siege errangen und die Franzosen fast von ganz Italien verdrängten, stellte sich die Frage, wie es weitergehen sollte und auf welche Weise man den Kriegserfolg im politischen Bereich ausnutzen konnte.

Für den russischen Zaren und seinen Heerführer gab es keine Bedenken – der Krieg wurde mit dem Zweck der Wiederherstellung entweihter Throne und Altare geführt. Was es also als Erstes zu tun galt, war die Wiederherstellung der alten von den Franzosen gestürzten Machtzentren. All das betraf in erster Linie das Piemont (Königreich Sardinien), wo der sardische König Karl Emanuel II. das Opfer der französischen Republikaner geworden war. Er musste abdanken und zog sich auf die Insel Sardinien zurück, fern von seinen italienischen Besitzungen.

Gemäss den Anweisungen wandte sich Suworow sofort nach der Einnahme des Piemont an den entthronten König, wobei er ihn in seine Besitzungen zurückkehren liess und die Wiederherstellung der bisherigen Ordnung und der königlichen piemontesischen Armee anordnete. Auch Zar Paul I. selbst richtete an Karl Emanuel II. einen sehr liebenswürdigen Brief.

Die Österreicher lassen Karl Emanuel II. nicht ins Piemont zurück

Aber von Seiten der Österreicher stiessen der Zar und der Feldherr unerwartet auf offene Feindseligkeit gegenüber ihren Plänen. Die Österreicher, die vier Fünftel der Koalitionsarmee bildeten, wirtschafteten im Piemont wie in einem eroberten feindlichen Staat. Graf Concini, vom Österreichischen Kommando zum Reichskommissar ernannt, verfügte über alle Einkommen des Landes.
Das Piemont wurde von den hohen Schatzungen fast erdrückt, so dass die Einwohner bald ihre Begeisterung anlässlich ihrer “Befreiung” verloren. Alle Einkommen sollten ausschliesslich den Bedarf der österreichischen Armee decken, und österreichische Burgen sollten sogar mit Kanonen aus piemontesischen Waffenlagern ausgerüstet werden.

Die Österreicher forderten die Ausweisung des Beauftragten des sardischen Königs, Graf Saint-André, aus dem Piemont, weil dieser sich um die Wiederherstellung der bisherigen Macht bemühte. Was den König anging, so hat man ihn ins Piemont einfach nicht hereingelassen. Trotz der vielen Briefe von Suworow und selbst von Zar Paul I. blieb die österreichische Regierung unerschütterlich: Karl Emanuel II. hat im Piemont nichts mehr verloren!

“Möge der König das Piemont ganz vergessen”, verkündete nach dem Abtritt der russischen Truppen aus Norditalien der Stabschef der österreichischen Armee, General Zach. “Dieses Land ist von Österreichern erobert worden, somit hat der österreichische Oberkommandierende allein das Recht, im Piemont Anordnungen zu geben, genauso wie er es machen würde, wenn er die Provence oder ein anderes Gebiet Frankreichs eroberte…”.

Zar Paul I. lässt seinen Emotionen gegen die Österreicher freien Lauf

Es wurde also immer unklarer, wozu die Russen in fernen Ländern Krieg führen sollten. Dieser Krieg hatte für Zar Paul I. und Russland nur dann Sinn, wenn es ein ideologischer, auf die Festigung der konservativen monarchistischen Grundsätzen orientierter Krieg wäre, dessen Ziel nicht die Aneignung neuer Territorien war, sondern die Restauration der bisherigen Zustände. Noch dazu, wo der russische Zar nicht beabsichtigte, ungeheure Geldmittel auszugeben und die Leben seiner Untertanen zu opfern, um Territorien für fremde Mächte zu erkämpfen.

Zar Paul I. liess seinen Emotionen schliesslich freien Lauf, als er keine klare Antwort auf seine unzweideutigen Forderungen erhielt. Zunächst drückte er seine Empörung dem russischen Botschafter in Wien aus, dem Grafen Rasumowski. Dieser fühlte sich in Österreich so sehr heimisch, dass er alle möglichen Interessen wahrnahm, österreichische, englische – nur nicht die russischen Interessen. Weshalb Zar Paul I. klar und deutlich schrieb:

“In Anbetracht des Benehmens des Wiener Hofes in der letzen Zeit, des veränderten Tones nach den Siegen des Feldmarschalls Suworow, endloser und die Kriegshandlungen hemmender Intrigen, und schliesslich in Anbetracht unverhüllten Strebens nach Eroberungen und Erwerbungen, muss ich staunen über die Verblendung dieser Macht, die schon einmal am Rande des Untergangs stand und anscheinend wieder den Untergang sucht […]

Weshalb muss man sich der Gründung der sardischen Armee widersetzen? Oder will Österreich alleine gegen den Feind kämpfen, der ihm Mailand und die Niederlande weggenommen hat, der Italien sowie den Grossteil von Deutschland erschüttert und verwüstet hat, der beinahe zu den Toren Wiens vorgerückt wäre? […]

Ich sehe vieles und schweige. Ich schloss einen Bund mit den Staaten, die mich gegen unseren gemensamen Feind zu Hilfe gerufen haben; vom Ehrgefühl geleitet, eilte ich zur Verteidigung der Menschheit; Tausende und Abertausende habe ich dem Allgemeinwohl zum Opfer gebracht; einmal gewagt, die jetzige Regierung Frankreichs zu stürzen, bin ich weit davon entfernt, eine andere Regierung an diese Stelle rücken zu lassen, damit sie ihrerseits den benachbarten Landesherren Entsetzen einflösste und sich ihre Besitztümer aneignete.”

Die Beziehungen zwischen Suworow und den österreichischen Feldherren waren so gespannt und die Anwesenheit der russischen Truppen in Norditalien widersprach den Plänen der Österreicher so sehr, dass diese bereit waren, alles daran zu setzen, um die Russen aus Italien wegzubekommen. So entstand der Plan, alle russischen Truppen in der Schweiz zu konzentrieren und und in der Folge Frankreich anzugreifen.

Suworow bleibt nur die Hoffnung auf die Tapferkeit und Opfermut seiner Truppen

Die Österreicher gruppierten ihre Truppen so, dass das russische Korps Rimski-Korsakows alleine der französischen Armee des tapferen Generals Masséna widerstehen musste. Am 25. bis 26. September schlug der französische Feldherr die Truppen Rimski-Korsakows in der Schlacht bei Zürich. Zu diesem Zeitpunkt war die Armee Suworows noch fern, auf dem schweren Marsch durch die Schweiz. In dieser Situation war es unmöglich, den Marsch fortzusetzen. Am 29. September berief Suworow einen Kriegsrat ein.

“Korsakow ist geschlagen und hinter den Rhein fortgejagt. Gotze vermisst und sein Korps ist zerstreut! Jelacic und Linken sind weg! Unser Plan ist gescheitert. Wir sind nun mitten in den Bergen, vom Feind umringt, der uns zahlenmässig überlegen ist. Was werden wir unternehmen?

Zurückkehren ist schändlich; noch nie bin ich zurückgewichen. Nach Schwyz gehen ist unmöglich: Masséna hat über 60.000 Mann, wir aber haben keine 20.000. Dabei sind wir ohne Proviant, ohne Patronen, ohne Artillerie […] Keine Hilfe ist zu erwarten […] Wir sind am Rande des Abgrundes […] Uns bleibt nur die Hoffnung […] auf die Tapferkeit und Opfermut meiner Truppen! Wir sind doch Russen […]“

Das, was sich weiter ereignete, wurde mit Begeisterung und Ehrfurcht in Hunderten von kriegshistorischen Büchern beschrieben. Und mit Recht! Von allen Seiten verfolgt, führten die Truppen Suworows erbitterte Nachhutgefechte, überwanden alle undenkbaren Hindernisse und verbanden sich Anfang Oktober mit dem Rest von Rimski-Korsakows Korps und den österreichischen Truppen.

Aber das war ein schwacher Trost und änderte nichts an den strategischen Ergebnissen dieses Feldzugs. Die Verbündeten verloren einen bedeutenden Teil der Schweiz, das Korps von Rimski-Korsakow war geschlagen, von Suworows 21.284 Mann blieben nur [je nach Quellenangaben] 10.000 bis 15.000 hungrige und heruntergekommene Soldaten ohne Kanonen und Nachschubkolonnen übrig.

Österreicher und Engländer versetzen Zar Paul I. in Wut

Zur See gestaltete sich das Verhältnis unter den Verbündeten nicht viel besser. Admiral Uschakow und Admiral Nelson kamen nicht gut miteinander aus. Selbstbewusstsein und Hochmut, die der englische Admiral seinem russischen Bundesgenossen entgegenbrachte, riefen bei Uschakow eine heftige Reaktion hervor.

In seinen Briefen schrieb Nelson, dass Uschakows Arroganz unerträglich sei und meinte, hinter seiner höflichen äusseren Erscheinung stecke ein Bär. Nelson machte sich Sorgen wegen der sich als dauerhaft abzeichnenden russischen Anwesenheit im Mittelmeer und lehnte gemeinsame Aktionen gegen die französische Garnison auf Malta entschieden ab.

Diese Insel wollte Nelson zum Stützpunkt der englischen Flotte machen und er hatte nicht die geringste Absicht, die Insel nach der wahrscheinlichen Kapitulation der Franzosen an die Malteserritter zurückzugeben. (Der französische Trupp des General Vaubois auf Malta war durch die englische Flotte isoliert, also früher oder später mussten die Franzosen kapitulieren).

Alles zusammen versetzte Zar Paul I. in Wut – und das lag nicht an der impulsiven Natur des russischen Zaren. Der Sinn des Krieges hatte sich ins Gegenteil verdreht. Es erwies sich, dass die russischen Soldaten und Seeleute sich nicht für die Gerechtigkeit und Monarchie aufopferten, sondern zu Instrumenten der Eroberungspolitik des Wiener Hofes und der Geldgier der englischen Kaufleute geworden waren.

Admiral Nelson

Admiral Nelson

Zar Paul I. war verblüfft durch die Ereignisse in der Schweiz, die für die russischen Truppen zur Katastrophe führten. Am 22. Oktober (11. Oktober nach dem alten Kalender) sendete der Zar an den österreichischen Kaiser Franz II. einen schroffen und unzweideutigen Brief:

Seiner Majestät dürften die Folgen des frühzeitigen Abzuges der Armee Erzherzog Karls aus der Schweiz bereits bekannt sein, der dort allen Überlegungen nach bis zur Vereinigung Feldmarschall Fürst Italijskijs [Suworow] mit Generalleutnant Korsakow hätte bleiben sollen.

Da meine Truppen von meinem Verbündeten, auf den ich mich mehr als auf alle anderen verlassen habe, dem Feinde überlassen wurden, da seine Politik meinen Ansichten völlig widerspricht und da die Errettung Europas Ihrem Begehren die eigene Monarchie zu erweitern, zum Opfer fiel […] verkünde ich mit derselben Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen zu Hilfe kam und den Erfolgen Ihrer Truppen beigetragen habe, dass ich von nun an nicht mehr für Ihre Vorteile sorgen werde und beschäftige mich von nun an mit meinen eigenen Vorteilen und denen meiner anderen Bundesgenossen. Ich höre auf, mit Ihrer Kaiserlichen Majestät zusammenzuhalten […]“

Der Brief des russischen Monarchen wurde Kaiser Franz II. durch den neuen Botschafter in Wien, Graf Kolytschew, beim Sonderempfang am 5. November 1799 eigenhändig übergeben und schlug wie eine Bombe ein.

Vergebens versuchten der österreichische Kaiser und sein Minister Baron Thugut, den Botschafter mit Komplimenten zu besänftigen. Der Zar hatte es strengstens untersagt, irgendwelche Vorschläge von österreichischer Seite anzuhören. Am 20. (9.) November schrieb er an Suworow: “Ich will, dass Sie den Unterbreitungen der Zäsaren bezüglich der Zusammenarbeit zwischen unseren Truppen mit ihren auch weiterhin kein Gehör schenken und dass Sie sich in Richtung der Grenzen unseres Reiches weiterbewegen.”

Kaiser Franz II.

Kaiser Franz II.

Lange Kolonnen der russischen Truppen zogen durch Bayern, Böhmen und Mähren in den Osten zurück. Der Kreuzzug war zu Ende, Russland kehrte in die Welt der geopolitischen Realität zurück.

Infos zur Russischen Kulturwoche

Dieses Referat über “Zar Paul I., Alexander Suworow und der Zweite Koalitionskrieg” hielt der Historiker Oleg Sokolov im Rahmen der Russischen Kulturwoche 2008 in Zürich. Sokolov ist Präsident der Russischen Gesellschaft für Militärgeschichte und Professor an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg sowie an der Sorbonne.