Von Reinhold Schneider

In der engsten Beziehung um Wirken eines Mannes in der Geschichte steht die Geschichte seines Innern; sie schafft zu einem Teil die Voraussetzungen seiner Tat und wird von der Tat wieder weiter geführt, einem Ziele zu, das wir nicht kennen und das vielleicht doch mit Bezug auf die Persönlichkeit das wesentliche Anliegen der Geschichte ist. Was gäben wir darum, wenn wir die innere Geschichte des Prinzen Eugen erzählen könnten! Aber auf die Frage nach dieser Geschichte hat uns die Forschung bisher noch keine ausreichende Antwort gegeben oder geben können. Mit so manchen Helden seines Ranges und Trägern ebenbürtigen Ruhmes birgt sich Eugen im Schweigen; ungewöhnlich ist die Leuchtkraft dieses Ruhmes, seltener vielleicht noch seine Reinheit. Eugen könnte als einer der wenigen Helden erscheinen, die unter der Führung der Gnade vom Anfang ihres Wirkens an das rechte Ziel, den rechten Dienst erwählt haben und ihnen treu geblieben sind. Wohl konnten sich auch solche Männer in der Wahl der Mittel vergreifen, in der Einschätzung der Kräfte und Möglichkeiten verrechnen, während aber ihre Zeitgenossen sich von der Strömung der Ereignisse ziehen ließen, blieben diese wenigen selbst; ihr Ziel veränderte sich nicht ob sie nun von ihm abgetrieben oder ihm entgegengetragen wurden. Der Lohn wird nicht gleichgültig, aber er blieb dem Tun untergeordnet; Undank konnte schmerzen, doch nicht beirren, und auf keine Weise könnte sich die Nachwelt schlimmer am Gedächtnis dieser Männer versündigen, als wenn sie sich zu ihrem Anwalt machte und in ihrem Namen Vorwürfe aussprechen würde, die sie beharrlich unterdrückt haben, so nahe sie ihnen gewesen sein mögen.

Prinz Eugen von Savoyen

Prinz Eugen von Savoyen (1663-1736)

Prinz Eugen diente dem Reich in der Sache seiner kaiserlichen Herren; alles, was von seinem Leben berichtet wird, müßte in dieser großen Perspektive stehn. Das Reich aber war für den großen Staatsmann und Feldherrn kein staatspolitischer Begriff; es war dem Hause anvertraut, in dessen Dienst er sich gestellt hatte und mit dem er in Gnade und Ungnade, ob sein Verdienst gebührend eingeschätzt oder verkannt wurde, auf das persönlichste verbunden war. Mächte, Formen und Ideen, Aufgaben und Forderungen begegneten sich in jener Zeit noch auf das unmittelbarste und zugleich auf das bildhafteste: in Menschen; die anziehende und abstoßende Kraft starken Menschentums wirkte sich deutlich wahrnehmbar in den geschichtlichen Schicksalen aus. Wie es zuweilen in Shakespeares Dramen geschieht, hätten die Herrscher die Namen ihrer Länder tragen können, die durch sie handelten: so war Ludwig XIV. Frankreich, Karl XII. Schweden, Peter Russland, Victor Amadeus Savoyen; so lebte Leopold I. unter allen Sorgen und Bedrängnissen das Schicksal des Reiches, gerade in dessen schwersten Stunden die tragende Haltung findend, die verpflichtende Würde zeigend, deren Anteil an der noch einmal heraufkommenden Stunde des Reiches nicht unterschätzt werden soll. Herausgeführt wurde diese Stunde durch die Taten des Prinzen Eugen; Taten sind im wesentlichen auch eine Sprache vor der Nachwelt geblieben. Selten sprach er aus, was ihn bewegte; sein Schweigen hatte etwas Herausforderndes, so daß etwa achzig Jahre nach seinem Tode eine umfangreiche Fälschung gewagt und sein angeblicher Nachlaß in mehreren Bänden veröffentlicht wurde. Noch immer müssen wir uns im wesentlichen an sein Tun halten, wenn wir ihn verstehen wollen; aber mit den Taten können wir doch auch die Weise seines Handelns und in ihr den Menschen erkennen; wir sehen seine politischen Konzeptionen sich abzeichnen und können auf seine Denkweise, auf sein Verhältnis zur geschichtlichen Wirklichkeit schließen; wir ahnen seine Lebensform und können vertrauter werden mit den Dingen, die er liebte – von Menschen, die er geliebt hat, wissen wir fast nichts – ; so kommen wir dem Geheimnis näher ohne es lüften zu können. Den ein Geheimnis ist der Sieger von Zenta geblieben; selten wird das Geheimnis der Großen von der Geschichtsschreibung geachtet, aber an dem Rechte der Vorangegangenen auf diese Achtung ist nicht zu zweifeln. Eugen wußte sich dieses Recht unverletzt zu bewahren. Umso klarer erscheint seine Haltung in der Zeit und den geschichtlichen Mächten gegenüber; sie ist nicht der geringste der Werte, die er uns hinterlassen hat. Fast möchten wir ihn unversuchbar nennen; er blieb ein ritterlicher Mensch und brachte seinen Schild aus den Schlachten, aber auch aus den Sälen der Schlösser, den Kammern der Diplomaten ohne Flecken heim. Folgen wir dem Gange seines Lebens (1663-1736) in dem Bestreben, in dem gefeierten Feldherrn und Staatsmann den Menschen zu erkennen und dessen Rang unabhängig von Verdienst und Ruhm zu würdigen, so werden wir seinen persönlichen Entscheidungen begegnen und in ihnen seine Haltung verehren lernen. Hierauf vor allem möchte sich unsere Betrachtung richten; wir wollen dem Zusammenspiel der Mächte nichts von seiner furchtbaren Wirklichkeit nehmen – ist doch kein Ort und keine Zeit in der Geschichte, wo die Tore des Himmels und der Hölle nicht offen sind; abe wir wollen nicht vergessen, daß die Geschichte weit mehr erfaßt als dieses Zusammenspiel. durch das Medium der Tatsachen übermittelt sie uns Werte; mit dem Wissen verbinden sich Forderungen; je ernster wir nach Wahrheit trachten, um so weniger können wir das Wissen vom Menschen und vom Unveränderlichen in ihm entbehren. Je düsterer die Wirklichkeit ist, um so heller werden die Bilder derer leuchten, die sie bestanden haben und ein Beispiel dafür geben, daß Reines sich in der Geschichte behaupten kann.

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Die Geschichte erhebt und prüft den Menschen und zerbricht seine Hoffnungen; die Möglichkeit des letzten, ganz verinnerlichten Sieges nimmt sie ihm niemals. So stand Eugen zur Sache des Kaisers, sich bewährend, ohne noch triumphieren zu können; die Beziehungen zwischen den Mächten hatten sich verändert, die Stunde, die mit dem Abschluß der großen Allianz begonnen hatte, war abgelaufen. Niemals hätten sich England, Holland und Savoyen mit dem Kaiser verbündet, damit er, nachdem er kaum die Stephanskrone gewonnen, das spanische Weltreich, Italien und Belgien unter seinem Zepter vereine und zugleich die Gegnerschaft Frankreichs, die so lange die Waagschalen in der Schwebe gehalten, aus dem Felde dränge. Mit dem Tode Josephs I. war eine neue politische Notwendigkeit eingetreten; auch Prinz Eugen sollte sie nicht überwinden können. Aber die Notwendigkeit enthebt doch der Verantwortung in der Wahl der Mittel nicht; Eugen wußte sich betrogen; die Vorwürfe, die er dem Herzog von Ormond machte, können nicht entkräftet werden.
Am 13. April 1713 unterzeichneten in Utrecht die Verbündeten den Frieden mit Frankreich, erst England, dann Savoyen; am Abend folgten Portugal und Preußen, Holland kurz nach Mitternacht. England gewann die Küste zwischen Florida und der Lorenzbai, Minorka und Gibraltar, der Herzog von Savoyen die Königskrone Siziliens, Philipp V. die Krone der spanischen Habsburger unter der Verpflichtung, daß Spanien und Frankreich getrennt bleiben sollten. Wenige Wochen nach dem Utrechter Friedensschluß verließ Eugen die Kaiserstadt, um den Krieg am Rhein wieder aufzunehmen. Wieder war der Kaiser allein wie am Anfang des Krieges; das tapfere kaiserliche Heer, das der Prinz aus den Niederlanden heranführte, vereinigte sich am Oberrhein mit der Reichsarmee, deren Kassen leer waren, deren Kontingente gegensätzlichen Absichten unterstanden. Erwarteter Zuzug blieb aus; ein Kontingent sollte nach dem Willen des fürstlichen Gebieters nicht über den Mittelrhein hinaus, ein anderes nicht über den Neckar, die Preußen nicht aus dem Erzstifte Köln; die Linien am Rhein, die Eugen besichtigte und die Linien auf dem Schwarzwald bedurften der Verstärkung; hier waren die Brustwehren schlecht, die Posten weit von einander entfernt. Widrige, kleine Geschäfte, Streit, Mühe, Neid der Unvermögenden, enge Rücksichten zehrten an der Kraft des Feldherrn, dessen Natur es war, auf das Große zu blicken, mit großen gesammelten Mitteln zu wirken. Wieder stand ihm Villars gegenüber, zum Angriff entschlossen. Der Feind nahm den Mannheimer Brückenkopf und legte sich vor Landau; vergeblich flehte Eugen Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der vor wenigen Monaten den Thron bestiegen, um den Einsatz seiner Truppen an; anderen Fürsten bot er persönlichen Kredit. Landau fiel; es war ungewiß, wohin Villars, den nächsten Stoß richten würde, plötzlich überschritt er bei Straßburg den Rhein, bedrohte Freiburg und nahm mit leichter Mühe die Linien auf dem Schwarzwald, deren unglücklicher Verteidiger Baubonne bis Rottweil zurückwich. Eugen wies den Feldmarschallleutnant Harsch, einen Elsässer, der in venetianischen Diensten auf Morea und in Griechenland gekämpft hatte, an, Freiburg bis auf „die letzte Extremität“ zu halten. Harsch gehorchte, erst als der Kriegsrat gegen ihn entschied, zog er sich in die beiden Schlösser zurück. Hier, auf dem steilen Berge hinter der Stadt, dem Hunger ins Auge sehend, bis die letzte Hoffnung, daß Eugen Hilfe senden könne, geschwunden war. Aber die großen Pläne, die großen Gedanken, die am Anfang des Krieges die Streitenden bewegten, übten die alte Macht nicht mehr aus; Eugen konnte die Ettlinger Linien halten, Villars ging nicht über Freiburg hinaus.
Nach dem Willen ihrer Gebieter sollten die beiden Feldherren selbst über den Frieden verhandeln; sie kamen überein, sich in Rastatt zu treffen. Auf der Treppe des Schlosses, in dem der Türkenbesieger vor sechs Jahren gestorben war und das den hochstrebenden Sinn des Bauherrn noch immer bezeugte, ging Villars dem Prinzen entgegen; die Feldherren, die sich mit wechselndem Glück auf so vielen Schlachtfeldern gegenübergestanden waren, umarmten sich. Aber in heftigen Gegensätzen bewegten sich bald die Verhandlungen. Villars forderte sichernde Grenzfestungen; Eugen stellte dieselbe Forderung für das Reich. Nicht der Kaiser habe Frankreich angegriffen, sondern der französische König habe, ungeachtet aller Friedensschlüsse, immer wieder seine Heere über die Grenze geschickt. Wieder verlangte Eugen Straßburg. Da der Marschall die Wiedereinsetzung der Kurfürsten von Bayern und Köln forderte, drohte der Prinz die Verhandlungen abzubrechen. Er fühlte deutlich, daß es der Marschall hierzu niemals kommen lassen würde; es war des französischen Feldherrn „eitle Absicht“, den Frieden zu schließen und dadurch seinen Ruhm zu krönen. Der Wunsch, dieses Ziel bei überspannten Forderungen zu erreichen, machte Villars unsicher und zugleich wieder heftig, weitschweifig, verändelich. Landau wollte er behalten, Freiburg freigeben; dafür verlangte er Breisach, Kehl, Philippsburg, bedeutende Abtretungen in Italien, selbst daß dem Rebellen Rákóczi seine Güter zurückgegeben würden. Eugen erhob sich, um das Zimmer zu verlassen; Villars hielt ihn zurück; so kam es endlich dazu, daß die französischen Vorschläge schriftlich niedergelegt wurden. Während der Kurier nach Versailles unterwegs war, riet Eugen dem Kaiser, „mit einigermaßen leidlichen Bedingungen“ nachzugeben: Hilfe sei nicht zu erwarten; zu fürchten seien „die an dem einen oder anderen Hofe in dem Reiche und insbesondere in Preußen hervortretenden gefährlichen Absichten“, die „ungewissen Anschläge“ des Herzogs von Savoyen: – Preußen und Savoyen seien, nach des Marschalls Reden zu schließen, im Einverständnis mit Frankreich schon „ziemlich weit gekommen.“ Die Unruhen im Norden könnten neue Verwicklungen nach sich ziehen, ein Krieg mit den Türken stehe vielleicht bevor. Neue gesteigerte Forderungen Frankreichs erwiderte Eugen mit der wiederholten Androhung seier Abreise: nur des Marschalls Bitten hätten ihn bisher in Rastatt festgehalten. „Man solle nur niemals glauben, daß die in dem letzen Feldzug von Frankreich erzwungenen Erfolge den Kaiser vermögen würden, irgendetwas einzugehen, was wider seine Ehre oder das Interesse des Reiches sei.“ Karl VI. fühlte sich bei seiner Ehre und seinem Gewinn verpflichtet, seine Getreuen in Katalonien, vor allem die sich in seinem Namen noch immer haltenden Verteidiger Barcelonas vor Verfolgung zu schützen, und Eugen verfocht diesen Wunsch seines Herrn mit solcher Entschiedenheit und Leidenschaft, daß ihm Villars Zugeständnisse machte, die ihm sein König im nächsten Schreiben hart vorwarf. Endlich reiste der Marschall selbst nach Versailles; die Lage war so gespannt, daß Eugen in der Zwischenzeit zu den Ettlinger Linien hinüberritt, die Truppen und ihre Stellung zu prüfen. Doch Villars kehrte zurück. Punkt für Punkt wurde nochmal beraten, der eine und andere Artikel umkämpft, verworfen, verändert. Landau kam an Frankreich; der Kaiser gab den Anspruch auf Straßburg auf, Ludwig Altbreisach, Kehl und Freiburg; vom spanischen Erbe fielen die Niederlande, Mailand, Neapel, Sardinien an Karl VI. Den Kurfürsten von Bayern und Köln wurden ihre Länder zurückgegeben. Victor Amadeus wurde König von Sizilien. Mitternach war schon vorüber, als die Feldherren im Rastatter Schloß den Vertrag unterzeichneten und besiegelten (am 7. März 1714). Im Herbst desselben Jahres trafen sie sich noch einmal in Baden im Aargau; so sehr war die Sache des Kaisers auch die Sache des Reiches geworden, daß das Reich den Rastatter Frieden fast ohne Änderung übernahm. In England war die Königin Anna gestorben; gegen die von Frankreich gehaltenen letzten Stuarts trat Kurfürst Georg von Hannover die Nachfolge an. Nachdem die Feldherren sich getrennt hatten, sandte Eugen dem Marschall edlen Tokayer. Er habe, schrieb ihm Villars, mit sehr schönen Damen auf des Prinzen Gesundheit getrunken. Und als Eugen sein Porträt geschickt hatte, versicherte ihm der Marschall, daß alle Welt sich beeile, zu ihm zu kommen, um das Bildnis zu betrachten.
So endete der furchtbare Krieg mit den höflichen, fast sanften Gesten der Heerführer, die als große Herrn, nicht als Feinde einander bekämpft hatten. Das Reich der spanischen Könige war zerschlagen und verteilt worden – nun erst gaben die tapferen Verteidiger Barcelonas, denen der Kaiser zu seinem tiefen Schmerze nicht beistehen konnte, die letzten Hoffnungen auf. Als Greis hatte Ludwig XIV. den Kampf doch noch mit Ehren bestanden, aber sein Land war erschöpft, und nicht die Macht, die er auf der fernen Höhe seines Lebens genossen, nur den unvergänglichen, vergeistigten Glanz seiner Ära sollte er vererben. England hatte auf dem nordamerikanischen Kontinent das Entscheidende getan, der Herzog von Savoyen endlich den Rang erreicht, der zu neuem, noch kühnerem Streben zu verpflichten schien; die Macht des Kaisers war jenseits und diesseits der Alpen gewaltig gewachsen. Es war um Kronen gewürfelt worden, und fast alle Spieler hatten Kronen gewonnen; Eugen begehrte keine. Als die Rede davon war, ihm das Herzogtum Mantua zu übertragen, riet er dringend, Mantua mit Mailand zu ereinigen: so könne der große Verluste ausgeglichen werden, den Mailand an den von Savoyen geforderten Gebieten erleide. Für die ungarischen Güter, die ihm schon Kaiser Joseph I. zugedacht hatte, suchte man ihn durch jährlich entrichtete Summen zu entschädigen. Er lebte reich, ja glänzend in seinem Palaste zu Wien und seinen Schlössern in Niederösterreich und Ungarn; aber Besitz verpflichtete ihn nicht, nur der freien Willens ergriffene Dienst. Lieber als König von Polen wollte er des Kaisers oberster Feldherr sein. Er achtete Titel und Rang, aber ihm genügte das Ansehen, das er zum ererbten Namen hinzugewonnen hatte. Seine Würde, seine Stellung in der Welt wollte er von seinen Ämtern und Aufgaben empfangen; so hatte er unter allen Geschäften des Krieges und der Staatsführung die mailändische Statthalterschaft mit Sorgfalt verwaltet. Als die Spanier, die Karls VI. Vertrauen genossen und vielleicht auch mißbrauchten, die Regierung italienischer Provinzen beanspruchten – sie schienen es nicht bemerken zu wollen, daß die Tage Philipps II. vorüber waren – gab der Sieger von Turin seine Statthalterschaft auf; er wollte das Wohl Mailands nicht dadurch gefährden, daß die Anordnungen sich durchkreuzten, die Verwaltung von einander entgegengesetzten Stellen geführt wurde.
In der Haltung des Mächtigen, dem ein Höherer die Macht in die Hand gegeben, empfing Eugen in seinem Palaste zu Wien Ibrahim Pascha, den Gesandten der Pforte (13. Mai 1715). Der Prinz trug das rote reichgestickte Staatskleid; ohne sich von seinem unter einem Baldachin stehenden Sitze zu erheben, bedeckten Hauptes, umgeben von den Generalen und Beamten des Hofkriegsrates, nahm er das Schreiben des Großwesirs entgegen, hörte er den Gesandten an. Längst war es nicht mehr verborgen, daß der Sultan zur See und zu Land mächtige Streitkräfte rüstete; er mochte glauben, daß sich nach dem dreizehnjährigen Kriege die christlichen Mächte verblutet hatten und die Stunde des Halbmondes wiederkehre. Am schwächsten erschien Venedig; dorthin wollte er den ersten Angriff richten, um Morea wieder zu nehmen. Der Gesandte forderte die Neutralität des Kaisers in dem bevorstehenden Kriege; Eugen versprach, zwischen den Streitenden zu vermitteln. Aber Venedig bat den Kaiser um Hilfe; der Angriff auf eine christliche Macht mußte das Reich treffen, das den Glauben tragen, ausbreiten, verteidigen sollte. Siegte der Halbmond heute, so würde er morgen das Reich bedrohen; entsprach es doch dem Wesen des Reiches, daß es mit dem Unglauben kämpfen mußte, vom Unglauben angegriffen wurde. In der Konferenz des Hofkriegsrates erklärte Eugen, es sei des Kaisers heilige Pflicht, die Macht des Sultans niederzuhalten. So wurde dem Kaiserstaat, der kaum aus dem großen Kampfe hervorgegangen war, die Bewährung auf neue abgefordert. Eugen entschloß sich, den Stoß auf Belgrad zu führen, die alte Bergfeste, die so viele Heere schon in die Länder des Kaisers gesandt hatte.
Im Sommer des folgenden Jahres erwartete das kaiserliche Heer seinen Feldherrn in zerstreuten Lagern an der mittleren Donau und Theiß; es war aus Truppen aller Länder, Ungarns, Böhmens und Innerösterreichs und selbst neapolitanischen Regimentern zusammengewürfelt. Wenn die Nachricht verläßlich war, daß der Großwesir an die zweihunderttausend Mann unter den Mauern Belgrads gesammelt habe, so war an kampffähigen Truppen mit der Hälfte zu rechnen – ein ungeheurer plündernder Troß pflegte sich hinter den Türkenheeren herzuwälzen; aber die Kriegsmacht des Kaisers war an Zahl dem Gegner um eine Drittel unterlegen. Der Großwesir überschritt die Save; über das Schlachtfeld von Slamkamen führte er sein Heer an der Donau hin gegen die in einem Stromknie geborgene Festung Peterwardein. Eugen entschied sich, den Feind anzugreifen, ehe er die Festung umschlossen habe. Auf den Schiffbrücken, die von den hochgelegenen Bastionen geschützt waren, überquerten die Kaiserlichen den Strom; als der Feldmarschall Palssy mit der Vorhut über die Höhen des gegen Süden abfallenden Gebirges, auf dessen letzter Felstenstufe die Festung stand, vorstieß, schlugen ihn türkische Reiter nach hartem Kampfe zurück. Auf den Höhen vor dem Dorfe Karlwitz dehnte sich das Türkenlager aus; eine Wagenburg umschloß das vom Zelt des Wesirs überragte Völkergewimmel; bosnische Kriegerscharen, asiatische Stämme, die um Sold verpflichtete Horde des Tatarenchans wogten hier durcheinander. Als Schlachtfeld bot sich das Hochland zwischen Peterwardein und Karlowitz; rechts von der Festung säumten die Höhen den Strom, in der Biegung traten sie vor Flachland und Morästen zurück, die der Sommer eingetrocknet hatte: hier, auf dem linken Flügel, konnten die Reiter vordringen, während sich das Fußvolk zur Rechten auf den Hängen über dem Strom sich verschanzte. Zwischen beiden Flügeln stand der Prinz Alexander von Württemberg; ihm war die Ehre zugedacht, den Angriff auf die in mächtiger Breite über das steigende, fallende Gelände sich hinziehende Türkenfront zu eröffnen. Unter den Geschossen einer nahen Batterie warf er sich auf die Janitscharen, trieb sie zurück und nahm die Geschütze; jetzt drang das erste Treffen des rechten Flügels in die türkischen Laufgräben, Übermacht hemmte die Kaiserlichen und brachte sie in Verwirrung, Janitscharen stürmten ihnen nach in die Verschanzungen des kaiserlichen Lagers. Plötzlich erschien Eugen zu Roß zwischen den gefährdeten Schanzen, unmittelbar vor den feindlichen Reitern, die schon ihre Säbel nach ihm schwangen; er ordnete und rief zum Widerstand auf. Da gewahrte er, wie den Gegner die Siegeszuversicht hinriß; die linke Flanke der Türken wurde frei; Eugen warf ihr Dragoner und Kürassiere entgegen. Indessen hatten unten im Tale die kaiserlichen Reiter des linken Flügels die Reihen der Spahis zersplittert; auch auf dem rechten Flügel brachen die kaiserlichen Reiter in den Raum zwischen den umkämpften Gräben vor, das zerschlagene Zentrum schloß sich wieder, den eingekeilten Feind bedrängend, und schon ritt die Reiterei des linken Flügels in geschlossenen Reihen die Hänge hinan, während auch auf dem rechten die Kavallerie einsprang. Der Wesir hatte vor seinem Zelte unter der heiligen Fahne unbeweglich den Verlauf der Schlacht überwacht; nun jagten die ersten Flüchtlinge ins Lager, das mit allen Zelten, Wagen, Geschützen und Waffen, Pauken und Roßschweifen, Kamelen, Zugochsen, Pferden und seltenen Stoffen zur Beute wurde.

Schlacht bei Zenta an der Theiß (11. Sept. 1697)

Schlacht bei Zenta an der Theiß

So glühte die Sonne von Zenta zwanzig Jahre nach dem ersten großen Siege noch einmal, und nun war der Weg nach Temesvár frei. Eugen schwankte, an welcher Stelle er die Theiß überqueren sollte; dann fiel die Wahl auf Zenta. Hier hatte Palssy Bücken schlagen lassen; an einem Abend im August sammelte Eugen, der mit der Reiterei vorausgeeilt war, sein Heer auf dem alten Schlachtfeld; gegen Mitternacht passierten die Reiter den Strom. Die Hauptstadt des Banats, die in vergangenen Kriegen wiederholt von den Kaiserlichen angegriffen worden war, lag unbezwungen zwischen ihren Sümpfen; Moscheen überragten die alte und morsche, mit kleinen Türmen besetzte Ringmauer, die ein niederer, aus Palisaden gebildeter Wall umzog. In den mit Erde umkleideten Basionen steckten die Geschütze; die Bega zerteilte mit ihren vielen Wasseradern das Gelände und füllte die Gräben; im Norden lagerte sich eine zur Festung ausgebaute große Insel vor die Stadt, im Süden eine kleine, die das von der Bega umschlossene Schloß deckte.
Hier, im Süden, stellten sich die Reiter auf, die Belagerer gegen Entsatzheere zu verteidigen, während die Artillerie langsam von der Theiß hernachrückte und postiert wurde und die Infanterie im Norden ihre Gräben zog und den Sturm auf die große Insel vorbereitete. Unter furchtbarem Geheul, Fackeln schwingend, stürzten die Janitscharen nachts aus dem Tore, berittene Tataren warfen sich den Angreifern in die Flanke; aber der Ausfall scheiterte an der entschlossenen Gegenwehr der Belagerer und auch der wütende Angriff eines Entsatzheeres prallte an Palssys Reitern ab. Streifen fanden in einem verlassenen Lager die aufgeschichteten Köpfe kaiserlicher Soldaten. Unter Granaten und Gewehrfeuer hatten die Angreifer mit dem Wasser zu kämpfen, das sie abzuleiten suchten; es staute sich und überschwemmte die eigenen, an die Festung heranführenden Gräben; alles war zum Sturm bereit, als Eugen noch zögerte und die Grabenübergänge festigen und verbreitern ließ. Kundschafter meldeten, daß der Großwesir mit einem Heere heranziehen wolle; auch die Tataren der Krim sollten auf dem Marsche sein. Am Morgen des Sturmtags, dem Geburtstag des Kaisers, ermahnte Eugen die kampfbereiten Truppen, ihre Pflicht zu tun und ihr Leben einzusetzen für das Wohl der Christenheit. Eine Geschützsalve gab das Zeichen; Alexander von Württemberg führte an der Spitze der mittleren Kolonne die Grenadiere auf den schwankenden Grabenübergang gegen die Bresche. Die Verteidiger sprangen auf die Wälle; nach hitzigem Kampf faßten die Grenadiere in allen drei Breschen Fuß; – viele warfen sich, wo die Brücken nicht ausreichten, in die Gräben hinab. Dann rückte die Infanterie unter Trommelwirbel mit fliegenden Fahnen nach. So wurde die Insel genommen; unter heftigem Geschützfeuer ergab sich einige Tage später die Stadt, nachdem Eugen „zur Verhinderung menschlichen Blutvergießens“ den Kapitulationsentwurf des Verteidigers Kara Mustapha angenommen hatte. „Mit allen unseren Weibern, samt Kindern und alles, was in unseren Häusern an Effecten sich befindet, wie auch Wagen und Pferden und anderem Vieh“ durfte Kara Mustapha die Festung verlassen. Das Banat, das sich so lange als ein gewaltiges Vorwerk der Türken in Ungarn behauptet hatte, war genommen.
Noch im Lager von Temesvár empfing Eugen die Nachricht, daß Papst Clemens XI. dem Türkenbezwinger den geweihten Hut und Degen gesandt habe; es schien dem Prinzen nicht schicklich, die Zeremonie im Lager vorzunehmen. Auf der Rückreise nach Wien fuhr er in sechsspännigem Wagen in der alten Bischofsstadt Raab ein, die zu seinen Ehren geschmückt worden war; Reiter geleiteten ih, der Feldmarschall Heister begrüßte ihn am Tore: auf dem Markte erwartete ihn die Garnison. Eugen bestieg in der Domkirche einen erhöhten Sitz und wohnte der Messe bei; dann ließ er das von dem Abgesandten des Papstes überreichte Breve verlesen, empfing den Degen und Barett. – Von Wien aus dankte er dem Heiligen Vater für die „unverdiente Auszeichnung des Schwertes und Hutes, welche, indem sie mit der größten Feierlichkeit vollzogen wurde, mich nicht nur an die göttliche Gnade erinnern, sondern mich auch zu großen Unternehmungen für die gerechte Sache Gottes, des Kaisers und der Christenheit aneifern wird.“ Wenigstens für diese Stunde hatte die Tat Eugens den Papst, der so ungern die neue Macht des Hauses Hasburg in Italien sah, mit dem Kaiser versöhnt; im Wandel der Zeit war das alte Reich wieder deutlich sichtbar in der Geschichte erschienen. So fern das Jahrhundert, so fern Eugen selbst, der die Prägung der Ära Ludwig XIV. trug, den Zeiten der Sachsen, Salier und Staufer war, so war in diesen Tagen doch mit der alten Aufgabe auch die alte Würde wieder erreicht worden: das Innerste, der Glaube in seiner festen Gestalt und die Forderung nach der Ordnung der Welt aus dem Glauben war geblieben, ebenso wie die Feinschaft des Unglaubens, die sich dieser Ordnung entgegenstellen muß. Aber weniger von der Kraft des Kaisers als von der Krone und ihrem Gesetz wurde das Reich getragen; mächtig war das Reich wieder geworden durch den Feldherrn, der, unbestechlich und unbeirrbar, in seiner Treue zum Kaiser der unabänderlichen, in der Krone beschlossenen Forderung diente.
England und Holland wollten – vielleicht in der Hoffnung auf günstige Handelsverträge – den Frieden zwischen dem Kaiser und den Osmanen vermitteln; die Pforte selbst schien ihn zu wünschen; Eugen war dagegen; man wußte, daß der Sultan aufs neue rüstete. Vertraulich schrieb Eugen dem Grafen Mérey, daß er immerfort an die Belagerung Belgrads denke. Die aufs neue ausgeschriebene Türkensteuer brachte beträchtliche Summen aus dem Reiche und den Ländern ein; so wurde der Feldzug vorbereitet. Am 13. Mai des Jahres 1717 war dem Kaiser eine Tochter geboren worden: die Erzherzogin Maria Theresia; am 14. Mai nahm Eugen vom Kaiser Abschied. Karl IV. überreichte dem Prinzen ein mit Diamanten besetztes Kruzifix: unter diesem Zeichen werde er siegreich sein. Vielleicht streifte sie beide die Ahnung eine großen Gefahr; Eugen soll dem Kaiser sein Testament anvertraut haben. Unterhalb der Festung, wo Inseln aus einer breiten Biegung der Donau tauchten und die Wucht der Strömung hemmten, ließ der Feldherr eine Brücke schlagen; hier überwachte er am linken Ufer den Übergang des Heeres, dann rückte er flußaufwärts in das Mündungsgebiet der Save. Wo die Flüsse zusammenrauschten, in dem von ihren gebildeten rechten Winkel erhob sich die Stadt; von dem hohen, steilen Schloßberg herabfallend ergoß sich die Häusermasse in die Ebene zwischen den Flüssen, wo hohe Verschanzungen die breithingelagerten Vorstätdte einfaßten. Die Ströme und die von ihnen umspülten befestigten Inseln schützten die Bergfeste im Rücken und an den Seiten. Der mächtigen Festung gegenüber erbaute der Prinz die Festung seines Lagers; er schob ein Reiterkarree vor, das die Belagerten beobachten sollte. Aber größere Gefahr drohte im Rücken; der Großwesir hatte bei Adrianopel ein Heer gesammelt und zog eilig mit furchtbarer Übermacht heran. Eugen ließ zu beiden Seiten seines Lagers über die Save und die Donau Schiffbrücken bauen, u die Verbindung mit der Heimat zu halten; Schiffe legten sich vor die Schiffbrücken, sie zu sichern. An der von der Stadt abgekehrten Seite des Lagers ließ der Prinz gewaltige Gräben ziehen und Verteidigungswerke aufwerfen, in denen geschützte Tore sich öffneten. So war die Stadt vom Lande abgeschlossen, das Lager gegen Überfälle gedeckt. Als ein furchtbarer Orkan über das Land hereinbrach, die Ströme schwellte und an den Schiffbrücken riß, wagten die Türken einen Angriff auf den Brückenkopf an der Save: die Verteidiger ließen sich von der Überzahl der Angreifer so wenig schrecken wie von ihrem Geschrei und wie sie sich zuvor vom Unwetter hatten verwirren lassen. Mit größerem Glück griffen die Janitscharen die Verschanzungen an der Donau an: erst die von Eugen gesendten Kürassiere warfen die Feinde in den Strom. Aber bald nachdem die schweren Geschütze begonnen hatten, ihre Granaten auf die dürftigen Häuser zu schleudern, erschienen leichte türkische Reiter hart vor dem Lager Eugens; auf den von einem Bache umflossenen Höhen südlich der Donau baute sich die bunte, riesige Zeltstadt auf, während immer noch Fußsoldaten, Geschütze und Wagen sich heranwälzten und die Laufgräben der Feinde sich in der Richtung auf das kaiserliche Lager ausstreckten. Nun schlugen die Geschosse des Entsatzheeres im Lager ein, die Batterien auf den Wällen Belgrads antworteten; die Kaiserlichen hatten sich von die Festung, die von einer bedeutenden Garnison verteidigt wurde, im Rücken das unübersehbare Entsatzheer, zu beiden Seiten die Ströme; es war kein Rückweg mehr offen. Denn wie hätte die Armee im Angesicht des Feindes die Brücken über die Donau oder über die Save überschreiten sollen? Eugen blieb fest: „Entweder werde ich mich Belgrads oder die Türken werden sich meiner bemächtigen.“ Von den noch möglichen Entschlüssen wählte er auf seine Weise den kühnsten: dem Feind im Angesicht der belagerten Stadt eine Schlacht zu liefern.

Prinz Eugen in der Schlacht um Belgrad (1717)

Prinz Eugen in der Schlacht um Belgrad (1717)

Er ließ wenige Regimenter in den Laufgräben vor Belgrad und eine geringe Besatzung im Lager und brach in einer gefährlich hellen Nacht in tiefem Schweigen auf. Am Morgen schien es, als sollte ihm fallender Nebel zu Hilfe kommen; doch der Nebel wurde so dicht, daß die Reiter Palssys auf dem rechten Flügel unversehens an die Gräben der Türken gerieten; vorzeitig brach die Schlacht los. Denn schon griff das Fußvolk des rechten Flügels mit ein und in solcher Masse, daß das Zentrum schwach wurde. Inzwischen hatte die Infanterie auch auf dem linken Flügel im dichten Nebel feindliche Gräben erreicht und genommen. Als plötzlich der Nebel zerriß, zeigte es sich, daß die Schlachtordnung der Kaiserlichen in der Mitte auseinanderklaffte. Eugen riß das zweite Treffen an sich und warf es auf den Feind, und während der Kampf noch schwankte, stürzte er sich schon mit der Reiterei auf die Flanke der Türken. Nun schloß sich die Linie wieder und brach mit ihrer ganzen Wucht über den Gegner herein, bald auch die letzte immer noch feuernde Batterie im Zentrum der feindlichen Stellungen überspülend. Aber die Hügel und Hänge hinter dem Türkenlager fluteten die Flüchtlinge, umschwärmt von kaiserlichen Reitern, vorüber am Großwesir, der von einer Höhe aus verzweifelt das Unheil übersah. Die Beobachter auf den Zinnen Belgrads verloren den Mut des Widerstandes; schon am zweiten Tage nach der Schlacht ward die Kapitulation geschlossen nach dem Muster des Vertrages von Temesvár und ein Tor der Festung geöffnet. Eugen bat in seinem Bericht an den Kaiser für den Prinzen von Württemberg, der das Fußvolk geführt hatte, um das Kommando der eroberten Festung; wie immer rühmte er die Tapferkeit der Truppen. Aber keiner seiner Siege sollte von der Nachwelt so gepriesen werden, wie die Schlacht vor Belgrad, und sicherlich mit Recht; in schwerster Gefahr hatte Eugen unter dem Möglichen mit Umsicht das Äußerste gewagt und mit feurigem Mute getan.
Auch jetzt hielt der Sieger Maß; wie er im vergangenen Jahre nach dem Siege von Peterwardein sich mit Temesvár begnügt hatte, so wollte er nun über Belgrad nicht hinaus; er riet dem Kaiser zum Frieden: das mittlere und südliche Serbien sei sehr schwer zu halten. Militärische Demonstrationen genügten im folgenden Jahre, die Pforte zur Annahme des Friedens von Passarowitz zu bewegen; Temesvár und das Banat, Belgrad und ein Streifen Land südlich der Donau wurden kaiserlich. Aber Eugen hat sich die Tragik des Sieges, die Unverrückbarkeit der Schranken, die dem Sieger gezogen sind, während seines ganzen Lebens erfahren; es scheint ein Gesetz der Welt zu sein, daß sie die Prägung eines einzigen Willens niemals annimt. Wir wagen nicht zu entscheiden, mit welchem Recht oder Unrecht der Feldmarschall Guido Starhemberg Eugens Gegner wurde und namentlich den Feldzug gegen Belgrad herber Kritik unterwarf; wir möchten uns nicht versündigen am Andenken eines tapfern, weniger glücklichen Generals. Der Prinz, so hieß es, habe das Heer zwischen Donau und Sae auf eine schwer zu verantwortende Weise in Gefahr gebracht. Vielleicht hat Eugen wirklich etwas gewagt, was keinem zweiten erlaubt war, was nur ein Feldherr tun konnte, der unter der Gnade stand. Gefährlicher wurde ihm die Gegnerschaft seines Vetters, des Königs Victor Amadeus von Sizilien, mit dem er vor Turin gesiegt hatte. Der im pfälzischen Kriege bestandene Konflikt zwischen der Bindung an das Haus und der Bindung an die Aufgabe kehrte mit furchtbarer Härte zurück, als der König für seinen Sohn Karl Emanuel um eine Tochter des Kaisers Joseph warb und durch die geplante Heirat seinem Hause einen neuen Anspruch auf italienische Länder, vielleicht auf Mailand, zu sichern hoffte. Eugen erkannte des Königs Absicht und stellte sich ihr entgegen; nun suchte Viktor Amadeus den Prinzen durch eine Intrige zu stürtzen; der savoyische Gesandte scheute sich nicht, Eugen beim Kaiser verräterischer Pläne zu beschuldigen. Karl VI. war nicht stark genug, diese Verdächtigungen abzuweisen. Eugen entdeckte das Spiel, zerriß die Intrige und forderte Genugtuung: wolle sie der königliche Gesandte nicht gewähren, so werde er, der Prinz, sie als Fürst des Hauses Savoyen zu fordern wissen. Die Kreaturen des Gesandten wurden von den Gerichten streng und öffentlich gerichtet, der König mußte ich zu einem Entschuldigungsschreiben bequemen, aber das Verhältnis zum Kaiser, der in der Sorge um seine Macht dem Argwohn nicht widerstanden und dem treuesten Diener die Treue nicht gehalten hatte, war verletzt und konnte in den folgenden Jahren nur langsam wieder gefunden werden.
Doch Eugen hatte sich längst die Lebensform geschaffen, in der er die Ungnade ertragen, die Irrtümer der Menschen verschmerzen konnte; er war nicht abhängig von den Meinungen, die man von ihm hegte und nicht darauf angewiesen, daß seinem Dasein von außen ein Wert verliehen würde. An seinen Offizieren genügte es ihm nicht, daß sie allein Soldaten waren; er suchte in seinen Untergebenen nach einem Menschentum, das zu vielerlei Diensten und Geschäften befähigte; was er forderte, war nur das Abbild der ihm selbst eigenen, gemäßen Form. Er wollte niemals nur Soldat, nicht einmal Staatsmann sein. Sein gewaltiges militärisches und politisches Wirken wurde vielmehr im Gleichgewicht gehalten von seinem reichen, zum guten Teil freilich verborgen gebliebenen persönlichen Leben. Er hätte als großer Herr seinen Neigungen und Freuden leben können, ohne die Aufträge der Fürsten und Staaten zu erwarten, ohne des Beifalls der Menschen zu bedürfen. Früh schon hatte er mit dem Bau des Belvedere begonnen, des fürstlichen großartigen Doppelschlosses im Angesicht de Stadt. Hier, in dem reich und streng gegliederten Park, dessen Bäume und Strauchwerk bald geschlossene schattige Räume bildeten, bald vor festliche offenen Flächen zurücktraten, soll der Bauherr selbst die trockenen Blätter von den Sträuchen entfernt haben. Er liebte die Bäume und Planzen und scheute keine Mühe, sie herbeizuschaffen und zu pflegen; einen Gärtner ließ er in Haarlem ausbilden; noch aus Persien ließ er Pflanzen kommen. Im Jahre der Schlacht vor Belgrad rief er denn Gartendirektor des Kurfürsten von Bayern nach Wien. Und ebenso gerne wie vor seltenen edlen Gewächsen oder den Wasserkünsten verweilte er vor den Käfigen seiner Menagerie; hörte er von in Ostende angelangten Kauffahrern, so fragte er nach fremden Tieren. Die Zeitgenossen wollten von geheimnisvollen Beziehungen zwischen dem Schloßherrn und seinen Tieren wissen; einen Steinadler fütterte er täglich; ein mächtiger Löwe starb mit seinem Herrn, ein Geier hat ihn um fast hundert Jahre überlebt. Eugen ließ die Tiere sogar malen und die Bilder in seinen Schlössern aufhängen.
Er beauftragte die Fischer von Erlach, den Palast in der Himmelpfortgasse zu bauen; Harmonie und Würde, Grazie und Ernst, Stolz und Leichtigkeit des Gebäudes spiegeln den Geist des Bauherrn vielleicht besser, als es Worte vermöchten. Die von den Türken errettete Stadt war den Menschen gleichsam neu geschenkt worden; die Freude am architektonischen Ausbruch des Seins, der Zug beschwingter ausgeglichener Größe, einer belebten harmonischen Majestät der Form waren in den großen Geschlechtern so mächtig geworden, daß der Kaiser in seiner altertümlichen Burg weit hinter ihrer Baulust zurückblieb. Überall in der Stadt und auf dem Lande riefen die Herren die Werkleute an die Arbeit. Eugen ließ in Bellye in Ungarn ein festes, von einem Turme, Wällen und Vorwerken verteidigtes Schloß errichten; er baute in Promontor unter dem Ofener Gebirge an der Donau und legte weite Gärten um das neue Schloß von Ráckeve an; hierher brachte er Steinböcke aus seinem Stammland Savoyen. Aber er wollte auf diesem Schlössern nicht allein, sondern inmitten tüchtiger, zufriedener Menschen leben; so rief er gleich den anderen Herren deutsche Siedler nach Ungarn; er teilte ihnen Saatgut und Land zu und befreite sie von Abgaben und Frondiensten. Auf der Insel Csepel wurde ein Dorf, das in Trümmern gelegen war, neu erbaut; ein anderes Dorf erhielt den Namen des Gründers, und vielleicht war dieser Ruhm ihm teurer als der einer gewonnenen Schlacht, hatte er es auf seinen Zügen doch immer mit Schmerzen gesehen, daß das Landvolk bedrängt, fleißige Arbeit gestört wurde. In seinen späteren Jahren besuchte er die ungarischen Schlösser nicht mehr; so erwarb er Schloßhof und vergrößerte es durch die angrenzende Herrschaft Engelhartstetten; in Schloßhof lebte er am liebsten, obgleich ihm der Kaiser, nachdem Eugen die belgische Statthalterschaft niedergelegt hatte, noch Siebenbrunn schenkte. Der Prinz hatte ein Bedürfnis nach weiten Räumen, langen Fluchten, nach einem großen tätigen Gefolge; er liebte es, Gäste zu empfangen und im Herbst die Jagd in den großen Wäldern aufbrechen zu sehen. Und doch fiel es ihm gewiß nicht schwer, allein zu sein. Er mochte sich dann in die Blder holländischer Meister und vor allem die Schlachtenbilder versenken, die eine große und furchtbare Wirklichkeit in den Bereich der Kunst erhoben und dort verklärten; er hatte eine Freude an sonderbaren Menschengesichtern, die seine Porträtsammlung ihm vergegenwärtigte. Eine höhere Freude bereitete ihm der Prinz von Elboeuf, als er ihm die ersten in Herculanum ausgegrabenen Statuen sandte, oder gar der Papst, der ihm den aus der Tiber wieder erstandenen betenden Knaben geschenkt haben soll.

Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716)

Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716)

Vielleicht noch kostbarer erschien ihm eine Handschrift Leibnizens; es war eine Zusammenstellung der Monadologie, die Leibnitz in seinen Wiener Jahren (1712-1714) eigens für Eugen schrieb; man spottete, daß der Prinz das Manuskript so sorgfältig verwahre wie die Priester zu Neapel das Blut des heiligen Januarius. Leibnitz hatte ihm auch die Denkschrift über eine in Wien zu errichtende Akademie gesandt; es war die große, durch so viele Lebensjahre bewahrte Hoffnung des Philosophen, die diesen noch bewegte, als er zwei Jahre vor seinem Tode Abschied von Wien nahm. Permoser hatte Eugen dargestellt, wie er mit der linken Hand die Tuba der Fama zu verschließen sucht; so auch, als einen Helden, der die Tugend über den Ruhm stelle und strenge Billigkeit über das feile Lob der Schmeichler, feierte ihn Jean Baptiste Rousseau, ein armer umtriebener Dichter, dem sein nicht zu zähmender Witz und der Haß der Neider zum Verhängnis geworden war. Epigramme, deren Autorenschaft er bestritt, trugen dem Dichter die Verbannung aus Frankreich ein; Eugen nahm sich seiner gütig an. Er liebte die klangvollen, streng geformten und bei allem Schwunge klaren, fast nüchternen Verse, die sich in den vertrauten Allegorien, nicht in neuen Bildern bewegten, große Herren und scheinhafte Götter feierten oder auch mit schwerem Gepränge sich zum Lobe Gottes erhoben; um der Dichtkunst willen riet Eugen dem ihn Befragenden von der Geschichtsschreibung ab. Es sei gefährlicher, Geschichte zu schreiben, als zu dichten; wende man sich der Vergangenheit zu, so erreiche man kaum die nötigen Dokumente; schreibe man aber über die Gegenwart, so sei es schwer, es jedermann recht zu machen und nicht zu viel oder zu wenig über Lebende zu sagen. Auch gebe es immer Personen und ganze Nationen, die nicht gefallen würden, so behutsam man sie auch darstellen wollte. Mitten im Kriege, im Lager zu Peterwardein, dachte Eugen an seinen Dichter und sandte ihm einen köstlichen Edelstein; aber des Feldherrn skeptische Bemerkung über die Lebenden schien später von Rousseau selbst bestätigt werden zu sollen. Während Eugen sich bemühte, seinem Schützling in den österreichischen Niederlanden die Stelle eines Hofhistoriographen zu beschaffen, ließ sich Rousseau verleiten, an einer Intrigue teilzunehmen, die in des Prinzen Geschäftsträger in Belgien Eugen und seine Statthalterschaft selbst treffen sollte. „Ich hätte niemals geglaubt, daß Rousseau sich an solchen Umtrieben beteiligen werde“, sagte Eugen, als man ihm davon berichtete. Er empfing Rousseau, da er nach Wien zurückkam und schien es dem Dichter anzurechnen, daß er auch jetzt von seinen Anschlägen nicht lassen wollte. Dem großen Talente zuliebe sah Eugen über die Schwäche des Menschen hinweg, nach seiner Weise die Verdienste freudig ehrend, aber kein Bedürfnis fühlend, die Fehler zu richten. Wurden sie nicht schon dadurch gerichtet, daß man sie sah? Und wie konnte sich ein Dichter in solchem Maße ins Unrecht setzen, daß er erst seinen Gönner feierte und dann ein Schmähgedicht auf ihn schrieb.

Jean-Baptiste Rousseau (1671-1741)

Jean-Baptiste Rousseau (1671-1741)

Was der Umgang wohl meist versagte, das gewährten die Bücher. Er sei hinreichend versehen, sagte Eugen zum englischen Gesandten in der Zeit er Ungnade, da er an die Niederlegung seiner Ämter dachte; die Zeit werde ihm nicht lang werden. Und Rousseau bekannte in einem Briefe, daß in Eugens Bibliothek sich fast kein einziges Werk befinde, das der Eigentümer nicht gelesen oder überflogen habe. Seine Korrespondenten berichteten ihm über Neuerscheinungen; er selbst wählte die Bücher aus, die er aus dem Haag, aus Brüssel, London, Mailand, Rom und Bologna kommen ließ. Die Beauftragten mußten die schönsten und seltensten Ausgaben im größten Format und im besten Druck besorgen. Eugen bemühte sich, seine Anschaffungen gerecht auf die verschiedenen Wissensgebiete zu verteilen; er duldete keine Bevorzugung; die ganze Wirklichkeit der Welt und des Geistes ging ihn an. De Geschichtswerke ließ er in rotes Leder binden, theologische und juristische Schriften in dunkelblaues, naturwissenschaftliche in gelbes; allen wurde sein Wappen in Gold aufgeprägt. So füllte sich die Bibliothek im Belvedere, wo in schönster Ordnung die aus Buchsbaum gefertigten, mit grünem Tuch ausgeschlagenen Schränke standen. Die Atlanten und naturwissenschaftlichen Werke, die Sammlung der Bildnisse berühmter Männer und Frauen, vor allem die philosophischen Werke erlangten vielleicht doch ein gewisses Übergewicht, wenngleich die griechischen Dichter in lateinischer Sprache, die Werke Miltons und Kostbarkeiten des Mittelalters wie des guten Königs René Roman vom liebebefangenen Herzen und eine Straßenkarte des römischen Reiches aus dem 13. Jahrhundert nicht fehlten. Prinz Eugen stand unabhängig zwischen den geistigen Bezirken, seiner Zeit nah und fern. Er verabscheute den Zwang in Religion, aber er hatte nicht dieselbe Freude wie viele seiner Zeitgenossen an Volataires Werken. In einem der drei Säle war der Kamin mit dem Bilde eines Philosophen geschmückt, der die Weltkugel maß; dieses Bild sprach den Geist aus, der in der Sammlung wie im ganzen Hause waltete.
Vielleicht hätte der Schloßherr in seinem täglichen Leben den Satz Pascals nicht zu fürchten brauchen, daß die Tugend eines Menschen nicht an seinen großen Unternehmungen gemessen werden sollte, sondern an dem, was er für gewöhnlich tue. Aber der Ruhestand, mit dem er sich wohl hätte abfinden können, war ihm so wenig vergönnt, wie er ihn wünschte. Die Gegner mochten ihn nicht zu verdrängen; Ungnade lähmte ihn nicht; sein mächtiges Wirken durchdrang in den folgenden Jahren das ganze Leben der kaiserlichen Staaten, das Spiel der großen Mächte, die nach dem Erbfolgekrieg für eine Weile dem Krieg entsagten und sich mit den Waffen der Diplomatie genügten. Als Präsident des Hofkriegsrates reinigte Eugen nach den im Kriege gewonnenen Erfahrungen, vor allem aber aus dem Geiste, in dem er den Krieg geführt, die Verfassung des Heeres; ohne sich vor berühmten Namen zu scheuen, bekämpfte er mit Entschiedenheit das Protektionswesen und die Käuflichkeit der Stellen, wie er es schon unter Joseph I. getan. Mit seinem eigenen Dragonerregiment suchte er ein Beispiel strenger Zucht zu geben; so beharrlich er auf die Vervollkommnung der Streitmacht, auf ihre ständige Kriegsbereitschaft bedacht war, so wenig wollte er es zulassen, daß das Heer im Kriege oder im Frieden das Volk bedrückte. Niemals verzieh er es dem Feldmarschall Heister, daß er in Ungarn durch rohe Kriegsführung die Menschen zur Verzweiflung getrieben hatte. Es sollte eine Ehre sein dem Kaiser zu dienen. Nun gelang auch die festeste Verbindung der österreichischen Länder mit Ungarn: der ungarische Reichstag erkannte das gemeinsame Heer als eine gesetzliche Einrichtung an (1715) und ließ es zu, daß die in Ungarn stehenden Formationen zu einem Teil von Deutschen ausgebildet wurden.
Noch immer stieg die Macht des Kaisers. Als Philipp V. von Spanien den Versuch machte, die verlorenen italienischen Länder wieder zu gewinnen, und eine Flotte gegen Sardinien sandte, stieß er auf einen Vierbund der Großmächte; Karl VI. legte den so lange eigensinnig bewahrten spanischen Königstitel nieder und tauschte vom Herog von Savoyen Sizilien für das karge Sardinien ein. Aber um dieselbe Zeit war das Haus Habsburg von seinem Erlöschen bedroht; der Kaiser mußte um die Anerkennung der Erbfolge seiner Tochter ringen und sollte sie mit schweren Opfern erkaufen. Es war die große politische Aufgabe der dem Kriege folgenden Jahrzehnte, die alle Entschlüsse beeinflußte, alle Erfolge beschattete, alles Streben fesselte. Letzte Höhe und Gnade des Kaiserhauses waren zu gleicher Zeit erreicht. Dem Zerwürfnis mit Spanien folgte gegen den Rat Eugens ein Bündnis; als England, Frankreich, Holland und Preußen sich zu einer großen Allianz zusammenschlossen, schien der Krieg loszubrechen. Aber Friedrich Wilhelm von Preußen fühlte sich in seiner Allianz mit Frankreich und England nicht wohl; noch immer lebte in ihm eine gewisse Neigung zum Kaiser und Kaisertum, und er wollte sie nicht aus seinem Herzen tilgen; sie mochte ihm aus fernen Zeiten der deutschen Geschichte vererbt worden sein. Die Bindung an Kaiser und Reich und leidenschaftliches, rücksichtsloses Trachten nach der Erhöhung der preußischen Krone bekämpften sich in seiner ebenso mächtigen wie zwiespältigen Natur. Es bedurfte der Hilfe des Kaisers in Sachen der pfalz-neuburgischen Erbschaft; gegen die Zusicherung seiner Ansprüche auf Berg und Ravenstein erkannte er die Pragmatische Sanktion – die weibliche Erbfolge im Kaiserhause und die Unteilbarkeit der kaiserlichen Länder – an. Wenige Jahre waren vergangen, seit der argwöhnische König, von einem Betrüger verleitet, es für möglich gehalten hatte, daß Eugen sich an einem niedrigen Komplott gegen ihn beteilige. „Ich bin zwar kein König von Preußen“, hatte Eugen damals dem sächsischen Feldmarschall Grafen Flemming erklärt, „aber es gibt niemand, vor dem ich zurückstehe an Lebhaftigkeit des Ehrgefühls. Ich bin nicht der Mann, in anderer Weise als an der Spitze eiens Heeres und auf Befehl des Kaisers gegen Preußen anzutreten.“ Nun, nachdem das Bündnis von Wusterhausen geschlossen war, sprach Eugen, alles Persönliche vergessend und überwindend, frei von der Leidenschaft, die so oft die Könige erniedrigte, seine Freude über das Einverstängnis aus. Er hätte sich schon lange gewünscht, sich dem König gefällig zu erweisen. Aber seine Majestät werde einsehen, daß dieses bisher nicht habe geschehen können, „so lane sie sich nicht allzu patriotisch geäußert haben“. Nicht einen Augenblick vergaß Eugen die Gefahr, die dem Kaiser von Preußen drohte; scharf hatte er Friedrich Wilhelm beobachtet, nicht minder scharf beobachtete er den Kronprinzen. Er hielt es für „Falschheit“, daß Friedrich sich im Jhre 1731 bereit erklärte, um Maria Theresia zu werben, zugleich aber für ein Zeichen dafür, daß der junge Herr sich mit großen Plänen trage. Drei Jahre später stand Friedrich im polnischen Erbfolgekrieg unter Eugen am Rhein; das Glück wollte damals den greisen Feldherrn verlassen. Nur langsam hatte sein Heer, von Heilbronn heranziehend, Bruchsal erreicht. Die Hoffnung auf eine große Schlacht mußte man aufgeben: vergeblich versuchte der Prinz, wenigstens die Festung Philippsburg zu retten; man wollte den Rhein in das französische Lager leiten, aber as Wasser fiel plötzlich, so war alle Mühe umsonst. Doch Eugens Blick für Menschen war scharf geblieben; je schlechter es um die Sache des Kaisers stand, dessen Heere nun auch in Italien ein Mißgeschick nach dem anderen erlitten, in der Lombardei von dem achtzigjährigen Marschall Villars geschlagen wurden und halb Neapel und Sizilien an die Spanier verloren, um so wichtiger war es, den Kronprinzen von Preußen zu gewinnen, gerade weil er so gefährlich war. Eugen fühlte den Zauber des jungen Prinzen, „welcher sich dereinst mehr Freunde als sein Vater in der Welt machen und ebenso viel Schlimmes als Gutes wird tun können.“
Welche Versuchung, sich den alten, schon krankenden Feldherrn und den jungen Fürsten vorzustellen vor dem vom Mißgeschick beschatteten Kriegslager am Oberrhein, den berühmten Kriegshelden, dem die eigene Kraft wie die Welt die Tat nicht mehr zugestehen will und den von Ehrgeiz verzehrten, schon furchtbar erfahrenen Jüngling, dem vielleicht morgen schon die Tat gelingt! (Daß auch sie ihn wieder einfordern, daß die erste Tat ihn vielleicht das ganze Leben kosten wird – wie soll er as ahnen!) Sie stehen zwischen ihren Stunden, und wenigstens Eugen mag das spüren, der andere hoffen. Aber wie oft man sie auch später vergleichen und darauf hinweisen mochte, daß der Kronprinz Eugens Erbe gewesen sei und auch die Symbole des äußeren Lebens dafür zu sprechen schienen – Sanssouci spiegle das Belvedere und der betende Knabe aus dem Tiber wurde in er Tat aus dem Belvedere nach Sanssouci gebracht – so verschieden waren sie doch: Eugen glaubte, Friedrichs inneres Leben war die Tragödie des Nichtglaubenkönnens. Eugen war einfach, aber erleuchtet, Friedrich von skeptischer Genialität. Eugens Seele war uhig, die Seele Friedrichs in furchtbarer Bewegung; seine gewaltige, beharrliche Willenskraft bewis sich gerade an der Gefahr, täglich ein anderer zu sein. Wie sie verwandt waren in der Anlage zum raschen Entschluß und im Bedürfnis ihrer Naturen, das ganze Dasein auf den einmal gefaßten Entschluß zu werfen, so waren sie einander nah im Sinn für die Wirklichkeit, für die objektive Gegebenheit der Welt, einem Sinn, der sie unter den Deutschen zu einsamen Gestalten macht. Aber zu dieser Wirklichkeit gehörte für Eugen die Ehrfurcht vor der Krone des Kaisers; Friedrich kannte diese Ehrfurcht nicht mehr; außerhalb ihrer Grenzen diente er dem Gebot der eigenen Krone, doch ohne an das Heilige der Krone und an ihre unbedingte Geltung zu glauben. Friedrich kannte seinen Dämon, ließ sich von ihm fortreißen und widersetzte sich ihm zur rechten Zeit – dies war es vielleicht, wa ihn ihm tiefsten Grunde zum Einzigen machte; von Eugen wissen wir nict, ob er einem Dämon begegnet ist. Er gehorchte dem Auftrag des Reiches; Eugens Kraft war der Glaube an sein Recht, seine tiefe Übereinstimmung mit dem Vermächtnis, das er verteidigte.

Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688-1740)

Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1688-1740)

Aber da es nicht gelungen war, den künftigen Gegner einzuschränken, so riet Eugen zum Bündnis mit Preußen. Gewähren lassen durfte der Kaiser den gefährlichen Nachbarn nicht; er mußte ihn entweder entschlossen bekämpfen oder zum Freunde haben. Rußland sollte der dritte Verbündete sein. An den Einsichten, die Eugen während des Krieges geleitet hatten, hielt er in der Politik der Friedensjahre fest; das alte Land des Reiches links des Rheins schien ihm erstrebenswerter als italienische Heerrschaften, Bayern wichtiger als Belgien; ihm stan eine geschlossene, stets geordnete Macht vor Augen, auf der die Krone sicher ruhte. Von des Kaisers liebster Unternehmung, der ostindischen Handelsgesellschaft, versprach sich sein Wirklichkeitssinn nichts; endlich mußte Karl die Gesellschaft der Anerkennung der Pragmatischen Sanktion durch England opfern. Vergeblich hatte Eugen, mit dem Herzen immer an seinem Hause und dem Geschick des savoyischen Landes hängend, verflucht, ein neues Einvernehmen zwischen Savoyen und dem Kaiser begründen. Als Victor Amadeus plötzlich der Macht überdrüssig wurde, die er in verzehrender Leidenschaft ebenso klug wie rücksichtslos aufgebaut hatte, und die endlich errungene Königskrone in die Hände des Sohnes Karl Emanuel legte – er verzichtete, ohne verzichten zu können und sollte es bitter bereuen – hoffte Eugen aufs neue, die „beiden Staaten vollkommen geeint zu sehen“. Doch der Sieger von Turin widerrief seinen Verzicht; eine Königstragödie, die vielleicht ohne Beispiel ist, geschah zwischen Vater und Sohn. Unter allen, die den tragischen Schauplatz jener Jahre betraten, hat wohl niemand die Fragwürdigkeit der an das Irdische gefesselten Macht so tief erfahren wie der erste König des Hauses Savoyen. Während aber Karl Emanuel mit dem Vater um die Krone kämpfen mußte, die dieser ihm übergeben hatte, blieb er der Politik des Vaters treu: sie erschien ihm als das Gesetz seiner Macht. So scheiterten Eugens Hoffnungen auf ein Einverständnis mit Savoyen noch einmal. Um dieselbe Zeit, daß kaiserliche Hilfstruppen auf dem Marsche waren, die dem König gegen Frankreich beistehen sollten, erklärte Emanuel dem Kaiser den Krieg. Eugen wurde auf das schmerzlichste, als „Prinz des Hauses Savoyen“, von dieser Wendung getroffen.
Noch im Lager zu Bruchsal, ein Jahr vor seinem Tode, vertrag der Reichsfeldherr in seiner letzten Denkschrift seinen alten Lieblingsgedanken, die Vereinigung Bayerns mit Österreichs; die Erzherzogin Maria Theresia sollte sich mit dem bayrischen Kronprinzen, nicht mit Franz von Lothringen vermählen. Aber Karl VI. wünschte die Verbindung mit dem lothringischen Hause; die junge Fürstin folgte ihrem Herzen. Und wer könnte sagen, daß sie damit Unrecht getan habe, war es doch später in dem furchtbaren Kampfe um ihr Erbe, das auch das Erbe Eugens war, gerade die Kraft des Herzens, unter der sich ihre höchsten Eigenschaften entfalteten! Vielleicht konnte ise, anders als ihre Gegner, nur mi der „erlaubten Liebe“ im Herzen herrschen, nur als glückliche Frau die Not der Geschichte bestehen, ihre Völker zu verbinden; so hohen Geistes sie war, so sollte sie doch mächtig werden durch die Liebe und ihre allverbindende, ordnende Kraft, und vielleicht hätte sich das Einmalige ihrer Herrschaft, das Menschliche, nicht vollendet, wenn das Menschentum in ihr selbst gebrochen wäre.
Eugen hatte den Krieg um die polnische Thronfrage widerraten, der Kaiser sich dennoch entschlossen, im Bündnis mit Rußland und Preußen August III. von Sachsen gegen Stanislaus Leszczyński, den Kandidaten Frankreichs, zu stützen; der Preis war die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion durch den Kurfürsten. Nach dem Unglück des ersten Feldzugs am Rhein reiste Eugen im folgenden Jahre (1735) nur mit größtem Widerstreben zum Heere; der Husten verließ ihn nicht mehr, so schwer war ihm schon das Sprechen gefallen, daß der Kaiser auf die Unterredung verzichet und Eugens Rat schriftlich eingeholt hatte. Wider stritten sich im Lager zu Bruchsal die Generäle und Fürsten der Hilfstruppen, litten die Kaiserlichen Mangel, war der Feind bedeutend überlegen.Karl VI. hatte dem Prinzen zwei Dinge ans Herz gelegt: eine Schlacht zu liefern und für seine Gesundheit zu sorgen. Aber der Feind stand jenseits des Rheins; Eugen hielt es für zu gefährlich, den Strom zu überschreiten. Es war fast schon Herbst, da der Prinz im Lager bei Heidelberg die russischen Hilfstruppen bewundern konnte. Aber auf den Beistand der Seemächte war keine Hoffnung mehr; noch einmal stellte Eugen von seinem Hauptquartier aus dem Kaiser die ganze Gefährlichkeit seiner Lage vor: „Sollte es Frankreich gelingen, wie es auf alle Weise zu tun sucht und ihm zu erreichen nicht allzuviel Mühe kosten wird, Bayern, Sachsen und Preußen zu vereinigen, so ist für die Zukunft fast nichts gewisser, als daß die Erblande gänzlich zergliedert oder wenigstens völlig verheert und der Schauplatz eines furchtbaren Krieges sein werden.“ Die deutschen Erblande seien fast unbewehrt, Ungarn und Böhmen zum Aufstand immer leicht zu erregen. Wieder sprach Eugen die furchtbare Sprache der Wahrheit, der er während seines ganzen Lebens die Treue gehalten: „Mir thut es im innersten Herzen weh, Eurer Majestät so unangenehme Dinge vorstellen zu müssen. Da aber Allerhöchstdieselben so gemessen mir anbefehlen, meine Meinung über Alles und Jedes klar und deutlich auszusprechen, so werde ich dieselbe so wie sie in meiner gewissenhaften Anschauung begründet ist, hier kundthun. Eure Majestät aber werden es als ein Kennzeichen meines pflichtmäßigen Eifers ansehen, welchen ich ohne irgendeine Nebenabsicht von Jugend auf für Ihr allerdurchlauchtigstes Haus gehabt habe und bis in mein Grab unverbrüchlich festhalten werde.“
Im tiefsten Geheimnis erklärte sich Frankreich zum Frieden bereit; Eugen drängte zum Abschluß. Nun zeigten sich die ersten Risse in dem großen Staatsgefüge, das er hatte errichten helfen: Neapel und Sizilien gingen verloren. Aber der Kaiser erwarb dafür Parma und Piacenza und vor allem die Anerkennung der Pragmatischen Sanktion; die Vermählung Maria Theresias mit Franz von Lothringen ward beschlossen; sie sollte mit einem seltsamen Ländertausch bezahlt werden. Der junge Herzog mußte sich zu seinem Schmerze von den Ländern seiner Väter, den Herzogtümern Lothringen und Bar trennen und sie dem einstigen Polenkönig Stanislaus Leszczyński, dem Schwiegervater Ludwigs XV. überlassen; das Land Toskana, das Erbe des erloschenen Mediceerhauses, sollte ihn dafür entschädigen. So löste sich Lothringen vom Reich und ging in den Machtbezirk des französischen Königs über, während sich das Kaiserhaus noch stärker auf Italien stützte.
Zwei Tage nachdem die Präliminarien unterzeichnet waren, reiste Eugen nach Wien zurück; er war so erschöpft, daß er die vielen Fragen nicht mehr mit eigener Hand beantworten konnte. Kal VI. fühlte, was er verlieren sollte; mehr denn je suchte er den stärkenden Rat des Prinzen. Nun riet Eugen selbst, die Vermählung der Erzherzogin mit Franz von Lothringen nicht hinauszuzögern die Ungewißheit mußte beseitigt werden; die Erbländer bedurften der Ruhe; die Völker sollen die künftigen Herrscher sehen. So wurde der Bund der Liebe geschlossen, auf dem die Verheißung eines großen, noch ferne Zeit durchdringenden Segens ruhte. Es geschah unter der Zustimmung, wenn auch nicht in der Gegenwart des Reichsfeldherrn, der schon zu schwach war, als daß er an den Feiern hätte teilnehmen können. In die Hand einer Frau war das Werk des Prinzen Eugen gegeben; er ahnte den Kampf, der ihr bevorstand, er kannte die Gegner. Und vielleicht fühlte er, der so tief in die Herzen der Menschen blickte, auch Trost und Zuversicht: die Krone, der er diente, würde über allen Kämpfen ihren Ruhm, ihre Hoheit bewahren als das höchste weltliche Zeichen der Geschichte.

Reichskrone

Reichskrone

Aber auch ein Trost anderer Art war ihm beschieden. Er pflegte keinen Feldzug anzutreten ohne geistliche Vorbereitung; auch jetzt, in den Tagen der Krankheit, empfing er das Sakrament. So schweigsam er war, so hatte er seinen Unwillen gegen die Übertretung der göttlichen Gesetze, gegen die Lehren abgefallener Geister nie verhehlt; wer von göttlichen Dingen zu ihm sprach, blieb nicht ohne Antwort, ohne die Zustimmung eines gläubigen Herzens. – Eine gewisse Heiterkeit seines Wesens blieb ungetrübt; als es Frühjahr wurde, hoffte er wieder zu genesen; er empfing wieder Gäste. Wie er es immer getan, ging er den Ankommenden entgegen, begleitete er die sich Verabschiedenden zur Tür. Nach seiner Gewohnheit fuhr er am Abend zum Hause der Gräfin Batthyány. Es waren die letzen Stunden edler, durch lange Jahre bewahrter Freundschaft. Die einzige Frau, der Eugen vertraut haben mag, erwies sich vor der Nachwelt seines Vertrauens würdig durch ihr Schweigen. Er kehrte an jenem Abend früh zurück. Das Medikament, das ihm der Kammerdiener bot, lehnte er ab. Am Morgen fanden ihn seine Leute leblos, wie schlafend; sein Körper war ruhig ausgestreckt, Friede lag auf seinen Zügen. Ein sanfter Tod hat ihm die Macht genommen, die für ihn nur Amt gewesen ist.
Vielleicht hatte Eugen in dieser Zeit niemanden mehr, den er liebte; in enger Beziehung stand er zum Kaiser, aber Karl VI. war sein „Herr“ und wohl weniger zugänglich als es der väterliche Leopold, der tatkräftige Joseph gewesen war; Eugens Brüder waren alle gestorben, seine Nichte Viktoria, die Tochter seines Bruders Thomas Ludwig, die als Erbin anerkannt wurde, ließ seine Medaillen und Bilder und selbst das Bildnis Kaiser Kosephs I. und den Ehrendegen der Königin von England verkaufen. Schwerlich kann die Geselligkeit seiner Lebensform darüber täuschen, wie einsam er war. Seine geistige Heimat war fern auf seinem italienischen Feldzug, zwischen Höchstädt und Turin, bat er den Kaiser Joseph, es zu entschuldigen, daß er nicht eigenhändig schreibe, „zumahlen bekanntermaßen auf Teitsch zu schreiben Ich nit versieret bin.“ Der Zwiespalt zwischen seinem Stamme und dem Kaiserhause, an dem er tief gelitten haben mag, wurde noch am Toten offenbar; unter hohen Ehren begrub man seinen Leib im Stephansdom, das Herz sandte man nach Turin.

Im Stephansdom zu Wien

Im Stephansdom zu Wien

Er war die grande âme, die große Seele einer schon geschwundenen Zeit: jene Seele, deren beherrschtes Leid die französischen Tragiker ausgesprochen haben: seine Persönlichkeit war so stark, daß er wesentlich im Unpersönlichen lebte. Selten ist es der Nachwelt gelungen, ihm ganz gerecht zu werden, so wenig sie es auch an Lob und Verehrung fehlen ließ; wer versucht, ihn zu erfassen, wird nur zu bald die eigene Unzulänglichkeit spüren. Verstanden wurde er vielleicht nur vom Volk, das ihn als den edlen Ritter feierte, der mit den Ungläubigen kämpfte und ihn als Erretter aus der Türkennot nicht vergißt; es sah das Reine und Kühne in ihm, so wie es auch, unbekümmert um die äußere Wirklichkeit, in „Marlbruck“ das unbedingt Heldische sah und rühmte, das im Leben nicht ungetrübt erschien. Der Ritter lebte nicht nur für sich selbst. Auch die heiße Lust der Tat, des Kriegstanzes, die Wucht und Schnelligkeit des Handelns dröhnen in dem Volksliede fort; doch verhallt es nicht im Jubel, sondern in Schmerz. Denn erst vor Belgrad läßt das Volk den edlen Ritter seinen jungen Bruder Ludwig verlieren, der doch schon vor mehr als dreißig Jahren zur Zeit des Türkensturms auf Wien gefallen war; vielleicht fühlte das Volk, das so gerne das Herz hinter den Taten sucht, daß Eugen einen Menschen geliebt haben muß und daß dieser Einzige nur sein Bruder sein konnte. So mischen sich in die kühnen kriegerischen Klänge die dumpfen der Trauer, und mit ihnen endete das Lied als wollen es sagen: es war eine heiße Liebe und ein großer Schmerz im Leben des Helden, und einmal durften sie zu ihrem Rechte kommen, als die Heiden geschlagen wurden und die furchtbare Not jener Zeit abgewendet war:

Prinz Ludewig, der mußt aufgeben
seinen Geist und junges Leben,
ward getroffen von dem Blei.
Prinz Eugen war sehr betrübet,
weil er ihn so sehr geliebet
ließ ihn bring’n nach Peterwardein.

Quelle: Weisse Blätter, Ausgabe März/April 1942
Erstmals erschienen in „Herrscher und Heilige“, Reinhold Schneider, 1904, Bei Jakob Hegner in Köln & Olten