Von Reinhold Schneider

Die erschreckenden Gerüchte, die am vergangenen Abend noch den Herzog erreicht hatten, bestimmten ihn doch nicht, seine Reise abzubrechen: im Hause des Amtsmanns, der einem seiner abseitigsten, im Thüringer Walde versteckt liegenden Ämter vorstand, hatte der Landesherr, nachdem er, wie es seine Gewohnheit war, zwei der vier brennenden Kerzen ausgelöscht, den aus Gotha gesandten Bericht seines getreuen Kanzlers Avemann durgelesen, aus dem zum erstenmal, ebenso plötzlich wie furchtbar, das Gesicht gegen das Reich heranstürmender Türkenheere aufstieg. Zwar hatte Avemann nur von Gerüchten geschrieben: aber er war zu gewissenhaft, als daß er leeres Gerede wiedergegeben oder ein überprüftes Gerücht verschwiegen hätte; das nach dem Dreißigjährigen Kriege völlig erschöpfte Reich, in dem auch die in langen Erfahrungen geschulte kaiserliche Militärmacht nur ein geringes Ansehen behauptete, mußte als eine leicht zu erringende Beute vor den Angreifern liegen; und waren erst die kaiserlichen Lande überrannt, so lag Deutschland, von den Händen unzähliger Herren und Gewalthaber zerfetzt, durch den Glaubenszwist bis ins Innerste zerspalten, wehrlos da, und ein Elend, vor dem das Grauen der eben abgezogenen dreißig Jahre vielleicht noch als ein glücklicher Zustand erscheinen konnte, mußte heraufziehen. Aber es war eben diese Erwägung, daß dann nicht nur Leib und Leben und alles ererbte Gut, auch nicht das Bekenntnis, sondern der Glaube an Christus selbst untergehen würde, die den Herzog wieder mit Vertrauen erfüllte; er konnte nicht glauben, daß Gott diese Vernichtung des Heils geschehen lassen und dem Leben selbst und dem gebrachen entsetzlichen Opfern ihren Sinn nehmen würde. Also hatte er am Morgen getröstet das Haus des Amtsmanns verlassen: sollten die ersten Gerüchte sich bestätigen, so mußten alle erdenklichen Abwehrmaßnahmen unverzüglich ergriffen werden, ob auch der Türke erst gegen die ungarische Grenze störmen mochte; bis zum Eintreffen neuer Nachrichten blieb vielleicht noch ein Tag; und da der Herzog höchst ungern einen seiner lang durchdachten Pläne durchbrach, so entschloß er sich, das letzte Dorf, das für die Inspektionsreise vorgesehen war, noch zu besichtigen, und am Abend, oder in der Nacht, früher als er es sich vorgenommen, in Gotha zu sein, wohin der Befehl an den Kanzler ergangen war, den Herrn auch zu spätester Stunde im Schloß zu erwarten.

Ernst der Fromme (1601-1675)

Ernst der Fromme (1601-1675)

Der Wagen streifte an den Tannen hin, deren schwere Äste auf das Dach schlugen; aber Herzog Ernst sah nicht hinaus auf die fliehenden, zuweilen von der Sonne durchblitzten Stämme seines Waldes; er lauschte tief in sich hinein, um das Wort Gottes zu erfassen, das der ihm gegenübersitzende Sekretär vorlas. Erst als auf dem Wagendach ein Trommeln und Poltern begann, weil das Gefährt den Wald verlassen hatte und nun an den mit Obstbäumen bestandenen Wiesen hinfuhr, sah der Herzog auf; die Stämme waren alle gleichen Alters, so jung wie der Frieden, der seit einem Dutzend Jahren erst aus der Ebene in den Wald heraufgekommen war, wo die verwilderten Bauern und herumstreifenden Banden noch nicht an ihn glauben wollten. Das Dorf konnte nicht mehr weit sein, aber es war dem Herzog, der erst zu einer bestimmten Stunde dort sein wollte, zu früh: also ließ er den Wagen halten und trag hinaus auf die taufrische Wiese. Wie er es zuweilen liebte, sich auf den Inselberg, den höchsten Berg seines Landes hinauffahren zu lassen, um dort oben, vielleicht noch dankbarer und inniger als unten in seiner Kapelle, dem Herrn zu danken für seine Schöpfung und die evangelische Erneuerung seines Worts: so kam ihn auch jetzt, auf dem Wiesenrand, diese Dankbarkeit an; der Wald senkte sich und stieg zur Rechten, umzog unten die Wiese und wellte breit in die Ebene hinaus, wo die Turmdächer der Städte ungewiß blitzten und schimmerten; zur Linken fiel die Wiese ab in ein Tal, in dem sich die wiedererstandenen Häuser des Dorfes zusammenfanden; denn was sonst noch gestanden war auf den Talhängen, das hatte nur Steine und überwachsene Brandstätten zurückgelassen. In dem Fürsten aber war der Groll nicht, der ihn sonst so ergriff, wenn er in tiefstem Gottesfrieden auf die Spuren des alles vernichtenden Krieges steiß; er ging, auf seinen Stock gestützt, den breiten runden Hut auf dem Kopfe, unter den Obstbäumen hin, sich an den reifenden Früchten zu erfreuen, und langsam dem Waldrand zu, um zu sehen, ob es dort etwa Brombeeren und Heidelbeeren gäbe, die den Leuten in schlimmen Zeiten einen Dienst tun könnten: da sah er, in einer nahen Lichtung, dunkle Tollkirschen lustig schaukeln; er schritt darauf zu, knickte mit ein paar harten Griffen den Stamm, trat ihn nieder und verschonte nur ein Zweiglein, das er sorgsam in seine Tasche steckte. Auf dem Rückweg leuchtete vor ihm der Ehrenpreis aus den Halmen, und der Herzog gönnte ihm einen Platz an seinem Hut: freilich nahm er auch ihn, ebenso wie die Tollkirsche, nicht ohne Absicht mit; dann stieg der Herr wieder in den Wagen, den er langsam ins Dorf hinunterfahren ließ.

Schlacht bei Lützen (Nov. 1632)

Schlacht bei Lützen (Nov. 1632)

Nun war er in den letzten Tagen durch viele Dörfer gekommen, und er hatte mehr Kummer als Freude in ihnen gehabt; denn er hatte gesehen, wie die Menschen sich zum Gottesdienst versammelten, ohne daß eine Glocke sie rief, weil dem Turme gleichsam die Zunge ausgerissen war, oder weil kein Turm und selbst keine Kirche mehr stand; und es war ihm noch dieselbe Verzweiflung in den Gesichtern begegnet, die er in jüngeren Jahren auf seinen Kriegszügen angetroffen hatte: damals, da er zum Lech zog gegen Tilly, oder, in den letzten Tagen des großen nordischen Königs, da er mit hinab ritt in das Todeswetter von Lützen. Vor dieser Verzweiflung war die Erde nichts, aber ebenso auch der Himmel; und die Obrigkeit, ob sie nun drohte und strafte, oder versöhnen wollte, konnte ihr nicht gebieten. Er hatte nach dem Schulzimmer gefragt und war in einen Raum gewiesen worden, wo in der einen Ecke die magern Ziegen des Lehrers standen, in der andern sein Weib über qualmigem Feuer wirtschaftete, in der dritten der Lehrer ein paar schmutzige Kinder versammelt hatte, die er mit dem Stock in Respekt hielt, ohne daß er ihnen etwas beizubringen wußte; oder der Herzog, den man nicht kannte und vor dessen Namen die Leute in blinden Schreck verfielen, mußte den Schulmeister erst aus dem Walde holen lassen, wo dieser Holz zusammensuchte, oder aus einer Scheune, wo er für ein paar Pfenninge Knechtsarbeit tat. Als der Landesherr aber nun an den ersten Fachwerkhäusern vorüberfuhr, schien es ihm, daß hier ein besserer Geist zu Hause sei; selbst ein paar Heckenrosen wollten wieder aufkommen in den Gärten, und in einem Stalle, dessen Tür offen stand, wandte sich eine Kuh langsam nach dem ungewohnten Räderrasseln um. Ehe noch die Dorfstraße auslief in den Kirchplatz, verließ der Herr den Wagen; es war eben acht Uhr, die vorgesehene Zeit, freilich brachte die Turmuhr die Schläge nicht mehr zusammen: sie versuchte sich viermal, unter schwerem Atemholen, und blieb dann stecken, da kam aus einem reinlichen Hause gegenüber der Kirche frommer Kindergesang, und Herzog Ernst wußte nun, wohin er zu gehen hatte. Zwar blieb er auf der Haustreppe stehen, den Gesang anzuhören: es war dasselbe Lied, das diesen Morgen eine Stunde früher die kleinen Prinzen und Prinzessinen gesungen haben mochten im Schloß zu Gotha: „Christ, der du bist der helle Tag“; und der Vater meinte fast die Stimmen seiner eigenen Kinder zu hören, so daß er auch den zweiten Gesang noch abwartete; dann, als sich die fragende Stimme des Lehrers erhob, trat er ein.

Nun konnten die Kinder freilich nicht wissen, er der Mann im grauen Rocke war, der da plötzlich vor ihnen stand; sie saßen, sorgfältig in drei Reihen abgeteilt, auf den Bänken, die kleinen Hände im Schoß, und sahen ihn verwundert und furchtsam an; vor ihnen aber, auf einem alten Krankenstuhl zur Seite der Tafel, suchte sich der Schulmeister, ein ausgezehrter Mann, aus den Decken aufzurichten, in die er sich gewickelt hatte. Da trat der Herr, den das Bild dieser Ordnung erschütterte, zu dem Kranken und drückte ihn wieder leise nieder auf seinen Sit; und da über dem grauen Kopf des Lehrers ein fleckiger Kupferstich an der Wand hing, der, vielleicht aus irgendeinem verschollenem Buche stammend, den Landesherrn darstellte, so erkannten die Kinder mit einem Male, daß dieses ferne fremde Bild einem lebendigen Menschen glich; denn es waren die starken, wie von einer immerwährenden Behutsamkeit und Vorsicht hochgezogenen Brauen, die tiefen Linien auf der Stirn und um den Mund, die eingesunkenen Wangen, langen niederfallenden Haar und der spitze Kinnbart: alle die Merkmale, die sie so lange fast ungläubig betrachtet; und so mußte es auch wahr sein, was der Lehrer erzählt hatte von dem Herzog, der sich ein unermeßlich großes Schloß erbaut hatte in Gotha und doch nicht dort oben blieb in den weiten Sälen und Gemächern, sondern wie ein einfacher Mann ohne sich zu schonen durch das Land reiste und jeden Tag eintreten konnte durch die Tür. – Sie sollten aufstehen, denn ihr gnädiger Herzog sei gekommen, rief ihnen der Lehrer zu; und als sie nun noch ein Lied anstimmten zum Lobe Gottes, sang der Fürst, neben dem Stuhle des Lehrers stehend, kräftig mit; dann setzte er sich an das Ende einer leeren Bank und bat, die Kinder zu fragen; er wolle nur ein Zuhörer, oder auch ein Lernender sein. Da hörte er denn die Kleinsten die Reimgebetlein sprechen: sie taten es hastig und achteten mehr auf den klingenden Zusammenschluß der Reimworte als auf die Bitte selbst, denn sie wußten noch nicht viel vorzubringen vor dem Herrn; doch kannten sie alle die Sprüche, die der Herzog mit seinen getreuen Helfern ausgewählt und hatte aufsetzen lassen. Die Mittleren sprachen die Psalmen und trugen die Schöpfungsgeschichte zusammen; die Obern antworteten auf die Fragen, die der Katechismus verzeihnete und hielten selbst, als das Rechnen begann, im Kreuzfeuer des Hinzutuns und Abziehens, des Vermehrens und Teilens tapfer stand; indessen saß der Herzog, zuweilen den Lehrer ermunternd, oder auch einem Kinde zunickend, wenn es diesem die Stimme verschlagen wollte, sinnend da; dann begann er selber zu fragen, nahm das Zweiglein aus der Tasche und hatte die Freude, daß die Kinder die Tollkirsche wohl erkannten; den Namen des Ehrenpreis wußten sie freilich nicht; und als er sie nach den Metallen fragte, daß wußten sie wohl von Silber und Gold, aber nur wenige hatten eine Vorstellung davon. Also nahm er ein silbernes und ein goldenes Kettchen hervor, ließ sie in der Sonne glitzern und blitzen, so daß die Kinder selbst den Respekt vergaßen und in ihrem Staunen herandrängten; dann gab er die Kettchen dem Lehrer hinüber: sie sollten künftig in der Schule bleiben, damit die Kinder das Echte vom Falschen unterscheiden lernten: so wie sie auch unterscheiden sollten zwischen dem echten Wort des Herrn und dem falschen und leeren der Welt; dabei warf er einen Dukaten hin, der wie Blech klang und aus den unseligen Zeiten stammten, da die Wucherer das Geld verdarben im ganzen Vaterlande, nicht anders wie die falschen Propheten die reine Lehre Christi; und er legte einen echten Dukaten daneben und ließ sie beide auf der Tischplatte springen: den falschen, der nicht aufhören wollte zu tanzen, und den echten, der bald ruhig lag, so daß ein goldener Schein an der Decke stand. Er fragte auch, wieviel Taler einen Dukaten machten und zählte, als die richtige Antwort erfolgte, die Stücke daneben; wandte sich dann den Obern zu und stellte ihnen die schwere Frage, wieviel mal der Umfang des Kreises größer sei als sein Durchschnitt. Darauf wußten sie nun keinen Rat, und als der Schulmeister, der vielleicht schon befürchten mochte, daß der Herzog auch ihm die richtige Antwort nicht zutraute, mit einer umständlichen Erläuterung nach gelehrten alten Büchern begann, nahm der Herzog lächelnd seinen runden Hut, ließ einen Knaben mit einer Schnur von Rand zu Rand über die Mitte messen udn dieses Stück dann um den Hutrand legen: so daß alles sahen, wie die Länge des Durchschnitts dreimal angelegt werden mußte, um den Umfang zu füllen.

Wie nun das Scheiben beginnen sollte, da zeigte es sich, daß die Hand des Lehrers noch an die Schnökel gewöhnt war, mit denen die Kanzlisten in den Amtsstuben einst ihre langen Tage auszufüllen pflegten; darum ließ der Herzog durch einen Knaben die neuen Schreibhefte und in Kupfer gestochenen Vorlagen aus seinem Wagen holen. Aber er sah wohl, wie die Hand des alten Mannes, auf dessen Gesicht noch das Entsetzen des großen Krieges sand, dem Neuen nicht so leicht sich angepaßt hätte: also ließ er ihn an die Seite des Tisches rücken, setzte sich selbst an die andere und rief die Kinder herzu. Der Herr schnitt selbst die Feder, um zu zeigen, wie man ihr die feinste Spitze gebe, so daß sie leicht und doch kräftig schreibe; er prüfte die Tinte, die der Lehrer angesetzt hatte, wie es Vorschrift war, und fand sie gut; es war aber so hell im Zimmer und die Sonne flutete so mächtig über die ausgebreiteten weißen Blätter und die Köpfe der Kinder zu den Wänden hin und von diesen zurück, daß der Herr das neue Schreibheft in den Schatten des Fensterkreuzes zog, der breit auf dem Tische lag. Er glättete sorgfältig die Blätter, brach sie, um einen Rand zu schaffen; dann ließ er sich ein Lineal und einen Griffel geben und zog in leichen Abständen unsichtbare Linien, auf denen die Buchstaben sicher aufmarschierten, das i, das n und das m, das zuletzt die schweren, die sich in schönen Boten rundeten. Inzwischen brachte der Sekretär auch Zirkel und Lineale herein und verschiedene Bücherpakete; der Herzog schrieb noch den ersten Vers der Schreibübungen, der mit A beginnt, unter das Alphabet:

Auf Gott vertraw, fleug Tück, Pracht, Hex- und Zaubereye,
An Christus glaub, der macht von Sünden qvitt und freye.

Dann verteilte er, was er mitgebracht hatte: das Abc und Syllabenbüchlein, das Lesebüchlein, in dem Dr. Martin Luthers kleiner Katechismus enthalten war, das Gesangbüchlein und das Rechenbüchlein, die sein treuer Rektor Andreas Reyher verfaßt hatte; und da er der Meinung war, daß der Ernst des irdischen Daseins ein Versteckspiel mit dem Tod auch vor Kindern nicht erlaube, so teilte er die selige Sterbekunst seines Superintendenten Salomon Glaß unter den Kindern aus. Endlich sagte er ihnen, daß sie ihn, mehr aber noch ihren himmlischen Vater, wohl zufrieden machen würden, wenn sie unter der Leitung ihres treuen Lehrers so fortarbeiteten wie bisher; zum Zeichen seiner Freude wolle er einem jeden einen Groschen schenken. Er griff in die Tasche und gab einem jeden Kinde eine Münze in die Hand; sie umdrängten ihn laut, sahen aber dann, daß er das Ungestüm nicht liebte und traten einzeln, befangen oder freier, an ihn heran. Darauf wandte er sich an den Lehrer mit dem Versprechen, ihm einen Gehilfen zu schicken; ganz wolle er seinen treuen Schulmeister nicht entbehren, denn er sehe wohl, daß dieser sein Amt so verstände, wie Gott es eingesetzt habe, und er den Kindern nicht nur das Lesen und Schreiben lehre, sondern sie zu Christen mache, was mehr gelte denn alle Kenntnis und Wissenschaft. Auch wolle er ihm seltene Steine und gepreßte Pflanzen senden aus Gotha und eine Karte des Herzogtums: was mit Augen angeschaut werde, das bleibe; was aber nur beschrieben werde, das würde auch wieder vergessen. Dabei zog er einen Katechismustaler heror, ein großes, helleuchtendes Stück, auf dem die göttlichen Eigenschaften in Reimen verzeichnet waren, und reichte ihn dem Lehrer, auch jetzt nicht dultend, daß dieser sich von seinem Krankenstuhle erhebe, und, statt den Dank anzuhören, noch ein Lied verlangend. So sangen die Kinder, gemeinsam mit ihrem Herzog, die erste Strophe des Liedes „Von Gott will ich nicht lassen“; unter der zweiten trat er hinaus, mit dem Winke, daß sie weiter singen sollten, und so hörte er ihre Stimmen noch auf der Treppe und unten im Wagen, der eilig das Dorf verließ auf der Straße nach Gotha.

Aber je schneller sich die helle Schulstube entfernte, um so quälender erwachte auch die Sorge, die drohende Not ließ sich wohl für eine halbe Stunde durch Kinderstimmen vertreiben; doch in dem gleichförmigen Knarren der Räder wuchs sie an, indes der Wagen, heftig angetrieben, in den Tälern schon in den Schatten tauchte und auf den Höhen kurz das Licht durchstreifte. Zwar ließ der Herzog, wie sonst, langsam an den Dorfschenken vorüberfahren, um darauf zu achten, ob Streit oder das Lärmen Betrunkener zu hören seien; er rief wohl auch einmal einen Vorübergehenden an, ihn nach dem Pfarrer des Dorfes zu fragen, ob er gut predige und ob auch der Schulmeister mit Fleiß sein Amt versehe; und der Sekretär konnte auch jetzt keine Zeichen der Erregung an dem Herrn wahrnehmen, dessen Gedanken sich doch weit entfernen mochten, über die Grenzen des Herzogtums den Grenzen des Reiches entgegeneilend, die um diese Zeit vielleicht schon von bunten wimmelnden Haufen überflutet waren. So war es Nacht, als der Herzog seine kleine Hauptstadt erreichte, die eigentlich nichts weiter darstellte, als die von Häusern flankierte Auffahrt zum Schlosse; er bemerkte ein paar Schüler seines Gymnasiums, die sich vor dem Mondlicht in den Schatten drückten und nahm sich vor, dem Rektor noch strengere Zucht anzuempfehlen; als der Wagen die Windungen des letzten steilen Anstiegs nahm, überblickte der Herzog die gewaltige, ernste Front, die grauschimmernd, wie eine Felswand in der halben Helle der Mondnacht stand; nur in der Wachstube blinkte Licht; auf der langen Fensterreihe, die den Schlaf er herzöglichen Kinder behütete, lag, wie auf allen andern Scheiben, allein der blasse Widerschein des Gestirns. Er wußte, die Ordnung, die er anbefohlen, galt bei seinem Fernesein nicht minder als bei seiner Anwesenheit; es gab keine Bestürzung im Schloß, wenn sein Wagen durch das lange Gewölbe der Einfahrt rollte. Innen, der riesige Hof, lag leer im Schutz der beiden Türme, die, wie die beiden auf Laubengängen ruhenden Flügelbauten, einander vollkommen gleich den Bau abschlossen und die dunkle Gesteinsmasse, sie noch einmal verdichtend, ernst der Höhe entgegen streben ließen. Zur Linken, unter dem schweren Gewölbe des Laubengangs, standen ein paar Körbe: Äpfel, wie man dem Herzog sagte, die ein entferntes Amt am späten Abend noch, als der Verschließer nicht mehr erreichbar war, eingeliefert hatte. „Sie wollen die ersten sein und nehmen sie ab, eh‘ sie reifen. Warum?“ fragte er vor sich hin; gab darauf Anweisung, daß man die Körbe über Nacht in den Hausflur setze und am Morgen der Herzogin Meldung tue, damit jemand zum Auslesen und Sortieren der Früchte bestimmt werde. Er nahm, als er am Tor der Schloßkirche vorüberkam, den Hut ab und ließ, indem er die hallende Treppe hinaufstieg, den Kanzler rufen. Ehe er aber in sein Zimmer trat, klinkte er die Türe zur Linken auf, hinter der der Erbprinz schlief; er fand den Jüngling ausgestreckt in ruhigem Schlafe, das Gesicht, zwischen den langen über das Kissen wallenden Locken, zur Decke gewendet, und daneben, in der anstoßenden Kammer, den Hofmeister, der über dem Schritt des Herrn zusammenschrak, auf dessen Wink aber liegen blieb. Leise durchschritt der Vater die folgenden Räume, verweilte an jedem Bett einen Augenblick, des himmlichen Beschützers gedenkend, der seine Hände hielt über den Schlaf der Kinder; er zog eine Decke zurecht, die herabgleiten wollte, schloß ein Fenster, das sich gelockert hatte, denn der Atem der Nacht kam kalt über die Kissen; als er in die Zimmer der Prinzessinnen trat, wurde sein Schritt noch behutsamer; aber Elisabeth Dorothea, deren Schlaf leise war, weil das Leben sich hereindrängen wollte in ihre Kammer, erwachte und griff nach seiner Hand, sie zu küssen; er strich ihr über das Haar. Nur die Kleinsten, die dem Zimmer der Mutter am nächsten, nebeneinander in ihren Betten schliefen, hatten sich noch nicht gewöhnen können, ausgestreckt auf dem Rücken zu liegen, wie der Vater es wünschte; sie hatten sich zur Wand gekehrt, dem Schlaf ganz hingegeben, als saugten sie unergründliches Leben ein; er ließ es geschehen. Vor dem Gemach der Herzogin wandte er sich um: er wußte, sie würde erwachen und ihren Anteil an seinen Sorgen begehren.

Der Kanzler wartete im Arbeitszimmer; es war ein weiter Raum, auf dessen langen Tafeln die Bogen und Zettel sauber geschichtet, streng voneinander abgetrennt, lagen; über dem Schreibtisch an der linken Wand hing die Karte des Herzogtums, das mit scharfen Zacken und Klammern sich tief in die Nachbarländer bohrte und doch selbst wieder durchlöchert und zernagt wurde von kleinen Herrschaften, die es von allen Seiten anfielen und bis in sein Inneres vordrangen; daneben, auf größerer Karte, griff das Reich mächtig nach Osten und Westen und Süden aus, aber fremde Tiere hatten sich verbissen in seinem Leib, oben an der Nordsee, und in seiner eigentlichen Mitte, wo über die Alpen hinweg seine südliche und seine nördliche Hälfte sich verbinden sollten; es schien, als verzere sich sein Körper unter einem furchtbaren Schmerz, de Umrisse krümmten sich und zerfetzten, und die es umlagernden Gewalten fraßen sich in einen jeden Riß und eine jede Wunde ein. Die dritte Karte aber wußte nichts von Grenzen und der Enge des Raumes: auf ihr standen die Sterne still, nach ewigem Gesetz, in seltsame Bilder geordnet, und die Planeten zogen unbehindert ihre immer gleiche Bahn. Des Herzogs Augen glitten über die drei Karten und blieben an der Stelle haften, wo das Reich sich gegen den Platten-See und über die Raab hinaus in die ungarische Ebene drängte; die Kerzenflammen bebten noch von seinem Kommen, und die Grenzlinien schienen zu schwanken und zerfließen zu wollen; dann, indem sich der Fürst zur mittleren Tafel wandte, ruhten seine Augen lange auf dem seltsamen Gegenüber der Karten. Dort, an der andern Wand, beugten sich zwei menschliche Gerippe, die nur ungenügend befestigt waren, vornüber, als wollten sie sich auch zur Erde senken, wie das Fleisch, das sie getragen hatten; zu ihren Füßen scharten sich die Skelette von Hunden, Füchsen und Vögeln, eine ganze Todeswelt, die bereit schien, das Gemach zu erobern. Indessen hatte der Kanzler, der es gewohnt war, daß sein Herr im Anschaun dieser Dinge verweilte und von ihnen unvermittelt überging zur Tat, mit dem Vortrag begonnen: nachdem es lang an der Südostgrenze des Reiches über die Ebene gegrollt und geblitzt, waren die Scharen des Großvesirs plötzlich vorgebrochen; die Gerüchte bestätigten sich in weitestem Umfang; zwar sei der kaiserliche General Montecuccoli entschlossen, mit zusammengerafften schwachen Kräften sich den Angreifern im letzten Augenblick entgegenzustellen, um ihnen Wien nicht kampflos zu überlassen; doch sei bei der bekannten schlimmen Verfassung des kaiserlichen Heeres und der geringen Hilfsvölker keine sichere Hoffnung auf die Errettung der Stadt. Wenn aber Wien gefallen sei: wo sei dann ein Halten? Nach am Abend eingelaufenen Nachrichten seien die böhmischen und mährischen Grenzorte bereits bedroht.

Raimondo Montecuccoli

Der Herzog war vollkommen gefaßt; er verordnete die unverzügliche Einberufung der Landstände zur Bewilligung der Steuer; des Geheimen Rates zur Besprechung der an die Stände zu stellenden Forderungen; der Ritterpferde zur Musterung der Krieger, die in voller Rüstung, mit Pistolen und Seitengewehren erscheinen sollten; eines doppelten Aufgebotes von Arbeitern, die endlich den Stadt und Schloß unfassenden Befestigungsbau, der seit Jahren im Gange war, wegen Geldmangel aber nur langsam vorschritt, zum Abschluß bringen sollten. Aber was ist damit getan? fragte er, indessen der Kanzler noch hastig schrieb. „Es kommt kein Krieg von ungefähr: alles was in der Welt geschieht, hat seinen Ursprung im Innern. Die dreißigjährige Not kam, weil die Menschen sich abgewandt hatten von Gott. Meinst Du, dieser Krieg, ob er auch nichts hervorbrachte als Zerstörung, sei sinnlos gewesen; und es sei nichts weiter als ihre Tücke, die mit einem Male die Völker des Großvesirs aufrührt und gegen die Grenzen unseres Reiches treibt? Wir sind’s, die sie herziehn. Auf den Schlachtfeldern, in der Burg zu Wien, und in den Schlössern der anderen Könige geschicht nicht so viel, wie es scheint; ich habe selbst gegen den Pappenheim gekämpft und weiß, daß ihn nicht mein Arm vom Pferde warf, sondern mein Glaube an das Wort. Was sich auf Erden begibt, das begibt sich zwischen unsrer Seele und Gott; und es ist mit den Schicksalen der Völker nicht anders wie mit uns selbst.“ – Er gab die Verordnung, daß im ganzen Lande täglich um zwölf Uhr die Glocke geläutet werde, damit ein jeer im Volke ein Vaterunser bete zur Abwendung der Türkengefahr; als Avemann sich wandte, die Befehle in der Nacht noch ausfertigen zu lassen, rief ihm der Herzog zu: er solle auch ohne Aufschub die Schwarzburger Grafen von der Gefahr benachrichtigen, damit diese, als Paßwächter des Thüringer Waldes, bereit seien, ihre Pflicht zu tun. Der Kanzler stutzte nun doch: der Krieg sei noch nicht in Deutschland! „Er ist es nicht,“ erwiderte der Herzog, „doch ist vielleicht heute schon Wien erobert; und ob auch für uns keine Rettung mehr ist, wenn der Kaiser fällt, so will ich doch vor mir selber wissen, daß ich alles getan habe, um diesem Land seinen Frieden zu erhalten. Ich habe hier den Friedenstein gebtaut, wo früher der Grimmenstein stand; ich hätt’s vielleicht nicht getan, wenn nicht nicht selber wie meine Brüder, die der Krieg verdarb, über die Schlachtfelder gezogen wäre; denn ich kenne den Krieg, Avemann, und ich hasse ihn ebensogut wie ich ihn kenne. Die Stadt und das Land haben sie mir ausgesogen; als dann Friede war, kamen die Brände; nun schlafen die Bürger doch wieder unten in den Häusern: ich bin Gott dankbar für jede Stunde Schlafs, die er meinem Lande schenkt. Können wir doch morgen wieder beginnen! Mein Garten will ins Blühen kommen, und ich hoffe, daß mein Sohn ihn in diesem Stande fände; die Wilden, die der Krieg gezeugt, werden wieder zu Menschen, und ich war schon vermessen genug zu glauben, daß ich mit diesem Werk vor dem Herrn bestehen könnte, aber er schickt neue Gefahr, und es ist gewiß, daß alles untergeht bis zu dem letzten Schulhaus, das ich habe bauen und dem letzten Baum, den ich habe pflanzen lassen: wenn wir nicht vor Gott bestehen. Der Herr will unsere Absicht, über unsere Taten entscheidet er allein. Wenn wir nicht alles wollen, vom Größten bis zum Geringsten: woran soll er uns erkennen? Ich weiß wohl, daß auch an dem Wohlstand nichts liegt, den ich hätte vielleicht begründen können: Herzog bin ich nur, damit in meinem Lande die Seelen ihren Weg finden zu Gott; und wie könnten sie ihn finden, wenn ich ihn nicht selbst gefunden habe? Der Fürst kämpft den größten Kampf; seine Untertanen sind nur, was er ist. Ob ich bestehe, weiß ich nicht; aber ich will es versuchen.“ Der Kanzler fühlte, daß dies nicht die Stunde war, dem Herrn eine gute Nacht zu wünschen, und ging schweigend.

Schloß und Festung Grimmenstein

Der Kanzler sah lange auf die kleine, mühsam den Berg ersteigende Stadt hinab, auf der immer noch der volle Schein des Mondes lag; nur hinter den Fenstern der Türmer brannte Licht; wäre aber irgendwo unter den Dächern eines aufgeflammt: er hätte das Haus und seine Bewohner bezeichnen können. Es war vollkommen still, und es schien immer so gewesen zu sein wie in dieser Stunde: in den Frieden der Erde und des Himmels war die kleine Siedlung gebettet, als hätte sie nie einen Krieg erduldet. Je länger das Auge verweilte, um so deutlicher trat seitlich am Berghang das Mauerwerk des Befestigungsbaues ins Licht, das, unfertig, mit Türmen ohne Helm, hinter dem Schlosse hervordrang und sich gegen die Stadt hinabsenkte, diese gleichsam zusammenzuschnüren und an das Schloß zu ketten. Lücken klafften darin, und daneben lagen gehäufte Bausteine: als hätten Feinde den Wall schon durchbrochen und die Trümmer beiseite geschafft, um Wagen und Pferde hereinzutreiben und sich dann an das Ausrauben und Fortschleppen zu machen; Herzog Ernst bereute bitter, den Bau nicht gegen den Widerstand der Landstände noch entschiedener betrieben und durchgesetzt zu haben; aber er fühlte zugleich, daß es einen ernsteren Kampf galt als diesen mit Steinen, Gräben und Geschütz, und trat zurück. Denn dort, wo die stummen Prediger des Todes versammelt waren, wartete eine Tür, die der Herzog jetzt öffnete; sie führte in einen schmalen Raum, der zwischen steinernen Wänden nichts bewahrte als Altar und Kruzifix. Er entzündete kein Licht; der schwache Schimmer der Kerzen fiel durch die offene Tür aus dem Arbeitszimmer auf den Knieenden, der, allein der Kraft seines Gebets vertrauend, dem Herrn sein Land und sein Werk empfahl. Je mehr er sich Gott entgegenrang, um so nichtiger fühlte der Betende sich selber werden, bis er fast vernichtet war, und nur der auftrag, den er von der göttlichen Macht empfangen hatte, und diese Nacht selbst gegenwärtig waren. Erst als mit dem grauen Licht hinter dem Altar in ihm die Gewißheit aufglomm, daß sein Gebet nicht völlig vergeblich sei, stand der Herzog auf; die Worte über dem Kreuze, die er sich früh schon zum Richtmaß erhoben, „In silentio et spe“, begann zu erdämmern, und er glaubte, nachdem er dem ersten genug getan, nun doch ein geringes Anrecht auf die Verheißung des zweiten zu haben.

Er begann im Arbeitszimmer die Papiere durchzusuchen, die sich während seiner Reise angesammelt hatten; hier lagen die Akkordabschlüsse, die mit neu aufgenommenen Maurern und Hilfsarbeitern wegen des Festungsbaus gemacht worden waren, dann die Lohnzettel selst; und er verschmähte es nicht, einen jeden einzelnen darauf anzusehen, ob die vorgeschriebenen drei Groschen Tageslohn für die Männer, die zwei für die Frauen und Knaben bezahlt und verrechnet, wieviel Kalklöschern, Bildhauern, Schreinern und Glasern, Schieferdeckern und Steinmetzen vergütet worden war; versah ein jedes Blatt mit seinem Namenszuge und den Initialen seines Titels, schrieb dann das Datum auf das Erste und schnürte mit einem Bande den Pack zusammen. Er prüfte die Berichte der Hofmeister über das Betragen der Kinder: von Tag zu Tag verzeichneten sie kurz den Fortgang des Unterrichts, vermerkten auch ungewöhnliche Antworten und bedenkliche Unarten; der Vater mußte lächeln über den störrischen Eigenwillen der Kleinsten, wurde aber ernst, als er ein solches Widerstreben in gewunden-vorsorglicher Sprache von einem der älteren Prinzen gemeldet fand. Draußen der bleiche Himmel färbte sich langsam; und der Herzog trat in die Fensternische, um dem Stadtpförtner ein wenig aufs Handwerk zu sehen; als der Stundenklang zu erzittern begann über den Dächern, gingen auch schon die Torflügel auseinander, und der Stadtsoldat trat heraus, eh der sechste Schlag verhallt war. Doch es war noch zu früh, und der Herr kehrte an den Tisch zurück, eine Zeichnung mitnehmend, die auf einer der Seitentafeln lag: sie stellte eines der Schiffe dar, die der Fürst zu bauen gedachte, wenn es ihm im Einvernehmen mit seinen Nachbarn gelänge, die Werra bis zur Weser schiffbar zu machen. Er prüfte mit einem Zirkel die Maße nach, rechnete die Tragfähigkeit aus, zog ein paar Linien weiter und legte dann, mit einem leichten Seufzer, das Blatt in die Lade, die seine Lieblingspläne und Träume verschloß; beim Hineinlegen ein paar Blätter zur Seite schiebend wunderte er sich selbst über die krause Schrift, die da zutage trat und die noch viel seltsameren Worte: es war ein Schreiben des koptischen Patriarchen an Ernst, den Sultan zu Sachsen und den Beherrscher Thüringens; und der Herzog erinnerte sich mit einer leisten Bitterkeit des Gesandten, den er hatte nach Abessinien schicken wollen, um das dortige Christentum zu erkunden und eine Verbindung mit den Gläubigen Afrikas herzustellen; mochte der Gesandte ein Betrüger oder auch nur ein Narr gewesen sein, der sich in der Art der Gelehrten in der fremden Welt nicht zurecht fand, obwohl er sie doch gründlich studiert hatte seiner Stube zu Erfurt – so daß er weder nach Abessinien gelangte, noch sich aus Ägypten zurückwagte nach Gotha – , war die Frage nach den Christen des dunklen Erdteils nicht ernst; mußte sie nicht eine Antwort finden? Aber das Nächste und Dringende ließ den Landesvater der Frage und der großen Ferne, in der sich sonst so gerne seine Gedanken verloren, nicht länger nachsinnen; er nahm einige der Aufsätze vor, die Rektoren und Geistliche ausgearbeitet hatten über weitere Verbesserungen des Schulwesens und schüttelte mißbilligend den Kopf, weil ihm das alles aus Bücherstuben zu kommen schien, nicht aus der lebendigen Nähe der Kinder oder dem schweren Dasein ihrer Eltern.

Da aber, eh der Zeiger den Klang der siebenten Stunde auslöste, schwebte über den Gang ein Gesang zu dem Einsamen herein; er kam aus dem Zimmer Elisabeth Dorotheas, die als Erste ihr Morgenlied anstimmte; und nun erhob sich das Singen ach in dem nächsten Zimmer und bald in allen andern Räumen der Kinder, indes die Glocke einfiel und fern, hinter den Mauern, das Stampfen und Klopfen des wieder erwachenden Baus einsetzte; der Vater hörte auf beides: die reinen Klänge der Erhebung zu Gott und den schweren Taktschlag des Erdenwerks; er nahm neben seinem Stuhl an einem Griff einen Ausschnitt des Parkettbodens auf und hörte zufrieden aus der Schloßkirche, über der das Zimmer lag, die Stimme des predigenden Pfarrers heraufschallen; dann macht er sich nach seiner Gewohnheit daran, das Schloß zu durchschreiten. Er trat in die Bibliothek ein, deren Verwalter dabei war, einen Stapel in Schweinfurt angekaufter Bücher zu katalogisieren; die Ankömmlinge lagen noch heimatlos auf der Tafel, und der Herzog wies einigen schönen roten Lederbänden ihren Standort an und freute sich an dem neuen Bild der geschlossenen Reihe. Im Weitergehen hielt er einen Augenblick vor dem Schulzimmer, wo die oberste Klasse des Gymnasiums unterrichtet wurde; dann stieg er in die Halle hinunter, in der Waffen und Geschütz verwahrt waren; hier standen die von seinem Bruder eroberten Stücke noch, den der Krieg erhoben und verschlungen hatte, und die Fahnen hingen da, die Herzog Ernst selbst dem Feinde abgenommen; er erinnerte sich der Trophäen nicht gern und sah gleichgültig, wie sie zerfielen und zerschlissen und die Sonne ihre Farbe aufsaugte. Er schritt in den östlichen Turm, der in seiner äußern Gestalt ebenso streng und mächtig war wie sein Gegenüber, im Innern aber hohl wie die Eitelkeit der Welt, die ihm auch den Namen hatte geben müssen: an Stelle der Geschosse weitete sich ein gewaltiger Saal, den drei übereinander liegende säulengetragene Gänge umliefen, in den Turmhelm hinauf, der vergoldet war; von draußen dröhnte der Baulärm herein; der Boden des unteren Ganges aber wiederholte viermal in goldener Schrift den Namen Jesus, darüber auf dem Boden des zweiten stand: „Es ist alles ganz eitel“; von Diamanten, Rubinen und Smaragden blitzten die ersten Buchstaben, wie es der Eitelkeit ziemt; der vorletzte jedoch war aus Kupfer und der letzte aus stumpfem Ton. Oben unter dem dritten Gang leuchtete die Wahrheit: „Suchet was droben ist, da Christus ist.“ Der Schloßherr stieg hinauf, aus dem Fenster das Vollendete und das Werdende zu überblicken; das Geviert des Schloßhofs lag mächtig da, an drei Seiten von den Flügeln umschlossen, an der vierten, zwischen den Türmen, von einem nach außen geschlossenen Bogengang; in keinem andern Schmuck als dem gewaltiger Maße stieg der Bau auf den stützenden Bogen empor, grau, wie die Zeit, in der er gegründet ward, damit er helfe, sie zu überwinden; kein Fenster wich vom andern ab, kein Abstand ward verändert, noch die Dachfenster und Kamine gehorchten dem Gesetz der Symmetrie: als sei die eine Seite nur das Spiegelbild der andern. Der Herzog gedachte des bittern Kampfes, den ihm der Entschluß zu diesem Bau gekostet: war es nicht gegen die Erfahrung menschlicher Sterblichkeit, so für die Jahrhunderte zu bauen, als sei der Mensch auf Erden zu Hause und nicht im Unsichtbaren? Aber der Turm Eitelkeit widersprach: der Ruhm ward überwunden und seine Richtigkeit wurde noch täglich, im Festsaale selbst, erlebt; dieser Bau wollte kein Denkmal sein, nur eine Mahnung; er wollte ein einziges Wort an das Land richten und vielleicht an das Vaterland, wenn es bereit wäre, darauf zu hören; nur das Eine: Ordnung; und der Gründer meinte, dieses Wort müßte verstanden werden, weil es gefunden war im tieffsten Elend der Verwirrung; aber wie sollte Ordnung sein, nicht von Gott; und wie sollte Gott Ordnung auf Erden stiften, wenn nicht durch einen Fürstenstamm, den er beschwerte mit seinem Amt? Hier sollte vererbte Gewalt fortbestehen, das Leben hereinzuziehen in den einen großen Dienst, dem sich der Fürst unterwarf; wie die Stadt durch die Mauer an das strenge Schloß gefesselt werden sollte, so sollte durch das Beispiel des Fürsten das Leben gefesselt werden an das Unvergängliche.

Unten keuchten die mit Stein und Sand beladenen Wagen die gewundene Straße herauf; die Peitschenschläge und Rufe der Pferdeknechte gellten in die Luft, dumpf prasselten die Blöcke nieder, hell krachten die Stämme, die Axt und Keil auseinanderrissen. Die Mauerschlange krümmte sich vom Schlosse herab, umwimmelt von Menschen, die sich bemühten, sie mit Bastionen und Türmen an die Erde zu schmieden und indessen hinter einen Graben gefangen zu halten; der Herr blickte über die langen grauen Dächer hinweg auf das Land, und den dahinter ansteigenden, ins Grenzenlose sich dehnenden Wald, der das Heranfluten der Äcker und Wiesen gleichmütig ertrug. Schloß, Stadt, Dörfer und Wald wuchsen zusammen mit einem jeden Axtschlag, der von unten heraufschallte, und es war dem Herrn auf dem Turme, als ob der Schlag seines eigenen Herzens sie alle bewege und durchdringe; er fühlte sich so eins mit dem Werk in der Nähe und dem draußen unsichtbar in den Scheuern und auf den Äckern, in den Schulhäusern und in den Waldtälern fortgehenden Leben, daß er wußte, es konnte keinen Einzelnen eine Gefahr treffen, die nicht ihn selber traf; und da er in den langen Stunden der Nacht alle, wie es sein Amt wollte, Gott überantwortet hatte, so sah er ohne Furcht ins Ungewisse.

Schlacht bei St. Gotthart (1664)

Schlacht bei St. Gotthart (1664)

Als er herabstieg und dann die hellen Galerien durchschritt, die den Hof umsäumten, kam ein Glücksgefühl in ihm auf, das stärker wurde, je mehr er sich den Zimmern seiner Familie näherte; der Kanzler begegnete ihm auf der Treppe und wollte von einer Schlacht wissen, die die Kaiserlichen bei St. Gotthard an der Raab gewagt und gewonnen haben sollen; doch der Herzog winkte ab: an Siege glaubte er erst, wenn sie bestätigt seien; er wolle nicht ungeduldig sein vor dem Schicksal, sondern ihm in Schweigen und Hoffnung entgegensehen; im Weiterschreiten hörte er die ersten hellen Stimmen aus dem Zimmer kommen, wo ihn die Seinen und diese Zeit erwarteten; er ging langsamer, zögerte ein wenig vor der Tür, öffnete sie dann weit, daß das volle Licht ihm entgegenflutete; die Gattin stand im Kreise der Kinder, deren jüngste jubelnd auf ihn zustürmten; und indem er sie umfaßte und an sich drückte, nahm Elisaeth Dorothea, die, ihre Laute haltend, ein wenig beiseite geblieben war, für die beginnende Stunde mit einem Lied alle Last von ihm.

Quelle: Weisse BlätterAusgabe Mai/Juni 1939