Von Georg Widenbauer

Böhmen ist im Herzen Europas ein einzigartiges Naturbollwerk. Als ein ungemein reich ausgestattetes Beckenland liegt es da, auf allen Seiten von Gebirgen wie von Mauern umschlossen, deren trennende Wirkung in früheren Zeiten durch tiefe undurchdringliche Urwälder noch erhöht wurde, die zum Teil heute noch bestehen. So bildete es die stärkste „Ringwallfeste“, die „Zitadelle“ Mitteleuropas und schien deshalb von vorneherein zur natürlichen Grundlage eines Staates, ja durch die ihm vorlagernden Glacisländer geradezu zur Bildung eines Staatensystems bestimmt.

Kaiser Karl IV. (1316-1378)

Schon früh geriet der böhmische Kessel in den Bannkreis von Staatenbildungen. Das erste Volk, das in geschichtlich beglaubigter Zeit im herkynischen Waldland eine Art staatlicher Gemeinschaft begründete, waren die keltischen Bojer. Diese wurden schon um den Beginn des 4. Jahrhdt. v. Chr. von der großen Welle der keltischen Wanderbewegung nach Böhmen verschlagen. Sie waren, wie uns Vorgeschichtsfunde beweisen, Träger der La Tène Kultur und blieben mehrere Jahrhunderte lang in Böhmen sitzen. Vielleicht wurden sie durch keltische Bruderstämme, die nach dem zweiten Punischen Krieg von den Römern aus Italien vertrieben wurde, verstärkt. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß das Reich der Bojer im zweiten Jahrhundert v. Chr. sehr mächtig war und sich weit über die Grenzen Böhmens erstreckte. Noch um 115 v. Chr. vermochten sie den Durchzug der Zimbern durch ihr Land in eine andere Richtung abzulenken. Aber schon wenige Jahrzehnte darauf besaßen sie nicht mehr die Kraft, den Einbruch der Markomannen abzuwehren, die vom Main her die Egerer Pforte aufstießen. Ihr Staatsgefüge scheint sich bereits gelockert zu haben, so daß sie nun mit leichter Mühe dem Heimatboden entwurzelt werden konnten. Vielleicht wichen sie einem konzentrischen Druck der Germanen von Westen und der Daker von Osten. Jedenfalls räumte der größte Teil von ihnen um das Jahr 60 v. Chr. das Land. Cäsar berichtet, daß ein Zweig der Bojer den Helveten bei ihrem Vordringen nach Gallien sich angeschlossen habe und in deren Niederlage bei Bibrakte verstrickt wurde. Sie ließen aber ihrer früheren Heimat den Namen zurück.

Nun folgte eine germanische Staatengründung. Die Markomannen ergriffen von Böhmen vollends Besitz und behaupteten sich hier über 500 Jahre. Um 8 v. Chr. schuf Marbod ein germanisches Großreich, das sogar über die Grenzen des Landes hinausreichte und von der Ostsee bis zur Donau, vom Fichtelgebirge bis zu den Karpathen und in die ungarische Tiefebene sich ausdehnte. Nach dem Vorbilde der Römer richtete er eine starke Königsgewalt auf, wie sie bisher unter den Germanen unerhört gewesen war, umgab sich mit einer Leibwache und unterhielt ein stehendes Heer von 70 000 Mann zu Fuß und 4000 Reitern. Er unterließ es jedoch, den Freiheitskämpfer Armin gegen die Römer zu unterstützen, ja trat ihm später sogar im Ringen um die Vorherrschaft feindlich entgegen. Wenn dabei auch seine Herrschaft zusammenbrach, so dauerte das Markomannenreich doch bis zur Völkerwanderung fort. Von seiner Festigkeit zeugt die Tatsache, daß es den Römern in schweren kriegerischen Zusammenstößen (am bekanntesten ist der Große Markomannenkrieg 166-180) nur mühsam gelang, die Gefahr eines Einbruchs der Markomannen in die Donauländer zu beschwören. Um die Mitte des 5. Jahrhunderts verschwinden die Markomannen aus Böhmen, tauchen jedoch halb darauf als Baiwari-Männer aus Baia (Böhmen) im heutigen Bayern auf.

Die verlassenen Gebiete beherbergten bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts hinein vorübergehend noch andere germanische Stämme, bis endlich Slawen einwanderten, die von der Donau her vordringenden Awaren zinspflichtig waren. Aus dieser Knechtschaft befreite sie der fränkische Kaufmann Samo, indem er zwischen dem Riesengebirge und dem Böhmerwald die erste slawische Macht aufrichtete, über die er als König gebot (623-62). Sein Reich erstreckte sich zuletzt vo Baltischen Meer bis zur Save; er wagte sogar Vorstöße ins Frankenreich, bis zum Neckar, wurde aber von dem Heerbann der vereinigten deutschen Stämme zurückgeschlagen. Mit seinem Tode zerfiel sein Reich und die Slawen in Böhmen und Mähren wurden später Karl dem Großen botmäßig.

Bald erhob sich eine neue Gefahr. Moimir von Mähren gründete zur Zeit Ludwigs des Frommen ein starkes Reich in Mähren, das unter seinem Nachfolger gar bald auch Böhmen und Teile der Karpathenländer umfaßte. Dadurch wurde das ostfänkische Reich schwer bedroht, bis es endlich dem Kaiser Arnulf mit Hilfe der Ungarn gelang, durch Besiegung Swatoplucks diese erste panslawistische Gefahr Deutschlands zu beseitigen.

Die Vorspiele staatlicher Machtbildung im 7. und 9. Jahrhundert in Böhmen und Mähren, die zum Teil auf kirchlich-byzantinischen Einfluß zurückgehen, waren nur von kurzer Dauer. Längeren Bestand hatte das Reich der Przemyfliden, das gegen Ende des 9. Jahrhunderts aus der Vereinigung der slawischen Stämme unter der Führung der Tschechen nicht ohne blutige Kämpfe und grausige Gewalttaten der nach Oberherrschaft strebenden Gaufürsten entstand. Hierbei bedienten sich die Tschechenführer, die schon während der drückenden Herrschaft der Mähren dem Könige von Ostfranken in Regensburg gehuldigt und zum Teil das Christentum angenommen hatten, deutscher Unterstützung zur Herstellung der inneren Einheit und zur Aufrichtung einer geordneten staatlichen Macht. Um 900 erscheint Böhmen unter dem Geschlechte der Przemyfliden größtenteils geeint. Eine heidnisch-nationale „Reaktion“ gegen den christlich deutschen Einfluß führte wohl noch zu einer kurzen Erhebung, aber König Heinrich I. und Herzog Arnulf von Bayern zwangen durch eine gemeinsame Heerfahrt nach Prag Böhmen zur Anerkennung der deutschen Oberhoheit. 1004 wurde Böhmen vollends ein deutscher Lehensstaat und blieb es auch trotz der Auflehnung Herzog Bretiflaws (1034-55), die durch Kaiser Heinrich III. unterdrückt wurde. Im staufischen Zeitalter gewannen die Przemyfliden, die durch Herbeirufung deutscher Kolonisten ihren Staat kulturell hoben und ganz nach deutschem Vorbild einrichteten, größere Unabhängigkeit und erlangten die Königswürde. Während des Interregnums erreichte Böhmen unter Ottokar II. (1253-78), dem eifrigsten Förderer der Germanisation, beinahe Großmachtstellung. Ottokar gewann zu seinen Erblanden Böhmen und Möhren noch Österreich, Steiermark, Kärnten, Krain und das Egerland und strebte sogar nach der Kaiserkrone, fand jedoch auf dem Marschfelde im Kampf gegen Rudolf von Habsburg, 1278, seinen Untergang. Sein Fall wird von manchen deutschen Geschichtsschreibern (Theodor Lindner und Dietrich Schäfer) als ein schwerer Schlag für das Deutschtum betrachtet, weil dadurch die planmäßige Eindeutschung Böhmens unterbrochen wurde zu einer Zeit, wo Böhmen noch den Mittelpunkt der Erneuerung des Reiches hätte bilden können.

Wenzelskrone

Wenzelskrone

Nach Überwindung einer kurzen tschechischen Gegenwirkung, die Böhmen mit Polen und Ungarn in Beziehung brachte, folgte das deutsche Zeitalter Böhmens. Es erlebte seine staatliche Glanzzeit als deutsche Vormacht unter dem Geschlechte der Lützelsburger (1310-1437). Unter Karl IV., der 1347-78 die deutsche Kaiserkrone trug, brach ein wahrhaft goldenes Zeitalter für Böhmen an. Es war damals, umgeben von einem Kranze rein deutscher Nebenländer, das Herzland des Reiches, die Hochburg des deutschen Imperiums, Prag als Hauptstadt sein politischer und als erste deutsche Universität sein kultureller Schwerpunkt. Das Land der Wenzelskrone war damals nicht bloß der deutsche Führerstaat, sondern schien berufen, die Ostbastion der deutschen Macht zu bilden, ja durch die zielbewußte Heiratspolitik seines gewandten Herrschers sogar bestimmt, Kern eines mitteleuropäischen Staatensystems, das auch Österreich, Polen und Ungarn umfassen sollte. Leider sank unter den schwachen Nachfolgern Karls IV. Böhmen rasch von der Höhe seiner Macht herab und wurde im Hussitenzeitalter ein Hauptherd deutschfeindlicher Bestrebungen. Damit war dem bisher national-paritätischen Staat gleichsam das Rückgrat gebrochen.

Der nun folgende Staat, ein vom Feudaladel beherrschtes und ausgebeutetes Wahlkönigtum, trug einen einseitig nationalböhmischen, -tschechischen Charakter. Unter Podiebrad (1458-71), der sich vom Parteiführer zum Reichsverweser und König aufschwang, und unter den nachfolgenden polnischen Jagiellonen (1471-1526), die 1490 auch Ungarn erwarben, wurde Böhmen fast völlig unabhängig vom Reich, ja stand sogar oftmals in schärfstem Gegensatz zu ihm.

Da führte der Übergang Böhmens an die Habsburger 1526 wieder eine engere Verbindung mit Deutschland herbei, wenn auch nur mittelbar. Mit der endgültigen Erwerbung Böhmens erlangten die Habsburger als Herren von Österreich, Ungarn und Böhmen im böhmischen Kessel eine beherrschende Machtstellung und trachteten eifrig darnach, Böhmen aus einem Wahlreich zum habsburgischen Kronland umzugestalten. Das glückte ihnen nach dem Aufstande von 1618 und nach dem Sturze des Winterkönigs 1620 durch die „vernewerte Landesordnung“ von 1627, die Böhmen zu einem Hauptwerkzeug des habsburgischen Absolutismus herabdrückte und so die Durchführung der Gegenreformation erleichterte. Es wurde mehr und mehr aus einem deutschen Kurfürstentum ein Nebenland des habsburgischen Sonderstaates, der von Böhmen aus stets einen fühlbaren Druck auf die Reichsfürsten (Brandenburg, Sachsen und Bayern) ausüben konnte. Das ehemalige böhmische Staatsrecht bildete seither bloß eine geschichtliche Erinnerung und diente für die Tschechen höchstens dazu, zu gelegener Zeit Anspruch auf vermehrte Selbstverwaltung im Rahmen des Habsburger Reichs zu machen. Daraus entwickelte sich im Zeitalter des Nationalitätsprinzips neuerdings der heftigste Gegensatz der Tschechen zu den Deutschen und die tschechische Volksleidenschaft ließ sich oft zu unseligen Ausbrüchen ihres Hasses gegen die Deutschen verleiten, sodaß schließlich im Weltkrieg das Habsburger Reich von hier aus aus den Angeln gehoben wurde.

Aus dessen Zusammenbruch war die heutige Tschechoslowakei entstanden, das unnatürliche Staatsgebilde unter den sogenannten Nachfolgestaaten, „eine geschichtliche und geographische Zwitterschöpfung“ (Stegemann), ohne Rücksicht auf Volkstum und natürliche Grenzführung am Grünen Tisch von Versailles künstlich zusammengefügt mit der Zweckbestimmung eines „Polizisten Frankreichs im Osten“, zur Niederhaltung Deutschlands und Ungarns. Daher ein „Zwinguri des Sudetendeutschtums“, das gewaltsam und wider alles Recht der Selbstbestimmung in den aus dem Hasse gegen das Deutschtum entstandenen Tschechenstaat eingezwängt wurde. Geopolitisch und ethnopolitisch auseinanderstrende Gebiete wurden hier aus reiner Machtgier ohne Rücksicht auf Wirtschaft und Kultur zusammengeschweißt und dem Terror des „Staatsvolkes“ der Tschechen ausgeliefert.

Diese planmäßige Bedrückung der Deutschen, die nur allein auf sich gestellt waren, führte ganz entgegen der Absichten der Prager Regierung zu einer Zusammenschweißung des deutschen Volkstums und nach langen Jahren der Zersplitterung, der Kämpfe und Opfer zur völligen Einigung der Sudetendeutschen.

Dadurch waren aber die Voraussetzungen geschaffen, um eine neue Regelung der böhmischen Frage in Angriff zu nehmen. Vor der ganzen Welt lag die Unhaltbarkeit der Versailler Entscheidung offen zutage; für einen inneren Ausgleich erwies sich die Prager Regierung nicht staatsschöpferisch genug. So bot sich den europäischen Staatsmännern nur eine Lösung: die Scheidung nach der Grenze des Volkstums.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe November 1938