Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften hat es tabuisierte Themen gegeben. Wer die Schuld auf sich lädt, sich dennoch mit solcherlei Fragestellungen zu befassen, wird mit Flüchen überschüttet und mit peinlichen Befragungen konfrontiert. Zu Zeiten Tertullians wußte man noch, daß es törischt und gedankenlos ist, sich über die Existenz häretischer Lehren zu wundern und zum positiven Umgang mit ihnen geraten: Statt sie mit Feuer und Schwert zu bekämpfen, sollten sie als Herausforderung begriffen werden und als Gelegenheit zur Bewährung dessen, was die eigene Überzeugung eigentlich lehrt. Wäre es so gesehen also gerade die harte Hand der kirchlichen Inquisition, die für das rasende Wüten moderner Ideologien im Europa des 20. Jahrhunderts verantwortlich war, weil sie deren Hervorbrechen so lange so erfolgreich verhinderte? Wenn jedenfalls die Geschichte etwas lehrt, so ist es dies, daß die Mißachtung kritischer Stimmen und deren dumpfe Unterdrückung noch jedesmal zu schlimmen politischen Fehlern geführt haben.

Obama

In etwa so muß auch der politische Wechsel der NATO in Afghanistan gesehen werden: Hatte man dort gestern noch höchst ambitionierte Ziele wie Demokratisierung, Wohlstand und ein westliches Verständnis der Menschenrechte, unter Inkaufnahme hoher Opfer, erfolglos hochgehalten, so genügt man sich heute mit der Stabilisierung des Landes als eigentlichem Schwerpunkt und beginnt dabei auch ethnische Fragen als Rückgrat der Machtpolitik zu entdecken. Nachdem nun schon im Irak das Bündnis mit den Stammesführern zum Schlüssel zum Erfolg im Kampf gegen Al-Quaida wurde, darf man hoffen, daß das Besinnen auf diese Realitäten auch das geschundene Afghanistan dem Frieden näher bringen wird.

Zurück bleibt dabei jedoch eine verunsicherte USA. Zwischen den als „ideologisch“ gebrandmarkten und weithin desillusionierten neokonservativen Republikanern und den enttäuschten Demokraten, die sich mit linksliberalen Überzeugungen in Obamas Politik nicht wiedergespiegelt sehen, entsteht etwas neues: Vergleichbar der Hippy-Bewegung zum Ende des Vietnamkrieges sprießt mit der Tea Party neues Leben hervor, das seinen Anteil am Sonnenschein medialer Aufmerksamkeit einfordert. Sieht man von Sarah Palin ab, die als reine Sympathieträgerin politisch kaum zu fassen scheint, so läßt sich dieses Gequirl und Gewusel wohl am Besten als paläoliberal-paläokonservative Ursuppe bezeichnen. Alles kommt auf den Prüfstand, nichts ist heilig. So hat man denn auch überhaupt kein Verständnis für Obamas gesundheitspolitische Segnungen, zumal sich schon das riesige Haushaltsdefizit infolge des militärischen Abenteuertums der letzten Jahre als Loch im Geldbeutel der amerikanischen Mittelklasse niedergeschlagen hat.

Es mag übertrieben sein, wenn nun Patrick J. Buchanan von einer „Abwicklung des Imperiums“ spricht; den wunden Punkt hat er damit aber zweifellos getroffen. Und so könnte sich denn Obama, der zu Beginn seiner Amtszeit noch unisono als Weltführer gefeiert wurde, am Ende doch eher als Gorbatschow der USA erweisen, der sich mit seiner Reformpolitik übernahm und so den Niedergang des Sowjetimperiums einläutete, weswegen er ja auch bis heute geliebt wird; außerhalb Rußlands jedenfalls.

Nur was würde es bedeuten, wenn dieses Szenario eintritt? Ein Scheitern des Liberalismus? Wohl kaum: schon Friedrich der Großen wußte, daß keine Empfindung so unzertrennlich von unserem Wesen ist wie die der Freiheit. Vergleichbare Entwicklungen in Europa (zu nennen wären hier die Popularität Geert Wilder in den Niederlanden, das Minarettverbot in der Schweiz oder das Aufbäumen Italiens gegen das Straßburger Kruzifix-Urteil) lassen eher auf das Scheitern eines unipolar hergeleiteten Liberalismusbegriffs schließen, den man als Dreh- und Angelpunkt der Pax Americana bezeichnen kann. So begünstigt der Übergang zu einer multipolaren Weltordnung denn wohl auch eine Vielheit kulturell grundierter Liberalismen, von denen sich jeder aus den jeweils spezifischen Landestraditionen hergeleitet.

Die hiesige Linke steht dieser sich abzeichnenden Entwicklung allerdings reserviert bis mißtrauisch gegenüber. Nach und nach werden die unter den Trümmern von Konsumrausch und Kriegen so lange verschütteten Traditionen geborgen und an ihren angestammten Platz gestellt, nachdem sie liebevoll restauriert wurden. Das bedroht nicht weniger, als den Glauben an den einen, weltlichen, Universalismus. Vor allem auch die linke Hoheit über die Geschichtsdeutung wird ins Rutschen kommen, wenn eingestanden werden muß, daß die Vielheit der Freiheitsbegriffe den Menschen der Völkerfamilie eben mehr entspricht.

Wieviele bewährte Argumentationsmuster könnten dann nicht mehr funktionieren?

Friedrich der Große (1712-1740-1772)

Friedrich der Große (1712-1740-1772)