Der Spiegel berichtet anläßlich einer Buchveröffentlichung erstaunlicherweise über Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee. Das Fazit läßt sich so zusammenfassen, daß die Deutschen allesamt selbst schuld gewesen seien. Im Focus gab es 2009 einen Artikel, der dieses Zerrbild nicht gelten läßt. Grundlage für den Artikel waren u.a. die Forschungsergebnisse der englischen Historikerin Catherine Merridale.

Die Rote Fahne über Berlin (1945)

Die Rote Fahne über Berlin (1945)

Bezeichnend für den Zustand der Moral in der Roten Armee ist auch, daß Lew Kopelew zu zehn Jahren Gulag-Haft verurteilt wurde, weil er gegen diese Gräueltaten aufbegehrte. Die Anklage lautete auf „Propagierung des bürgerlichen Humanismus, Mitleid mit dem Feind und Untergrabung der politisch-moralischen Haltung der Truppe“.

Das zeigt wie tiefgehend das Problem war.

In Hinsicht auf Vergewaltigungen war die Wehrmacht der Roten Armee tatsächlich überlegen, weil dort die Ehe als Institution nicht absichtsvoll ideologisch untergraben worden war. Zur Illustration ein Ausschnitt aus einer Publikation von Iwan Ilin aus dem Jahr 1930 über die Sexualmoral im damaligen Sowjetrussland:

Wenn ein Mann ein junges Mädchen begehrt, sei es eine Studentin, eine Arbeiterin oder sogar ein Mädchen im schulpflichtigen Alter, so ist dieses Mädchen verpflichtet, sich dieser Begierde zu fügen, da sie sonst als Bürgerstochter angesehen wird, die des Namens einer echten Kommunistin unwürdig wird„……

Die Richtigkeit dieser Formeln wurde bestätigt durch eine ganze Reihe von Briefen, die als Antwort auf ihren Aufsatz eingesandt wurden. So schreibt z.B. eine Studentin S. Z. M. A.: „Die Studenten sehen sehr schief diejenigen Komsomol-Mädchen an, die sich weigern, mit ihnen in Geschlechtsverkehr zu treten. Sie betrachten sie als rückständige Kleinbürgerinnen, als solche, die sich von veralteten Vorurteilen nicht frei machen können. Bei den Studenten herrscht die Ansicht, daß nicht nur die Enthaltsamkeit, sondern auch die Mutterschaft als Ausdruck der bürgerlichen Igeologie zu behandeln ist.“

Eine andere Studentin, Namens Rubzowa, berichtet, daß die Kommunisten die Liebe als etwas sehr rasch Vergehendes betrachten; sie halten eine dauernde Liebe für langweilig; der Begriff Ehefrau wäre ein bürgerliches Vorurteil. Auf die Frage: „Wo ist ihre Frau tätig?“, lachen sie und fragen: „Welche?“ „Ein prominenter Kommunist sagte mir: „In allen Städten, in denen ich dienstlich zu tun habe, habe ich auch eine provisorische Frau.“ „Der Mann meiner Freundin“, fährt die Rubzowa fort, — „schlug mir vor, eine Nacht bei ihm zu schlafen, da seine Frau krank wäre und ihn in dieser Nacht nicht befriedigen könne. Als ich mich weigerte, nannte er mich eine dumme Bürgerin, die nicht fähig sei, die Höhe der kommunistischen Lehre zu begreifen.“

Die Vergewaltigung von Frauen

„Das Schlimmste“, — bemerkt hierzu die „Komsomoloskaja Prawda“, — „ist der Umstand, daß dieser schreckliche Vorgang kein besonderes Verbrechen, nichts Außerordentliches ist, sondern nur ein gewöhnliches, sich ständig wiederholendes Vorkommnis in unserem Leben darstellt.“ Sehr bezeichnend für die Alltäglichkeit dieses Falles ist auch die Aussage eines Komsomolez, der die Vergewaltigung geschehen sah und ruhig weiterging. Er verstand nicht einmal die Frage des Staatsanwalts, weshalb er nicht um Hilfe gerufen hätte…. Ihm schien es zu genügen, daß er sich an der Tat selbst nicht beteiligt hatte. Einer der Angeklagten behauptete sogar, daß eine Vergewaltigung gar nicht stattgefunden habe; es wurde nur ohne Einwilligung der Frau vorgegangen….. Die Spalten der kommunistischen Presse sind voll mit Berichten über derartige Fälle, die in beredter Weise den unglaublichen Zynismus der bolschewistischen Einstellung der Frau gegenüber an den Tag legen.