Von Dr. Karl Haenchen

Prinz Wilhelm von Preußen, der nachmalige Kaiser Wilhelm I., hielt sich im Frühjahr 1848 in England auf, wohin er nach dem Siege der Berliner Revolution vor dem Haß des aufgehetzten Volkes auf den dringenden Rat des Ministeriums sich hatte in Sicherheit bringen müssen. Um ihn nicht als Flüchtling erscheinen zu lassen, war er von seinem Bruder König Friedrich Wilhelm IV. offiziell mit einer Mission an die Königin Viktoria betraut worden. Von London aus sandte er an seine Lieblingsschwester Charlotte, die Gemahlin des Zaren Nikolaus I., zwei spannende Berichte über die Ereignisse vom 8. bis zum 19. März, die zu den wichtigsten Quellen gehören, welche wir über jene Berliner Sturmtage besitzen.

Der Prinz hatte die Rechte der Krone mit Entschlossenheit zu verteidigen gesucht, zugleich aber auch die Bewegung von ihren Anfängen an mit leidenschaftlicher Anteilnahme beobachtet und sich über ihren Fortgang nach allen Seiten hin ununterbrochen informiert, so daß er bei seinem ausgezeichneten Gedächtnis in der Lage war, nachträglich eine Art Tagebuch zu verfassen, das an Zuverlässigkeit der Mitteilungen nicht leicht übertroffen werden kan. Er bat die Zarin, die Berichte, wenn es auf sicherem Wege möglich wäre, bei den beiden anderen Schwestern, der Großherzogin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin und der Prinzessin Luise, Gemahlin des Prinzen Friedrich der Niederlande, zirkulieren zu lassen. Charlotte zog es aber vor, sie im August 1848 ihrem Bruder, als dieser schon nach Berlin zurückgekehrt war, direkt wieder zuzustellen. So war es möglich, daß Friedrich Wilhelms IV. bekannter Generaladjutant Leopold v. Gerlach, der damals eifrig Notizen über die Revolutionstage sammelte, sie in die Hand bekam, sich einige Abschnitte über den 19. März, aber ungenau und unvollständig abschrieb und mehrere Sätze daraus wörtlich in seine Denkwürdigkeiten hineinarbeitete (Band I, Seite 140-142). Hermann v. Petersdorff hat im Anhang zu seiner Biographie Friedrich Wilhelms IV. Gerlachs gesamten Auszug nach dessen Manuskript abgedruckt. Diesem seinerzeit willkommenen, jedoch in Wahrheit höchst dürftigen Extrakt gegenüber erscheint das nunmehr dargebotene Ganze um so wertvoller.

Die Ereignisse, über die Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., in den folgenden Briefen von London aus berichtet, vollzogen sich auf folgendem geschichtlichen Hintergrund: Am 22. Februar 1848 war in Paris die Revolution ausgebrochen; Louis Philipp floh nach England, die Republik wurde proklamiert. Wenige Tage später forderte eine deutsche Volksversammlung in Mannheim Pressefreiheit, Schwurgerichte, Vereinsrecht, Volksbewaffnung, ein deutsches Parlament. Ähnliche Versammlungen fanden in anderen deutschen Staaten statt. In Wien mußte Metternich, seit 1809 regierender Minister, Mitte März zurücktreten und nach England fliehen. Die weitere Entwicklung führte in Österreich zum Thronverzicht des Kaisers Ferdinand, dem sein Neffe Franz Joseph folgte. In Bayern mußte König Ludwig I. abdanken. Auf Berlin griff der Aufstand ebenfalls Mitte März über und nahm den Verlauf, den Prinz Wilhelm in seinen Briefen als Augenzeuge schildert.

Wilhelm I. Deutscher Kaiser und König von Preußen

Wilhelm I. Deutscher Kaiser und König von Preußen

I.

„London, 28. März 1848.

So wäre ich denn glücklich auf diesem gastfreien Boden angelangt, wo schon so manche kontinentale Größe Zuflucht gesucht hat. Da Fritz(1) meiner Reise einen offiziellen Charakter beilegte und auch hier sehr gewünscht wurde, um derselben einen distrikten Unterschied mit anderen hier domizilierenden Fürsten auszuprägen, so empfing mich Prinz Albert(2) in offizieller Audienz im Namen der Königin (mit der es sehr gut gehet(3). Er war ebenso herzlich in seinem Empfang, wie verständig, besonnen und klar in seinem Urteilen über mich und über alle europäischen Ereignisse! Somit ist meine Stellung hier also gemacht! Wäre sie nur erst daheim wieder gemacht! – Da es Dich doch am meisten interessieren wird, den ganzen Verlauf der Ereignisse in Berlin zu erfahren, so wie ich sie sah, so will ich eine Art von Tagebuch hier niederschreiben.

Die ersten Anzeichen von ungekannten Demontrationen politischer Natur war das Zusammentreten von liberalen Literaten in den Zelten, das am 8. mit nur wenig Zuhörern begann, am 9. und 10. sich aber bis gegen 1000 Personen erhöhte. Aus den revolutionären Reden entsprang eine Adresse in den allgemeinen Forderungen. Sie wurde am 11. dem Magistrat übergeben; dieser verwarf sie, was große Aufregung erzeugte, und fertigte nun selbst eine gemäßigte an, die der König empfing. Den 11., 12. und 13. fanden wieder bei den Zelten Versammlungen von lauter Handwerkern statt, die von denselben Literaten instruiert wurden über ihre ungünstige Lage, zur Auflehnung gegen das Gesetz angefeuert wurden usw. Alle diese Demonstrationen wurden von der Behörde nicht gehindert; warum nicht, vermag ich nicht einzusehen, denn die Ansicht, welche aufgestellt wurde, daß das alles unschädlich sei, daß man der Sache keine Wichtigkeit beilegen dürfe, die sie nicht habe, daß sie sich selbst lächerlich machen müsse usw., waren Gründe, die ich entschieden bekämpfte, aber nirgends Anklang mit meiner Ansicht fand; ich täuschte mich keinen Moment, wohin das führen würde.

Am 13., abends, zuerst fürchtete man ein Handwerkerdemonstration gegen das Schloß, und die Garnison rückte um 7 Uhr aus nach den Schloßplätzen und dem Zeughause. Das Schloß war schon seit mehreren Tagen mit drei Kompanien besetzt. Ich eilte zum König. Um 9 Uhr heißt es, es sei alles ruhig, ich will also nach Hause reiten über den Schloßplatz an der Breiten Straße. Als ich aus dem Portal herauskomme, sehe ich eine Eskadron Gardekürassiere die Breite Straße und eine Eskadron Gardedragoner die Arkaden der Stechbahn attackieren; Ruhe war also nicht, die erst um 11 Uhr eintrat. Am 14. war Fritz in Potsdam. Ich war mit der Königin … und Strelitzens in der Oper, als um 1/2 9 Uhr mir die Meldung zugehet, es stünden neue Unruhen bevor, und die Garnison rücke aus. Ich konnte nur Sorge tragen, daß die Herrschaften sicher ins Schloß kamen, was sehr leicht ging, da nur wenig Menschen sich gesammelt hatten. Es wuchs natürlich die Aufregung in der Stadt mit jeder Truppenausrückung und wegen Klagen, daß auch Unschuldige Säbelhiebe erhalten hätten; die beständige Anschuldigung gegen die Truppe, als ob diese beim Einhaun erst jeden einzeln fragen sollte, ob er schuldig oder unschuldig sei! Nichtsdestoweniger erschien eine Verfügung des Gouvernements und Ministers des Innern(4), nach welcher eine Untersuchung gegen die Gardekürassiere eingeleitet werden sollte, welche Unschuldige blessiert hätten. Ich war so aufgebracht über solche Anordnung im Moment, wo die Truppe täglich unter dem Gewehr standen, daß ich beim König klagte; doch das verschwand ja alles in dem Späteren.

Am 15. abends wurde der Auflauf immer stärker. Der General Pfuel(5) amusierte sich diesmal damit, die Menschen nicht vom Schloßplatz(6), der Breiten Straße zurückzudrängen, sondern ließ sie zwei Stunden die Truppen im Schloßportal mit Steinen bewerfen und auf alle mögliche Art beschimpfen!, während die sogenannten Schutzbürger(7) dies Skandal nicht hindern konnten. Hier kam es vor, daß die Soldaten so wütend wurden durch die Blessuren, daß einzelne die Gewehre anschlugen, ohne Befehl; General Pfuel befahl abzusetzen – und kein Schuß fiel; das war gewiß ein Beweis von Disziplin. Aber zu verantworten hat es der, der die Truppen so reizen ließ und sie damit total demoralisieren konnte, was glücklicherweise nicht geschah. Mir war aber das Benehmen des Generals Pfuel so über jeden Begriff, daß ich ihn auf das nachdrücklichste zur Rede stellte, obgleich ich nicht Augenzeuge der Szene gewesen war, indem ich erst ins Schloß kam, als er nach zweistündigem Zaudern endlich den Platz hatte säubern lassen durch die Garde du Corps. Er verklagte mich sogleich beim König; ich bat um Verzeihung, wenn ich mit Worten zu heftig geworden wäre, über die Sache selbst könnte ich nichts zurücknehmen, da ich, nach solcher Handhabung der Truppen, nicht mehr für deren Geist repondieren könnte! Setze Dich auf einen Augenblick in meine Lage und bedenke, daß ich mit Stolz wußte, von welchem Geist meine Truppen beseelt waren (sie haben es am 18. ruhmvoll bewiesen), und nun mußte ich sie auf eine Art durch den Gouverneur verwendet sehen, die gegen alle militärischen Ansichten läuft, erwartend, daß sie im entscheidenden Moment, durch solche Verwendung demoralisiert, den Dienst versagen könnten! Und ich nicht einschreiten zu dürfen, da mir jede Einwirkung bei Aufläufen auf Papas Befehl von 1838(8) untersagt ist, – und Du kannst Dir einen Begriff machen von meiner Stimmung und meinen Gefühlen! –

Es wurden an diesem Abend die ersten Versuche zu Barrikaden gemacht, und zum ersten Male mußte geschossen werden an vier verschiedenen Punkten, aber nur wenige Schuß. Ich blieb bis 11 Uhr auf dem Schloß. Die Truppen rückten um 1 Uhr ein. Am 16. verlegte sich das Versammeln der Menschen vom Schloßplatz nach der Universität, dem Opernplatz und meinem Palais, weil man wußte, daß die Studenten einen Aufzug zum Kommandanten halten wollten, um sich Waffen auszubitten. Dies geschah um 12 Uhr. Die Waffen wurden ihnen natürlich abgeschlagen, da man sie auf die Masse Truppen verwies, die in der Stadt ständen; dagegen gestattete man ihnen, sich als Schutzmänner einschreiben zu lassen. Die sich nicht verlaufenden Menschenmassen, das Haranguieren in den einzelnen Gruppen, das Fortstürzen nach solchen Anreden ließ ich nicht ohne Besorgnis; man sah, es wurden Vorbereitungen zu etwas Ernsterem gemacht. Als abends 6 Uhr eine Proklamation der Behörden an den Straßenecken endlich angeschlagen wurde, in welcher zur Ruhe und zum Zuhausegehen ermahnt wurde, diese Affichen aber sofort unter Jubel abgerissen wurden, da sah ich, daß die Autorität bald aufhören würde, und ich kam dem Befehl des Königs zuvor, mit meiner Familie auf das Schloß zu kommen, weil man auch mein Palais angreifen wollte. Es war mit einem Zug Alexanderregiment besetzt; als ich fortfuhr, wurde aus dem Zeughaus ein zweiter Zug hingeschickt. Dieser mußte sich durch die Menschenmassen durchwinden, und als er unter den Fenstern der Fürstin(9) war, wurde er so mit Steinen beworfen, daß der Offizier nach dreimaligem Auffordern zum Zurückgehen Feuer geben ließ, wodurch zwei Menschen stürzten und der gesamte Platz bis zu den Linden, wohl 5000 bis 6000 Menschen, in einer Minute geräumt war. Dadurch war die Ruhe für den Abend erlangt. In der Stadt rückten zwei Bataillone des 1. Garderegiments ein, und aus Stettin, Frankfurt und Halle rückten 9 Bataillone in die Umgegend der Stadt.

Am 17. wiederholten sich die Szene den ganzen Tag über auf dem Opernplatz; abends rückten die Schutzmänner, vielleicht 800 bis 1000 Personen, wie die hiesigen Konstabler mit Binden und Stöcken aus und bewirkten bis 1/2 9 Uhr abends das Auseinanderbrechen der Haufen. Durch diesen Erfolg wuchs den Bürgern der Kamm, und in der Nacht beschlossen die Schutzmänner, sich an die Spitze der Bürgerschaft zu stellen und um 2 Uhr mittags (Bemerkung am Rande: 18.) einen Aufzug nach dem Schloß zu halten, den König zu vermögen , die Truppen zurückzuziehen aus den Dörfern, auch keine mehr in der Stadt zu gebrauchen, Pressefreiheit, Deutschtum, Bürgerbewaffnung usw. Diese ganze Demonstration erscheint mir als der Wendepunkt der Besinnung der Bürgerschaft. Es sollte bei dieser Gelegenheit erreicht werden, was freilich am 19. erreicht wurde, – die momentane Volksherrschaft! Der Magistrat verhinderte den Aufzug und kam als Deputation desselben, die Bitten vortragend. Die Preßfreiheit und das Deutschtum ward ihr, als in einer Stunde gedruckt erscheinend, verkündet, das übrige abgeschlagen. Es war 12 Uhr; die Deputation verkündete die Antwort den versammelten Gruppen auf dem Schloßplatz, ein enormer Jubel erscholl, Tausende und Tausende strömten herbei, der König erschien mehrere Male auf dem Balkon, es war eine Freude. Der Jubel vor dem Portal verwandelte sich aber bald in Schimpfen auf die Soldaten, welche das Portal besetzt hatten, um das Durchdringen der Massen zu hindern, untermischt mit Vivats. Der Minister Bodelschwingh trat auf den Balkon und bat um ruhiges Auseinandergehen, worin die Menschen dem König ihre Liebe zu erkennen geben möchten, da dieser sonst nicht arbeiten könnte. (Er arbeitet jetzt nämlich in den Zimmern der Reeden.) Der Lärm und die Insulten gegen das Militär wurden immer heftiger; man sah Geld unter die Menschen verteilen, um nicht fortzugehen.

Endlich ging der Vouverneur, Graf Arnim, Minutoli (10) herunter, um das Volk zum Auseinandergehen zu bewegen. Vergeblich! Da befahl endlich der König dem Generalleutnant v. Prittwitz, er möge mit einigen Zügen Dragonern und Infanterie, ohne Gewalt, mit eingestecktem Säbel den Platz säubern. Dies geschah wörtlich. Im Schritt rückten die Dragoner von er Stechbahn vor, aus dem Mittelportal eine Kompanie Kaiser Franz nach der Breiten Straße , eine andere nach der Kurfürstenbrücke. In einer Minute war der ganze Platz leer, so daß die Truppen auf dem leeren Platz herummarschierten. Da wollte nun das Unglück, daß in einem Infanteriezug, der von der Ecke der Breiten Straße in Rechtsum längs den Häusern nach der Brücke marschierte, kurz nach einander, in der Mitte des Zuges, sich zwei Gewehre entluden (so daß ich nur ausrief: „Wenn nur niemand in den Fenstern oben getroffen ist!“, indem die Schüsse nach oben aufgingen), worauf der Mann der Spitze anschlug und Feuer gab, ohne zu treffen, glaubend, es sei Feuer befohlen. Diese unglückliche Zufall ward Veranlassung zu dem folgenden Trauerspiel! Indessen wenn man überlegt, daß diese drei Schüsse hinreichen sollten, ganz Berlin mit Barrikaden in Zeit von zwei Stunden zu verschanzen; wenn man bedenkt, daß zur selbigen Zeit aus einem Revolutionsklubhause in der Jägerstraße aus deren Fenster auf eine Patrouille geschossen wurde, daß gleichzeitig die Posten an Papas Palais (11) und vor dem Gouvernement massakriert wurden, daß alle Ordnonnanzoffiziere in der Kommandantur sofort vom Volke blockiert wurden, so sieht man leider nur zu klar, daß hier ein langgehegter Plan zur Ausführung kam, den man nur von einem Zufall abhängig machen wollte, und diesen mußten die unglücklichen Schüsse abgeben, denn Minutoli sagte kurz vorher noch: „Das Geräusch eines fallenden Apfels, das für einen Schuß gelten könnte, entzündet heute die Gemüter.“

Da der Gouverneur in seinem Hause blockiert war, so übertrug er König dem Generalleutnant Prittwitz das Kommando; alle Truppen wurden sofort auf die Nachricht, daß die Bürger zu den Waffen griffen, versammelt und die außerhalb liegenden Truppen durch verkleidete Offiziere an die verschiedenen Tore beordert. Um 5 Uhr fielen die ersten Schüsse aus einer Barrikade vis a vis der Kurfürstenbrücke, auf das Füsilierbataillon des 1. Garderegiments. Dies ging nun zum Angriff vor und bekam Feuer, Steine, Wasser aus den Häusern; es fing an, nach den Fenstern zu schießen, ein großer Fehler; dann nahm es aber im ersten Anlauf die Barrikade und so eine nach der anderen bis zum Königstädter Theater. Auf allen Punkten entspann sich nun in der Stadt das Gefecht, und um 9 Uhr abends war der Rayon erobert, den Generalleutnant Prittwitz sich vorgesetzt hatte, vor der Nacht innehaben zu müssen. – Ich schließe für heute, weil Bunsens Courier fort muß. Später den 2. Teil.

Ewig
Dein Wilhelm.

Berlin im März 1848

Berlin im März 1848

II.

Der General Prittwitz hatte sich als Ziel, welches bis zur Nacht erobert sein müßte, den Rayon gesetzt, der mit dem linken Flügel am Oranienburger Tor begann, dann die Spree bis zum Königstädter Theater, von dort über die Straße nach dem Wolkenmarkt, die Spreebrücken usw. nach dem Halleschen Tor (mit Bleistift zugefügt hinter „Brücken“: „Leipziger Straße“ und über „Hallischen“: „Potsdamer“.) Alle diese Punkte waren bis 11 Uhr nachts in seinen Händen, und nur in der langen Friedrichstraße dauerte der Kampf noch bis gegen Morgen fort. Am spätesten war der Kampf um die enorme Barrikade am Ende der Breiten Straße, also in der Tiefe dieser Straße, vis a vis des Schlosses. Die Verspätung dieses Kampfes kam daher, daß ungefähr um 1/2 7 Uhr der Bischof Neander mit einer Deputation der Bewohner jener Gegend zum König kam, mit dem Antrage, jene Barrikade nicht anzugreifen zu lassen. Fritz erwiderte, daß, wenn sie eingerissen würde, man sie auch nicht angreifen werde, worauf Generalleutnant Prittwitz bestimmte, daß er bis auf 3/4 9 Uhr warten wolle, dann aber angreifen müsse. Da von Einreißen der Barrikade nicht die Rede war, also der Bischof nichts ausgerichtet hatte, sondern der Bau derselben verstärkt wurde und eine immense deutsche Fahne (damals noch ein feindliches Zeichen!) auf den Häusern daselbst wehte, so begann der Angriff.

Hier muß ich noch eines eigenen Umstandes erwähnen, der mich und die Beschuldigungen betrifft, daß ich die Befehle gegeben und zuerst das Feuern befohlen hätte. Ich hatte die Blessierten im Schloß besucht, sorgte eifrigst für Herbeischaffung von Verpflegung für die Truppen und ging auf dem Schloßplatz umher und sprach mit den Soldaten und ließ mir erzählen, wie sie sich geschlagen hatten; es war eine wahre Freude zu hören, wie sie sich äußerten! So kam ich zu den Geschützen, welche an der großen Kandelaberlaterne, die auf dem Schloßplatz an der Breiten Straße stehet, standen, als gerade von der Barrikade ein Ausfall gegen diese Geschütze gemacht wurde, mit einigen Flintenschützen. Die Geschütze wollten feuern, da befahl ich, nicht zu schießen, weil die Zeit der Konvention nicht abgelaufen war, eilte zu Fritz, der befahl, was ich bereits angeordnet hatte, sei das Richtige; so eilte ich zur Batterie zurück, und ein Zug Ulanen trieb den Ausfall zurück. Dies ist der einzige Befehl, den ich gegeben habe, also gerade ein friedlicher!

Um 9 Uhr begann das Geschützfeuer mit Kugeln und Granaten, dem wir aus den Fenstern zusahen! Alle Häuser, aus welchen die Barrikade aus allen Etagen durch Kreuzfeuer verteidigt wurde, wurden erbrochen und die Verteidiger bis unter die Dächer verfolgt, wobei viel Blut geflossen ist! Sogar die Treppen waren mit Bettgestellen und Spinden bedeckt, um das Eindringen zu erschweren, aber die braven Truppen fochten wie die Löwen und überwanden alles. Es focht hier das II. Bataillon des 1. Garderegiments und Kaiser-Franz-Grenadierregiment. Sie verloren hier fünfzig Mann Blessierte und sechs Tote; dreißig blessierte Bürger kamen mit ins Schloßlazarett, welches in alle den Zimmern eingerichtet wurde, die Du 1821 bewohntest. Die ganze Nacht hindurch wurde von den Kirchtürmen Sturm geläutet; der ganze Himmel war in Glut von dem angelegten Feuer in der Eisengießerei und den noch dabeistehenden, kaum fertig gewordenen Artilleriewagenhäusern, wo das ganze Kriegsmaterial der Gardeartillerie verbrannte, fast eine Million an Wert! Ebenso brannte ein Haus am Königstädter Theater. Es war eine furchtbare Nacht!

Um Mitternacht kehrte ich mit den Meinigen nach dem Palais zurück. Sie waren von früh 10 Uhr an dort gewesen und hatten um 12 Uhr mittags es wieder verlasssen, als der Jubel enthusiastisch herrschte; Auguste hatte einen Besuch gemacht und wollte nun spazieren fahren, als man ihr die Nachricht brachte, wie sich alles in 1 1/1 Stunden verändert habe, worauf sie sofort wieder mit den Kindern ins Schloß kam.

Ich blieb bis 2 Uhr Nachts in meinen Zimmern, um von Papieren zu verbrennen und sonst in Sicherheit zu bringen, soviel ich vermochte; denn daß der 19. ein entscheidender Tag sein mußte, war klar. Um 2 Uhr verließ ich mein Haus – um es nicht wieder zu betreten! Im Schloß war ein komplettes Biwak in allen Zimmern und Sälen von den Umgebungen des Königs aufgeschlagen; ich legte mich auf einem der Sofas im großen Salon der Königin, wo auch Massow und General Below lagen. Der Sonntagmorgen war schön und still; das Publikum zirkulierte einzeln auf den Plätzen am Schloß ganz friedlich, kein Schuß fiel; die Truppe voll des besten Geistes und Mutes! Ein Gardebataillon aus Spandau rückte ein, als Ersatz für eins vom Königsregiment, welches 400 Gefangene nach Spandau transportierte; 200 saßen noch im Schloß; lauter Gesindel und viele Studenten. Von fremden Ruppen waren zwei Bataillone Königsregiment von Stettin nach Charlottenburg gedampft, wovon eines derselben den 18., abends 8 Uhr, durchs Brandenburger Tor einrückte und die Gefechte in der Beeren- und Friedrichsstraße führte; drei Bataillone 7. Regiments von Frankfurt a.O. drangen zum Landsberger Tor ein und mußten sich durchschlagen bis zum Königstädter Theater, wo sie sich mit den anderen vereinigten. Zwei Bataillone 12. Regiments drangen zum Potsdamer Tor ein, ebenso zwei Bataillone vom 21. Regiment. Über diese Truppen bekam Thümen den Befehl, der eben von Posen ankam, da er nach Frankfurt a.O. versetzt war, dort aber seine Truppen aufmarschiert fand; er meldete sich bei Fritz im Schloßhof, als dieer die Blessierten und die Truppen besuchte; es war 9 Uhr früh.

Von dieser Zeit an kamen Deputationen über Deputationen, mit der bitte die Truppen zurückzuziehen und die Bürger zu bewaffnen, worauf sofort die Ordnung hergestellt sein würde! Es wurde Kriegsrat gehalten, aber kein Entschluß gefaßt; man schwankte zwischen Erneuerung des Kampfes, ruhigem Stehenbleiben und Abmarsch mit allen Truppen, um die Stadt sich zu überlassen und sie zu zernieren. Endlich blieb man dabei, daß die schöne Proklamation des Königs (12) in Ausführung kommen solle, daß nämlich da, wo eine Barrikade von den Bürgern demoliert werden würde, man dies als einen Beweis des Friedensantrages betrachten werde und vis-a-vis derselben die Truppen zurückziehen würde. Mit dieser Antwort, die unter den vielen Deputationen völligen Anklang zu finden schien, entfernten sich die Mitglieder derselben, mit vielen Exemplaren der Proklamation versehen, um sie nach allen Stadtteilen zu bringen. Es herrschte Ruhe, kein Schuß fiel mehr. Im Schloß war das Getriebe desto ärger; beständig kamen ungerufene Menschen mit allerlei Vorschlägen; die Minister, welche schon Tages zuvor ihre Demission gegeben hatten, kamen nach und nach, um ihre Funktionen niederzulegen; schmerzliche Szene und Augenblicke; denn wenn auch Fehler von ihnen menschlich begangen worden sein mögen, so waren es doch Ehrenmänner, die lange und ehrenvoll gedient hatten! Graf Arnim, den Fritz schon am 18. berufen hatte, um an die Spitze zu treten, war gegenwärtig. Jeder gab noch guten Rat und wurde konsultiert. So dauerte dieser Zustand bis vielleicht 11 Uhr (Auguste und die Kinder kamen um 8 Uhr wieder auf das Schloß).

Da kam eine Deputation unbekannter Leute, um anzuzeigen, daß jenseits der Königsbrücke drei Barrikaden eingeebnet würden durch die Bürger. Es ergab sich später, daß diese Anzeige eine vollständige Lüge war!! Ich schlug vor, durch Offiziere die Sache konstatieren zu lassen; es entstand aber sofort eine Art Siegestaumel, daß die Befehle des Königs durch die Bürger respektiert würden, obgleich ich nun sagte, daß natürlich auf der Stelle die Truppen nach dem Wortlaut der Königsproklamation zurückgehen müßten. Mit einem Male kam der Minister Bodelschwingh ins Zimmer (Speisezimmer), wo die Deputation wartete und wir alle versammelt waren, und rief mit lauter Stimme und rotem Kopfe: „Da die Barrikaden verschwinden, so befehlen seine Majestät, daß die Truppen von allen Plätzen und Straßen zurückgezogen werden sollen.“ Der Minister donnerte mir entgegen: „An den Worten des Königs darf nichts geändert und gedeutet werden.“ Ich fragte, ob denn unter allen Plätzen auch die Schloßplätze zu verstehen seien, da dies doch die einzigen wären, wo die rückkehrenden Truppen sich aufstellen könnten. Der Minister donnerte dieselben Worte nochmals gegen mich, hinzufügend: „Nun laufen und reiten Sie, meine Herrn, um die Befehle zu überbringen! Die Truppen sollen mit klingendem Spiel abziehen!“

Dies waren die letzten Worte, welche Bodelschwingh als Minister sprach, und von dem Moment an verschwand er. Jedenfalls hatte dieser sonst so ausgezeichnete Mann den Kopf gänzlich verloren, und er stürzte mit jenen Worten Preußen in den jetzigen Abgrund! Ich war in Verzweiflung und rief zu allen Umstehenden, gerade so sei ja der Sturz Louis Philipps gewesen, und nun machen wir es ebenso! Alle Umstehenden stimmten vollständig mit mir überein. Ich suchte den König, konnte ihn aber nicht finden, fand aber Graf Arnim (im ehemaligen ersten Zimmer der Gräfin Rheeden, jetzt Vortragszimmer) schreibend; ich fragte: „Was machen Sie denn? Wo ist der König?“ Worauf er erwiderte: „Ich formiere das neue Ministerium!“ Ich las die Namen Auerswald und Schwerin (letzterer hatte sich am Schluß des Landtages und beim Ausschuß als ein durchaus ehrlicher und patriotischer Mann gezeigt und ist jetzt der edle Teil des Ministeriums). Ich fragte ihn: „Aber das ist ganz wie in Paris, wie Guizot und Thiers; warten Sie doch damti noch!“ „Nein“, war die Antwort, „es ist die höchste Zeit!“

Als ich ins Eßzimmer zurückkam, trat Fritz ein, er sah unser aller Konsternation und wir erzählten ihm den Bodelschwinghschen Auftritt. Er versicherte, ihm keinen anderen Befehl gegeben zu haben als den der Proklamation, und das müßte noch gutgemacht werden. In demselben Moment kam aber schon das Füsilierbataillon 1. Garderegiments tambour battant (was Bodelschwingh express befahl) über die Kurfürstenbrücke, dahinter das von Alexander, und die Menschenmasse stürzte nach. Fritz befahl, die Brücke sollte gesperrt bleiben – es war zu spät! Die rückkehrenden Truppen rückten in die Schloßhöfe und auf den Domplatz! Als die Brücke unbesetzt blieb, sagte ich zu Auguste: „Nun sind wir verloren!“ Ich war vernichtet! Denn ich sah alles vorher, was nun kommen würde. Ich nahm alle meine Contenance zusammen, weil der Moment entscheidend für die Truppen war, ob sie gehorsam bleiben würden in der Erbitterung über die Zurückziehung nach dem Siege oder ob sie fraternisieren würden mit dem Pöbel! Ich ging in die Schloßhöfe und nach dem Domplatz, wo kein Mensch vom Publikum war. Ich ging durch die Glieder, dankte den Soldaten für die Ausdauer und den bewiesenen Mut, hinzufügend, daß nun Friede sei, der König aber gewiß auf sie rechnen könne, wenn er sie wieder riefe! – worauf ein donnerndes Ja! erfolgte. Ich tat ganz unbefangen; wenn ich aber an die Offiziere kam, die fest in den Gliedern standen, während ihnen die Tränen über die Wangen auf die Heldenbrust strömten, da konnte ich natürlich die meinigen auch nicht zurückhalten, und stillschweigend drückten wir uns die Hände, während ich laut und unbefangen zu den Leuten sprach! Die Offiziere verstanden, was mein Erscheinen bedeutete! Es war in Moment, in welchem ich alle meine moralischen und physischen Kräfte zusammennehmen mußte, aber es war fast zu viel für mich! Gott gab mir die Kraft, und ich glaube daß ich durch diesen Akt das Gute gestiftet habe, daß die Truppen nicht einen Augenblick wankten!

Als ich in die Zimmer der Königin zurückkehrte, fand ich alles in der Auflösung und Tränen. Jeder sah ein, was geschehen sei. Ich beruhigte, wo ich konnte , und sagte, die Truppen seien noch alle da, und sie ich sie gefunden hätte. Mit einem Male hörte ich trommeln; ich stürze an das Fenster und sehe – das 1. Garderegiment aus dem Königinportal abmarschieren über den Schloßplatz, unter Zujauchzen des Volkes. Zugleich kommt von allen Seiten der Ruf, daß die Truppen die Plätze verlassen.
Ich frage den Kriegsminister, ob er es befohlen; er sagt: „Im Gegenteil, ich habe befohlen, daß die Truppen um das Schloß biwakieren sollen.“ Da kommt jemand (ich glaube Massow) und sagt: „Graf Arnim soll es befohlen haben, erklärend, halbe Maßregeln taugten nichts, also es müßten die Truppen in die Kasernen rücken.“ De Kriegsminister warf seinen Hut auf den Tisch und sagte: „Das mag der Graf Arnim verantworten!“ und ich setzte hinzu: „Nun ist alles, alles verloren!“ Und so war es auch! Denn jetzt fing schon der sogenannte Volksjubel unter dem Balkon an (Füsilierbatillon Alexander und Franz behielten das Schloß noch besetzt). Der König erschien mehrmals auf dem Balkon mit uns allen, und es erscholl Hurra über Hurra! Bald darauf aber wurde geschrieen: „Gefangene los!“ Fritz erschien wieder und sagte: „Sie werden kommen, denn sie sind frei; sehet sie euch an, ob sie euch g e f a l l e n!“ Dieser letzte Zusatz war wohl nicht königlich, er wurde dahin mißverstanden, daß sie nicht a l l e frei seien, also neues Geschrei: „Alle, Alle!“ Fritz mußte also wieder erscheinen und sagen, daß sie alle frei wären! Dies war das letzte Mal, daß ich mit auf den Balkon trat, weil man mir sagte, daß das Volk wütend auf mich sei, weil ich das Blutbad kommandiert hätte, und ich daher mich nicht mehr zeigen sollte. Das Schreien und Lärmen dauerte fort: „Truppen fort! Waffen! Polen frei!“ Es wurden einzelne Leichen über den Schloßplatz getragen, mit Hunderten von Menschen begleitet.

Aber am höchsten stieg nun die Scheußlichkeit, als drei Leichen, ganz angezogen, mit Blut befleckt, auf Tischplatten gelegt, mit Lorbeerblättern bedeckt, vor den Balkon gebracht wurden und Tausende von Menschen mit entblößtem Haupte nach dem König schrieen. Er m u ß t e kommen, um sich die Leichen anzusehen!!! Bei dieser Szene drehte sich einem das Herz im Leibe um. Eine solche Schändlichkeit, ein solcher Kannibalismus ist in der Weltgeschichte noch nicht dagewesen! Ales weinte in den Zimmern, man fiel sich in die Arme, vor Schaudern, daß man so etwas erleben mußte! Während unten kannibalische Freude herrschte, herrschte oben die zerschmetterte Trauer – über den Fall des Königtums und der Monarchie. Denn dies Gefühl, in Zeit von einer Stunde, die königliche Würde, Ansehen und Macht in den Staub treten zu sehen und die Volkswut und Volkssouveränität an deren Stelle – war ein fürchterliches Gefühl! Dies war die Stunde des Falles Preußens, von dem es sich n i e  w i e d e r erholen kann!

Das heitere Wetter, was bisher den Revolutionsszenen geleuchtet hatte, wich vor einem Platzregen; aber er änderte die Szene nicht. Man konnte es aber nicht mehr vor Geschrei und Horreur in den vorderen Zimmern aushalten, und alles versammelte sich in der Halle, die in dem nun dunklen Wetter beinahe finster wurde. Deputationen über Deputationen kamen; angemeldet und unangemeldet kamen Menschen hinein, die man nicht kannte; es war ein Zustand, von dem kein Mensch sich einen Begriff macht. Das Hauptgeschrei war nach Waffen für die Bürgerschaft und Studenten. Der König schlug es mehrere Male ab. Dabei kam folgende Szene vor: Der Bürgermeister Naunyn kam mit mehreren Stadtverordneten, u. a. ein Herr Schauß, beide sehr ultraliberal, von denen letzterer auf dem Landtage eine sehr gehässige Rolle gespielt hatte. Sie forderten Waffen, weil die Erbitterung gegen das Militär so hoch gestiegen sei, daß man ihm die Bewachung des Königs nicht überlassen wolle, wobei der Naumyn soweit ging, dem König zu sagen, er sei schuld an allem, weil er am 18. um Mittag die jubelnden Bürger habe durch Säbelhiebe und Schüsse vom Schloßplatz vertreiben lassen Da nun Fritz in seiner Proklamation, in der Nacht geschrieben, gerade der Wahrheit gemäß, daß dies n i c h t der Fall gewesen sei, gesagt hatte, so riß mir und Albrecht die Geduld und wir riefen gleichzeitig: „Das ist nicht wahr, das ist eine freche Unwahrheit!“ Worauf Fritz, allerdings mit Recht, uns zuschrie, wir sollten still sein, wenn er in Unterhandlungen sei! Nun nahm der p. Schauß das Wort und verlangte Waffen für das Volk, was wehrlos sei. Da rief ihm Fritz mit fester Stimme zu: „Erinnern Sie sich, daß sie mit schuld daran sind, daß mein Volk gegen mich aufsteht, denn Sie haben es mit verleiten helfen!“ Das rührte das Gewissen des Mannes, und er fiel ohnmächtig nieder!

Das Schreien nach Waffen wurde immer ärger, und als nun ganz wohlgesonnene Männer und bewährte Leute erklärten, daß zur Sicherung des Königs nichts andere übrig bliebe, als eine Bürgergarde zu organisieren, gab der König nach, und der Kriegsminister schrieb unter Tränen den Befehl, die nötigen Gewehre aus dem Zeughause zu liefern! Der Graf Arnim war es, der zu allen diesen Konzessionen riet, aber es blieb auch nichts übrig, da man alle Macht aus den Händen gegeben hatte, um irgend Widerstand leisten zu können. Er ging selbst mit dem Polizeipräsidenten Minutoli (der übrigens in der ganzen Zeit eine sehr zweideutige Rolle gespielt hat) nach dem Zeughause, um die erste Organisation zu leiten.

Zu der Zeit, als der Kannibalenaufzug mit den Leichen erfolgte, wurde die Idee aufgegriffen, Berlin zu verlassen, ganz öffentlich, in der Mitte der zwei noch vorhandenen Bataillone, oder im Geheimen. Der Wagen des Königs wurde geholt – das Volk schickte ihn fort! In der Mitte der Bataillone, zu fuß, sah man ein, war es unmöglich, da man von den 20 000 bis 30 000 Menschen, die das Schloß umlagerten, erdrückt worden wäre. Dennoch blieb dieser Gedanke lange fest bestehen. Dann aber wurde Rostiz‘ Wagen für den König und die Königin und Arnims Wagen für uns an der Apothekentür bereitgehalten. Dies Entkommen wäre ungesehen möglich gewesen (wie ich es einige Stunden es später erlebte). Während eines zweistündigen Zauderns über diese Pläne gingen alle, Herren und Damen, in Mänteln in den Stuben umher, um den günstigsten Moment zum Entkommen sofort zu benutzen. Es unterblieb. Es wurde jetzt diniert, die Majestäten allein bei Fritz, alle übrigen in der Halle. Ein schreckliches Mahl! Jeden Augenblick kamen Bekannte, um ihr Beileid zu bezeugen! Unter Tränen drückte man sich stumm die Hände, denn was sollte man sch sagen? Onkel Wilhelm (13) rief aus: „Es ist mir gerade zu Mut wie nach der Schlacht von Auerstädt, aber zum zweitenmal den Fall der Monarchie zu erleben, hätte ich nicht erwartet.“

Als man aufstand, hörte man einen Choralgesang im Schloßhof, und als man ans Fenster trat, sah man einen großen Möbelwagen, in dem wieder 16 Leichen sich zur Schau befanden! Alles mußte die Hüte abnehmen – und der König wiederum erscheinen au der offenen Galerie -; es war zu viel! Bald darauf kamen die ersten bewaffneten Bürger und machten endlich Ordnung im Schloßhof und suchten freue Passage zu erhalten. Noch waren alle Treppen zum König und zur Königin stark mit Truppen besetzt; sie wurden nun teils mit Bürgern gemischt, teils ganz zurückgezogen. Da entstand wieder der Gedanke zu entkommen; alles zog wieder die Mäntel an, und wir waren entschlossen, den König bis auf den letzten Tropfen unseres Blutes zu verteidigen! Es wurde wieder aufgegeben, weil Graf Arnim versicherte, dann sei Berlin und der Thron wohl auch verloren! Möglich war es, weil keine Truppen vorhanden waren, die das Asyl des Königs schützen konnten, das Volk ihm also nachgedrungen wäre, sobald man seine Flucht erfahren hätte. So verstrichen die Stunden von fünf bis sieben Uhr. Ich saß fast unbeweglich und stumm in der Halle; meine physische und moralische Kraft war ganz gelähmt.

Da sah ich zwei Offiziere von Alexander in Zivilkleidern, die mir ein Zeichen machten. Ich ging auf sie zu, und sie sagten mir, daß ihr Regiment die Kaserne verlassen müsse, weil sie sonst belagert würden; zugleich kam der Major Graf Röder, der das Füsilierbataillon Alexander im Schloß kommandierte, und meldete mir, daß er seine Leute kaum mehr halten könne, weil die Erbitterung darüber, die Bürger statt ihrer auf ihrem Posten beim König zu sehen, furchtbar sei. Ich befahl letzterem, alles anzuwenden, sie zu beruhigen, da man sie noch brauchen werde, und der Kriegsminister erteilte dem Alexanderregiment den Befehl, auszumarschieren, wohin es wolle!! Jetzt trat Stolberg auf mich zu und sagte, der habe einen Auftrag des Königs (der fast immer in seinem Zimmer saß, völlig mutlos und vernichtet; aber keine Klage erhob er und sprach nur, wenn man ihn anredete).

Ich ging mit Stolberg in den großen Salon der Königin, und hier erklärte er mir nun, daß eine Deputation unterwegs sei, die um 7 Uhr erscheinen wolle, um vom König zu erlangen, daß er mir befehlen solle, auf mein Sukzessionsrecht (14) zu resignieren; wenn man mich beim König fände, so gäbe dieser mir zu bedenken, ob wir nicht riskierten, bei der Aufregung der Menge und bei dem beständigen Andringen der Menschen gegen die Truppen, daß sie bei meinem Refus hereinbrechen würden und somit erzwängen, was ich nicht gutwillig täte. Fritz ließe mir also sagen, ich möchte so schnell als möglich das Schloß verlassen, damit die Deputation mich nicht mehr fände; er könnte und würde für mich nie resignieren, und wäre ich fort, so sei Zeit und somit alles gewonnen! Wie konnte ich einen Moment balanzieren, dem Befehl des Königs zu folgen, da ich einfach, daß ich nun durch mein Bleiben ihm Nachteil statt Vorteil bringen würde! Welch ein Augenblick und Entschluß! Ich ging in die Halle zurück. Auguste, die auf eine halbe Stunde unerkannt nach dem Palais gegangen war, war eben zurückgekehrt. Massow hatte ihr die selbe Bestellung gemacht (die Kinder hatte ich um 5 Uhr schon mit meinem Adjutanten Major Oelrichs, der mit mir die Reise nachher hierher machte, nach Potsdam gesendet). Wir besprachen uns nur zwei Worte, ich nahm meinen Mantel und ging zum König!! Er wiederholte mit wenigen Worten, was Stolberg gesagt; ich konnte nur erwidern, daß,wenn es i h n retten könne, o würde ich resignieren, sonst niemals. Da kam die Königin, ganz außer sich. Nie vergesse ich, wie sie ausrief: „Nein, Du darfst nicht resignieren, ber es ist zu arg, daß auch Du noch fortmußt!“ Es wurde mir ein Zivilpaletot gebracht und eine Mütze – ich nahm Abschied – so verließ ich die Majestäten!

Ich wurde mit Auguste durch kleine Korridors nach der Schloßapotheke geführt, – da ging eine Tür auf, und das ganze Füsilierbataillon Alexander stand in einem großen, mir unbekannten halbdunklen Raum vor mir, aber mit abgekehrter Front glücklicherweise, weil im selben Moment sein Kommandeur, der Major Graf Röder (der sich bei Schleswig sehr auszeichnete), es anredete und zwar mit den Worten, die ich ihnen eine Viertelstunde vorher gesagt hatte! So etwas muß man erlebt haben, um eine solche Minute zu begreifen!! Während ich meine Bestellung beim Bataillon ausrichten höre, muß ich mich, verkleidet, hinter demselben fortschleichen -. So war ich am Wagen von Rostitz, der immer noch auf den König wartete, nun aber nicht fuhr!

Ich beschloß, zu einem Herrn v. Schleinitz vor dem Potsdamer Tor zu fahren, dort einen Mietswagen zu bestellen und dann nach Spandau, wo ich mich weiter entschließen wollte. Die Beschreibung meiner Reise von hier aus werde ich später nachfolgen lassen.
Hier endigt aber die Erzählung der Tage, die das alte Preußen stürzten und ihm eine neue Zukunft eröffneten. Wie diese sein wird, weiß nur Gott! Wir trauern über eine verlorene Größe, die eine Reihe weiterer Regenten uns hatte ersteigen lassen, weil jeder derselben verstand, seine Zeit und ihre Ansprüche zu erkennen! Ob wir nun weiter steigen oder ganz fallen werden, – wer kann es wissen?

London, 5.5.48″

(1) König Friedrich Wilhelm IV.
(2) Der Prinzgemahl.
(3) Am 18. März war Prinzessin Luise, die spätere Herzogin von Argyll, geboren.
(4) v. Bodelschwingh.
(5) Gouverneur von Berlin.
(6) Unter Schloßplatz ist hier immer nur der Platz zwischen Stechbahn und Kurfürstenbrücke zu verstehen.
(7) Eine am 15. März eingerichtete Art Bürgerpolizei ohne Waffen.
(8) Durch eine Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III.
(9) Der Fürstin Liegnitz, die im Kronprinzenpalais wohnte.
(10) Graf Arnim war als Nachfolger Bodelschwinghs, der seien Abschied eingereicht hatte, in Aussicht genommen, Minutoli war der Polizeipräsident.
(11) Das Kronprinzenpalais.
(12) Die berühmte Proklamation „An meine lieben Berliner!“, geschrieben in der Nacht vom 18. zum 19. März.
(13) Bruder Friedrich Wilhelms III.
(14) Friedrich Wilhelm IV. war kinderlos.
Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe März 1938