Von Reinhold Schneider

Am 14. Mai des Jahres 1717, einen Tag nachdem die Erzherzogin Maria Theresia geboren worden war, nahm der Prinz Eugen ernsten Abschied von Kaiser Karl VI. Im vergangenen Jahre hatte Eugen die Türken bei Peterwardein geschlagen; nun galt es das Schwerste, die Eroberung der Festung Belgrad, des Ausfalltores, das immer wieder verwüstende Heere gegen die Soldaten des Kaiers ausgesandt hatte. Eugen bezwang die Feste, nachdem ihm das große Wagnis geglückt war, im Angesichte der Belagerten und eingeschlossen von den beiden Strömen, an deren Zusammenschluß sich die Festung erhob, ein Entsatzheer anzugreifen und zurückzuwerfen; so wurde das Geburtsjahr der Erzherzogin eines der ruhmreichsten ihres Hauses. Wenige Jahre zuvor war der spanische Erbfolgekrieg nach einem furchtbaren Erschöpfungskampfe zu Ende gekommen; der Kaiser hatte zwar nicht die spanische Krone, aber doch reichen Besitz in den Niederlanden und in Italien gewonnen, vor allem aber hatten sich die Erblande und Ungarn unter dem Druck der Not und der klugen Führung Eugens fester zusammengeschlossen. Aber etwa zwanzig Jahre später, als Eugen todesmüde und ohne Glück von seinem letzten Feldzug am Rhein zurückkam, stand alles wieder in Frage; der Staat, dem des Prinzen glühende Tatkraft neues Leben eingehaucht hatte, alterte; seine Kräfte strebten wieder auseinander, die Erblande suchten ihrer Sonderart, nicht dem Kaiser zu dienen. Der Verlust Neapels und Siziliens mußte hingenommen werden; Erwerbungen in Mittelitalien wogen ihn doch nicht ganz auf; überall lauerten Feinde, Frankreich und die wieder vordringenden Türken, vor allem aber Preußen, dessen Absichten Eugen in seinen Sorgen seit langem durchschaute. Einer seiner letzten dringenden Ratschläge an den Kaiser war gewesen, die Erzherzogin, deren Erbrecht Karl VI. mit schwersten Opfern zu sichern suchte, mit dem bayrischen Thronfolger zu vermählen: so könne eine mächtige einheitliche Ländermasse gebildet werden, die den zu erwartenden Kampf überdauern würde.

Frühes Portrait der Erzherzogin Maria Theresia (1717-1780)

Frühes Portrait der Erzherzogin Maria Theresia (1717-1780)

Aber die Neigung der Erzherzogin gehörte von frühester Jugend, wie sie selbst einmal sagte, von ihrem fünften Jahre an, dem Herzog Franz von Lothringen. Der Kaiser überging diese Neigung nicht. Opferte Karl VI. eine bedeutende politische Konzeption, so mußte der junge Herzog seine geliebten Stammlande opfern und dafür Toskana, das Land des erloschenen Mediceerhauses, eintauschen; es waren Entscheidungen, die vor der reinen Politik sich vielleicht nicht werden rechtfertigen lassen, die aber um so mehr gerechtfertigt werden von der Geschichte. Ist doch auf diese Weise Maria Threresias Herz unverletzt geblieben – während das Herz ihres großen Gegners auf dem preußischen Throne vereiste; das Herz Maria Theresias war aber die Kraft, die en Kaiserstaat aufs neue erweckte und ihn befähigte, die heraufkommenden Kriege trotz aller Fehlschläge mit Ehren, ja mit einem großen Gewinn an inneren Werten zu bestehen. Es ist gerade ihre Eigenart gewesen, daß ihr persönlichstes Leben ein geschichtliches wurde; daß sie zu ihren Völkern wie zu ihren Ministern, Offizieren, Soldaten und Dienern in einer Herzensbeziehung stand, deren Ursprung die Familie war. Während so viele regierende Frauen das Mütterliche opferten für ihre Macht und die Entschiedenheit des Befehls, blieb Maria Theresia die Mutter auf dem Thron; sie herrschte nicht, indem sie sich umwerben ließ und sich versagte, sondern kraft ihrer natürlichen Hoheit und der Achtung, die sie einem jeden einflößte. Sie herrschte in der Herzensnähe ihrer Unberührbarkeit.

Vielleicht dürfen wir vom Menschen her die geschichtliche Lage, in die ein Mensch gesandt wird, als einen Zuruf verstehen. Der Mensch wird angerufen von seiner Stunde, und er soll antworten aus seinem Glauben und seinem ganzen Wesen, aus seinem Herzen heraus. Wie unbestimmt, wie unsicher fallen oft die Antworten der Menschen aus! Sie haben nicht den Mut, sich einzugestehen, daß alles ankommt auf einen reinen Laut, ein klares Wort; so nehmen sie fremde Stimmen an und wagen nicht zu sagen, was sie sind. Sie antworten, als ob die Menschen sie angerufen hätten und um den Menschen zu gefallen; sie gestehen sich nicht ein, daß Gott, als der Herr der Geschichte, sie angerufen hat und daß vor allem Er ihr Wort vernehmen will. Das Wort ist das Tun und Lassen, das Sprechen und Schweigen, das Ganze eines geschichtlichen Daseins. Immer wieder ermahnte Maria Theresia ihre Kinder, öffentlich zur Messe zu gehen und den Menschen und Völkern das lebendige Beispiel gläubigen Lebens zu geben. Das Dasein der Fürstin mußte ja gleichsam nach allen Seiten offen sein; wenn der Fürst nicht mehr die Kraft und den Mut des Glaubens hatte und sie deutlich bezeugte, so war der Glaube von niemandem mehr zu erwarten. Auf dem Glauben aber ruhte damals, vor der französischen Revolution, in deren Schatten die Zeit schon tauchte, die Ordnung der Welt, so wie nach dem Fall der alten Formen die ganze Welt sich bewegt um den Schmerz und Fluch des Nichtglaubenkönnens.

Selten wohl hat ein Fürst unter solchen Gefahren und Widerwärtigkeiten die Herrschaft angetreten wie Maria Theresia; sie selbst hat in ihren Denkschriften, ohne die Ehrfurcht vor ihrem geliebten Vater zu verletzen, diese Umstände geschildert, den Niedergang der Macht und des Glückes, die Risse in der Verwaltung, die Unzulänglichkeit des Heeres sowohl mit Bezug auf die Größe wie auf die Ausrüstung und den Geist, die Unentschlossenheit und lähmende Bedächtigkeit greiser, allzu erfahrener Minister. Es waren die Jahre, über denen Karls VI. bange Frage stand: „Ist denn mit Eugen der Glücksstern völlig von uns gewichen?“ Aber die Kaiserin in ihrer Jugendkraft sah den Stern, nach dem die müden Augen des Vaters vergeblich ausgeschaut hatten, und vertraute ihm. Ihr Glaube an die Sendung ihres Hauses war unerschütterlich, und selbst wenn alle Pläne gescheitert wären, so hätte sie noch eines der Wunder erwartet, die nach der Überzeugung ihrer frommen Vorfahren so oft schon die Geschicke Habsburgs zum Guten gewendet hatten. Dieser Glaube der Kaiserin, ihre Zuversicht und die hohe Tatkraft, die ihnen entsprach, standen in einer tiefen Beziehung zum Glück ihres Daseins; solange der Gatte lebte, war Maria Theresia im Kreise der Ihren eine glückliche Frau. Ihr Glück teilte sich ihrer Wirkung mit; ein warmer Strom des Lebens und des Segens ging vom Throne der Herrscherin aus und belebte ihre Staaten. Die Tragik des ihr auferlegten mehr denn zwanzigjährigen Kampfes vermochte dieses innere Glück des Kaiserhauses nicht zu zerstören, weil sie die Herzenskraft Maria Theresias nicht verwunden konnte; ihre Liebe hatte etwas Sieghaftes und Fortreißendes, einen heiligen Schwung, der die Feldherren befeuerte; ihre Mütterlichtkeit wurde um so reicher, je tiefer sie verletzt wurde vom Leid ihrer Völker; ihr Stolz beugte sich nie; ihr Herrscherblick wich keinem Fehler, keiner Gefahr aus. Wer ihr untergeben war, der war auch ihr Kind und hatte ein Anrecht auf ihre Sorge. Es gibt ein geheimes Leben irdischer Reiche, von dem vielleicht noch mehr abhängt, als von der Macht der Waffen; ist es verletzt worden, so kann die Verletzung lange verborgen bleiben, doch dann wirkt sie unaufhaltsam in die Geschichte herein; ist es unversehrt und stark, so wird die äußere Gestalt sich wieder herstellen. Lebte das alte Spanien von seiner Glaubensglut, Preußen von der Pflicht, das alte Reich von der Ehrfurcht vor seiner tragischen, vielverkannten Krone – so das Österreich Maria Theresias von ihrer mütterlichen Liebe. Daß die Macht einmal in den Händen eines glücklichen Menschen lag und das Menschentum nicht unter ihr verkümmerte – das war vielleicht das Einzigartige der Ära Maria Theresias.

Maria Theresia. Königin von Ungarn und Erzherzogin des Hauses Habsburg

Maria Theresia. Königin von Ungarn und Erzherzogin des Hauses Habsburg

Aber das Glück schloß das Leiden nicht aus. Wir wissen nicht, ob ihr Gatte immer den hohen inneren Rang zu behaupten vermochte, den ihre Liebe und ihre Verehrung ihm gaben, und wir haben auch kein Recht, danach zu fragen. Sie wollte ihn, anders als so manche Herrscherin, als Ebenbürtigen neben sich sehen und fand ihr Glück erst vollendet, als er die Kaiserkrone trug. Die Schwächen und Fehler geliebter Kinder verhehlte sie sich nicht. Unbarmherzig stellte sie das Tadelnswerte den Erziehern und den Kinder selber vor; von frühen Jahren an mußten Söhne und Töchter dem von der Welt gehegten Bilde fürstlichen Menschentums entsprechen; die Mutter sorgte mit großer Strenge dafür, daß dieses Bild rein und klar hervortrat. Die Kinder mußten aufwachsen in dem Bewußtsein, daß die Blicke der Menschen auf sie gerichtet waren. Maria Theresia duldete keine Verwöhnung bei Tische; streng mußten die Fasten, die Feier- und Totengedenktage eingehalten werden. Ein jedes der Kinder hatte eine besondere Bestimmung, seine Aufgabe in der Geschichte, und die Rücksicht darauf siegte über die mütterliche Liebe. So entschloß sich Maria Theresia, ihre Tochter Josepha dem König von Neapel zu vermählen, obwohl ihr mütterliches Herz, wie sie der Gräfin Lerchenfeld schrieb, dadurch auf das äußerste beunruhigt wurde. „Ich betrachte die arme Josepha als ein Opfer der Politik.“ Der Kaiserin stand eine Völkerfamilie vor Augen, die das Abbild der glücklichen Familie in der Hofburg war; was an Persönlichem geopfert wurde, das sollte und mußte Segen wirken in der Familie der Herrschenden und durch sie wieder auf die Welt. So bleib Maria Theresia weitausgreifendes politisches Streben auf das Menschliche angewiesen; das rein Politische in den Erwägungen ihres großen Gegners war ihr fremd. „Mein Herz sagt nichts dahin“, schrieb sie dem Grafen Uhlfeld, als im Februar des Friedensjahres 1763 das Gerücht auftauchte, sie habe dem König von Preußen geschrieben; sie war vielmehr dem König dankbar, daß er sich nicht an sie gewandt hatte: „Meine Feder hätte ihm niemals geantwortet.“ Sollten die Mächte verbunden werden, so mußte es durch Menschen und menschliche Beziehungen geschehen. Ihr „Herz blutete“, wenn sie vom Elend ihrer Soldaten hörte; der höchste Lohn, den sie einem siegreichen Feldherrn gewährte, bestand nicht in Ehren und Auszeichnungen, sondern in einem herzlichen dankbaren Wort. Sie scheute sich nicht, ihre Hilfsbedürftigkeit einzugestehen, wenn sie und das Land in Not waren; was die Befehlende vielleicht nicht erreicht hätte – den höchsten Einsatz, die unbedingte Ritterlichkeit – das erlangte die Bittende, die ihren Kummer nicht verbarg. Gerade in der Not bewährte sich ihre große persönliche Macht, der Zauber der gekrönten mütterlichen Frau.

Friedrich der Große (1712-1786)

Friedrich der Große (1712-1786)

Der Tod des über alles geliebten Gatten (1765) zerriß den schönen Einklang mit der Welt, den die schwersten Sorgen der Kriegsjahre nicht zu zerstören vermochten. Von nun an lebte die Kaiserin ein Leben der Trauer und der Verehrung für den Toten. Verhältnisse und Menschen gewannen ein düsteres Ansehen; noch bewegte sie die alte herzliche Soge um die Kinder und deren Nachkommenschaften, der warme Anteil an Geburt, Krankheit und Tod, die Fürsorge für die Leidenden, den sie ihre Ratschläge erteilte, aber mit der Welt und dem Weg, den sie einschlug, fand sie sich nicht mehr zurecht. Ihr Ringen mit dem aufgeklärten König von Preußen war nicht allein ein politischer, sondern auch ein geistiger Kampf gewesen, und Friedrich schien die Zukunft zu gehören: er siegte in ihrem eigenen Hause, über ihren ältesten Sohn, den Kaiser. Das Mysterium des geistigen Wandels, der Epochen bildet und sie voneinander trennt, trat nun in ihr Leben; die Stunde ihres Glückes und ihrer großen Wirkung war abgelaufen, und eine andere Stunde, die unter einem ihr fremden Geiste stand, hatte begonnen. Diesem fremden Geiste neigten sich die Kinder zu, ungeachtet aller Sorgfalt und Festigkeit, mit denen die Mutter ihre Erziehung geleitet hatte. Aber Maria Theresia hatte die Wahrheit erkannt und ihr die Treue gehalten; sie wußte, daß die Zeit irrte, und sah ihre Kinder in de Gefahr der Zeit erliegen. Sie konnte eine Politik nicht billigen, die das Recht nicht mehr als allgemeine Verpflichtung über den Völkern, sondern im Trachten der einzelnen führenden Mächte sah. Noch immer war sie der Meinung, daß es die Aufgabe des Regenten sei, sein Volk glücklich zu machen in dem tiefen Sinne erfüllten, beschützten, befriedeten Lebens; Ehre war ihr willkommen, den Ehrgeiz, der die Schranken der Ordnung überschritt, billigte sie nicht; er hatte zu Furchtbares angerichtet vor ihren Auen. Mit Stolz sah sie die glänzende Begabung des ältesten Sohnes; mit diesem Argwohn, mit verzehrender Sorge beobachtete sie die Umgebung, die Vorbilder und die geistigen Mächte, denen Joseph sich überließ. So rang sie um seine Seele und zugleich um das Vermächtnis der Väter, um das Kaisertum, das an die Schwelle einer ihm völlig feindlichen Ära gelangt war; sicherlich mußte sich der Kaiser auf neue Kräfte, neue Mittel stützen; wollte er aber die Krone bewahren, so konnte es nur kraft des alten Glaubens und der Ehrfurcht vor dem überlieferten Heiligen geschehen. Dieser Haltung stand die Zeit, stand die eigentümliche Macht entgegen, die Friedrich der Große und die von ihm vertretenen Ideen des Jahrhunderts über den hochsinnigen Kaiser erlangt hatten; es ist, als kämpfe Maria in ihren Briefen an Joseph noch einmal mit dem alten Gegner, nicht mehr um Schlesien, sondern um ein viel edleres Gut: um das Herz des Sohnes. Dieses Herz war in Gefahr, von Ironie vergiftet zu werden, und die Mutter sah darin, mit dem persönlichen Unglück, das Verhängnis des Reiches. Aus ihrem ganzen Wesen verabscheute sie die Ironie.

Marie Antoinette (1755-1793), Königin von Frankreich, war eine Tochter Maria Theresias

Marie Antoinette, Königin von Frankreich, war eine Tochter Maria Theresias

So nötigte ihr die Zeit als Antwort ihres Herzens bittre Schmerzen ab; ihren größten Kummer wird sie verschwiegen haben. Wie sie Josephs Herrschaft mit dunklen Vorgefühlen begleitete, die sich nur langsam beschwichtigen ließen, so spürte sie ein Verhängnis über dem Haupte Marie Antoinettes. Sie wußte die Welt in einer furchtbaren Gefahr und sah gerade in Versailles den Ernst nicht, der ihr hätte begegnen können. Die Briefe der Tochter berichteten die volle Wahrheit nicht, aber die Mutter verstand in ihrem Grame die Nachrichten der Zeitungen zur allzu gut zu deuten; in Versailles geboten Leichtsinn, Gefallsucht, Zerstreuung, Ironie, eine Oberflächlichkeit, die verderblich werden mußte; die Tochter hatte nicht die Kraft, sich der eigentlichen Wirklichkeit zu stellen und ihr entgegenzuleben aus der Verpflichtung, die ihr die Krone auferlegte. Sie hing von Menschen ab, das heißt, sie machte sich von ihnen abhängig; – wie sonderbar war schon die Klage der jungen Kronprinzessin, daß sie von einem französischen Adligen beleidigt worden sei! Als ob eine Fürstin beleidigt werden könne oder eine Beleidigung bemerken dürfe! Der Geist des Aufruhrs meldete sich an; er stand in einer tiefen Beziehung zur Aufklärung, zur Verleugnung des allverbindlichen Rechts, mit der die Fürsten begonnen hatten. In Wahrheit fehlte es an Liebe und Vertrauen, es fehlte am Segen des Gebets. Wie sollten die Völker einander vertrauen, wenn nicht einmal die Tochter der Mutter vertraute, wenn die Familie der Herrschenden nicht einig war! Die Menschen begannen den Tag nicht auf die rechte Weise; wie sollten ihnen ihre Handlungen gedeihen! Eine ganz neue Forderung nach Ernst und Liebe war von der Zeit gestellt worden, aber die Menschen antworteten ihr nicht.

Marie Antoinette bei ihrer Hinrichtung 1793 in Paris

Marie Antoinette bei ihrer Hinrichtung 1793 in Paris

Mit der Weisheit der Mutter erlebte Maria Theresia vieles voraus, was erst nach ihrem Tode geschah. Ihre Jugendkraft schien einst unversieglich zu sein, aber seit ihr Gatte gestorben war und die eine große Liebe ihres Lebens sie zu seinem Grabe zog, alterte die Kaiserin rasch. Sie segnete die Kinder und Enkel vor ihrem Tode (Nov. 1780) und ermahnte noch einmal zur Festigkeit im Glauben, an den Frieden erinnernd, der nicht von dieser Welt ist, sondern von Christus kommt. Es ist der Friede, der immer erreichbar gewesen ist, inmitten der Geschichte. An den großen Jahren ihres Wirkens aber, da der ganze Staat bewegt wurde von ihrem Stolz, ihrer Festigkeit, ihrer Liebeskraft, ihrem überreichen Menschentum, haftet ein Schimmer wie wohl an keiner andern Ära der neuen Zeit; und es mag wohl eine tiefe Beziehung darin walten, daß lange nach ihrem Tode Grillparzer, der eigentliche Dichter Österreichs, das Gedicht schrieb von der Fürstin Libussa und von der beglückenden Herrschaft der Frau, der die Mächte der Erde ein tragisches Schicksal bereiteten. Da Libussa fühlt, wie die Macht ihr entsinkt, so segnet sie.

Kann ich nicht wirken in der Zeit, die neu,
So will ich segnen – euch, das Volk und mich.

(V. Aufzug)

In furchtbaren Bildern kündigte sich der Seherin Libussa das Geschick der Welt an, aber gerade darum sollen die Menschen nicht ohne Segen sein. Der Segen mildert vielleicht doch die Wucht des Schicksals. Es ist nur wenige vorbehalten zu segnen; aber wer die Herzensstimme Maria Theresias zu hören vermag, wird einen Trost im Gedanken an ihren Segen finden. Sie hat Recht getan, und wenn sie das Unrecht nicht hindern konnte, hat sie tief daran gelitten.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe August/September/Oktober 1942