Von Anton Ritthaler

Als die Schande des Novemberaufruhrs über uns gekommen war und die Gegenwart kaum noch Rat und Trost bot, begannen wir mit neuen Augen jene Abschnitte der „Gedanken und Erinnerungen“ zu lesen, worin Bismarck mit der Freude des Alters am stürmischen Wellenschlag der Jugend seiner Revolutionserlebnisse im Frühjahr 1848 gedenkt. Wir fanden darin alles, wonach unser wundes Herz sonst fast vergeblich suchte: das selbstverständliche Zupacken eines ganz echt empfindenen Menschen, den unversöhnlichen Haß gegen die frevlen Zerstörer überlieferter Werte, die stolze Trauer um die verlorene Reinheit des deutschen Namens, den heißen Eifer, in mühsamer Kleinarbeit wieder aufzurichten, was im Großen leichtfertig preisgegeben worden war. Unvergeßlich haben sich diese Bilder eingeprägt: der Gutsherr, der die ehrwürdige Preußenfahne hißt, seine Bauern zum Zug nach Berlin aufstachelt und kaltblütig den leisetretenden Nachbarn bedroht; der Kundschafter, der sich nachträglich ein Bild des Barrikadenkampfes und seines Ausgangs zu machen beginnt und unerschrocken die Verbindung mit dem unfreien König herzustellen versucht; der Junker, der den bekümmerten Generalen keinen besseren Rat weiß, als auf dem offenstehenden Klavier den Infanteriemarsch zum Angriff zu klimpern. Es rührte an eigenen Gram und Groll, wenn wir Bismarck von einem Besuch am Grabe der Straßenkämpfer schmerzlich bekennen hörten: „Und nicht einmal den Toten konnte ich vergeben“. Und was er der Mutter seiner Frau von Gewissens wegen zu bedenken gab, haben wir selber dann immer wieder dem verlogenen Schlagwort vom verhüteten „Bürgerkrieg“ entgegengehalten: „Wie kann man eine rechtmäßige Obrigkeit und eine hochverräterische Partei auf die gleiche Linie stellen?“

Novemberrevolution 1918

Liest man heute die von Erich Marcks, dem Meister der Seelen- und Sprachmalerei, hinterlassene Darstellung jenes wichtigen Abschnittes in Bismarcks Leben, die von Willy Andreas herausgegeben und seither auch äußerlich dem ersten Stück der großen Bismarckbiographie angegliedert worden ist, so entsteht zuerst einmal der Eindruck eines schmerzlichen Verlustes. Was bleibt von dem Feuerbrand Bismarck, dessen ingrimmiger Tatwille sich so herzerfrischend von der verzagten oder berechnenden Halbheit der Verantwortlichen abhob? Eine lebensprühende Episode, der alsbald der Rückschlag folgt: nach wenigen Seiten, die jene Aufrüttelungsversuche treulich schildern, überrascht uns die Feststellung, gerade Bismarck sei minder hart und streitentschlossen gewesen als seine Gesinnungsgenossen aus dem Vereinigten Landtag.

In der Tat läßt sich die Verzichtsbereitschaft als „der sehr ehrliche Grundton in Bismarcks Stimmung“ für ein paar Wochen des Übergangs stichhaltig belegen. Und Marcks verwirft auch mit Recht die beschönigende Auffassung, darin habe sich der frühwache Wirklichkeitssinn des künftigen Staatsmannes verraten. Denn in Wahrheit kann keiner schon so bald nach dem ersten Anlauf einer Revolution ihren Erfolg ermessen; die rasche Anpassung an das Neue beweist daher nicht besonderen Scharfblick für Unabänderliches, sondern festigt erst einen vorläufigen Zustand und macht, daß er unabänderlich wird. Im vorliegenden Fall vollends wäre ein bewußtes Mitschwimmen im Strom geradezu ein Zeichen kurzsichtiger Voreiligkeit gewesen, denn die Kräfte der Beharrung erwiesen sich noch auf lange hinaus als stärker. Eher schon möchte man Bismarcks vorübergehendes Versagen daraus erklären, daß er die mannigfachen Möglichkeiten der Gegenwirkung minder gut überschaut habe als seine Freunde. Auch später hat sich ihm ja die politische Gesamtlage stets dann hoffnungslos gemalt, wenn er für sich selbst keine Handhabe zum Eingreifen mehr entdeckte. Und für jetzt war er im Getriee der Parlaments- und Parteipolitik noch nicht heimisch genug, um sogleich die Mittel und Wege recht zu würdigen, die die Neuerungen der konservativen Sache immer noch offen ließen oder gar erst öffneten; die taktisch geschulteren Parteihäupter hatten es hier von vornherein leichter, zuversichtlich zu sein.

Aber vielleicht sah er jene Möglichkeiten doch und fand nur darin kein rechtes Heilmittel für das, was zerstört war?

Otto von Bismarck (1847)

Otto von Bismarck (1847)

Marcks hat mit der ihm eigenen, fast beschwörenden Eindringlichkeit dem Stimmungsgehalt der berühmten Landtagserklärung vom 2. April 1848 nachgegraben, womit sich Bismarck, wenn auch ohne Dank, hilflos in das Gewordene fügt, – die seltsam einseitige Begründung dafür scheint ihm nicht weiter aufgefallen zu sein. Wir aber erinnern uns, welch grundlegende Bedeutung in einer Revolution, einer deutschen zumal, die Haltung der alten Gewalten gewinnt: Auch ihr vergeblicher Widerstand, ihr ohnmächtiger Widerspruch noch vermag den neuen Gebilden den Rechtsboden zu rauben und ihre Verwurzelung im Volksgewissen zu hindern; die ursprünglichen Träger der Herrschaft und ihre Anhänger werden sich immer darauf berufen, daß sie nur der Gewalt gewichen seien. Um diese Feststellung, nicht um persönliche Schuldanteile ging es z.B. bei dem Nachweis, daß 1918 die vom Reichskanzler Prinzen Max ausgegebene Abdankungserklärung den wahren Willen des Kaisers ausschaltete. Eine Verwahrung gegen den Druck der Straße auf die rechtmäßige Obrigkeit wäre daher auch die natürliche Waffe für Bismarcks Rückzugsgefecht in der Kammer gewesen. Die Vereinbarung zwischen Rechts und Links über die Adresse ließ im dafür immerhin Raum. Stattdessen machte gerade einer seiner Sätze jede Rüge des Ursprungs der neuen Ordnung hinfällig: „Die Vergangenheit ist begraben, und ich bedauere es schmerzlicher als viele von Ihnen, daß keine menschliche Macht imstande ist, sie wiederzuerwecken, nachdem die Krone selbst die Erde auf ihren Sarg geworfen hat.“ Diese letzte Wendung war nicht nur, wie Marcks sehr fein sagt, die erschütternde Totenklage um das alte Preußen, sie war auch die herbste Anklage gegen seien König und jedem liberalen Ohr ein willkommenes Zeugnis für die einwandfreie Rechtsgültigkeit aller frischen Errungenschaften. Kein Wunder, daß sie Ludwig v. Gerlach enttäuschte, der die geltende Verfassung gegen die werdende verteidigt zu sehen wünschte.

Aber wollen wir annehmen, Bismarck habe in einer Müdigkeitsanwandlung oder aus rednerischem Ungeschick dem Feind eine solche Bresche geöffnet? Wer so unbarmherzig den König bloßstellte, für den hatte auch wohl wirklich in der Haltung des Königs die geschichtliche Entscheidung gelegen: Bismarck gab den innersten Grund seiner Verzagtheit an, als er die ganze Verantwortung auf den König wälzte. Durch sein ganzes politisches Leben hat ihn die Vorstellung des Monarchen begleitet, der für sein Recht gegen die Revolution den Degen zieht: nur durch diese innere Bereitschaft fand er den Bestand eines gesunden Staatswesens gewährleistet. In seinem frühen, viel einfacheren politischen Denken wird sich der Kampf gegen den Umsturz noch weit enger mit der Person des Fürsten verknüpft haben, vielleicht so eng, daß dieser Kampf seinen Sinn schon verloren zu haben schien, sobald der Mann auf dem Thron ihn aufgab. All die gegenrevolutionären Unternehmungen Bismarcks beruhten ja auf der anfangs natürlichen, später etwas krampfhaft festgehaltenen Annahme, daß der König des freien Willens beraubt sei, und suchten auf den Punkt zurückzukehren, wo seine Entschließungsfreiheit verlorengegangen war; sein Tatenmut erlahmte in dem Augenblick, da sich der Widerstandswille des Königs auch mit der besten Meinung nicht mehr unterstellen ließ: bei dem Bekenntnis Friedrich Wilhelms vor den Offizieren, er fühle sich unter der Berliner Bürgerschaft vollkommen sicher und frei. Am Tage darauf schrieb Bismarck an Gerlach über die erfreuliche Stimmung seiner Bauern, – „aber wer kann das Gebäude halten, dessen Eckstein morsches Holz ist!“ Und noch im hohen Alter hat er hier die Erzählung unvermittelt abgebrochen: „Mit verwundetem Gefühl kehrte ich nach Schönhausen zurück.“ In diesen Worten, die man leicht allzusehr auf das Murren der Offiziere, statt auf die Ansprache des Königs bezieht, scheint uns der Wendepunkt vom stürmischen Anpacken zum müden Zuschauen zu liegen: Bismarck fehlte nicht der Führer zum Kampf, aber der Gegenstand dieses Kampfes hörte plötzlich auf, greifbar zu sein.

So geringfügig diese Abweichung von der Deutung bei Marcks zu sein scheint, so gewichtig sind doch die Folgerungen, die sich daran knüpfen. Bismarcks seelischer Zwischenzustand war dann nicht mehr einfach „die gerade bei dem Heißblütigen, dem Jünglingsmanne, so tief erklärliche Depression: Mißerfolg, Bitterkeit, Verachtung und deshalb achselzuckende Bescheidung“. Er war vielmehr recht eigentlich der Beginn der Auseinandersetzung Bismarcks mit dem preußischen Königtum als einer Schicksalsmacht seiner Zukunft. Schon in seiner frühesten Staatsauffassung müssen wir dann den bestimmenden Einfluß der Krone verankert sehen und das Gefühl für ihre Unentbehrlichkeit zur Überwindung der Revolution könnte als erstes Zeugnis seines regen Sinnes für unwägbare Werte gelten. Und von hier aus führt eine gerade Linie zu der berühmten Ansprache auf der Schloßterrasse von Sanssouci.

Der harte Tadel am Zurückweichen des Königs muß auch für diesen selbst Kern und Merkmal des Politikers Bismarck in jenen Wochen ausgemacht haben, wenn der Verlauf dieser Unterredung verständlich sein soll. Die kalte Anklage wegen der Erde auf dem Sarg der Vergangenheit kann ihn kaum entgangen sein, und was der Prinz von Preußen etwa aus seinen Gesprächen mit Bismarck erzählt haben mag, konnte diesen Eindruck nur verstärken. Und die Gerlachs, mit denen er wahrscheinlich auch üer ihren einst so vielverheißenden jüngeren Mitstreiter gesprochen hat, scheinen ihm keineswegs das Bild eines müdgekämpften und darum in sein Gegenteil verwandelten Heißsporns, sondern eher das eines unfügsamen Trotzkopfs gezeichnet zu haben. Denn keinen Augenblick führt der König in jener Unterredung die Mißstimmung seines Gastes wirklich auf die neuesten Agrargesetze zurück, auf die Bismarck anfangs anspielt, sondern er holt sogleich zu großen Auseinandersetzung aus: „Was werfen Sie mir eigentlich vor?“. Und Bismarck geht ebenso selbstverständlich darauf ein mit der Antwort: „Die Räumung Berlins.“ Der Herrscher weiß, daß er hier nicht ein jugendlich gedrücktes Gemüt mit zuversichtlichen Worten aufrichten, sondern sachliche Gründe der Hoffnungslosigkeit wegräumen muß, und er tut es nicht, indem er seine frühere Handlungsweise zu verteidigen sucht, sondern indem er sich zu einer großen Aufgabe bekennt und dafür wirbt: den „gestürzten Thron“ wieder aufzurichten. Friedrich Wilhelm erscheint in dieser Abrechnung, zu der er sich freien Willens stellt, von einer menschlichen Größe, die es begreiflich macht, daß Bismarck ihm Liebe und Verehrung bis ins Alter bewahrte. Dennoch ist er, scheint uns, nicht nur durch das Maß an Güte entwaffnet und gewonnen worden, sondern durch die entschlossene Umkehr des Königs, die er seinen Äußerungen entnahm. Dachte der Herr so, wie er sagte, dann fehlte dem Gebäude, das der Diener stützen helfen sollte, fortan der Eckstein nicht mehr. Das Banner des Königsgedankens, das an den Feind verlorengegangen schein, würde wieder über dem eigenen Lager wehen, man brauchte nicht mehr ein Recht zu vertreten, dessen höchster Träger und Hüter es selber hinfällig gemacht hatte.

Bismarck und König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1848 (Zeichnung von Hermann Lüders)

Bismarck und König Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1848 (Zeichnung von Hermann Lüders)

So schloß, könnte man sagen, Bismarck seinen ersten Bund mit einem preußischen König gegen die Woge der Demokratie – unter ganz anderen Begleiterscheinungen als 14 Jahre später, und doch vielleicht nicht unter ganz unähnlichen Bedingungen. Denn auch jetzt blieben die Unterschiede im Verfahren unausgeglichen – sah sich doch Bismarck sogleich veranlaßt, zur raschen Tat zu drängen, und auch in den folgenden Monaten wird er noch hundertmal das Zaudern des Herrschers verwünscht und einen frischeren Wind ersehnt haben – , aber in den Gewissensfragen war Einigkeit gestiftet zwischen zwei Männern, die sich beide zum Königtum von Gottes Gnaden bekannten. „In Preußen muß der König regieren, und ich regiere nicht, weil es also mein Wohlgefallen ist, Gott weiß es!, sondern, weil es Gottes Ordnung ist; darum aber will ich auch regieren“ – auf Worten wie diesem fußend, mag Bismarck diesem Hohenzollern still im Herzen, wie nachmals einem Bruder ausdrücklich, versprochen haben, ihn in der Bedrängnis nicht im Stiche zu lassen, was immer auch sonst sie in ihren Meinungen trennen sollte.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Januar/Februar 1941