Die Schrift "Zarendämmerung" von Maurice Paléologue

"Zarendämmerung" von Maurice Paléologue

Über dieses packende Thema schrieb Oberst a.D. Dr. h.c. Bernhard Schwertfeger im Hannoverschen Anzeiger vom 18. Mai 1935:

Das geistige Ringen um die Verantwortlichkeiten des Weltkrieges ist immer noch nicht abgeschlossen. Der unermüdlichen Rastlosigkeit des ehemaligen französischen Botschafters am Zarenhofe, Paléologue, blieb es vorbehalten, die neue „Schuld“ Deutschlands und seines ehemaligen Kaisers zu entdecken. In seiner vor kurzem in Paris erschienenen Schrift „Guillaume II et Nicolas II“ häuft dieser berühmte und vielgelesene Schriftsteller die Beschuldigung auf den deutschen Kaiser, er habe den Zaren von der Hand der Bolschewisten sterben lassen. Bei der Gewandheit Paléologues, alles, was er beweisen will, glaubhaft erscheinen zu lassen, behauptet er wörtlich: „So schwer diese Anklage wiegt, so zweifle ich nicht, daß sie von der Geschichte angenommen wird. Seit dem Januar 1918, also sieben Monate vor dem schändlichen Drama von Jekaterinburg, hätte Wilhelm nur ein Wort zu sagen brauchen, um die kaiserliche Familie zu retten.“ Paléologue erinnert daran, daß Lenin im Januar 1918, als die Deutschen auf Petersburg marschierten, ohne Widerstand zu finden, bereit gewesen sei, einen Frieden um jeden Preis zu schließen. So hätten die bolschewistischen Bevollmächtigten denn auch das Diktat von Brest-Litowsk auf Befehl Lenins annehmen müssen. Für Deutschland wäre es daher ein leichtes gewesen, in den Friedensvertrag eine Klausel einzufügen, daß die kaiserliche Familie unverzüglich freigelassen werden müsse, und die bolschewistischen Bevollmächtigten würden diese Befreiungsklausel ebenso fügsam angenommen haben wie den ganzen Vertrag. Wörtlich heißt es weiter: „Damals zu Beginn des Jahres 1918 war nur eine einzige Person imstande, den Zaren, die Zarin und ihre Kinder zu retten: das war Wilhelm. Er hatte dazu die Macht, und mehr als jeder andere Herrscher hatte er dazu die Pflicht. Denn kein anderer Herrscher war mit dem Hause der Romanows durch so enge und innige Bande verbunden. War er vor allem nicht der Pate des kleinen Thronfolgers Alexis, der gleich seinem Vater, seiner Mutter und seinen vier Schwestern in der tragischen Nacht des 16. Juli 1918 hingerichtet worden ist?“

Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II.

Zar Nikolaus II. und Kaiser Wilhelm II.

Man muß schon sagen, daß Herrn Paléologue, dem jetzigen Mitgliede der französischen Akademie, einem der gefeiertsten französischen Schriftsteller der Gegenwart, alle literarischen Mittel zur Verfügung stehen, um schließlich jede, auch die verwegenste These glaubhaft zu machen. Einer solchen Kampfart gegenüber dürfen nur die untrüglichen Waffen zuverlässiger geschichtlicher Forschung angewendet werden. Wir haben sonst ernstlich mit der Gefahr zu rechnen, daß eine neue für Deutschland und den deutschen Menschen gefährliche Weltmeinung entsteht. Besagen doch Paléologues Vorwürfe nichts anderes, als daß Deutschland und ganz besonders der deutsche Kaiser selbst unter Verleugnung der heiligsten Pflichten des Blutes und der Menschlichkeit dem Zaren und seiner Familie das furchtbarste Los bereitet hätten, das auszudenken ist, denn in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 sind nicht nur der Zar und die Zarin, der Thronfolger mit Geschwistern und vier Getreue in dem Keller des Hauses in Jekaterinburg, in dem man sie eingeschlossen hatte, in einem furchtbaren Blutbade niedergemetzelt worden, sondern in der darauffolgenden Nacht hat man in Alapajewsk im Permschen Gouvernement auch die Großfürstin Jelissaweta Fedorowa, die Schwester der Kaiserin, mit fünf anderen Mitgliedern der Kaiserfamilie gleichfalls in grauenhaftester Weise ermordet, die Leichen beraubt, zerstückelt, verbrannt und noch in der Nacht verscharrt.

Ikone der Hl. Elisabeth Feodorovna (geb. Elisabeth von Hessen-Darmstadt)

Ikone der Hl. Jelisaweta Fjodorowna (geb. Elisabeth von Hessen-Darmstadt)

Ueber alle diese Dinge erstattet nunmehr Dr. Kurt Jagow, der Hausarchivrat des Brandenburgisch-Preußischen Hausarchivs, einen auf genaue Kenntnis der in Frage kommenden Akten gestützten Bericht. Kurt Jagow gehört zu dem engeren Kreise der Vorkämpfer gegen die Vergewaltigung von Versailles. Wir verdanken seiner Feder bereits verschiedene Werke, die alle den Beweis erbrachten, daß es ihm in erster Linie immer nur um die Aufhellung der Wahrheit vom Standpunkte strenger historischer Geschichtsauffassung ankommt. Seine „Daten des Weltkrieges“ (Leipzig 1922), seine Schrift „Unter dem Joch von Versailles“ (Berlin 1923), seine zusammenfassenden Darlegungen über den „Potsdamer Kronrat“ (München 1928) und seine Arbeit über das Drama der 13 Tage im Urteil der Geschichte „Deutschland gesprochen!“ (Leipzig 1933) gehören zu den besten Waffen der Gegenwehr gegen die Verunglimpfung des deutschen Namens. Würdig schließt sich an ihre Reihe seine an Paléologue gerichtete Antwort „Die Schuld am Zarenmord“ die A.v.Wegerer soeben in der Mainummer der „Berliner Monatshefte“ veröffentlicht.

Jagow untersucht zunächst die Frage, ob nicht eine der fremden Mächte rechtzeitig hätte eingreifen können, um die Zarenfamilie vor dem ihr drohenden Schicksal zu retten. In erster Linie war das zweifellos die Pflicht der Verbündeten Rußlands, also Englands und Frankreichs. Nach dem politischen Umsturze in Rußland 1917 waren nur die Mächte der Entente in der Lage, wirkungsvoll einzugreifen. Das Aeußerste, was deutscherseits geschehen konnte, war die Zusicherung, dem Abtransporte der Zarenfamilie zur See nicht hindernd in den Weg zu treten. Der provisorischen russischen Regierung von 1917 war die Anwesenheit der Zarenfamilie keineswegs bequem, und sie war gern bereit, den Abtransport nach England zu fördern. Der damalige russische Außenminister Miljukow war mit der Ueberführung der Zarenfamilie zunächst an die Murmanküste einverstanden. Dorthin wollten die Engländer einen Kreuzer zur Abholung entsenden. Durch Vermittlung des dänischen Gesandten in Rußland, v. Scavenius, wurde der deutschen Regierung die Bitte übermittelt, den englischen Kreuzer nicht etwa von deutschen U-Boot torpedieren zu lassen. Deutscherseits ist man hierauf eingegangen, und es kam somit zunächst nur darauf an, daß England den Zaren ein Asyl anbot und gleichzeitig die Verpflichtung übernahm, ihn bewachen zu lassen. In diesem Sinne hat sich der englische Botschafter in Petersburg, Buchanan, bis zur Grenze des Möglichen bemüht und mehrere dringende Telegramme nach London gerichtet. Inzwischen wuchs in Rußland die Gefahr, daß die Sowjets die Macht an sich reißen könnten. Auch durfte es in Rußland nicht bekannt werden, daß die provisorische Regierung den Zaren nach England reisen lassen wollte, da der äußerste linke Flügel überhaupt dagegen war, den Zaren aus Rußland herauszulassen.

Außenminister Miljukow der provisorischen Regierung Rußlands

Außenminister Miljukow der provisorischen Regierung Rußlands

In unglücklicher Weise verknüpften sich politische Schwierigkeiten mit dem Gesundheitszustand der Kinder des Zaren, die an den Masern litten und erst nach ihrer Gesundung transportfähig schienen. So wurde wertvolle Zeit verloren, bis man schließlich von London erklärte, es sei besser, wenn der Zar nicht nach England komme. In London war man besorgt vor inneren Unruhen, die zu Streiks in den Schiffswerften, in den Bergwerken oder in den Munitionsfabriken führen könnten. Schon lief das Gerede um, daß die Arbeiter in den Ausstand treten würden, falls man den Zaren nach England lasse. So mußte Buchanan, der über diese Wendung der Dinge menschlich völlig verzweifelt war, schließlich dem Außenminister Miljukow erklären, England bestände nicht mehr auf der Abreise der Zarenfamilie nach England. Im Sommer 1917 mußte der englische Rettungsversuch als endgültig beendet angesehen werden.

Wie aber stand es mit Frankreich? Vor dem Weltkriege hatte man dort die Bedeutung des Zweibundes gar nicht überschwenglich genug preisen können. Noch lebte überall die Erinnerung an den Besuch des Präsidenten im Juli 1914, an die damaligen rauschenden Festlichkeiten und an die tiefe Übereinstimmung der Staatsmänner beider Länder, von der uns der gleiche Paléologue in seinem buntschillernden Werke „La Russie des Tsars“ einen so anschaulichen Bericht gegeben hat. Französischerseits ist für die Rettung der Zarenfamilie so gut wie nichts geschehen. Der englische Botschafter in Paris, Lord Bertie, berichete am 22. April 1917 darüber: „Ich glaube nicht, daß der frühere Zar und seine Familie willkommen wären. Die Zarin ist nicht nur von Geburt, sondern auch ihren Gefühlen nach eine Boche. Sie hat alles getan, was sie konnte, um eine Verständigung mit Deutschland herbeizuführen. Sie gilt als eine Verbrecherin oder als eine verbrecherische Wahnsinnige, und der frühere Zar gilt als ein Verbrecher infolge seiner Schwäche und seiner Unterwerfung unter ihre Befehle.“

Zarin Alexandra Fjodorowna mit Tochter Anastasia

Zarin Alexandra Fjodorowna mit Tochter Anastasia

Dieses Urteil über die Zarin ist nach jeder Richtung hin ungerecht; sie hat niemals ihre deutsche Abstammung im Sinne von Anerbietungen an die deutsche Adresse ausgenutzt, und war auch, wie uns zuverlässig bezeugt wird, nicht gewillt, Rußland zu verlassen. Noch in der Gefangenschaft von Tobolsk im März 1918 hat sie geäußert: „Um nichts in der Welt will ich das Land verlassen. Wenn wir nach dem Auslande fahren sollten, würde es mir scheinen, daß das letzte Glied, das uns mit der Vergangenheit verband, gerissen sei, und dann fühle ich, daß diese Vergangenheit in mir auf ewig sterben würde.“

Paléologue selbst aber, der besser als irgendein anderer das Herannahen der Tragödie zu beobachten vermochte, ist, wie Kurt Jagow zutreffend bemerkt, in seiner Anteilnahme für die Zarenfamilie über sentimentale Tagebucheintragungen und deren spätere literarische Verwertungen nicht hinausgegangen. Mit ungewollter Selbstironie hat Paléologue einmal das Wort von La Rochefoucauld zitiert: „Wir haben immer Kraft genug, um fremdes Unglück zu ertragen.“

So hat denn Frankreich für die Rettung seines Verbündeten, des früher so vergötterten Selbstherrschers aller Reußen, nichts getan, und auch ein Versuch des Königs von Spanien, Alfons‘ XIII., schlug fehl, da die provisorische Regierung sein Angebot so lange dilatorisch behandelte, bis es zu spät war.

Deutscherseits sind noch 1918 verschiedene Versuche zur Rettung der Zarenfamilie unternommen worden. Als König Christian X. von Dänemark sich in diesem Sinne an Kaiser Wilhelm II. wendete, antwortete der Kaiser am 17. März 1918, daß er gern das Seinige dazu tun würde, um der russischen Kaiserfamilie ein gesichertes und würdiges Los zuteil werden zu lassen. Wörtlich hieß es weiter: „Eine unmittelbare Hilfe ist aber bei den gegebenen Verhältnissen ausgeschlossen, und jeder Schritt von mir und meiner Regierung würde die Lage der Kaiserfamilie nur verschlimmern, da er von der russischen Regierung falsch verstanden und so gedeutet werden könnte, als hätten wir Absichten, die Wiedereinsetzung des Zaren herbeizuführen … Auch Schritte der Entente würden voraussichtlich dem gleichen Argwohn begegnen. Der einzig gangbare Weg scheint mir der zu sein, daß die nordischen Reiche gemeinschaftlich bei der russischen Regierung vorstellig werden. Ihnen wird man als neutralen Mächten viel eher glauben, daß sie lediglich aus menschlichen Motiven handeln und keinerlei politisches Interesse verfolgen.“

Graf Wilhelm von Mirbach-Harff (1871-1918, † in Moskau)

Graf Wilhelm von Mirbach-Harff (1871-1918, † in Moskau)

Im übrigen muß man sich vor Augen halten, wie es damals mit der Möglichkeit einer Einwirkung Deutschlands auf Rußland bestellt gewesen ist. Am 6. Juli 1918 wurde der deutsche diplomatische Vertreter in Moskau, Graf Mirbach, ermordet. Für Deutschland bestand tatsächlich keinerlei Möglichkeit zur Rettung des Zaren. Alle Versuche, die nach der Ermordung des Zaren unternommen wurden, um vielleicht wenigstens noch die Familienmitglieder zu retten, deren Tod noch zweifelhaft schien, sind fehlgeschlagen. Die Verantwortung für die Ermordung der Zarenfamilie lastet daher in vollem Umfange auf der bolschewistischen Regierung von 1918, nicht aber auf der deutschen Politik und auf der Haltung Kaiser Wilhelms II., der auch in dieser Beziehung das Urteil der Geschichte nicht zu scheuen hat. Andererseits steht unzweifelhaft fest, daß England und Frankreich, die Rußland als Verbündete am nächsten standen, wohl in der Lage gewesen wären, durch rechtzeitiges Eingreifen die Zarenfamilie zu retten. Sie haben sich dieser Aufgabe aber aus innenpolitischen Gründen versagt.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Juni 1935