Von Johannes Spörl

Der Weihnachtstag des Jahres 800, an dem Papst Leo III. dem Frankenkönig Karl die römische Kaiserkrone aufs Haupt setzte, war ein Schicksalstag der abendländischen Geschichte. Der junge Staat der Franken war legitimer Erbe des christlich-römischen Imperiums geworden, jenes Weltreiches, das nach Überzeugung des Mittelalters bis ans Ende der Zeiten dauerte.

Kaiserkrönung Karls des Großen

Kaiserkrönung Karls des Großen

Die Idee des mittelalterlichen Kaisertums, in der römisches Staatsbewußtsein, christliche Religion und germanisches Ethos sich zusammenfanden, gehört zu den großartigsten geistigen Schöpfungen des Abendlandes. Die ganze Tragik, aber auch die weltgeschichtliche Größe der deutschen Geschichte beruht darin: diese Idee hat die Deutschen, die Träger des übernationalen Kaisertums, verhindert, zur rechten Zeit, wie die Engländer und Franzosen, sich einen starken, begrenzten Staat zu schaffen; sie hat sie aber auch wie kein anderes Volk des Abendlandes zu Trägern einer weltgeschichtlichen, europäischen Sendung gemacht. Das germanisch-deutsche Kaisertum bedeutete Weltdienst, nicht Weltherrschaft, Dienst an der Kirche, nicht imperialistische Ausdehnungspolitik. Der Kaiser war der Schutzherr der Kirche, für ihre Ordnung, ihr Wohlergehen verantwortlich. Solange die Päpste schwach und hilfsbedürftig waren, brauchten sie die starke Hand des Schirmherrn. Wie aber, wenn das Papsttum im Bewußtsein seiner geistigen Weltaufgabe erstarkte? Würde es die gewaltige Hand des deutschen Kaisers stets als Schutz und nicht als Hemmnis seiner Freiheit auffassen? Zwei Schwerter, so drückte sich die mittelalterliche Theorie bildhaft aus, hat Gott zur Herrschaft über die Welt verliehen, ein geistliches und ein weltliches. Steht nicht eigentlich das geistliche Schwert so hoch über dem weltlichen, wie die Seele über dem Leib des Menschen? Zwei Pole besaß die Papst-Kaiser-Monarchie des Mittelalters, die sich abstießen und doch zuinnerst bedingten, einen geistlichen und einen weltlichen. Der Investiturstreit brachte die erste Erschütterung des mittelalterlichen Einheitsbewußtseins. Gregor VII. starb in der Verbannung, aber seine Ideen von der Herrschaft der geistlichen Gewalt über die weltliche lebten weiter. Jeder deutsche König mußte sich fortan mit ihnen auseinandersetzen, Heinrich V., Lothar III., Konrad III., am heroischsten aber Friedrich Barbarossa.

Statue Friedrich Barbarossas

Statue Friedrich Barbarossas

Als Friedrich den Thron bestieg, saß noch Eugen III., der Schüler des heiligen Bernhard, auf dem päpstlichen Stuhl. Seit dem Investiturstreit war Friedrich der erste deutsche König, der ohne Eingreifen der päpstlichen Politik die Krone erworben hatte, und er war von Anfang an durchaus nicht gewillt, der Kurie Zugeständnisse wie sein Vorgänger zu machen. Trotzdem waren die gegenseitigen Beziehungen anfangs nicht getrübt. Papst und König brauchten einander: der König wollte die Kaiserkrone und die moralische Stütze des Papstes gegen die Reichsfeinde; der allseitig bedrängte Papst Eugen aber hatte das Schwert Friedrichs nötig gegen die aufsässigen Römer und die feindseligen Normannen; beide, Kaiser wie Papst, befürchteten das neue Festsetzen der Griechen in Unteritalien. Der Konstanzer Vertrag, 1153 noch vor dem ersten Italienzug geschlossen, in dem Friedrich sich zur militärischen Verteidigung Unteritaliens verpflichtete, sollte die Grundlage des künftigen guten Einvernehmens werden. Eugen III. erlebte die kaiserliche Krönung nicht mehr, und sein unbedeutender Nachfolger Anastasius IV. starb schon ein Jahr später. Mit dem Engländer Hadrian IV. bestieg wieder ein tatkräftiger Politiker den päpstlichen Stuhl. Äußerlich mild und feind leidenschaftlicher Regungen, verfolgte er zäh und energisch nur ein Ziel: die politische und moralische Stellung des päpstlichen Namens in der Welt zu erhöhen. Neben ihm stand sein hochbedeutender Kanzler Roland von Siena, der schon unter seinen beiden Vorgängern Leiter der kurialen Politik gewesen war. Ein scharf denkender, feingebildeter Jurist, rascher und leidenschaftlicher als Hadrian, war er, wie sein Herr, beherrscht von den Ideen Gregors VII. und überzeugt von dem endgültigen Sieg der Kirche.

Papst Hadrian sah dem Anrücken des deutschen Heeres mit Sehnsucht entgegen, wenn er vielleicht auch schon die ungewohnt energische Sprache des neuen Königs fürchtete. Aber er sah sich plötzlich in der mißlichsten Lage. Noch immer stiftete in Italien Arnold von Brescia Unruhe, jener radikale Demokrat, in dem sich die in Rom nie erloschene Erinnerung an antike Größe mit religiös asketischer Schwärmerei und scharfer Kritik an der bestehenden Kirche verband. Schon Bernhard von Clairvaux hatte mit sicherem politischen Feingefühl die Gefährlichkeit des Revolutionärs gespürt und ihn mit leidenschaftlicher Zähigkeit bekämpft, ohne seiner habhaft werden zu können. Die Freunde Arnolds in den Städten, zumal der papstfeindliche römische Senat, hatten ihn immer wieder gerettet. Die Gefangennahme dieses Rebellen, den man zu Unrecht lange für einen Märtyrer einer religiösen Idee gehalten hat, war der erste große Dienst, den der herannahende Friedrich dem Papst erwies. Dem römischen Präfekten ausgeliefert, wurde Arnold sofort hingerichtet und sein Asche den Winden preisgegeben, um seinen Anhängern keine Reliquien zu hinterlassen. Ungebeugt starb Arnold; sein gewaltsames Ende hat ihm einen besseren Ruf, als er ihn verdiente, verschafft. –

Der Papst ritt dem herannahenden deutschen Heer zur Begrüßung nach Sutri entgegen, und hier ereignete sich ein kleiner, aber bedeutungsvoller Zwischenfall, der Hadrian bewies, daß sein Mißtrauen in die demütige Ergebenheit des Königs nicht ohne Grund war. Friedrich weigerte sich, dem Papste öffentlich, der Sitte gemäß, den Steigbügel zu halten, weil er in diesem Dienst eine Beeinträchtigung seiner kaiserlichen Machtfülle sah. Erst als ältere Fürsten, die schon bei der Romfahrt zugegen gewesen waren, den Dienst als herkömmlich bezeugten, verstand sich auch Friedrich dazu.

Der Papst erwartete von Friedrich, dem Konstanzer Vertrag gemäß, einen Heereszug nach Unteritalien, der ihn von seinen Bedrängern, den Normannen und Griechen, befreien sollte. Aber Friedrich, der sein Heer nicht der glühenden Sonnenhitze Apuliens aussetzen wollte, kehrte nach Empfang der Kaiserkrone um. Hadrian empfand dies als Vertragsbruch und vollzog eine denkwürdige Wendung der päpstlichen Politik: er schloß mit den Normannen Frieden und gewann sie zu Bundesgenossen. Das bedeutete, wenn auch nicht den offenen Bruch mit dem Kaiser, so doch eine bedenkliche Trübung der Verhältnisse. Scharfe diplomatische Schreiben, die eine in Rom lange nicht mehr gehörte Sprache führten, gingen von dem kaiserlichen Kanzler aus, und die Kurie blieb die Antwort nicht schuldig. Leiter der kaiserlichen Politik wurde in diesen Tagen (1156) der schon erwähnte Rainald von Dassel, ein genialer Hitzkopf, eine der markantesten deutschen Kanzlergestalten im Mittelalter. Als zweitgeborener Sohn eines an der Weser begüterten Grafengeschlechtes wurde er schon als Kind zum Geistlichen bestimmt. Seine philosophisch-theologische Bildung holte er sich an den hohen Schulen zu Hildesheim und Paris. Kirchenfürst und Staatsmann zugleich, hatte er nichts mehr an sich von der asketischen Innerlichkeit des Zeitalters des heiligen Bernhart von Clairvaux; er ist ein echter Vertreter des laienhaften, weltfreudigen Geistes, der mit Friedrich in die deutsche Öffentlichkeit gekommen war. Literarisch hochgebildet und künstlerisch interessiert, wußte er Gelehrte und Dichter an sich zu ziehen, von denen die reizvolle Gestalt des Kölner Erzpoeten, dessen übermütige Trinklieder heute noch nicht verstummt sind, vielleicht die bekannteste ist. Freigebig, leutselig und heiter verkehrte er selbst mit dem stolzen Kaiser in vertraulichem Ton und wurde immer stärker dessen unentbehrliche Stütze. Die schwierigsten diplomatischen Aufgaben fielen ihm zu und er löste sie mit verblüffender Kühnheit. Politisch gesehen war er von Anfang an ein scharfer Gegner der kurialen Ansprüche und kannte kein höheres Ziel, als das Papsttum in seine frühere Abhängigkeit vom Reich zurückzudrängen, ein Ziel, das er mit niedersächsischer Zähigkeit verfolgte. Nie hat der Kaiser einen zuverlässigeren, uneigennützigeren und genialeren Diener gehabt als ihn, und doch wird man nicht sagen können, daß sein Einfluß in allem segensreich gewesen sei. Sein stürmisches Temperament und sein schrankenloser Optimismus haben ihn häufig zu politisch unklugen Maßnahmen hingerissen und sicher den unheilvollen Zwist mit dem Papsttum länger genährt, als es der maßvollere und vorsichtigere Kaiser allein getan haben würde. Auf der Höhe seines Ruhmes raffte ihn die römische Katastrophe des Jahres 1167 hinweg. Dem Toten rühmt der Kaiser nach: „wie er stets bedacht gewesen sei, Ehre und Mehrung des Reiches allen eigenen Vorteilen voranzustellen und mit glühender Seele alles zu fördern, was dem kaiserlichen Ruhme dienlich sei.“

Auf welche Weise Rainald die Sache seines Herrn gegen das Papsttum zu führen gedachte, kam wenig später auf dem Reichstag zu Besançon in einem Zwischenfall von hitziger Leidenschaft zum Ausdruck. Durch zwei Legaten, darunter Roland von Siena, hatte der Papst ein Schreiben überbringen lassen, in dem von „Benefizien“ des Papstes an den Kaiser die Rede war. Wohl mit Absicht übersetzte Rainald, der den Brief den Fürsten vorlas, das Wort „beneficium“ statt mit dem harmlosen Wort „Wohltat“ mit dem Bedeutungsvollen „Lehen“. Die Kaiserkrone als Lehen des Papstes! Das wäre das Zugeständnis der Weltherrschaftsansprüche Gregors VII. gewesen! Ein Sturm der Entrüstung ging durch die anwesenden deutschen Fürsten, Otto von Wittelsbach zog das Schwert, und nur mit Mühe konnte der Kaiser die beiden Legaten retten. In scharfen Manifesten, die auch in der meisterhaften stilistischen Formung Rainalds Einfluß verraten, betonte Friedrich seine kaiserlichen Rechte. Der Streit wurde beigelegt, aber die Spannung blieb. Es bestand kein Zweifel, daß der Papst, beunruhigt durch die Beschlüsse des Reichstags von Roncaglia, die Städte Mailand und Crema im Widerstand gegen den Kaiser ermutigte. Konnte der Papst sicher sein, daß Friedrich im Vollbesitz seiner kaiserlichen Macht in der Lombardei seine Ansprüche nicht auch auf den Kirchenstaat ausdehnte? Mußte er nicht fürchten, in die abhängige Stellung eines obersten Reichsbischofs herabgedrückt zu werden? Hadrian erlebte den Austrag der Gegensätze nicht mehr. Er starb, während der Kaiser mit seinem Heer vor Crema lag, im September 1159.

Beeinflussung der Papstwahl im kaiserlichen Sinn war das nächste Ziel der kaiserlichen Politik. Das Kardinalskollegium war gespalten. Die Mehrheit entschied sich für Roland von Siena, den Kanzler Hadrians, der nach der Wahl wohl nicht ohne Erinnerung an Alexander II., den Papst des Investiturstreites, den Namen Alexander III. annahm. Aber kurz zuvor hatte die kaiserliche Partei in ungesetzlicher tumultuarischer Wahl den kaiserfreundlichen Kardinal Oktavian als Viktor IV. zum Papst gewählt. Das Schisma war da: die Kirche gespalten, die Christenheit hatte zwei Päpste. Ein achtzehnjähriger Kampf von zäher Erbitterung begann. –

Papst Alexander III.

Papst Alexander III.

Hätte Friedrich Rotbart, wie die Kaiser Otto I. oder Heinrich III., schwächlichen Päpsten gegenübergestanden, es wäre ihm bei der Einmütigkeit Deutschlands ein leichtes gewesen, den Kampf für sich zu entscheiden. Die tiefe Tragik dieses langjährigen Ringens besteht darin, daß zwei hervorragende Persönlichkeiten, Vertreter zweier Weltanschauungen, beide überzeugt von ihrem Recht aufeinander stießen. In dem hochgebildeten Juristen Alexander III. trat dem Kaiser ein durchaus ebenbürtiger Gegner entgegen, der den Kampf mit Kühnheit und Besonnenheit führte und auch in der Niederlage nicht den Glauben an seine Sache verlor. Weniger leidenschaftlich als Gregor VII., ließ er sich nie zu unlauteren Mitteln hinreißen und wahrte stets den würdevollen Anstand. So hat er schließlich doch den Sieg davongetragen und die politische Selbständigkeit des Papsttums gerettet.

Kurz nach der Wahl der beiden Päpste berief Friedrich, ganz nach dem Vorbild der alten römischen und fränkisch-deutschen Kaiser, ein Konzil nach Pavia, das aber klugerweise von Alexander III. nicht anerkannt wurde. Der Papst beantwortete vielmehr seine Absetzung durch das Konzil mit der Bannung des Kaisers und seiner Anhänger. Alexander fand Unterstützung bei der Mehrzahl der europäischen Nationen, die eifersüchtig die kaiserliche Machtzunahme verfolgten. Zum erstenmal wurde deutlich, wie das Selbständigkeitsgefühl der abendländischen Staaten seit dem Investiturstreit gewachsen war, wie sehr diese sich von der Idee des universalen Imperiums der Deutschen entfernt hatten. Frankreich, England, Sizilien, Ungarn, Spanien, Norwegen, Island und der Orient erkannten Alexander als den rechtmäßigen Papst an, während die Reichskirche unter der schneidigen Führung Rainalds sich einmütig hinter den kaiserlichen Gegenpapst stellte. Wie hatte sich der deutsche Episkopat seit den Tagen Konrads III. geändert! Der Investiturstreit, der die deutschen Bischöfe an die Seite des Papstes getrieben hatte, schien vergessen. Wie die kriegerischen Kirchenfürsten der Zeit Ottos I. kämpften die Erzbischöfe Rainald von Dassel und Christian von Mainz in vorderster Schlachtreihe mit, und Christian umging das kanonische Verbot für Kleriker, das Schwert zu führen, indem er mit einer mächtigen Streitkeule auf den Feind losschlug. Die Bannung des Kaisers durch Alexander hatte entfernt nicht mehr die erschütternde Wirkung auf Deutschland wie die Exkommunikation Heinrichs IV. durch Gregor VII.

In den langjährigen Kämpfen zwischen Kaiser und Papst, die mit diplomatischen, kriegerischen und kirchlichen Mitteln geführt wurden, handelte es sich nicht mehr um hohe geistige Grundsätze, sondern im einzelnen um die politische Macht in Italien. Dahinter aber stand die weltgeschichtliche Frage: Wird das Papsttum die Feuerprobe seiner mühsam errungenen politischen Freiheit bestehen?

Der Streit zwischen Kaiser und Papst hatte zu jener Zeit, bei aller sachlichen Schärfe, noch nichts von der leidenschaftlichen Erbitterung späterer Auseinandersetzungen. Alexander führte den Kampf so, daß stets die Versöhnung mit Friedrich möglich blieb. Aber Rainalds Politik blieb unentwegt. Als der kaiserliche Gegenpapst Viktor 1164 starb – ein schwerer Schlag für den Kaiser – betrieb der Kanzler über den Kopf des unversöhnlichen Friedrich hinweg sofort die Wahl des neuen Gegenpapstes Paschal III., den jedoch nicht alle Anhänger Viktors anerkannten. Auch von Italien aus drohten neue Gefahren: die rücksichtslose Durchführung der ronkalischen Beschlüsse, die Einsetzung deutscher Verwaltungsbeamten, vor allem aber die Zerstörung Mailands hatten die geheimen Widerstandskräfte Italiens gesammelt. Das ungebeugte Venedig wurde im Bunde mit Sizilien, dem oströmischen Kaiser Manuel und alexandrinischen Kardinälen Mittelpunkt eines Bundes, der selbst kaiserfreundliche Städte durch Bestechung gewann. Als der Kaiser 1163 zum dritenmal ohne Heer nach Italien kam, sah er sich einem bedrohlichen Städtebund gegenüber. Aber vorerst schien ihm das Glück noch hold. Rainalds betriebsamer Umsicht gelang es, den Bruch Alexanders mit England, das gerade in jenen Tagen seinen Investiturstreit erlebte, geschickt auszunutzen. Er gewann das kräftig aufstrebende England Heinrichs II., das, im Besitz der westlichen Hälfte Frankreichs, unbestritten die zweite Weltmacht des Abendlandes war, nicht nur zur Anerkennung des kaiserlichen Gegenpapstes, sondern durch dynastische Verbindungen – die Heirat der englischen Königstochter Mathilde mit Rotbarts Vetter Heinrich dem Löwen wurde angebahnt – zum Bundesgenossen. Diese Erfolge ermutigten Friedrich zu folgenschweren Schritten. Auf dem glanzvollen Reichstag zu Würzburg Pfingsten 1165 ließ er die englischen Gesandten und alle anwesenden weltlichen und geistlichen Fürsten mit den heiligsten Eiden schwören, niemals Alexander als Papst anzuerkennen. Jeden Großen im Reich, der nicht binnen sechs Wochen denselben Eid schwöre, sollten Reichsacht und Bann treffen. Mit diesen radikalen, in der Folge mehr hemmenden als fördernden Maßnahmen, deren eigentlicher Urheber wiederum Rainald war, wollte man Deutschland von allen geheimen Anhängern Alexanders säubern, ohne zu überlegen, daß jeder gewalttätige Gewissenszwang Gegendruck erzeugt. Nach außen hin schien jedoch der Erfolg gesichert. Mit einem ansehnlichen Heer rückte der Kaiser 1166 zum viertenmal nach Italien, zum entscheidenden Schlag gegen Alexander. Der Papst wurde in Rom eingeschlossen, auf die unzuverlässige Bevölkerung angewiesen. In glänzendem Siegeszug kam der Kaiser vor Rom und eroberte im Sturm die Leostadt. Im Triumph führte er seinen Gegenpapst in die Peterskirche, und zwei Tage später ließ er sich von Paschal zum zweitenmal in glanzvoller Feier zum Kaiser krönen. Mit knapper Not gelang es dem eingeschlossenen Alexander, als Pilger verkleidet, mit einem Nachen den Tiber hinunter das offene Meer zu gewinnen und nach dem papsttreuen Benevent zu fliehen. Rom lag dem Kaiser zu Füßen, die Senatoren schworen Treue, eine Situation war geschaffen, wie sie lange kein Kaiser mehr erlebt hatte. Aber in demselben Augenblick, als Friedrich Barbarossa, wie ein Zeitgenosse sagt, „über die Stadt, die Welt und die gesamte Kirche zu triumphieren schien“, traf plötzlich wie aus heiterem Himmel das furchtbare Verhängnis ein. Eine Macht schlug ihn, gegen die alle diplomatischen und militärischen Künste nichts vermochten. Die fieberschwangere Augustluft Roms erzeugte eine Pestseuche, die mit rasender Geschwindigkeit um sich griff. In wenigen Tagen war das deutsche Heer dezimiert und der Kaiser seiner treuesten Diener beraubt. Der junge Friedrich von Schwaben, der Sohn Konrads III., der junge Welf, viele Herzöge und Große, von den Kirchenfürsten die getreuen Daniel von Prag, Alexander von Lüttich, Hermann von Verden wurden dem Kaiser entrissen. Am härtesten traf ihn der Verlust seines unentbehrlichen Kanzlers Rainald, dessen erfindungsreicher Rat ihm nun bei seinem Abstieg von stolzer Höhe fehlte. Fluchtartig verließ der Kaiser mit den Trümmern des Heeres die römische Fieberluft. Nicht nur den Anhängern Alexanders: ganz Europa erschien die Katastrophe als Gottesurteil, als unmittelbare Strafe des Himmels, als Rache des heiligen Petrus für die Unbill, die Barbarossa der Stadt und dem rechten Papst zugefügt hatte. Als Friedrich in die Lombardei kam, traf er die Städte in offenem Aufruhr. Vier Städte, zu denen sich bald weitere gesellten, hatten sich der Führung des vom Kaiser so begünstigten Crema aufs neue zum Lombardenbund zusammengeschlossen, um die deutsche Herrschaft abzuschütteln. Die Kämpfe mit den Städten zogen sich noch einige Zeit erfolglos hin; das zermürbte Heer genügte nicht; aus Deutschland kam keine Hilfe, und schließlich mußte der Kaiser, als Knecht verkleidet, des Nachts aus dem unsicheren Sufa fliehen, um einem Anschlag auf sein Leben zu entgehen. Als Friedrich aus Italien verschwunden war, festigte sich der Lombardenbund und trat mit Alexander in engste Beziehung. Zwischen Tortona und Asti gründete man durch Zusammenlegung mehrerer Dörfer eine neue Stadt, ein Bollwerk gegen die kaiserlichen Anhänger, dem Papst zu Ehren Alessandria genannt.

Grablege Rainald von Dassels im Dom zu Köln

Grablege Rainald von Dassels im Dom zu Köln

Ein jäher Sturz aus stolzer Höhe! Mit stattlichem Heer war der Kaiser ausgezogen, die Brust geschwellt von der Siegeshoffnung, den Veroneser Städtebund zu zerstören, Sizilien zu unterwerfen und das Schisma zu beseitigen. Als Geschlagener kehrte er zurück, seiner besten Mitstreiter beraubt, Italien im Aufruhr hinter sich lassend, Alexander seines Sieges sicherer denn je. Aber in der Not bewährt sich wahre Größe. Keinen Augenblick inmitten der hereinbrechenden Katastrophen verließ Friedrich die sichere Gelassenheit des Urteils, nie verlor er die Herrschaft über sich selbst, nie das Ziel aus den Augen. Mutlosigkeit und Schwäche hatten selbst in den Tagen, da er von der Krankheit angesteckt war, keine Macht über ihn.

Der Einsatz seiner machtvollen Persönlichkeit bewirkte, daß auch jetzt die deutsche Reichskirche geschlossen hinter ihm stand. Noch hatten die deutschen Verwaltungsbeamten bedeutende Teile Reichsitaliens in der Hand; noch gebot Barbarossa energischer als seine Vorgänger über das Kirchengut in Deutschland; noch scharten sich die deutschen Fürsten um ihn. Die sechs Friedensjahre, die der römischen Katastrophe folgten, nutzte Friedrich Rotbart zur Ordnungs- und Aufbauarbeit im Reich. Die noble, vorsichtige, ritterliche Art, mit der er die Händel und Interessenskonflikte der Fürsten untereinander schlichtete, gewann ihm stets die Herzen der streitenden Parteien. Der Tod des jungen Konrad von Schwaben in Rom machte die Hand frei zur Erweiterung der staufischen Hausmacht. Wie bisher bemühte sich Barbarossa, das freundvetterliche Verhältnis zu Heinrich dem Löwen, auf dem seit Beginn seiner Herrschaft seine Stärke ruhte, zu wahren, und er deckte des öfteren den mächtigen Welfen gegen den Widerstand seiner Feinde. Noch kreuzten sich die Interessen der beiden großen Herren Deutschlands, des Staufers und des Welfen, nicht unmittelbar. Ob Friedrich schon ahnte, daß der Staat im Staate, den der Welfe sich geschaffen hatte, auf die Dauer unerträglich war?

Auch außenpolitisch wurden in jenen Friedensjahren wichtige Verbindungen angebahnt. Das mit den Welfen verschwägerte England war mit seiner nüchternen Politik des Eigennutzes doch nicht der sichere Bundesgenosse, den man erwartet hatte. Als der Kampf zwischen England und Frankreich aufs neue ausbrach, schlug sich Friedrich auf die Seite des französischen Königs. Die Freundschaft zwischen Staufern und Kapetingern bewährte sich bis ins dreizehnte Jahrhundert hinein. Auch in Italien änderten sich allmählich die Verhältnisse. Der Widerstand gegen die gewaltsame Politik der Deutschen hatte die italienischen Städte geeint; als aber die unmittelbare Gefahr vorüber war, erwachten die Sonderinteressen der einzelnen Mitglieder des Lombardenbundes wieder. Kaum war Mailand aufgebaut und Herr seines Stadtgebietes, als auch die alten Eifersüchteleien wieder da waren. –

1174 rüstete der Kaiser zum fünften Italienzug. Das Heer war nicht sehr ansehnlich, da Heinrich der Löwe, wie bei der vierten Heerfahrt, sich vom Zug fernhielt. Trotzdem gelang es dem deutschen Sturm, die westliche Lombardei fast ohne Widerstand für das Reich zurückzugewinnen, bis die Trutzfeste Alessandria dem Heere Einhalt gebot. Eine mühsame, verlustreiche Belagerung von sechs Monaten vermochte die zunächst als „Strohstadt“ von den Deutschen verspottete Stadt nicht zu nehmen, und schließlich zog Barbarossa den friedlichen Ausgleich dem Kriege vor. Aber der Vertrag von Montebello 1175 brachte nur vorübergehend Ruhe, da die Lombarden sich gegen die demütigende Bedingung – Zerstörung der Bundesfestung Alessandria – sträubten. Es gärte weiter in der Lombardei, und der Kaiser war zum erneuten Einsatz kriegersicher Kräfte gezwungen. Aber sein Heer war klein und Hilfeleistung aus Deutschland unerläßlich. So war die Lage im Frühjahr 1176, als der Kaiser in der denkwürdigen Zusammenkunft von Chiavenna nahe dem Somersee seinen Vetter, den mächtigen Welfenherzog Heinrich den Löwen, um militärische Unterstützung anging. Die zeitgenössischen Berichte darüber sind nicht übereinstimmend, und die Sage hat die Szene bald dramatisch ausgestaltet und zum Symbol der Unbotmäßigkeit deutscher Fürsten dem Kaiser gegenüber gemacht. Aber wenn auch die anschauliche Erzählung eines späteren Chronisten: wie der Kaiser in höchster Not den Vetter bei der alten Freundschaft und Blutsbrüderschaft beschworen, wie er schließlich, seine kaiserliche Majestät vergessend, in einem Kniefall vor dem trotzigen Herzog um Hilfe gebeten, und wie die Kaiserin Beatrix in tiefster Erregung ausgerufen habe, er möge dieses Kniefalls in Ewigkeit nie vergessen – wenn auch die Einzelheiten dieser Szene übertrieben sein mögen, sicher ist, daß das Gespräch von Chiavenna zu den Schicksalsstunden deutscher Geschichte gehört. Der Löwentroß des Welfen verweigerte die Hilfe, mit unzureichenden Mitteln eröffnete der Kaiser den Kampf und wurde bei Legnano im Mai 1176 von dem zahlenmäßig überlegenen Mailänder Fußvolk so entscheidend geschlagen, daß er nur mit Mühe der Gefangenschaft, vielleicht dem Tod entging. Im Rahmen der lombardischen Kämpfe war das Gefecht von Legnano die erste Niederlage Friedrichs auf offenem Feld, militärisch nicht eben bedeutend, für die gesamte staufische Italienpolitik aber von folgenschwerer Wichtigkeit. Was nun folgte, waren Verhandlungen zum Frieden, sowohl mit dem Papst als mit den Lombarden. Dem Vorfrieden von Anagni, einem Kunstwerk diplomatischer Verhandlung auf beiden Seiten, folgte 1177 der endgültige Friede von Venedig.

Papst Alexander III. segnet den Dogen von Venedig

Papst Alexander III. segnet den Dogen von Venedig

Achtzehn Jahre lang hatte der Kampf Friedrichs mit Alexander gewährt. Die Welt war des Zwistes der beiden höchsten Gewalten müde. Der Papst war ein Greis darüber geworden, das Schisma störte jede geordnete Tätigkeit der Kirche, und selbst die treuesten kirchlichen Anhänger des Kaisers drängten zum Frieden. Auch der Kaiser war versöhnlicher geworden, seitdem die Triebfeder der Gewaltpolitik, Rainald von Dassel, fehlte. Die Aussicht auf europäische Anerkennung des kaiserlichen Gegenpapstes war längst geschwunden. Es mag Barbarossa bitter schwer gefallen sein, die so heiß beschworenen Würzburger Beschlüsse fallen zu lassen, seinen Gegenpapst preiszugeben und den alten Gegner anzuerkennen. Aber politische Einsicht in die unabänderliche Lage erleichterte den Entschluß. Der Friede von Venedig war beiderseits ein Kompromiß. Die gewaltsame Politik Rainalds, die das Papsttum in längst überwundene Abhängigkeit zwingen wollte, war gescheitert. Andererseits verzichtete auch Alexander auf allzu weit gespannte Herrschaftspläne. Die deutsche Kirche blieb fest in der Hand des Kaisers, und der schwindende Einfluß des Papstes im Lombardenbund kam dem Kaiser zu gute, dessen moralische Macht, trotz der Preisgabe der ronkalischen Beschlüsse, in Italien wuchs.

Allzu leicht sieht der flüchtige Beurteiler in der mittelalterlichen Kaisergeschichte nichts als den ewigen Gegensatz zwischen Kirche und Staat, nichts als Kampf, Demütigungen und Empörungen der beiden Gewalten, zwischen denen es im Grunde keine Versöhnung gebe. Das Mittelalter dachte anders: es war zutiefst überzeugt von der naturbedingten Doppelpolitik des Gottesreiches auf Erden. Die Papst-Kaiser-Monarchie war keine Utopie, sie war die gottgewollte Ordnungsform der Menschheit. Der Zwist zwischen Kaiser und Papst war nur eine Krankheit, die den Organismus störte.

Der prunkvoll geschmückte Markusplatz zu Venedig sah die feierliche Versöhnung. Vor dem Portal des Domes war der Thron des Papstes errichtet. Der Kaiser nahte auf der Galeere des Dogen, stieg den Thron hinan und fiel dem lang befehdeten Papst zu Füßen. Alexander, in dem kein hochmütiges Triumphgefühl die Versöhnlichkeit des Herzens trübte, hob den Kaiser mit dem Friedenskuß auf und erteilte ihm den Segen. Die Einheit des mittelalterlichen Orbis war wieder hergestellt.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe August 1941

Anmerkung: Man darf vermuten, daß es kein Zufall war, daß dieser Artikel kurze Zeit nach dem Angriff auf die Sowjetunion, der die Bezeichnung Unternehmen Barbarossa trug, in den Weißen Blättern erschien.