Von Reinhold Schneider

Von welcher letzten Kraft leben die Völker? Ist es die des Raumes, in den sie gebannt sind, so daß sie nur Verwirklicher seiner Forderungen wären; oder ist auch diese Kraft nicht die letzte, sondern nur Medium und Antrieb? Ist den Völkern etwas eingeboren, das seinem Wesen nach mit ihrem Raume nichts zu tun hat, das sie vielleicht aber trieb, diesen Raum zu suchen, weil sie in ihm und vielleicht nur in ihm, das darstellen können, das ihnen darzustellen aufgetragen ist? Die letzte Wirklichkeit läßt sich weniger folgern als erleben und anschauen; sie ist und wirkt weil sie ist; und es ist allerdings dem Menschen möglich, sich von ihr abzukehren, sie zu verdecken und zu versuchen, eine andere Wirklichkeit an ihre Stelle zu setzen; aber das Leben, das auf einer solchen Abkehr aufgebaut wäre, müßte in immer furchtbarere Verirrungen verfallen; es müßte sich gerade durch seine stärksten, die Form suchenden Kräfte, selbst vernichten und würde endlich als eine ungeheure, an sich selbst zu Grunde gehende Mißbildung den Beweis für die Unmöglichkeit dieser Abkehr erbringen.

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881)

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881)

Diese Frage nach der letzten Kraft, von der die Völker leben, geht auch durch Dostojewskis Roman „Die Dämonen“; Schatoff hat eine bestechende und doch sehr verfängliche Antwort gefunden: „Ich sage einfach: Es ist das Suchen nach Gott! Das ewige Ziel in jedem Abschnitt eines Volkes, jedes Volkes und jedes besondere Ziel in jedem Abschnitt seiner Geschichte ist immer und einzig sein Suchen nach Gott, nach seinem Gott, unbedingt nach seinem eigenen, seinem besonderen Gott und dann der Glaube an diesen Gott als den einzig wahren … Wenn ein großes Volk nicht glaubt, daß in ihm allein die Wahrheit ist (gerade in ihm allein, und unbedingt und ausschließlich in ihm) wenn es nicht glaubt, daß es ganz allein fähig und berufen ist, alle anderen Völker zu erwecken und sie mit seiner Wahrheit zu erretten, so wird es sofort zu ethnographischem Material, doch nicht zu einem großen Volk … Das einzige Gotträgervolk aber – das sind wir, das ist das russische Volk.“

Hat er nicht Recht? Trieb nicht ein solcher Glaube die Araber aus einsamer Wüste in die Welt, die nun ihr Reich zu werden schien? Aber hinter diesem bestechenden Glauben steht eine furchtbare Gefahr. Denn von der Auserwähltheit des russichen Volkes wäre nur ein Schritt zum russischen Gott. Noch scheint das Volk dem Absoluten zu dienen, aber schon wird Gott „zur synthetischen Persönlichkeit eines ganzen Volkes“: er verliert seine Wirklichkeit über dem Geschaffenen, und es wird ihm eine andere zugewiesen in einem Teil dieses Geschaffenen selbst: in „seinem Volk“; und so könnte es geschehen, daß fort und fort von Gott die Rede ist und doch von ihm gesprochen wird als von einem Toten, der nur durch zurückgelassene, vergängliche Dinge noch eine Weile lebt, aber nicht mehr die auf ihm eigene, einzige Weise wirkt. Gott ist scheinbar ganz nah, in seinem Volk, in den Repräsentanten dieses Volkes, er ist mitten im Tagesgeschehen gegenwärtig, in den politischen Entscheidungen selbst, im Staate, wie es sich von selbst versteht, nur: dieser Gott ist keine Macht; die Macht ist im Volk, in dessen Lebenswillen, der, um absolut zu herrschen, die Attribute des Göttlichen annimmt. In der Tiefe dieses „Glaubens“ Schatoffscher Prägung verbirgt sich ein furchtbarer Betrug: dieser würde, wenn der „Glaube“ Anhänger fände, freilich nur den Wenigsten bewußt werden, die meisten würden ihm verfallen ohne ihn zu durchschauen; denn ein solches Dogma könnte ja nur dann siegen, wenn die Werte ihren Wert verloren haben, wenn die Menschen nicht mehr wüßten was Gott ist.

Romano Guardini hat in seinem schönen Dostojewski-Buche dargetan, wie falsch es ist, Stellen wie die oben zitierte – auch die Legende vom Großinquisitor – als absolute Wahrheiten zu nehmen; sie dienen, wie alles im Werke des großen russischen Gestalters, der das Innere seiner selbst und seiner Zeit mehr noch als durch Menschen durch Ideen ausdrückte, der Gestaltung: der Dichter selbst fand die Ueberwindung dieser These dort, wo sie allein zu finden ist: im Glauben an Christus; Schatoff und seine Lehre hingegen stammen aus dem Bereich der „Dämonen“; es handelt sich hier nicht mehr um Glauben, sondern um Dämonie, um die Vergöttlichung des Irdischen. Denn wenn es mit Gott zu Ende ist, so werden die Götzen geboren, die nicht mehr die absolute Macht, dafür aber Tyrannei ausüben: eine Verschiebung der Ordnungen auf religiösem Gebiete, die in der Sphäre des Politischen eine Entsprechung finden müßte; Schatoff, der Verkünder dieser Ideologie, die, nachdem Gott den Menschen entschwunden ist, das Volk zum „Träger“ Gottes macht, glaubt im Grunde weder an Gott noch an das Volk (in seinem eigentlichen Sinne): das Volk soll nur die furchtbare Leere ausfüllen, die der entschwundene Gott zurückgelassen hat.

Die groteske Unmöglichkeit der Ideen Schatoffs, die notwendiger Weise an Christus vorübergehen, wird offenbar, wenn man sie etwa auf Deutschland übertragen wollte; denn in Deutschland ist ja, in einem ganz anderen Maße als in Rußland, das Volk nur in Verbindung mit dem Staate denkbar; der Staat gibt ihm Gestalt, Erscheinungsform, ja er vermag das eigentlich Volkhafte um der Form willen zu vergewaltigen und zeitweise selbst zu verdrängen; das Vorbild des Staates gab Preußen, und man müßte somit nicht nur von einem „Deutschen Gott“, sondern selbst von einem „preußischen“ sprechen; wollte man aber annehmen, daß es dem Kurfürsten Maximilian I. von Bayern, der vor dem Aufgang Preußens im Verein mit Tilly eine bedeutende Militärmacht begründete, gelungen wäre, das fortwirkende Vorbild eines soldatischen Staates zu schaffen, so sähe man sich zur Anerkennung eines „bayerischen Gottes“ genötigt; hätten die Vettiner, wie es vielleicht möglich gewesen wäre, im 16. Jahrhundert die deutsche Zentralmacht geschaffen, so müßten solche Ideologen sich zur Verehrung eines „sächsischen Gottes“ bequemen.

Da es sich hier nicht um die eigentlichen Werte handelt, sondern um den von Programmatikern angebotenen Ersatz, so ist eine solche Abschweifung in das Groteske wohl erlaubt; die Ideen Schatoffs haben ihren Ursprung vielleicht dort, wo man ihn am wenigsten suchen sollte: in der vorchristlichen, alttestamentarischen Zeit, auf deren Mißdeutung sie beruhen; denn nur vor dem Erscheinen Christi und ehe seine, der Menschheit geltende Erlösertat vollbracht war, konnte es ein „auserwähltes Volk“ geben; es hat darum einen tiefen Sinn, daß die Engländer, als sie zur Zeit Cromwells daran zu glauben begannen, daß sie ein „auserwähltes Volk“ seien, alttestamentarische Namen und Lebensformen übernahmen, ja das ganze Pathos ihrer Haltung dem Alten Testament entliehen, um bald, auf eine Weise, die manches von Schatoffs Ideen vorwegnahm, zur Glorifizierung des rein irdisch-politischen überzugehen. Sie folgten mit diesem Uebergang, der sich erst nach dem Scheitern Cromwellscher Gläubigkeit und Staatskunst vollzog, einem undurchbrechlichen Gesetz: denn nur als Vorbereiter auf den Erlöser konnte auf Erden ein auserwähltes Volk erscheinen. Nachdem das Göttliche für alle sichtbar geworden ist, kann ein Volk wohl von ihm abfallen, aber es kann nicht mehr „seinen Gott“ und „seine Wahrheit“ haben, es muß sich vielmehr in den Dienst der christlichen Wahrheit stellen.

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Und doch: sollte sich infolge dieser Unmöglichkeit, das Absolute allein zu besitzen, einem Volke auch die Möglichkeit genommen sein, es auf seine Weise zu erleben? Ist durch die Verehrung des Allgemeinen das Wesen des Volkes, die Einmaligkeit seines Seins und Schicksals bedroht? Am 26. Oktober 1646 schrieb Cromwell an seine „geliebte Tochter Bridget Ireton“: „… Und so ist ein Suchender zu sein das Beste nächste dem: zu den Findern zu gehören; und ein solcher sollte ein jeder gläubige demütige Sucher sein am Ende. Seliger Sucher, seliger Finder! Wer könnte, der jemals Seine Gnade geschmeckt hat, nicht danach streben sie ganz zu genießen? Strebe weiter, liebes Herz …“ Diese Worte vom Suchen und Finden gehören so ganz Cromwell an, dem schweren, ernsten Manne aus englischer Moorlandschaft, wie dieser selbst wieder, in seiner Größe wie in seiner Begrenztheit, England angehört; und wie verhängnisvoll auch viele der geistigen Entscheidungen sind, die in Cromwells Epoche ihren Ausgang und Fortgang genommen haben, so ist es doch gewiß, daß in ihm selbst echter Glaube lebte, das heißt, das für ihn Gott noch die Macht, Christus der Erlöser war; die Art aber, auf die er diese Wahrheiten ergriff und auf die er ihnen zu dienen glaubte, war einmalig, war englisch.

Und wir können dieser Stimme nicht lauschen, ohne auch andere Stimmen zu hören, die sich in Spanien, in Italien, in Deutschland erhoben, und die noch immer, über den Trümmern der großen Zeiten und Werte, vernehmlich sind. Die Zeugnisse der Völker von Gott sind ja das Letzte, das von der Geschichte bleibt; während die großen Formen, die Kronen und Traditionen verloren gehen, erhält sich das geistige Feuer noch, das unter dem Schutz dieser Formen sich entzündete, und in dem heute die Ruinen der Macht umso erschütternder aufleuchen: nun erst, da Spanien den falschen Ideen des Nordens verfällt und erliegen wird, erscheinen die Bilder der heiligen Theresa von Avila und der Großen ihrer Zeit als endgültiges Vermächtnis, und in den Worten der Heiligen ist alles zusammengefaßt, was Spanien erlitt, was die Begegnung mit Gott in diesem Lande und Volke erweckte udn ihnen zu sagen aufgab: „Und es begegnet mir zuweilen, daß ich mich nur von denjenigen begleiten und trösten lasse, von denen ich weiß, daß sie im Jenseits leben, und daß diejenigen, die hier auf der Erde leben für mich so tot sind, daß die ganze Welt mir nicht mehr Gesellschaft leisten kann, und das vor allem, wenn ich jene Erscheinungen habe. Alles scheint mir ein Traum zu sein, und was ich mit den leiblichen Augen sehe, ist ein Trugbild: was ich aber mit den Augen der Seele gesehen habe, das begehrt diese auch allein, und wenn dieses ferne ist, so meine ich (wirklich) zu sterben.“

Worte wie diese konnten nur einmal gesprochen werden: auf dem kastilischen Hochland, vor den kahlen ernsten Gebirgen und angesichts des vollendeten spanischen Schicksals, das aus der Wirklichkeit der Erde hinüberführte in den Traum; und auch alles, was uns von dem heiligen Franz von Assisi erzählt wird, konnte sich nur einmal ereingnen: in der bewegten, schmerzlich-schönen Landschaft des „grünen Umbrien“, unter ihrem Volke, und zu der Zeit, da der Glaube seiner höchsten durch das Papsttum repräsentierten Macht seine tiefste Innerlichkeit entgegensetzte: Der heilige begegnete eines Tages einem jungen Manne, der Turteltauben zum Markte trug und bat ihn um „die sanftmütigen Vögel aus Erbarmen.“ Und auf der Stelle gab sie jener, von Gott dazu getrieben, St. Francisco; er aber nahm sie in seinen Schoß und begann sachte mit ihnen zu reden: „Ihr Turteltauben, meine Schwestern, ihr einfältigen und unschuldigen und reinen, warum laßt ihr euch fangen? Jetzt will ich euch von dem Tode retten und euch Nester bauen, damit ihr fruchtbar seid und euch mehret nach unseres Schöpfers Gebote.“

Gott hatte dem Heiligen im Umbrischen LAnde etwas anderes zu sagen, als seiner tragischen Verkünderin vor den furchtbaren Mauern Avilas; freilich lebte auch in der Seele des Franziscus ein Schmerz ohne gleichen, den der „Blütenkranz“ nur den Unwissenden verbirgt; und auch zu dem Mönche Heinrich Seuse im Kloster am Bodensee auf der schönen zerrissenen, von Unglück und Gnaden schweren Erde des Reichs, sprach Gott, der doch nicht der Gott Italiens oder Spaniens oder Deutschlands war, nur diesem Einen vernehmliche Worte: „Das Erdreich, das am allermeisten vor Dürre zerschunden ist, das empfängt am allermeisten des nassen Regens stürmische Ströme, und je mehr wir gebresthaften Menschen Dir schuldig geworden sind, desto mehr schließen wir Dich mit weitgeöffneten Herzen in uns und wollen wie Dein göttlicher Mund selbst gesprochen hat: wem lieb, wem leid, durch Deine leidenden hintriefenden Wunden gewaschen und gänzlich aller Missetat unschuldig werden, wovon Du ewiges Lob und Ehre von uns haben sollst und wir Gnade von Dir empfangen, denn in Deinem gewaltigen Vermögen wir alle Ungleichheit abgelegt. – Als der Diener eine gute Weile also still gewesen, bis daß sich dies alles in der innersten Inwendigkeit seiner Seele mit großem Ernst geoffenbart hatte, da stand er fröhlich auf und dankte Gott für seine Gnade.“

Es bedürfte vielleicht nur dieses einen: eine gute Weile also still zu sein, wie es der „Diener“ in seinem Kloster war, und den Mut zum letzten Ernst, zur innersten „Inwendigkeit der Seele“ zu finden, der ein größerer Mut ist als der Worte: dann würde auch das Einfachste sich wieder offenbaren. Denn Gott begegnet allen Völkern, die er als einmalige Wesenheiten geschaffen hat, damit sie auf ihre innerste, eigenste Weise ihn bezeugen und sagen, wie er ihnen begegnet ist; wie er sie bewegte auf dem bebenden Boden der Geschichte, sie erfüllte und ihnen die Kraft gab, von der allein sie leben und durch die sie in der Geschichte bestehen; denn Geschichte erfahren die Völker nur, damit sie Gott erfahren; und aus den größten Epochen der Geschichte sind uns die erschütterndsten Worte des Glaubens überliefert.

Das Gotterlebnis ist hundertfach; Gott ist nur einer; wenn das Gotterlebnis gleichgesetzt wird mit Gott, das, was im Menschen vorgeht und an den Menschen gebunden ist mit dem Ewigen, so beginnt der Verfall des Glaubens, der Werte, der Ordnungen: die Verfälschung des Ewigen durch irdischen Staub, der vor unseren Augen die Gestirne wohl trüben, sie in Wahrheit aber nicht erreichen kann. Der Widerschein Gottes, nicht Gott, bricht sich an den Dingen der Welt, damit ein jedes Ding ihn widerspiegle auf seine Weise; ein solcher Widerschein ist in einem jeden Menschen, ist endlich in einem jeden Volke; er macht ihr innerstes Leben, ihr Recht und ihren unzerstörbaren Anspruch auf Einmaligkeit aus. Wird aber Gott vertauscht mit dem Gotterlebnis, der Widerschein überdeckt und verdrängt von dem dämonischen Blendlicht der Erde, so erlischt dieser Anspruch: es erlischt, im entscheidenden Sinne, die Möglichkeit zu sein. So wenig wie sich aus den verschiedenen Klimaten der Länder und Räume auf ebenso viele Sonnen schließen läßt, so wenig aus der Vielfalt der Nationen auf nationale Götter. Die Stimme Schatoffs kommt aus der Leere, und Europa hat längst, durch die Stimmen seiner größten Gestalten, gegen ihn gezeugt; sollte ein Augenblick kommen, in dem diese Stimme sich wieder erheben darf und von den Völkern gehört wird, so könnte er nur das Ende Europas bedeuten. Denn Gott ist nicht in den Völkern, sondern über ihnen – so wie auf der Erde irdischer Ordnung, der König nicht in dem Volke, sondern über ihm stand – und diese Völker bestehen nur so lange, als Gott über ihnen ist.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Februar 1935