Wer sich mit der deutschen Geschichte befaßt hat, weiß, wie umstritten die Unterwerfung der Sachsen durch Karl den Großen ist. Bis heute wird das Thema leidenschaftlich diskutiert, weil hier ja christliche Missionierung und ein Eroberungskrieg augenscheinlich verquickt waren.

Sachsenherzog Widukind und Karl der Große

Sachsenherzog Widukind und Karl der Große

Auch während der Zeit des „dritten Reiches“ wurde heftig darum gerungen:

In der Ausgabe Februar 1935 der Monatsschrift Weiße Blätter wird über ein im Hagener Stadttheater aufgeführtes Widukind-Stück berichtet. Die an Rolf Hochhuths Schauspiel Der Stellvertreter erinnernden Einseitigkeiten und maßlosen Überzeichnungen des Drama-Autors aus der Ludendorff-Bewegung hatten zu heftigen Tumulten geführt, so daß die Aufführung erst fortgeführt werden konnte, nachdem Polizei und SA die „jungen Burschen“ aus „katholischen Kreisen“ aus dem Saal entfernt hatten.

Trotzdem die Presse ja eigentlich gleichgeschaltet war folgte ein heftiges Rauschen im Blätterwald.

Die der seit Juli 1933 aufgelösten Zentrumspartei nahestehende Zeitung „Germania“ verdammte das Drama als „pseudokünstlerisches Tendenzstück“, wies darauf hin, daß es „nicht nur einen Angriff gegen das deutsche, sondern auch gegen jedes christliche Empfinden“ darstellte und sah sich zur Rechtfertigung der eigentlich ja zusammen mit Kaiser Friedrich Barbarossa am päpstlichen Widerstand gescheiterten Heiligsprechung Karls des Großen durch dessen Gegenpapst Paschalis III. im Januar 1166 genötigt.

KreuzzeitungDie „Kreuzzeitung“, deren Artikel erst in der „Der Aufrechte“ und von da aus dann in der März-Ausgabe der Weißen Blätter nachgedruckt wurde, riet davon ab Geschichte „nachträglich zu moralisieren“, deutete gut vernehmlich an, daß „der sächsische Stamm“ wegen dessen  Verbindung mit den niedersächsischen Welfen womöglich unter englischen Einfluß geraten wäre, wenn er nicht durch Karl unterworfen worden wäre und endete mit dem ausgleichend versöhnlich gemeinten Satz:

Gerade in einem Augenblick, indem wir die Kräfte und die Reichstradition Widukinds und Karls des Großen in uns spüren, muß auch eine Geschichtsauffassung möglich sein, die beide Männer und ihr Werk als unverlierbare Glieder unserer Geschichte zu ihrem Recht kommen läßt.

Die in Berlin erscheinende „Deutsche Zukunft“ wies auf den „ausgesprochen politischen Charakter der Maßregeln Karls“ hin und meldete Zweifel an, daß sich der Ordensstaat in Preußen ohne diese Maßregel kaum zu einem deutschen Gebiet hätte entwickeln können. Man könne nicht „Karl den Großen ablehnen und gleichzeitig Ostpolitik bejahen“, wo doch ohne ihn „die deutsche Ostkolonialisation gar nicht möglich gewesen“ wäre.

Die Monatsschrift „Zeitwende“ diskutierte dagegen die kulturpolitischen Leistungen des karolingischen Herrschers. Sie verwies auf seine Genialität, die sie darin sah, daß er die „Legierung zwischen Germanentum, Christentum und Antike wesentlich vervollkommnet“ habe, damit „die Grundlage schuf für die Kultur des christlichen Abendlandes“ und diese Legierung dann nicht nur „in den Dienst der leiblichen, wirtschaftlichen, geistigen und seelischen Interessen seiner Völker stellte“, sondern vor allem deren „äußerlich gesichertes Leben auch innerlich bereicherte“.

In der „DNZ“ wurde darauf hingewiesen, daß Karl nicht nur „heidnischen Sachsen“, sondern auch „die christlichen Bayern“ in „das Frankenreich hineingezwungen“ hatte und dann noch gemaht: „vergessen wir nicht, daß die getauften Sachsen im nächsten Menschenalter mit derselben blutigen Härte das Wendenland unterwarfen und den Zug nach Osten eröffneten“.

Nach alledem – so spottete „Der Aufrechte“ in seinem Nachdruck – handelt sich’s beim „Blutbad von Verden“ also nicht um eine blutige Christianisierung, sondern – mit den heute üblichen Worten ausgedrückt – um eine politische Gleichschaltung, eine Zwangseingliederung. Wer aber unter unseren heutigen Verhältnissen Verständnis für zwangsweise Gleichschaltung hat, der sollte es wahrlich erst haben für die damalige Zeit mit ihren Methoden. Zumal es sich bei Karl um eine Maßregel handelt, die – wie nur irgendwie – vom dem Standpunkte „Alles für Deutschland!“ als berechtigt anerkannt werden muß und die von der Geschichte rechtlich legitimiert worden ist.

Ebenfalls aus „Der Aufrechte“ dürften die letzen beiden Absätze des Nachdrucks entnommen worden sein, mit der der geschichtspolitischen Posse ein Sahnehäubchen aufgesetzt wurde:

In der alten Kaiserstadt wurde kürzlich die Festoktav Karls des Großen beschlossen. Gleichzeitig veranstalteten die Deutschgläubigen einen Vortragsabend über das Thema: „Karl der Große, Sachsenschlächter“. Die Versammlung konnte am Tag nach der großen Karls-Huldigung stattfinden.

Das „Echo der Gegenwart“ hat zweifellos recht, wenn es folgendermaßen schreibt: „Hat man vergessen, daß einmal vor zehn Jahren die französischen Nachrichtenblätter plötzlich eine Geschichtsforschung trieben, die dieser heutigen deutschgläubigen zum Verzweifeln ähnlich sieht? Schon heute sind die Professoren der Pariser Sorbonne mit der Abfassung eines Werkes beschäftigt, in dem sie auf Grund einer Geschichtsbetrachtung, wie sie gestern auch als deutsch ausgegeben wurde, beweisen wollen, daß Charlemagne Franzose war und sein Reich französisch? Wissen die Deutschgläubigen, was das bedeutet? Das ist die literarische und wissenschaftliche Vorbereitung zu einer französischen Rheinoffensive, nicht mehr und nicht weniger.“

Weitaus nachdenklicher verarbeitete Reinhold Schneider diesen Reigen aus verwissenschaftlichter Lingua Tertii Imperii und ehrlich gemeinter Verteidigung der christlichen Identität Deutschlands gegen die neuheidnischen Umtriebe.

Reinhold Schneider

Reinhold Schneider

In seiner religionsphilosophischen Abhandlung Das Gotteserlebnis der Völker arbeitete er einerseits heraus, daß das deutsche Volk ebenso einzigartig ist, wie jedes andere, und äußerte andererseits mit seinem Schlußsatz offene Kritik daran, daß der Nationalsozialismus das deutsche Volk in fataler Weise zu Gottes auserwähltem Volk verklärt hatte:

Denn Gott ist nicht in den Völkern, sondern über ihnen – so wie auf der Erde irdischer Ordnung, der König nicht in dem Volke, sondern über ihm stand – und diese Völker bestehen nur so lange, als Gott über ihnen ist.

Außerdem schrieb er, noch für die Februar-Ausgabe, eine Rezension, in der er den schon im Vorjahr erschienen ersten Band von Ricarda Huchs Werk zum Römischen Reich deutscher Nation (Leseprobe hier) würdigte:

Ricarda Huch vermeidet jede Verengung und Vergewaltigung der großen Lebensform, indem sie von der Einsicht in die Tragik des Reiches ausgeht und immer wieder zu ihr zurückkehrt; die Kaiser suchten „das Unmögliche zu verwirklichen“, aber eben dieses Unmögliche war eine Notwendigkeit. Und darin, daß sie es versuchten, liegt auch ihre Rechtfertigung; denn „nicht das ist ja das Höchste, daß eine dauernde Ordnung entsteht, die dem Volke Wohlstand und ruhiges Gedeihen gewährt, … sondern, daß große Gedanken das Gemüt des Volkes bewegen, an denen es wachsen, für die es sich einsetzen kann“.

Nicht die Macht, sondern der Glaube steht im Brennpunkt der Darstellung; diese Wertsetzung könnte uns fremdartig erscheinen; aber gerade sie war unser Schicksal und entspricht dem Wesen des Reichs und endgültig des Deutschen.

Ricarda Huch (1928)

Ricarda Huch (1928)