Zum 250. Geburtstage König Friedrich Wilhelms I. am 14. August

Von Jochen Klepper

Was König Friedrich Wilhelm I. lebte, handelte und litt, schrieb oder malte, blieb seiner Umwelt vom Geheimnis umgeben und rätselvoll, von seiner Knabenzeit an. Die Wände in der Prinzenstube des unzähmbaren, jungen „Wilden“ starrten von Waffen und kriegerischem Schmuck. In der Schreibtischlade aber fanden sich hohe Stöße sanfter, zarter, kleiner Bilder, die das Bürschlein gemalt oder ausgeschnitten hatte. Den Eltern und dem Hofe schien er von all dem gepriesenen Musischen unberührt. Denn er entsetzte das Königspaar nicht nur durch seine Stiefel und sein Grenadiersdeutsch, die Meute seiner Hunde und sein wirres Gelock: viel mehr erschreckte sie noch seine Genauigkeit, mit der er, allein im ganzen jungen Königreiche Preußen in seinem erborgten Glanze, jede Ausgabe in das weiße Lederbändchen, sein „Dukatenbuch“, eintrug: den Taler für „truimmeln und stöcker“ seiner Knabenmiliz; die Posten junger Füchse und Hafen; den Silbergroschen für das „Mägdlein, so in Wusterhausen auf dem Schloßhof getantzet“; die Spende zu dem „Futter vor den Hund von dem alten Mann“ wie die Ausgabe für „Blumen und Farben zum Malen“.

Friedrich Wilhelm I. als Knabe um 1701

Friedrich Wilhelm als Knabe um 1701

Er malte, litt und lebte fortan Bilder. Bild war jedes handgreifliche Exempel, das er gab; Bild die Order an das von ihm geschaffene Generaldirektorium, darin er wies, wie ein Land zu regieren ist; Bild das Testament für den zehnjährigen Thronfolger, darin verzeichnet stand, wie ein König wird; Bild das Schicksal, das er litt; Bild das Geschick, das er anderen auferlegte; Bild seine Art, Gericht zu halten; Bild das Eigentümliche seines Spottens; Bild das Mahl, das er im türkischen Zelt unter den Linden des Wusterhausener Schloßhofes hielt; Bild jede Heerschau und Landfahrt; Bild die Fülle seiner Kirchen jeglichen Glaubens und Bild seine „liebe Stadt“ Potsdam, der Fischerflecken, den er neu begründete als blühende Völkerstadt und geordneten Gottesstaat auf dem Sand und Sumpf.

Immer war er gebannt vom Bilde, wie ihm ja die Gedanken der künftigen Tat stets nur im Bilde des Vollendeten, Vollbrachten kamen. Immer mußte dem König ein Plan erst zum Bild verwandelt sein, ehe er eine Erwägung zum Entschluß zu erheben vermochte. War aber solche Verwandlung geschehen, dann ließ er nicht ab, bis nicht die Wirklichkeit dem Bilde nachgestaltet war.

Ihm, dem Herrn des „Königreiches ohne Grenzen“ und dem „Bettelkönig ohne Volks“ war gewiesen, Gesetz und Lehre, Strafe und Belohnung, Anklage und Klage niederzuschreiben und aufzuzeichnen in den klaren Häuserzeilen seiner hellen Städte, den schimmernden Kohorten seiner Grenadiere in den hohen Silberhelmen, den dreimal gepflügten Furchen seiner Äcker und dem gebändigten, dienstbar gemachten Lauf seiner Flüsse. Aber des Pinsels und der Palette vermochte er zeitlebens nicht zu entraten.

Er gab wenig Einblick, was seine Malerei für ihn bedeutete. Mit dem Malen, erklärte er nur, bekämpfe er nach Tisch seine große Müdigkeit; an der Staffelei erhalte er sich gewaltsam wach, die Müdigkeit für seine schlaflosen Nächte aufzusparen. —

Anfragen, die beim Malen einliefen, beantwortete er in Bildern; so völlig war er gefangen von dem, was er nur als bloße Beschäftigung hinstellte. Etwa im Planen einer seiner Landfahrten warf er ein flüchtiges Bild aufs Aktenpapier: in rohen Strichen und groben Umrissen, als müsse er sich grell verdeutlichen, was er vorhatte und was ihn erwartete. Es wurde immer mehr zur Gepflogenheit bei ihm, plötzlich etwas, worüber man gerade mit ihm verhandelte, fast jäh und heftig zu skizzieren, mochte nun von einem Bauplan, einem Kaufgegenstand oder einer Verbesserung der Grenadiersmontur die Rede sein.

Wenn er in übermächtiger Sehnsucht seines königlichen Herzens gewaltige, blühende Geschlechter von seiner menschenarmen, kargen Erde verlangte: er malte Enaksöhne, die wie fruchtbare Bäume aus dem Sand der Mark aufragten. In Bildern seiner Hand ließ er die Bauern aller seiner Länder, aller Stämme des Reiches, aller Völker des Erdteils wie einen Erntefestzug von zufriedenen, tüchtigen Siedlern an sich vorüberziehen. Litt er um die Not seiner Bauern: er malte, was noch keiner vor ihm in Klage und Anklage der Leinwand anvertraute; er malte tief in dem Jahrhundert des fürstlichen Leichtsinns und all der schwelgerischen Feste rings an den Höfen des Reiches und Europas, schwerblütig, in allem ein Einsamer, das Elend seines Landvolks: den Bauern und den Wucherer im Streit vor dem Hof und den Ställen. Auf solchem Bilde flatterten große, dunkle Vögel davon, als wollten sie für immer meiden, was von Stund an verloren ist.

Inmitten einer Welt, die von Seide rauschte, in Brokat erstarrte, von Juwelen schimmerte, von Federn wogte und in Perücke, Puder, Schminke sich verbarg, in erborgtem Golde schwelgte und in antiken und erotischen Namen sich verklärte, konterfeite der roi sergeant von Potsdam und Jagdwirt von Wusterhausen — ein Lorenzo Lotto und Giovanni Battista Moroni des 18. Jahrhunderts — sein Gesinde, seine Jägerburschen, seine Grenadiere, statt daß er, den Sitten der Epoche gemäß, seine Höflinge und Favoriten von modischen, verwöhnten Meistern porträtieren ließ. Männer seines Landes ziehen ihn an, die den Schein des braunen, reifen Weizens, mehr aber noch den Schatten dunkler Kiefernwälder über ihrem Haar und die Bräune der Erntezeit über Wangen, Hals und Stirn und fleißigen, starken Händen haben. Stets von neuem durchforscht er solch männliches Antlitz, sucht er, malend, auch das eigene Gesicht in seinen Wandlungen zu ergründen. Alle Schichten, Stufen und Grade seiner Entwicklung, all die erschütternden, gewaltigen Vorgänge seines Innern sind aus seinen Bildern abzulesen, und seien diese noch so ungefüge, unbeholfen und ungewöhnlich. Wir begegnen ihm in seinen drei Selbstporträts auch noch auf jener fast unerkannt gebliebenen Höhe seines inneren Werdegangs, als er ein gelehrter, weiser König ward, ein Rector magnificus der Almer mater militaris Borussiae, der des Abends, einsam, neben Wolfens „Weltweisheit“ die Männergeschichte des Plutarch und die Kriegsgeschichte des Polybius studierte — und illustrierte. Es kam aber gar eine Zeit, in der er platonische Gastmahle zu Kriegstrompeten und Geigen gab, ein milder Freudenspender und ein großer Kunstfreund wurde, der gerne freundlich und gemessen in schönem Rock von blauem Königstuch und in adretter, proprer, kleiner weißer Perücke durch Säle voller froher Menschen im Schloß oder festliche Häuser seiner Untertanen schritt. Das war, als er in seinem Herzen Abschied nahm von Krone und Thron, im Bilde seine Abdankung und sein Leben als Mijnheer von Hoenslardyck durchlebte und sich sehr ernsthaft mit der Frage beschäftigte, „ob er wohl vom Malen leben könne, wenn er der Krone entsage und allem Besitz sich entäußerte!“

An allem aber, das er malte und sann, lebte und schuf, haftete für den König Friedrich Wilhelm heimliches Leiden; Leiden, das bis in die letzten Gründe und Tiefen des Seelischen und Gedanklichen reichte. Schwer litt der König daran, daß die schmerzenden, fliehenden Gedanken sich nicht ergreifen und begreifen ließen: daß er verdammt war, nur das Bild zu sehen und den Sinn nicht erkennen zu können. Immer stärker war in den Bildern des Königs das Gedankliche hindurchgebrochen: das Sinn-Bild im Bilde. Seine oft so kindlichen, barbarischen, ja stümperhaften Malereien — „Sudeleien“ nannte sie die eigene Zeit — erfahren in den fünf Jahren seines Malertums, die wir überblicken, doch mitunter eine Vergeistigung und Beseelung, die selbst der harten Willkür seiner Pinselführung alles Störende und Befremdende nimmt. Neue Schichten des Daseins hatten sich in ihm aufgetan. Er malte „Weisheit und Friede“, „Die Eitelkeit“, und „Die Vergänglichkeit“, einen jungen Mann mit einer Sanduhr. Einem ernsten Jüngling gibt er das Zeichen der Mahnung, der Erfüllung und des unerbitterlichen Verrinnens in die Hand. Er, der Lebendige, aber starb viele Tode, weit vor der Zeit. Er, der Furchtbare, erlebte an seinem rein gehaltenen Leibe, ein Gichtbrüchiger und Wassersüchtiger, die Schauder der Verwesung und das Grauen der Auflösung.

In tormentis pinxit.

„In Qualen gemalt.“ Ein Wort von solcher Schwere war vielen Bildern als das Meisterzeichen ihres königlichen Malers eingetragen. Aber gerade diese Gemälde sind verschwunden, als habe er sie scheu beiseite schaffen lassen. Keines der Bilder, die auf die Nachwelt gelangten, weist die Leidensworte jenes Mannes auf, dessen letzte Fürstenweisheit war: „Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen.“

Ohne seine Briefe würden die Bilder des Königs vielleicht nicht die ganze Wucht und Wärme ihres menschlichen Gehaltes enthüllen, weil sie nicht vorgedrungen sind in den Bereich der Kunst. Seinen Briefen ohne die Bilder wiederum fehlte das „Unaussprechliche“, das ihn an jedem Tage und in vielen durchwachten Nächten bedrängte. So muß der gleiche Weg, der den Gemälden König Friedrich Wilhelms I. nachgeht, auch hinführen zu dem verborgenen Schatz seiner Briefe.

Den starken Schlag des großen, heißen Herzens, der in jedem Federzuge lebt, spüren wir am nächsten in den Briefen an die Seinen. Die ganze Tragödie des vereinsamten Mannes und Vaters hebt ihn an. Es ist bezeichnend, daß von den Briefen an die Königin, die kühne, kühle Welfin, nur die „politischen“ Briefe aus den Feldlagern des Nordischen Krieges (Brief Nr. 1) und des Rheinkrieges (Brief Nr. 2) auf uns gekommen sind. Des Vaters Leiden um die unglückliche Ehe seiner Tochter Friedericke Luise rührt uns an in den Schreiben an seine „rauhe Ike“, die er als erste unter den Prinzessinen von einer Königstochter zu einer brandenburgischen Markgräfin — nach der Fama Europas — „erniedrigen“ mußte, weil er alle Zweige seines Hauses, auch das arme, tatenlose Ansbach und Bayreuth unter das Gesetz „Des Königs von Preußen“ gestellt sah: Der Sand mußte blühen, und der Sumpf von Ähren rauschen!

König Friedrich Wilhlem I. von Preußen

König Friedrich Wilhlem I. von Preußen

Der spärliche, linde Trost seines Lebens atmet erwärmend in den Briefen an jene beiden jungen Prinzessinen, die ihn durch die Güte ihres Wesens als einzige in der Größe seines Herzens erkannten: Philippine Charlotte, seine kleine „Sanssouci“, die Tochter, die er an das Freundeshaus von Braunschweig-Bevern gab, und Elisabeth von Braunschweig-Bevern, die Bauernprinzeß, die er zur künftigen Königin von Preußen bestimmte.

Wie Friedrich Wilhelm litt und wie er um Frau und Kinder kämpfte, wie bange er in Potsdam in den Zeiten des größten Konfliktes jedes Antwortschreiben der Gattin aus Berlin erwartete, bezeugen am erschütterndsten die Briefe an seinen Kammerdiener Ewersmann. Sie sind durchzittert von der namenlosen Angst um den seelischen Verlust der Gattin und durchströmt von der zärtlichen Sorge für seine Kinder, vor allem der Liebe zu seinem kleinen Hulla, August Wilhelm, dem zweiten Sohn, den er lieben durfte, wie jeder Mann im Volke seinen Sohn liebt. Denn sein ältester Sohn ist einem König entnommen!

Selbst vom Gehalt und Inhalt abgesehen, schon in den immer steiler werdenden, zerklüfteten, immer jäher abstürzenden, jäh anspringenden Kurven seiner Handschrift und ihrem schmerzenkündenden Verfall ist wie in einem Bild und einem Spiegel die Bahn seiner Leiden und Taten aufgezeichnet. So tut hinter dem „In tormentis scripsit et vixit“ sich auf das „In tormentis pinxit“ — In Qualen gemalt, geschrieben, gelebt — Dreiklang eines leiden- und tatenreichen Lebens, der endlich hinweist vom Bild zu dem Wort der Heiligen Schrift, die Friedrich Wilhelm I. ja auswendig lernen wollte: „Aber in dem allen überwinden wir weit —“ (Römer 8, 37)

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe August 1938