Von Reinhold Schneider

Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Novalis.

Es wäre ganz falsch, den Sieg der russischen Revolution allein durch den Einsatz der Gewalt erklären zu wollen; auch die Propaganda in Gemeinschaft mit der Gewalt hätte diesen Sieg nicht errungen; es kommt ein Vorgang hinzu, der dem Außenstehenden nur schwer verständlich ist: das Überwältigtwerden des Einzelnen durch die Gedanken der Revolution. Wodurch dieses möglich wurde, hat Stepun in seinem bedeutenden Buche über die russische Revolution ausgesprochen; es ist der Schwund des Ewigen, das heißt der religiösen Werte aus dem Leben, der allein der Revolution Wirklichkeit verschaffte. Denn wo die große innere Leere sich gebildet hat, da ist endlich ein jeder Stoff willkommen, ja sogar leidenschaftlich begehrt, der diese Leere auszufüllen vermöchte; und daraus folgt wieder, daß es das Bestreben der russischen Revolutionäre sein muß, diese Leere zu erhalten. Würde sie sich aber mit andern Inhalten füllen, als mit denen der Revolution, so wäre das Ende der revolutionären Macht gekommen; und die Tragik der russischen Revolution scheint eben darin zu bestehen, daß ihre Vollzieher ohne es zu wollen durch den Druck ihrer Macht und die zu Erhaltung dieser Macht angewendeten Mittel die Kräfte erwecken helfen, die der revolutionären Herrschaft ein Ende bereiten müssen. In dieser letzten Perspektive und außerhalb des Bereichs revolutionären Willens könnte sich somit eine Sinngebung vollziehen, keine Rechtfertigung, denn Schuld bleibt Schuld; Werkzeuge sind Alle, die handelnd und wirkend in der Geschichte auftreten; und nicht darin kann ein Verdienst liegen, daß der Zerstörer wider seinen willen der neuen Gestalt den Boden bereitet, daß er also Werkzeug ist ohne seinen letzten Zweck zu kennen; das Verdienst, sofern es gesucht werden soll, kann nur in der Haltung gefunden werden, die der Einzelne vor dem Endgültigen annimmt. Zur Durchführung des russischen Vernichtungskampfes, der totalen Materialisierung und Technisierung eines Volkes bedurfte es des Glaubens an den unbedingten Wert der Revolution selbst; es bedurfte tartarischer Kräfte; als die Geistigen in Fortsetzung der Gedanken Dostojewskis schon unmittelbar nach dem Ausbruch der Revolution deren Rechtfertigung versuchten, leiteten sie einen Vorgang ein, der die Wirklichkeit der russischen Revolution zunächst nicht verändert, so eng er auch mit ihr verbunden ist.
Lenin

Der sehr bald sich ausbreitende Gedanke, daß das Nichts gewollt werden müsse, damit endlich der Wert wieder begründet werde; daß nur der vollendete Atheismus zum Glauben führen könne, hat der russischen Revolution nicht nur im Ursprungslande, wo Alexander Block schon früh den Versuch einer solchen Sinngebung machte, sondern auch im Ausland gerade unter den ernstesten und vorurteilslosen Betrachtern Verteidiger gewonnen; wo der Glaube nicht mehr stark genug ist, das Leben zu erfüllen, aber doch noch stark genug, um das Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit zu erhalten: dort kämpfen die ernstesten Gegner des Glaubens; dort träumt man von seiner Erneuerung durch das Nichts; es ist ein Nihilismus im Entstehen, dessen letzter Grund die Sehnsucht nach dem Mittelalter ist. Die Frage erhebt sich: kann man Antichrist sein, um Christ zu werden; Nein sagen, um einmal zum Ja zu kommen; ist ein solcher Umweg ein Weg des Lebens? Oder — handelt es sich auch hier nur um ein Überwältigtwerden durch die Gedanken der Revolution: hat die Absicht, die dieser Bejahung der Zerstörung zu Grunde liegt (denn als Zerstörung wird die Revolution auch von diesen Bejahern empfunden) nur den Wert einer letzten, aber fruchtlosen Entschuldigung; ja, noch mehr, bringt sie nicht die Gefahr einer Maskierung, einer Anpassung, die, sobald sie einmal erfolgt ist, sich auf ihren ursprünglichen Vorsatz nicht mehr besinnen wird und besinnen kann? Der englische Mystiker Bunyan sagt in seiner ergreifenden Selbstbiographie: „Gott spielte nicht, als er mich berief, der Teufel spielte nicht, als er mich versuchte, und ich spielte nicht, als ich in den grundlosen Abgrund versank“; wie, könnte es sich auch hier um ein Spiel handeln; und welches Ende wird dieses Spiel nehmen? Ließe sich das Dämonische vom Menschen auf Grund einer kalten Reflexion als Mittel brauchen; oder sollte es diesen nicht genügen, es als ein Mittel in der Hand Gottes zu erkennen; und einfach und klar die Werte zu vertreten, die sie für die bleibenden halten? Denn wahrscheinlich wäre es doch, daß die revolutionären Kräfte ihrem eigenen Gesetze folgen; und daß, wer glaubt, sich ihrer bedienen zu können, ihnen verfällt und sich verwandelt, ohne dessen inne zu werden.

Um diese Frage bewegt sich der Roman „Die gemordete Seele“ von Grigol Robakidse (Diederichs 1933); das Buch ist keine geschlossene Dichtung, sondern geht oftmals in der Art des noch immer in der Auflösung begriffenen modernen Romans in die Erörterug über; (während etwa Iwan Schmeljow in seinem erschütternden „Bericht eines ehemaligen Menschen“ — Eckart-Berlin, Berlin, 1933 — schon eine Dichtung gab); aber Robakidse, dem wir Schilderungen südrussischen Lebens von bezwingender Schönheit verdanken, hat dieses Buch im Bewußtsein einer schweren politischen und religiösen Verantwortung geschrieben und darum sollten wir es ihm doppelt danken. Der genannte Roman schildert den Zusammenstoß der Sowjets mit dem georgischen Volke, dessen noch gesunde Natur dem Programm und den Methoden der Revolutionäre heftig widerstrebt; dem Programm stellt sich unverbildetes Leben entgegen, das der Gewalt unterliegt, um sie doch einmal zu überwinden. Träger des Schicksals ist ein Schriftsteller, Thamas, der unter dem Verdacht gegenrevolutionärer Bestrebungen in das Gefängnis der GPU. gerät und dieses zwar anscheinend gerettet, aber doch mit „gemordeter Seele“ verläßt, die Inquisitionsmethoden der Organisation bringen ihn um Verrat an seinem Freunde; um diesen Preis erkauft er sein Leben, das nun nicht mehr lebenswert scheint. Robakidse findet bedeutende Symbole der russischen Revolution; vor allem: er stellt mit großer Feinheit jene innere Ueberwältigung dar, die sich in allen Lebenskreisen abspielte und den Sieg der Revolution erst ermöglichte. Eine Frau, die in ihrer Wärme und Naturverbundenheit der Revolution sehr fern steht, empfängt den Besuch des Sowjetbeamten Bersin, eines Mannes, der nur „Trieb und Willen“ ist; „der erste dem Tier verwandt, der zweite von Eisen; von Seele keine Spur“; wie aber Bersin kalt, ruhig, ohne die Verdienste der revolutionären Führer noch seine eigenen ins Licht zu rücken, von dem letzen Abschnitt des Weltkrieges erzählt, den die Revolution gegen Deutschland führte, fühlt die Frau sich gepackt; die Bewunderung ist ebenso stark in ihr wie die Furcht; aber begehrt sie nicht eben die Furcht? „Etwas zog sie zu dem, was sie doch haßte“ In demselben Augenblick, da Bersin die Wirkung seiner Worte bemerkt, steht er auf, um sich unvermittelt zu verabschieden, die Frau dem empfangenen Eindruck überlassend; es ist das Fremde, Kalte, das sie bezwungt und selbst von dem bisher Geliebten entfernt; und sonderbar! zwar nicht Bersin in der GPU. tätig gewesen, hatte er in dieser Tätigkeit nicht viel Blut vergossen; und ist es nicht eben dieses vergossene Blut, das nun auf sie wirkt, sie zu Bersin zieht?

Ein berühmter Dichter schickt ohne genötigt zu sein, einem führenden Kommunisten, dessen Sohn gestorben ist, ein Beileidstelegramm, warum? Die Wissenschaftler entdecken, daß sie die von der Revolution vertretenden Lehren bisher in ihren Arbeiten nicht genügend berücksichtigten und widerrufen öffentlich; nicht etwa nur, um zu täuschen und sich anzupassen, sondern weil sie zu glauben beginnen; Thamas selbst hält, da er als Sprecher georgischer Schriftsteller eine Sowjetdelegation begrüßt, eine Rede, während der „das Fremde“ auch ihn und zwar vor aller Augen überwältigt; die laschende Masse reißt ihn zu Worten hin, die er noch niemals über seine Lippen gebracht, zu Gedanken, die er noch niemals gedacht hat; er verteidigt die Revolution und selbst ihre Methoden, selst den „Aderlaß“, der notwendig sei für die Erneuerung der Welt. Die Atmosphäre ist mit den Gedanken der Revolution geladen: Stalin ist überall gegenwärtig, die Risse der Tapete selbst fügen sich vor den Augen des einsamen Mannes in seinem Zimmer zu dem Namen des Diktators zusammen; ein Empörer wird durch den bloßen Glauben an Stalin, den „Eschenköpfigen“, der in furchtbarer Bildhaftigkeit vor ihm erscheint, vernichtet, ehe er handeln kann. Zwischen Mann und Frau, in die Regungen des Herzens sich anknüpfende Beziehungen zwischen Reisegenossen drängt sich dieses Fremde ein, tödliches Mißtrauen erweckend, kein freies herzliches Wort mehr gestattend; denn ein Jeder fürchtet des Andern Opfer zu werden. Jene so oft in falschem Zusammenhange zitierte Moral, die als Mittel zum Zweck ein jedes Verbrechen rechtfertigt, findet in diesem antireligiösen Staat ihre unbeschränkte Anwendung; für den Revolutionär ist auch die Liebe Mittel, seine innere Macht zu vermehren: er geht verzichtend von der ihm verfallenen Frau, in zynischer Gleichgültigkeit gegen die Zurückgebliebene sich selbst besiegend, um noch kälter und stärker zu werden.

In der Mitte des Buches findet sich das Gespräch zwischen Thamas und Iwanoff, dem Revolutionär, der die Revolution und den Unglauben bejahr, um auf diese Weise an ihr Ende und zum Reiche des Glaubens zu gelangen; Thamas kann noch immer nicht begreifen, „was für ein Zusammenhang zwischen einem Gläubigen und einem Entgötterten bestehen konnte“ (und doch ist dies das eigentlich russische Problem).

„Sie wundern sich“ begann er (Iwanoff) wieder, „daß ich, der Gläubige, an dieser Entgötterung mitarbeite?“ Thamas nickte, „dieser Prozeß ist eine unterirdische Strömung“ fuhr Iwanoff fort. „Gottlosigkeit ist eine Krankheit, und für den Kranken ist eine Krise notwendig“. — „So daß es besser ist, wenn diese Krise beschleunigt wird“ fügte Thamas hinzu. — „Jawohl, sie muß beschleunigt werden.“ — „Wenn der Mensch sich bis zu Ende entblößt, gänzlich gottlos wird, dann muß in ihm eine große Trauer um den verlorenen Gott entstehen?“ — „Gewiß.“ — „Und bis dahin?“ — „Bis dahin wird Gott heimlich im einzelnen gegenwärtig bleiben.“

Grigol Robakidse (1882-1962)

Grigol Robakidse (1882-1962)

Iwanoff hat die Position, die für den geistigen Menschen die verlockendste, vielleicht die überzeugendste ist; er ist weit höheren Ranges als jene mit vernichtender Schärfte gekennzeichneten Europäer, die, etwa Shaw und André Eide, nachdem sie mit vielen Formen gespielt haben, auch mit dieser Form ein Spiel versuchen; und doch ist nicht auch er ein Spieler, nur in ernstem Sinne? Denn welch ein vermessenes Spiel, die Rolle der Vorsehung übernehmen zu wollen; erst mitzuhelfen an der Vernichtung und sich stark genug zu glauben, über diese Vernichtung hinweg die Herrschaft über die entfesselten Kräfte zu behalten! Ist nicht auch dies der Plan eines Empörers, eines Geistigen, der den Geist des Glaubens nicht mehr besitzt? Glaubt er nicht eben so viel wie Gott zu sein, da er Gottes Reich auf dem Wege der Vernichtung mitbegründen will? Der echte Glaube würde einen anderen Weg ergreifen: er würde für die Wahrheit zeugen, ohne den Angriff auf das Bestehende zu führen, aber auch ohne in seiner Zeugenschaft zu schwanken. Denn der Einzelne ist nicht nur Mittel, so wie keine Zeit nur Mittel ist; entweder das Endgültige und Dauernde ist in einer jeden Zeit und in einem jedem Leben möglich, oder es ist nie, ebenso wie der Einzelne, so gewiß er zu dienen bestimmt ist, seine Rechtfertigung in sich selber und für sich selber finden muß, wenn das Weltgeschehen seinen Sinn behalten soll. Wie wird dieser Iwanoff, dem man wohl typische Bedeutung zuerkennen muß, für die Revolution kämpfen, ohne von ihr überzeugt zu sein? Zum Kampfe für die Revolution bedarf es eines Stalin und der nach seiner Art geprägten Menschen, die an die Revolution glauben und an nichts sonst; welche Rolle wird IWanoff spielen unter Tartaren und Mongolen? Meint er wirklich, daß sie ihn als Mitkämpfer gelten lassen werden? Sie werden ihn schon morgen erkennen und vernichten; und er wird nichts weiter als einer jener Phantasten und Spieler sein, die weder in der Geschichte bestehen noch vor Gott. Oder aber — rollt auch in ihm mongolisches Blut, und der Gott, von dem er redet, ist der Zerstörer Shiwa?

Dieser Gedanke, das Dämonische als Mittel zu gebrauchen, so wie das Volk und die Liebe, das Wissen und die Kunst als Mittel gebraucht werden, stammt aus der Sphäre der Revolution; er kommt von einem Ueberwältigten. Denn der Mensch soll für das stehen was er erkannt hat und ausschließlich das sein, was er ist; auf die Gefahr hin, daß er an diesem Sein zu Grunde gehe; die Regierung des Weltlaufs ist nicht sein Amt; er soll sich als Zeuge vollenden und fallen.

Das Buch Robakidses weist über die Haltung Iwanoffs hinaus. Nachdem Thamas mit gemordeter Seele aus dem Gefängnis zurückgekehrt ist, und das Weib seinen Reiz, das Leben seine sinnliche Fülle für ihn verloren haben, wird er zu einem jener Wenigen, „in denen Gott heimlich gegenwärtig bleibt“. Und erst vor diesen endet die Macht der Revolution. Denn sie stehen jenseits der Dialektik revolutionären Denkens; vor ihnen verzehrt sich nicht mehr die Gegenwart um einer fernen Zukunft willen; es ist kein Unterschied mehr zwischen dem Künftigen und dem Gegenwärtigen; denn das Größte ist gegenwärtig, und vor dieser Gegenwart kommt die Wirklichkeit der Revolution nicht mehr auf. Es sind nur Einzelne, die auf diese Weise erfüllt sind, aber es werden ihrer mehr werden, sie werden sich zusammen finden oder doch vereinigt wissen, und es wird ein dunkles Reich sich bilden unter und jenseits der revolutionären Wirklichkeit; und von diesem dunklen Reiche wird einmal die große Leere, auf der sich die russische Revolution erhob, erfüllt werden. Dann wäre das Ende gekommen: durch jene, die das Absolute nicht mehr in unbegrenzter Ferne und auf dem Umweg der Dialektik suchten, sondern in sich selber fanden, es bewahrten und weitergaben.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe November 1935