Über dieses Thema berichtet die von Dr. Fritz Klein herausgegebene „Deutsche Zukunft“ vom 1. Dezember 1935 Folgendes:

Das griechische Volk hat am 3. November 1935 die gekrönte Demokratie gewählt, und der König ist am 24. November nach Griechenland zurückgekehrt. Die Tagespresse hat über den feierlichen und begeisterten Empfang berichtet. Das ist äußerliche gesehen die Entscheidung der Frage Monarchie oder Republik, des Kampfes der Volksparteien oder Monarchisten gegen die Veniselisten, der Front der Rechten gegen die Linke. Tiefer begriffen das Ergebnis der geschichtlichen Ereignisse des im langsamen Fortschreiten gewordenen neugriechischen Staates, Resultat der elementaren inneren Freiheitsbedürfnisse dieses Volkes, seines Charakters und seiner Struktur udn der Dynamik, die aus der „Großen Idee“ des freien, machtvollen, byzantinischen Reiches strömt.

König Georg II. von Griechenland (1890-1947)

König Georg II. von Griechenland (1890-1947)

Die Monarchie

Revolutionäre Gruppen des Militärs haben mit der faktischen Macht, die ihnen ihr Beruf verleiht, am 10. Oktober dem Volksmemorandum vom 3. Novbr. vorgegriffen. Die Regierung Tsaldaris wurde gestürzt, das Königreich in der Nationalversammlung ausgerufen, die Verfassungsurkunde von 1911 wieder in Kraft gesetzt. General Kondylis, der erfolgreiche Gegner der Märzrevolution in Makedonien, übernahm die Ministerpräsidentschaft und die Regentschaft im Namen des Königs, der seinem Vorsatz treu blieb, nur dann in sein Land zurückzukehren, wenn eine absolute Mehrheit des Volkes es wünsche. Die große Macht des ehemaligen Ministerpräsidenten Tsaldaris, des Führers der monarchistischen Volkspartei, ist in der Nationalversammlung, die wahrscheinlich aufgelöst wird, geschwunden. Von 280 Volksvertretern sind 150 bereit, die neue Regierung zu unterstützen. Der Vorwurf mangelnder Entschlußfähigkeit wurde von vielen gegen Tsaldaris erhoben. Die blitzartige Aktionsbereitschaft des Generals Kondylis teils begeistert, teils ablehnend hingenommen.

In den wenigen Wochen seiner Regentschaft hat er ein völlig umstürzendes Reformprogramm ausgearbeitet, das seiner eigenen Initiative entspringen soll. Dieses — sofern es der König durchführen läßt — kommt einer totalen Umgestaltung des Staatsaufbaus gleich. Insbesondere beabsichtigt es eine grundsätziche Dezentralsierung der Verwaltung und die Selbstverwaltung der Departments, der „Nomoi“. Die Zusammenfassung der ionischen Inseln im Aegäischen Meer zu einem Generalgouvernement war die erste Maßregel dieser Richtung.

Für Kondylis und seine zahlreichen Anhänger ist die Monarchie seit dem 10. Oktober Realität gewesen. Daher wurde der 26. Oktober zum Feiertag des Königreiches Griechenland erhoben und schon gefeiert. Als Erinnerungstag der Einnahme von Saloniki während der Balkankriege im Jahre 1912 durch den damaligen Thronfolger ud späteren König Konstantin und seine Soldaten. Ein großes und freudiges Ereignis in der neuen griechischen Geschichte, das während der republikanischen Zeit fast unbemerkt vorüberging. Die Vereidigung des Heeres, der Luftwaffe und der Marine auf den König, die ebenfalls am 26. Oktober stattfinden sollte, wurde auf Anordnung des Kriegsministeriums, wahrscheinlich aus psychologischen Gründen, auf einen Termin nach der Volksabstimmung verschoben. Inzwischen leistete das gesamte Militär „den Treueschwur dem Vaterland und dem verfassungsmäßigen König der Hellenen“ gegenüber. Die neue Verfassung — das schwierigste Problem der Reform — erstrebt im Sinne Kondylis ein parlamentarisches Königtum mit Beschränkung der Zahl der Abgeordneten auf 50-60, an Stelle der bisher fast 300.

Die Vorgeschichte

Das sind Tatsachen, die der jetzt effektiven Restauration vorausgingen. Doch plötzliche Aktionen, die fälschlicherweise Zufälle genannt werden, weil sie rational nicht fixierbar sind, bestimmen die Völkergeschicke aus dem magischen Strom des Volkswillens heraus. Hier aus dem Wunsch nach innerer freier Entfaltung. Vor hundertvierzehn Jahren war es die nationale Freiheit, die durch Abschütteln des türkischen Jochs erobert werden sollte und erobert wurde. 1863 die Freiheit innerhalb der Verwaltung des eigenen Staates gegen den mächtigen Einfluß ausländischer Beamten. Jetzt die staatsbürgerliche Freiheit des einzelnen und die Stärkung des national freien Griechentums. Denn seit 1922 war Griechenland bis vor kurzem direkt oder indirekt eine Diktatur Venizelos, unterbrochen durch die Diktatur Pangalos. Eine Situation, die dem natürlichen Empfinden des nach Freiheit vital verlangenden griechischen Volkes widerspricht und der Definition der „griechischen Demokratie“, die eine unpersönliche Volksregierung beinhaltet, entgegenstand. Zwar nennen sich die Venizelisten die „Freien“, aber kaum eine griechische Partei war je so in festen Schranken gehalten und so einer Meinung mit dem Führer, daß Driault, der ausgezeichnete Kenner der diplomatischen Griechenlands, sie mit Recht die libéraux autoritaires nennt. Neben diesen sind die Volksparteiler oder Royalisten, die zweite große, momentan aber nicht einheitliche Partei des Landes, vielleicht die wirklich Freien, insofern als sie nur den Wunsch haben, durch die Regierungsform ihre nationale Freiheit gesichert zu sehen. Im Grunde genommen ist das Ziel der beiden Parteien, die sich im Wahlkampf noch bekämpften, das gleiche und daher die Hoffnung einer befriedigenden Lösung für beide mehr als ein Traum. Denn die Kräfte, die die politische Dynamik des griechischen Volkes ausmachen, sind für alle die gleichen. Bei aller Rationalität des modernen Griechen war die Wahlpropaganda auf beiden Seiten nicht nur getragen von sachlichen Argumeten, sondern auffallend mitgeleitet von den irrationalen Wirkfaktoren, die Geschichte fundieren. Die gefühlsbetonte und stolze Erinnerung an die große attische Tradition, der begeisterte und sentimentale Hinweis auf die glanzvolle byzantinische Zeit, der immer wiederkehrende Appell an die nie ruhende Sehnsucht nach Freiheit sind Momente, die dem Erlebnis des ganzen Volkes entsprechen. Momente, die durch ihre unbewußt wirkende Gewalt spontan zu einer einheitlichen und alle sonstigen Gegensätze überbrückenden Stellungnahme führen können.

Daher ist es nicht erstaunlich, sondern fast selbstverständlich, daß der 26. Oktober als nationaler Feiertag und Fest des heiligen Demetrius, des Stadtheiligen von Saloniki, unter großer Anteilnahme der ganzen Bevölkerung, trotz der damaligen Unentschiedenheit der politischen Lage, gefeiert wurde. Denn alle verbindet das nämliche Nationalgefühl und die gleiche religiöse Urkraft, die sich in der griechischen Götter- und Heroenwelt zuerst offenbarte, in den christlichen Bräuchen ebenso weiterlebt. Das ist spezifisch griechische Mentalität. Aus ihr heraus ist ein Optimismus über den Bestand der neuen Monarchie nicht unberechtigt. Sie hat den Vorzug, ihre Existenz keiner der beiden Parteien zu verdanken. Sie kann also beiden, vor allem den Venizelisten, leichter Zugeständnisse machen. Sie wird — wie sie schon jetzt angedeutet hat — eine großzügige Amnestie der schweren Strafen für die politischen Delikte während der Märzrevolution erlassen. Ein Weg, jene Energien freizumachen, die heute Gegensätzlichkeiten schaffen, in Zukunft aber der großen nationalen Idee dienen können, die den „Strom“, wie die Griechen sagen, für den Restaurationsgedanken gebildet haben.

Die außenpolitische Lage

Der erfolgreiche Abschluß des Balkanpakts vom 9. Februar 1934 bedeutet für Griechenland eine neue geschichtliche Epoche. Griechenland, Rumänien, Jugoslawien und die Türkei haben sich gegenseitig Sicherheit ihrer Grenzen und Förderung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen garantiert und halten daran fest. Die geschickte Verhandlungstaktik des ehemaligen Außenministers A. Maximos hat die erbitterte feindselige Stimmung zwischen Griechen und Türken im Hinblick auf eine allgemeine Stärkung der Balkanstaaten in eine sachliche und freundschaftliche umzustimmen vermocht. Griechenland und Jugoslawien sind durch gemeinsame ökonomische Interessen verbunden. Die griechische Solidarität mit den Rumänen ist alt und die Erinnerung an seine Hilfe in den Balkankriegen und den für Griechenland günstigen Friedensvertrag von Bukarest 1913 — Epirus und Makedonien kamen an Griechenland — ist lebendig. Die Streitigkeiten mit Albanien um den Fortbestand griechischer Schulen für die griechischen Minderheiten in Albanien, die im vergangenen Herbst ernstere Folgen befürchten ließen, sind inzwischen beigelegt worden. Selbst die überaus schwierigen Beziehungen zu Bulgarien, dessen Streben ein Zugang zum Aegäischen Meer durch griechisch-makedonisches Gebiet ist, abgesehen von der Jahrhunderte alten Rivalität der gleichen „Großen Idee“ Byzanz, scheinen sich günstiger gestaltet zu haben.

Die hochinteressante Konferenz der orthodoxen Kirchen, die vor wenigen Monaten in aller Stille in Dalmatien auf Anregung Jugoslawiens stattfand, war auch von bulgarischen Vertretern der durch ein Schisma getrennten bulgarischen Kirche beschickt worden. Der orthodoxe Glaube ist Staatsreligion, und die Kirche ist eine öffentlich rechtliche Korporation, die durch alleiniges Ausstellungsrecht von Geburts- Taufurkunden, Vollzug der Trauungen und andere Befugnisse im unmittelbaren Dienst des Staates steht. Der Beschluß der Konferenz einen „conseil permanent“ der selbständigen, eigengesetzlichen, nationalen, „autokephalen“ Kirchen, d.h. der östlichen orthodoxen Kirchen, beim Patriarchen der „Hohen Pforte“ in Konstantinopel, — die seit dem 4. Jahrhundert lange Zeit das Zentrum der Orthodoxie war, — zu gründen, deutet auf die Festigung der Parole: der Balkan den Balkanvölkern hin.

Griechenland im Mittelmeer

Die außenpolitische Linie, die der neue Außenminister Théotokis verfolgt, ist die Fortsetzung der Interessenrichtung es Ex-Außenministers Maximos: Balkanbund und Englandfreundschaft. Théotokis, der bisher in der griechischen Agrarpolitik eine führende Position hatte, stammt aus einer bekannten Diplomatenfamilie. Er ist der Sohn des Ministerpräsidenten G. Théotokis, der vor dem Weltkrieg eine Rolle gespielt hat. Sein Bruder N. Théotokis war vor und während des Weltkrieges griechischer Gesandter in Berlin, wurde später als Minister erschossen. Er war ein bekannter Freund Deutschlands und genoß das besondere Vertrauen Kaiser Wilhelms II.

Als Mitglied es Völkerbundes nimmt Griechenland an den Sanktionen gegen Italien teil. Eine sehr schwierige Lage für Griechenland, weil die Sanktionen außerordentliche wirtschaftliche Schädigungen für den griechischen Export bedeuten. Dreiviertel des griechischen Öls, ein Hauptausfuhrprodukt des Landes, ist bisher nach Italien geliefert worden. Außerdem hat Griechenland vor kurzem ein Handelsabkommen mit Italien abgeschlossen, wodurch beide Länder gegenseitige Verpflichtungen übernommen haben, die durch Inkrafttreten der Sanktionen nicht mehr erfüllt werden können.

Ein kleines Land mit nur 6 Millionen Einwohnern und dennoch aufs empfindlichste in die große europäische Interessenspolitik verwickelt. Umso wichtiger ist die Lösung seines innenpolitischen Schismas, das nicht in erste Linie in der Restauration des Königtums gesehen werden darf, sondern in der „nationalen Aktion“ zur Herstellung einer einheitlichen Regierung. Der kluge und klarsehende neue König Georg II., der Enkel Georgs I., wird in den nächsten Wochen und Monaten diese Aufgabe zu verwirklichen suchen. Gemäß der Logik der historischen Entwicklung: zur Zurückeroberung der inneren Freiheit.

E.R.B.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Dezember 1935