Von geistigem Adel und Adel des GeistesVon Otto Heuschele

Wir lesen in einem Urteil über eine geistige Leistung, ein Werk der Dichtung oder der bildenden Kunst, der Musik oder auch der geistigen Führung und Forschung, sie sei von adeligem Geist erfüllt, oder es spreche aus ihm eine adelige Haltung. Solche und ähnliche Urteile, ausgesprochen in Verbindung mit einer geistigen oder künstlerischen Schöpfung, zwingen uns, nachzudenken, was der, der sich dieses Ausdruckes bediente, damit sagen wolle; denn wir müssen glauben, er wolle, wenn er diese Wendung nicht gedankenlos, sondern ernst und genau gebraucht, damit eine geistige Leistung sowohl auszeichnen als auch von anderen unterscheiden; wie wir einen Menschen auszeichnen, indem wir ihm Adel der Haltung, des Charakters, der Gesinnung oder Adel schlechthin zubilligen.

Nun mag es nicht ohne Schwierigkeiten sein, sich darüber zu verständigen, was denn Adel sei und wem er zugebilligt werden dürfe; denn wir sprechen hier nicht vom Adel als von einer sozialen Gruppe, sondern verstehen unter Adel eine Haltung im Sein und im Handeln. Wir glauben, daß ein Mensch Adel hat oder daß er ihn nicht hat, eine Diskussion darüber scheint uns kaum möglich. Wir glauben weiterhin, daß sich der Adel des Menschen ebenso sehr in Sein und Haltung wie in Werk und Leistung äußert; ja daß Sein und Haltung mehr sind als Werk und Leistung, weil sie die Voraussetzung für jene bilden.

Was spricht aber nun für den Adel eines Menschen? Nicht der eine oder andere besondere oder außerordentliche Zug seines Wesens oder Verhaltens, sondern eine umfassende harmonische Vereinigung von anhaltend wirksamen menschlichen Verhaltungsweisen. Es ist die Demut vor Gott und seiner Schöpfung, es ist die Achtung vor der Ordnung des Lebens, es ist der Wille zum Dienst, die Bereitschaft zur Verantwortung und zum Opfer, es ist die Liebe zur Gemeinschaft, beginnend mit der Familie und endend mit dem Volk und dem Vaterland. Es ist Stolz und Ehrgefühl, es ist Mut und Tapferkeit, es ist Treue und Unbestechlichkeit vor den Ahnen und dem was sie geschaffen haben, es ist die Ehrfurcht vor dem Leben wie vor dem Tode, die einen Menschen erfüllen muß, wollen wir ihm Adel zuerkennen. Aber auch die Reinheit des Herzens und Hoheit der Seele, Liebe zum Schönen, Edeln und Maßvollen, Frömmigkeit und Gebundensein an die metaphysisch-religiöse Grundlage des Lebens erwarten wir von dem, den wir adelig nennen. Wollen wir doch Adel immer in Verbindung bringen mit dem Vollkommenen oder dem, was dem Vollkommenen zustrebt. Wir wissen, daß Adel verpflichtet: den, der Adel besitzt ebenso wie den, der an Adel glaubt.

Billigen wir nun einer geistigen Leistung, einem Werk der Kunst oder der Dichtung, der Forschung oder der Wissenschaft geistigen Adel zu, so wollen wir damit aussagen: wir erfahren im Umgang mit ihm jenes Erlebnis, das wir zu umschreiben haben. Wir erleben, daß hinter einem solchen Werke eine geistige Haltung wirksam ist, die wir bei einem Menschen empfinden, von dem wir sagen, er besitze Adel. Denn wir glauben, daß ein wesentliches schöpferisches Werk nur von einem wesentlichen Menschen hervorgebracht werden könne, und es könne auf die Dauer kein Unterschied sein zwischen dem Ethos eines Werkes und dem Ethos dessen, der es hervorgebracht hat. Wenn uns immer wieder Widersprüche zwischen dem schaffenden Menschen und seinem Werke entgegentreten, so belehren uns diese Widersprüche wohl nur, daß wir das Werk noch sorgfältiger prüfen, ob es auch wirklich vor den höchsten Forderungen standhält.

Suchen wir nun Entscheidendes darüber auszusagen, was es sei, das uns berechtigt, ein Werk des Geistes in diesem Sinne auszuzeichnen, so ist es zuerst die Form der Erscheinung, nach der wir unser Urteil bilden. Wir wissen, daß gerade sie ihre entscheidende Prägung vom innersten und geheimsten Wesen dessen empfängt, der sie geschaffen hat. Die Form einer künstlerischen oder geistigen Leistung wird letzten Endes immer durch ein umfassendes Zusammenwirken von Geist, Seele und Herz eines Menschen bestimmt. Aber wie nun keine Form denkbar ist ohne den Gehalt, den sie umschließt, so ist kein Gehalt denkbar ohne die Form, durch die er erscheint. Eines bedingt das andere, so wie beim Menschen Gestalt und leibliche Erscheinung durch Seele und Geist bestimmt wird. Wer von Platons Dialogen oder Hölderlins Gedichten spricht, und sie adelig nach Form und Gehalt nennt, wer mit Dantes Göttlicher Komödie oder Goethes Iphigenie, wer mit Stifters Nachsommer oder der Prosa Carossas den Begriff des geistigen Adels verbindet, der will damit Werke menschlicher Schöpferkraft auszeichnen und über andere herausheben. Er wird aber den Adel, den er in diesen Werken findet, an den er glaubt und der ihn verpflichtet, nicht in der Form als solcher und nicht im Gehalt als solchem suchen; er weiß vielmehr, daß dieser Adel den Werken kraft der adeligen Haltung ihrer Schöpfer zu eigen wurde. Es ist die einmalige Entelechie, die sich in den Werken schöpferischer Menschen verwirklicht. Auch der Gehalt einer geistigen Schöpfung ist niemals ein Stoff an sich, sondern ist immer nur der einer ganz persönlichen Form und einem einmaligen innersten Menschenwesen entsprechende. Denn der Schaffende ist nicht ein Spiegel, in dem sich der Weltstoff spiegelt, sondern zieht diesen Weltstoff nach seinem eigensten Wesen, seiner Entelechie an und gestaltet ihn.

Wir erwähnten schon, wie von den geistesadeligen Werken eine eigentümliche Kraft ausgeht, die wir als das Wesen des Adels bezeichnet haben. Wir können diese Werke nicht nur genießen, wie wir das nur Schöne genießen, wir können uns von ihnen nicht zerstreuen oder belehren lassen, vielmehr werden alle diese Einzelbezüge, die wir zu Werken des Geistes haben, umschlossen von einem letzten Bezug, der uns unmittelbar trifft und für den wir den Begriff Adel geprägt haben. Sie erheben uns über uns selbst hinaus, sie weisen uns auf eine Welt hin, in der die Tugenden, die wir als Voraussetzung des Adels benannten, wirksam sind. Letzten Endes ist es aber ein großes und starkes Glaubensverhältnis, das wir zu diesen Werken gewinnen. Es ist nicht ganz leicht festzustellen, welche Einzelzüge es sind, die uns zu diesem Glaubensverhältnis zwingen, die uns bestimmen, in ein Verhältnis der Gefolgschaft und der Hingabe zu kommen. Wir spüren nur, daß diese Werke ein unwiderrufliches Ethos erfüllt und daß dieses Ethos uns verwandelt oder in unsrer eigenen, auf ein Höheres und Höchstes hinzielenden Haltung bestärkt. Sie erheben eine Forderung an uns, der wir uns, vermögen wir überhaupt an geistigen Adel zu glauben, nicht entziehen können. Es ist die Kraft des Edeln, des Vollkommenen und des Vorbildlichen, die uns aus ihnen trifft und nicht mehr losläßt. Geistiger Adel ist darum nicht eine Qualität wie andere Qualitäten in der Ordnung der Werte, er ist vielmehr ein Schicksal, dem sich der Edle und der nach Vollkommenheit Strebende aussetzt.

Wenn Nietzsche das berühmt gewordene Wort prägte: „Geist allein adelt nicht: es bedarf etwas, das den Geist adelt — wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.“ so verstehen wir heute dieses Wort, aus dem die Schicksalhaftigkeit des Adels spricht, besser als frühere Generationen. Denn wir haben es einerseits erlebt, wie anstelle des echten Geistes der Scheingeist und der als Geist maskierte Ungeist getreten ist und haben andererseits erkennen gelernt, welche Macht das Blut auch über die geistigen Leistungen hat. Wir erweitern das Wort Nietzsches indessen auch noch, indem wir hinzufügen: nicht aller Geist ist adeliger Geist, und es edarf auch für den Geist des adeligen Geblütes seines Trägers, daß er adelig werde. Wir glauben an eine Rangordnung des Geistes, die durch eine Rangordnung derer bestimmt wird, die dem Geiste als Schaffende und Bewahrende dienen. Die Norm aber, nach der diese Rangordnung sich stuft, ist nicht vom Menschen her festgelegt, sondern von Gott als dem höchsten Schöpfer aller Werte. So ist letzen Endes auch geistiger Adel verankert in der religiösen Weltordnung, in einem Gebundensein an Gott; und nur jene Werke geistiger Schöpfung verdienen als adelig ausgezeichnet zu werden, die aus diesem innersten Kern menschlicher Gebundenheit entspringend, immer wieder auf das Göttliche hindeuten und zu ihm hinführen. Nicht jeder wird fähig sein, diese Rangordnung zu erkennen, manche werden sie überhaupt anzuerkennen sich weigern oder sich dem Schicksal, das sie bedeutet, entziehen, weil sie entweder kein Verhältnis zum Adel haben oder aber den Adel leugnen.

Wenn es nun erlaubt ist, ein schönes Hölderlin-Wort in diesem Zusammenhang abzuwandeln, so dürfen wir wohl sagen: Das Adelige erkennen nur die, die es selber sind. Denn auch das gehört zum Wesen des geistigen Adels, daß er da ist, ohne nach Wirkung zu fragen. Er ist sich selbst genug, aber er ist nicht um seiner selbst willen da. Einmal wird jeder echte Adel erkannt werden und dann verpflichtend und vorbildlich wirken, denn das entspricht seinem Wesen, daß er nicht zu Nachahmung, wohl aber zur Nachfolge und zur Gefolgschaft zwingt. Und noch ein anderes ist ihm eigen: das adelige Ethos ist tragisch. Adel auch im Geistigen ist stets bedroht, und je höher sein Rang ist, umso einsamer und gefährdeter ist seine Stellung in der Welt. Aber der Untergang des Adels ist niemals Untergang, sondern nur eine Vollendung seines innersten Gesetzes, denn er zeugt durch sein Opfer neue geistige Welt. So haben die großen adeligen Schöpfungen in den Völkern immer Gemeinschaft geschaffen. Sie wurden zum Kern neuer geistiger Welt, wie in der sozialen Gliederung alter oder neu sich bildender Adel Keimzelle neuer Gemeinschaft wurde. Wohl muß der Geistesadel dem Menschen durch die Geburt und die Gnade in Seele und Herz gelegt sein, wohl kann man zu adeliger Haltung nicht eigentlich erzogen werden, dennoch haben die Werke, denen wir geistigen Adel zubilligen, die Kraft, uns in die Spähre des adeligen Geistes derart zu erheben, daß unser Sein und Handeln davon unmittelbar bestimmt wird. Denn es ist eines der entscheidendsten Merkmale des geistigen Adels, daß er nie um seiner selbst willen, sondern immer um des großen umfassenden Lebens willen wirkt, daß er auch in seinen höchsten und einsamsten Formen noch nach Wirklichkeit im Leben strebt.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe April 1940