Über die EhrfurchtVon Otto Heuschele

So vielen Menschen der Zeit mangelt die Ehrfurcht, sagte jüngst während einer abendlichen Unterhaltung mein Freund, als wir uns um die Deutung der Gegenwart mühten. Mir fiel dieser Satz auf die Seele, und ich hätte gerne sogleich widersprochen, aber das wagte ich doch nicht. Der Ausspruch indessen gab mir Veranlassung, darüber nachzudenken, was denn nun in einem genaueren Sinne das Wort Ehrfurcht aussagen wolle, gehört doch dieser Begriff zu denen, die wir so leicht im Munde führen, ohne uns darüber Rechenschaft zu geben, was wir damit aussagen. Und ich glaube, nichts ist für uns gefährlicher, als wenn wir Begriffe, die auf Großes und Erhabenes hindeuten, gedankenlos gebrauchen. Da ist mir denn auch ziemlich rasch klar geworden, daß mit diesem Worte eine sehr eigentümliche deutsche Haltung des Gemütes umschrieben wird. Indem ich mich der entsprechenden Begriffe im Bereiche der fremden Sprachen zu erinnern versuchte, wurde mir klar, daß den anderen Nationen ein auch nur ähnlich weitreichender Begriff fehlt, daß sie vor allem damit keine Haltung bezeichnen, die so in die Tiefen des Gemütes reicht, wie unsere Ehrfurcht. Sie kennen, wie wir, die Verehrung und die Achtung, die aus dem lateinischen reverentia, dem französischen révérence, vénération und respect, dem englischen reverence spricht. Sie kennen aber, wie mir scheint, nicht die so enge Verflechtung von Verehrung und Furcht, die wir mit unserem deutschen Worte bezeichnen. Diese bis tief in die Sphäre des Religiösen reichende Haltung des Gemütes ist weit mehr als nur ein Verehren, Bewundern, Achten oder Danken. Es ist wahrhaft zunächst eine Form der Furcht, die uns in dem Augenblick, da sie uns schrecken, da sie uns ängstlich und verzagt machen möchte, auch in jene Sphäre erhebt, in der uns ein merkwürdig starkes Gefühl des Trostes, der Sicherheit und Geborgenheit umgibt. Es ist eine Erhebung über uns selbst hinaus., die durch die Ehrfurcht in uns ausgelöst wird, es ist durch sie ein Anschluß möglich an Kraftquellen, deren wir nur durch die Gnade teilhaftig werden. Das Gefühl der Ehrfurcht schließt den Menschen zu einem Ganzen zusammen, wie ihm das nur noch im Zustand der Hingabe an Gott oder in dem der Liebe widerfährt.

Die Erhabenheit des Hochgebirges, die endlose Weite des Meeres, die Größe des Weltalls, wie sie sich im bestirnten Himmel offenbart, das Walten der Elemente, unabhängig davon, ob sie dem Menschen Heil oder Unheil bedeuten; das Werden und Vergehen des Lebens, Geburt und Tod; die Erscheinungen menschlicher Größe, in denen wir die Nähe und das Walten Gottes erfahren, endlich auch die großen Augenblicke im Leben der Völker und die großen Werke der Kunst, all das vermag uns Ehrfurcht einzuflößen. Wir treten vor solcher Größe und Erhabenheit zurück, aber wir fliehen nicht, wir halten im Zurückschreiten inne, werden wir doch gleichzeitig auch von dem, was uns überwältigen möchte, angezogen. Es ist eine Distanz, die zwischen uns und die Ehrfurcht einflößenden Mächte gelegt ist. Diese Distanz gehört zur Ehrfurcht, so wie zur Liebe der Glaube und das Vertrauen, zur Frömmigkeit das Gefühl der Geborgenheit in Gott gehört. Ohne Distanz, ohne Gefühl für die Stufenordnung im Kosmos der Schöpfung, ohne Wissen um das Maß und den großen Sinn des Lebens ist die Ehrfurcht nicht denkbar. Aber sie ist auch nicht denkbar ohne das Wissen um die Grenzen, an denen unser Verstand und unsere Vernunft halt zu machen haben, um dem Glauben, aber auch dem Gefühl der Verehrung, der Achtung und der Unterwerfung Raum zu geben.

Wenn Goethe ausspricht, er verehre, was über ihm sei, und erkläre es nicht, so deutet dies Wort auf die Ehrfurcht hin, die ihm Zeit seines Lebens in einem hohen Maße zu eigen war, die ihn entsagen lehrte, wo es dem Menschen zu entsagen ziemt. Denn die Ehrfurcht fordert von uns nicht nur eine innere Hingabe an das Hohe und Höchste, sie fordert auch eine Bescheidung in unserem Streben nach dem Unerforschlichen. Gerade darin äußert sich die wundersame Durchdringung von Furcht und Verehrung, daß wir zwar immer eine Beziehung zu dem, was über uns ist, suchen müssen, daß wir uns aber niemals dem Höchsten uns gleichzustellen vermessen sollen. Indem uns die Ehrfurcht einerseits zur Bescheidung und Begrenzung unseres Strebens und Wollens, unseres Suchens und Forschens bestimmt, führt sie uns andererseits dem großen Sinn des Lebens näher, indem sie uns die Möglichkeit gibt, die göttliche Ordnung der Schöpfung zu erleben. Aus diesem Erlebnis aber erwächst das Gefühl für das rechte Maß und die Werte des Lebens. Umgekehrt aber sind Zeiten, denen das Gefühl der Ehrfurcht fremd geworden ist, meist Zeiten ohne Maß und ohne Bewußtsein der Werte. Sie sind in Gefahr, nicht nur innerlich zu verarmen, sondern auch den Sinn für die Stufenordnng des Lebens zu verlieren. Arm ist, wer nichts über sich erkennt, das er verehren kann, von dem er sich mit dem Gefühl der Ehrfurcht erfüllen lassen kann; ihm fehlt nicht nur eine der köstlichsten Möglichkeiten, das Leben immer neu zu bereichern, er ist auch in Gefahr, ins Maßlose, das heißt aber ins Form- und Gestaltlose zu verfallen. Wer sich nicht vor dem, was über ihm steht, zu beugen vermag, der kann sich auch nicht über sich selbst hinaus erheben und trachtet am ende danach, auch das Erhabene und das Große, das Unerklärbare und das Wunder zu verstehen. Er zieht noch das, was unmittelbar von der Kraft des Göttlichen erfüllt ist, auf die Ebene des Menschlichen herab und meint ihm nahe zu sein, wenn er es in Teile zerlegt, die er mit dem Verstand zu fassen fähig ist. Solche Menschen erklären den Blitz und den Donner, sie schildern das Werden der Gebirge, sie zögern auch nicht, die Erscheinung des großen Menschen ihres Wunders zu entkleiden und meinen die großen Geschehnisse, die im Leben er Völker schicksalwendenden Charakter haben, errechnen zu können. Sie übersehen, daß das Große ohne die Gnade nicht werden kann, und vergessen, daß die Gnade nur dort waltet, wo der Glaube wach ist, wo neben dem Verstand auch die Vision, das intuitive Schauen des Menschen Tun und Handeln lenkt. Alles Große in und außer der Welt hat seine Wurzeln im Irrationalen und dieses Große vor allem ist es, das uns Ehrfurcht einflößt.

Wo nun in einer Epoche den Menschen das Gefühl der Ehrfurcht fremd wird, droht die Gefahr einer Lebensverarmung und Lebensnivellierung. Wo die Ehrfurcht ihre Macht über die Menschen verliert, dort verliert auch das Große seinen Sinn und seine Sendung, die letzten Endes darin besteht, im Menschen die Kräfte der Selbstüberwindung aufzuwecken, durch die er in den Stand gesetzt wird, immer Größeres von sich selbst zu fordern. Alles was über uns steht, — sei es nun die Schöpfung Gottes wie die Natur, sei es die Schöpfung begnadeter Menschen wie die großen Werke der Kunst und die Taten der Helden — ist uns nicht gegeben, daß wir es bewundern und uns seiner rühmen, sondern daß es uns über unser kleines und begrenztes Selbst hinaus erhebt, das aber heißt, daß es uns bildet. Wobei wir unter Bildung nicht Wissensbildung verstehen, sondern Bildung im ursprünglichen Sinne des Wortes: die Formung nach einem Bilde, zuletzt nach dem Bilde Gottes.

Wir sprachen davon, daß andere Völker in ihrer Sprache ein sich mit unserem Begriff Ehrfurcht genau deckendes Wort nicht kennen und daß die Haltung der Ehrfurcht darum auch eine eigentümlich deutsche Haltung sein müsse. Nun war es zu allen Zeiten sehr schwer, das Wesen des Deutschen zu deuten und doch meinen wir erkennen zu können, daß die Ehrfurcht in der Mitte des deutschen Wesens ihren Platz habe. Erinnern wir uns daran, daß es zur Eigentümlichkeit der deutschen Seele und des deutschen Geistes gehört, sich einerseits zu der höchsten Höhe des Schauens und Erkennens zu erheben, sich aber andererseits auch in die letzten Tiefen des Wissens hinabzusenken, so wissen wir, daß ein solches Verhalten mit der Grund der deutschen Größe, aber auch des deutschen Verhängnisses ist. Kann doch dieses Verhalten dazu führen, daß der Mensch sich dem Höchsten gleichsetzt und die Stufenordnung, die das Leben der Schöpfung bestimmt, vergißt. Dieser Versuchung zu begegnen, ist die Aufgabe und der Sinn der Ehrfurcht. Wer ohne Ehrfurcht nach dem Höchsten verlangt, der wird zugrunde gehen, wer aber von Ehrfurcht erfüllt seine Seele dem Erhabenen verbindet, der wird auf dem Weg seines Strebens und Suchens dort inne halten, wo es dem Menschen halt zu machen ziemt. Verzicht und Entsagung werden sich ihm nicht als Verlust oder Armut, sondern als ein geheimer Reichtum offenbaren.

So ist die Ehrfurcht eine Haltung, die aus der religiösen Wurzel unseres Seins entsprungen ist. Wo das deutsche Wesen in seiner Reinheit gegenwärtig ist, das ist immer auch die Ehrfurcht als eine Form des Seins und Handelns gegenwärtig. In den großen Augenblicken unserer Geschichte hat sie die Taten und Entschließungen ebenso bestimmt wie das Formen und Bilden der Künste, wie das Forschen und Denken der Gelehrten. Sie hat aber auch durchdrungen das Verhalten der Menschen zu Gott und den Geheimnissen des Alls.

Nun fragt es sich aber, ob die Ehrfurcht eine Haltung sei, die jedem eignet, ob er sie gleichsam als ein unverlierbares Erbe mit auf die Welt bringe. Ein schönes Wort Goethes gibt darauf die Antwort: „Eines aber bringt niemand mit auf die Welt, das, worauf alles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten hin Mensch sei: Ehrfurcht.“ Wir sehen also, daß Goethe nicht daran glaubte, daß die Ehrfurcht dem Menschen angeboren sei. Demnach wäre eine Erziehung zur Ehrfurcht vonnöten, selbst wenn wir glauben, daß einzelnen die Ehrfurcht gleichsam im Blute liegt, daß sie schon als junge Menschen in ihr ein Element der Lebensordnung erkennen, so wissen wir andererseits, wie sehr immer wieder gerade die Jugend die Schranken niederwirft, die sie in hrem Drang nach Selbstentfaltung hemmen könnte, und wie sie da auch die Ehrfurcht entbehren zu können glaubt. So ist eine Ehrziehung zur Ehrfurcht nötig, ja wir möchten glauben, die Ehrfurcht selbst sei ein Fundament der Erziehungsmöglichkeit überhaupt. Denn wenn das Ziel der Erziehung nicht in einer Erfüllung mit Kenntnissen und Wissen betrachtet wird, sondern in einer Bildung des Menschen zu einem möglichst umfassenden und erfüllten Menschentum, so kann dieses Ziel nur dann erreicht werden, wenn der Erzieher den zu Erziehenden ein unerschütterliches und unantastbares Bild vom Menschen und seiner Möglichkeit weist, ein Bild also, das unmittelbar Ehrfurcht einzuflößen vermag. Wer aber einmal erfahren hat, was Ehrfurcht ist und was sie vermag, wenn der Mensch ihr in seinem Leben Raum gibt, der wird sie niemals völlig verlieren, ja er wird, je länger je mehr am Leben reifend und wachsend, erkennen, daß es die Ehrfurcht ist, die das Leben reich und innerlich erfüllt macht. Zwar werden immer wieder Augenblicke kommen, in denen sich Kräfte in uns erheben — dunkle Dämonkräfte sind es — die uns zurufen, zu vergessen, was war, und gering zu achten, was wir nicht selbst geschaffen haben. Aber diese Augenblicke, es mögen solche werdender Tat oder keimender Werke sein, sie dürfen nicht Gewalt über uns erlangen; wäre dies aber der Fall und träte nicht die Ehrfurcht zu dem Drang, uns selbst in einer Tat oder einem Werk zu verewigen, so wäre, was wir hervorbringen, ohne Gnade und trüge schon den Keim des Vergehens in sich. Bindet sich aber unsere Kraft, zu schaffen, mit der Kraft der Ehrfurcht, so trägt, was wir tun oder hervorbringen, je nach unseren Kräften, den Keim der größeren oder geringeren Dauer in sich. In Ehrfurcht verharrend vor dem, was uns die Jahrhunderte überlieferten, wie vor dem, was der Schöpfer allen Lebens uns täglich neu vor die Seele rückt, gehen wir als Einzelne wie als Volk in die Zukunft und wissen, daß wir geborgen sind, soweit Menschen hier auf Erden, wo das Gesetz des Stirb und Werde gilt, geborgen sein können.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe März 1941