Friedenswille und Gottesfurcht

Von D. Paul Althaus

Nach kritischen Monaten voll drohender Kriegsgefahr hielt der deutsche Kanzler Otto v. Bismarck am 6. Februar 1888 im Reichstage die gewaltige Rede für die neue Wehrvorlage. Vom Inlande und Auslande mit größter Spannung erwartet, wirkte sie unvergleichlich. Deutschland war hingerissen. Die Worte „Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt“ zündeten vor allem und bekamen ungeahnte Volkstümlichkeit. Bismarck war darüber sehr erstaunt. Er erklärte später, er habe sich gar nichts Besonderes dabei gedacht, als er im Reichstage das Wort aussprach; es sei ihm durchaus selbstverständlich und natürlich gekommen, und er habe sich nicht träumen lassen, daß daraus ein Schlagwort entstehen würde.

Von hinreißender Wucht ist die Rede nicht nur durch diesen Höhepunkt und Abschluß, sondern im ganzen — das gewaltigste außenpolitische Wort Bismarcks. Ihre innere Gewalt empfängt die Rede vor allem durch die einzigartige Verbindung von nationalem Selbst- und Machtbewußtsein mit klarem Friedenswillen. Das ist das eigentümlich Deutsche an ihr. Das deutsche Volk wird aufgerufen: „Wir müssen in diesen Zeiten so stark sein, wie wir irgend können“, das Ausland wird an die gewaltige äußere und innere Kampfkraft Deutschlands erinnert — aber das alles um der Erhaltung des Friedens willen: „Das Bewußtsein unserer Stärke stimmt uns friedfertig.“

Den Friedenswillen Deutschlands begründet Bismarck zunächst mit ganz realpolitischen, man möchte sagen volkspsychologischen Erwägungen. Das deutsche Volk setzt seine ganze Kraft nur in höchster Not ein, nur wenn es weiß: „der Krieg ist unvermeidlich, er muß sein“. Deutschland wird in einem Präventivkriege nie so stark sein wie in einem Verteidigungskriege. „Wenn wir in Deutschland einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein.“ Dagegen würde in einem Angriffskriege „das ganze Gewicht der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen haben“.

Aber diese Erwägung, so viel Gewicht sie auch hat, ist doch für Bismarck nicht die letzte und tiefste. Sein Wille zum Frieden gründet zuletzt in Gottesfurcht. „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt; und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt.“ Um diese Worte ganz zu verstehen, muß man sich daran erinnern, daß an Bismarck oft die Frage eines Präventivkrieges herantrat. Sollte man nicht einem feindlichen Kriegswillen zuvorkommen, solange der Feind noch nicht voll gerüstet war, statt abzuwarten, bis er seine volle Stärke erreicht hat und losschlagen kann? Fordert die Verantwortung für das Leben der Nation nicht unter Umständen den Präventivkrieg? Bismarck hat dem Drängen, einen Krieg, der früher oder später wahrscheinlich doch kommen würde, selber zu günstiger Zeit heraufzuführen, immer widerstanden, „in der Überzeugng, daß auch siegreiche Kriege nur dann, wenn sie aufgezwungen sind, verantwortet werden können und daß man der Vorsehung nicht so in die Karten sehen kann, um der geschichtlichen Entwicklung nach eigner Berechnung vorzugreifen“ (Gedanken und Erinnerungen, Bd. 2, 1922, S. 105). Es war also sein lebendiger Gottesglaube, der Bismarck hier hemmte, solchen Erwägungen, die er an sich wohl verstand, nachzugeben. Ein Krieg muß „verantwortet werden können“. Verantwortet werden kann er aber nur, wenn er unvermeidlich ist. Gilt das von einem vorbeugenden Angriff in der Erwartung, daß die Auseinandersetzung später doch kommen muß? Nein, sagt Bismarck. Wer weiß denn, ob der Krieg nicht auch künftig zu vermeiden ist? Die Geschichte ist das Werk der Vorsehung Gottes, und ihr kann man nicht „in die Karten sehen“. So schrieb Bismarck zehn Tage nach der Kriegserklärung von 1870, am 29. Juli, an die Vertreter des Norddeutschen Bundes: „Ich war nicht der Meinung derjenigen Politiker, welche dazu rieten, dem Kriege mit Frankreich deshalb nicht nach Kräften vorzubeugen, weil er doch unvermeidlich sei. So sicher durchschaut niemand die Absichten göttlicher Vorsehung bezüglich der Zukunft, und ich betrachte auch einen siegreichen Krieg an sich immer als ein Übel, welches die Staatskunst den Völkern zu ersparen bemüht sein muß.“ In dem gleichen Geiste schreibt er fünf Jahre später an seinen König, Kaiser Wilhelm I.: „Ich würde noch heut, wie 1867 in der Luxemburger Frage, Eurer Majestät niemals zureden, einen Krieg um deswillen sofort zu führen, weil wahrscheinlich ist, daß der Gegner ihn bald beginnen werde; man kann die Wege der göttlichen Vorsehung dazu niemals sicher genug im voraus erkennen“ (Gedanken und Erinnerungen II, 204). Ebenso heißt es in der Rede vom 11. Januar 1887 im Blicke auf die Lage von 1867: „Es konnte damals nur auf die Frage ankommen, ob wir den Krieg nicht auch späterhin doch führen müßten, und da sagte ich: Das ist vielleicht möglich, ich kann das aber so genau nicht wissen, ich kann der göttlichen Vorsehung nicht so in die Karten sehen, daß ich das vorher wüßte. Mein Rat wird nie dahin gehen, einen Krieg zu führen, deshalb, weil er später vielleicht doch geführt werden muß.“ Alle politische Voraussicht und Berechnung hat ihre Grenze an dem Geheimnis des Herrn der Geschichte. Das Ja zum Präventivkriege hätte für Bismarck eine Verletzung der Demut vor Gott, ein Nein zu der Majestät Gottes bedeutet, eine menschliche Anmaßung, in der der Mensch sich selbst zuschreibt, was nur Gottes ist: die klare Gewißheit um die Zukunft. Die Geschichte ist nicht ein berechenbarer Ablauf, sondern sie ist das Werk eines lebendigen Willens, der alle Möglichkeiten in seinen Händen hat. Das bedeutet nicht, daß Berechnung und Voraussicht sinnlos wären, aber daß sie ihrer Grenzen sich bewußt bleiben müssen.

In den Zusammenhang dieser Äußerungen Bismarcks muß man die Rede vom 6. Februar 1888 stellen. Auch damals, in der europäischen Krise des Winters 1887/88, widersprach Bismarck dem Gedanken des Präventivkrieges gegen Rußland. In der Rede klingt es noch nach: „Es ist nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade das Bewußtsein, auch dann, wenn wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden, stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben, der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem Wege räumen wird.“ Man beachte die Verbindung von Realpolitik und Gottesglauben, von Tatkraft und Zurückhaltung, von Handeln und Warten! Der Gottesglaube macht Bismarck nicht passiv. Er fordert, daß Deutschland sich so stark mache, wie es nur sein kann. Erst wenn Deutschland seiner vollen Stärke gewiß ist, hat es „die Möglichkeit“, auf das Walten der göttlichen Vorsehung zu warten. Denn Gott kann den Krieg in Zukunft ebensowohl aufzwingen wie ersparen. Und für jeden Fall muß die Nation ihre ganze Stärke einsetzen können, um der gleichen Verantwortung vor Gott willen, welche das Warten gebietet.

„Die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt.“ Bismarck ist nicht der erste gewesen, der den Zusammenhang von Gottesfurcht und Friedensliebe ausgesprochen hat. In Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, in der dritten Szene des zweiten Aktes, sagt Leonato über Benedikt: „If he do feare Got, a must necessarily keep peace.“

In der Übersetzung von Schlegel-Tieck: „Wenn er Gott fürchtet, so muß er notwendig Frieden halten …“ Ob ein Zusammenhang besteht zwischen dieser Shakespeare-Stelle und Bismarcks Worten am 6. Februar 1888? Man weiß, wie Bismarck von Jugend auf in den Werken des großen englischen Dramatikers lebte, wie manches Zitat, wie manche Anspielung sich in seinen Reden, Briefen, in den „Gedanken und Erinnerungen“ findet. Sollte ihn auf jenem Höhepunkte seiner Rede ein Shakespeare-Wort geleitet haben, bewußt oder unbewußt? Man wird das nicht beweisen können. Es liegt auch nicht viel daran. Aber es spricht einiges dafür. Der Zusammenhang der beiden Worte ist auffallend. Dazu kommen folgende Betrachtungen: Die Begründung des Friedenswillens, der einen Präventivkrieg ablehnt, mit dem Gedanken an die Vorsehung Gottes ist, wie wir sahen, bei Bismarck häufig und findet sich auch in unserer Rede an früherer Stelle. Aber der Gedanke an die „Vorsehung“ und die Einführung des Begriffs der „Gottesfurcht“ ist noch zweierlei: mit der „Gottesfurcht“ hat Bismarck, wenn ich recht sehe, den Friedenswillen nur an unserer Stelle verbunden. Vor allem: der Abschnitt der Rede, der in dem Worte „Wir Deutsche fürchten Gott …“ gipfelt, läßt die Verknüpfung von Gottesfurcht und Friedenswillen an sich nicht erwarten. Der Gegensatz von Menschenfurcht und Gottesfurcht ist der entscheidende Gedanke. Die Wendung von der Gottesfurcht hin zur Friedensliebe ist an dieser Stelle zunächst überraschend — so gewiß sie, auf das Ganze der Rede gesehen, innerlich vorbereitet ist. Es könnte sein, daß die Erinnerung an das Shakespeare-Wort Bismarck in diesem Augenblicke weitergeführt hat.

Aber mehr als eine Frage will ich damit nicht erhoben, mehr als eine Möglichkeit nicht behauptet haben. Das Entscheidende ist nicht, ob Bismarck in der Gestaltung des Gedankens ein Vorbild gehabt hat, sondern daß der Gedanke selbst, die Begründung der Friedensliebe in der Furcht Gottes, ihm ganz eigen und ganz ernst gewesen ist.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe April 1938