Die Wirklichkeit des GlaubensVon Reinhold Schneider

„Und alsbald schrie des Kindes Vater mit Tränen und sprach: Ich glaube, lieber Herr: hilf meinem Unglauben!“ Markus 9, 24

Wenn der Sinn der schweren Schicksale, in deren Bereich die Welt gelangt ist, darin besteht, daß die letzten Werte ihren Bestand erweisen sollen, so ist jede Besprechug dieser Werte von Übel. Wer glaubt, erörtert die Grundsätze seines Glaubens nicht, er stellt sie allenfalls durch sein Leben dar; wer nicht glaubt, verteidigt seine Stellung nicht dadurch, daß er den Glauben in Frage stellt: er ist den Beweis schuldig, daß ein sinnvolleres Leben möglich ist ohne Glauben und kann nur durch den erbrachten Beweis seine Stellung halten. In seinem Buche „Vom südlichen Blütenlande“ erzählt der chinesische Philosoph Dschuang Dsi von dem König von We, der über den Fürsten von Tsi wegen eines Vertragsbruch ergrimmte und ihn erdolchen lassen wollte. Der Kriegsminister hörte von dieser Asicht, „schämte“ sich ihrer und riet zum Kriege; ein anderer Minister verwarf diesen Rat und empfahl den Frieden als Grundlage der Weltherrschaft; der Kriegsminister bringe nur Verwirrung hervor; man dürfte ihn nicht hören. Aber erst der dritte Minister führte den König auf den richtigen Weg mit den Worten: „Wer tüchtig zu reden weiß darüber, daß man den Staat Tsi angreifen solle, der schafft Verwirrung; wer tüchtig zu reden weiß darüber, daß man ihn nicht angreifen soll, der schafft ebenfalls Verwirrung. Und wenn einer behauptet, daß ihn angreifen oder nicht angreifen Verwirrung schaffe, der schafft auch Verwirrung.“

Man kann dem lebendigen Christentum nichts dadurch nehmen, daß man seine Werte herabzusetzen sucht, und man kann ihm nichts eben, indem man diese Werte wieder erhöhen will; schon lange ist es dahin gekommen, daß ihm die Verteidiger fast ebenso schaden wie die Angreifer, eben wiel sie verwirrt sind und Verwirrung schaffen. Weder über Wert und Unwert noch über die Verwirrung soll hier gesprochen werden; die Frage ist, ob die Wirklichkeit des Glaubens nicht einen ganz anderen Bereich habe als diesen Streit. Es ist ja gewiß, daß unter den Feinden des Christentums manche sind, die ihm anhängen, ohne dessen gewahr zu werden; daß aber unter seinen Anhängern sehr viel mehr sind, die keinen Glauben haben, ja nicht einmal wissen, worin er besteht. Ihnen erscheint das Christentum in den Kämpfen des Jahrhunderts als stärkste Stellung des Geistes und darum strömten sie zu ihm; sie wissenn sich nun im Schutze einer Form und sind bereit, für sie einzustehen; nur Gläubige sind sie dadurch nicht geworden. Je größer ihr Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit ist, umso schwerer werden sie leiden; denn sie empfinden es wohl, daß sie sich nicht rechtfertigen können, indem sie vor sich selbst das Christentum als ein Symbol bejahen, das dem Geiste sichert, was des Geistes ist. Es geht ja nicht mehr um Symbole, sondern um die Gestalt der Wahrheit; vermögen sie sich auch zu ihr nicht zu bekennen, so werden sie sich auf die Dauer an ihrem Standort nicht halten können. Es ist aber ihr letzter Standort; so will es die Zeit. Es müßte eine Veränderung in diesen Menschen vorgehen, die sich unter der christlichen Fahne versammelt haben und doch nicht wagen, die Kirche der Gläubigen zu betreten; wie sollen sie Eingang finden? Und wenn sie ihn nun niemals finden sollten: ist dann nicht alles verfehlt? Ihr Glaube ist tot; seit wann? Hatten sie ihn jemals? Sie lebten bisher für Ziele, für die sich nicht leben läßt, und wurden dessen plötzlich inne; nun wissen sie, daß sie allein für den Glauben leben könnten; aber der Glaube ist tot.

Miguel de Unamuno hat gesagt: Glauben heißt Glauben wollen. Der Satz darf nicht im Sinne der Allmacht des Willens verstanden werden, denn dann ist er unhaltbar; Glaube ist eine Gnade, und die Gnade läßt sich durch keinen Willen erzwingen; aber Glaube ist auch Bereitschaft. Das Verhängnis Vieler ist, daß sie sich nicht bereit machen können, daß der Wille fehlt. Es bedürfte der Stille, in der die Gnade wirkt, in der sich die Seele ordnet; aber die Stille wirbt nicht, sie muß gefühlt werden; und wer sie fühlt, der hat vielleicht nicht den Mut zu ihr. Die Leere lärmt; die Menschen lermen mit ihren toten Herzen wie die Pestkranken mit der Klapper. Nirgends ist mehr Lärm als unter lebendigen Toten. Aber der Glaube war immer nur in der Stille: immer nur dort, wo der Wille, die Wünsche überwältigend, sich sammelte, den Boden bereit machte für die Gnade und stark genug war, die Gezeiten abzuwarten, die nicht der Mensch mißt mit seiner Uhr, sondern Gott bestimmt nach seinem Willen. Von dem deutschen Mystiker Heinrich Seuse wissen wir, daß er fünf Jahre lang geistliches Gewand trug und „sein Gemüt dennoch ungesammelt war“; in dieser Zeit glaubte er nicht. Die heilige Teresa von Avila wußte die Menschen in ihrem Glauben zu bestärken, erschien ihnen wie eine Auserwählte und hatte doch die Gnade des Glaubens nicht erfahren, bis endlich, angesichts eines Heilandsbildes, der Strom der Liebe aus ihr hervorbrach und ihr Herz bereit machte für Gott. Diesem erlösenden Augenblick ging ein unerhörtes Leiden voraus, und ein furchtbareres Leiden sollte ihm noch folgen; der Zweifel im Herzen der von Gott erfüllten und oft sich von ihm wieder verlassen dünkenden Frau zerstörte selbst die hellsten Augenblicke und wollte die Visionen, mit denen sie begnadet wurde, zu Blendwerken des Teufels machen; erhoben und stürzend, zweifelnd und verzweifelt durchlebte sie das Drama ihrer Glaubwürdigkeit. Denn auch im Kloster war keine Stille, wenn sie nicht in den Mönchen und Nonnen war; die Bedeutung des Klosters bestand oftmals gerade darin, daß es den Kampf noch verschärfte.

Der Glaube kann Friede für Begnadete sein, für Andere ist er ein immerwährender Kampf, der verloren wäre ohne den Einsatz des Willens: freilich nicht eines Wllens, der sich vorsetzt, den Himmel zu erstürmen und Gott zu zwingen, sondern eines Willens zur Stille, zum Schweigen, zur Bereitschaft, zum Erleiden Gottes und seiner Gewalt. Es hieße gewiß den Glauben zu verkennen, wenn man die Verzweiflung, die spanischer Gläubigkeit eigen ist, zu seiner Voraussetzung oder zu einem Kriterium machen wollte; daß es aber Zeiten gibt, in denen der Glaube am sichersten aus der Verzweiflung geboren wird, ist gewiß; eine solche Zeit war die der Theresa von Avila, da sich die Völker des Nordens aus der katholischen Sphäre lösten und somit — von Spanien aus gesehen — der Heilswahrheit verlustig gingen. Wo also Verzweiflung ist, da ist auch Hoffnug in gewissem Sinne; sie bezeichnet schon den Wiedereintritt in den Bereich religiösen Lebens. Wo ein tiefes seelisches Leiden ist darüber, daß der Glaube starb, da ist die erste Möglichkeit, daß er wiedergeboren werde. Menschen, die in diesem Sinne leiden, haben also wohl einen Anspruch darauf, sich zum Christentum zu bekennen, selbst wenn ihnen die Gnade des Glaubens, die sie ersehnen, verweigert würde. Vermessen wäre nur eins: die Verzweiflung als solche zu wollen und Gott tot zu sagen in der Erwartung, daß er dann wieder auferstände; es wäre die Sünde am Geiste, die nicht verziehen wird. Denn der Mensch soll versuchen, sich selbst und seine Stunde mit Ewigem zu erfüllen; er kann scheitern an dieser Aufgabe, wenn er in einer Epoche geboren ist, die sich ihrer Erfüllung widersetzt; er kann auch scheitern als ein überzeugter Verneiner, aber er kann sich nicht zum Vertreter einer Verneinung machen, die er selbst für ein Mittel hält.

Die Zerstörung des Glaubens ist seit wenigstens zweihundert Jahren im Gange; ihre Anfänge reichen jedoch viel weiter zurück, auch über dei Renaissance hinaus, in der die zerstörenden Kräfte nur auf überraschende Weise sichtbar wurden und sich verdichteten; es ist keine Kraft ohne Gegenkraft. Auf der höchsten Höhe seiner abendländischen Entfaltung schleuderten die Katharer dem Christentum ein Nein entgegen, das an Kühnheit, selbst an Zynismus kaum überboten werden konnte. Im 18. Jahrhundert löste dann der Intellekt in immerwährendem Kampfe mit den Kräften des Herzens die Lehren des Glaubens auf; während sich der Verstand von ihm abgewandt hatte, hing ihm das Herz noch lange an; ja, man kann sagen, daß sich das Herz erst von ihm löste — als es tot war.

Denn dies ist die eigentliche, auf sehr leichtfertige Weise übersehene Wahrheit: nicht der Glaube, sondern das Herz ist tot. Das Kennzeichen der modernen Zeit besteht darin, daß das Herz in ihr „ausgeschaltet“ ist; udn ein Kennzeichen ist es ja auch, daß für diesen tief tragischen Vorgang des organischen Lebens ein technischer Ausdruck gewählt wird (so wie auf der anderen Seite durchaus mechanische Vorgänge als Organistion und Organisierug fälschlicherweise dem organischen Leben zugerechnet werden.) Wo aber das Herz nicht vom Menschen auf den Menschen wirkt, ist endlich keine lebendige, sondern nur zerstörende Wirkung. Schopenhauer, selbst schon ein Mann mit erstarrendem Herzen, rechnete die „Energie des Herzschlags“ zu den Kennzeichen des Genies; die eigentlich Großen der vergangenen Zeiten waren die Männer mächtigsten Herzens.

Im Herzen ist auch die Wirklichkeit des Glaubens. Als die Heilige von Avila, von der Vorstellung des Erlösungstodes erschüttert, die Liebe fühlte, war sie dem Glauben gewonnen; die Liebe ist jenseits von Ja und Nein als eine Wirklichkeit des Herzens. Aber lieben kann nur der gesammelte, nicht der zerstrute Mensch; vielleicht fordert die Liebe auch Einsamkeit, die sie immer wieder aufhebt und immer wieder herstellt; wo der Wille nicht Ordnung schafft und das Wesenlose verdrängt, da ist keine Liebe. Christi „vornehmstes Gebot“ ist die Liebe, freilich nicht in dem immer mattern, schächern Sinne, den neuere Zeiten diesem Worte gegeben haben, bis sie es endlich unter Problemen erstickten und unter einem blasphemischen Leichensteine begruben; Liebe ist reinste, innerste, stärkste Kraft.

Der Verstand zerstörte den Glauben, schwer folgte das Herz ihm nach; wie, wenn das Herz in der Not der Entgötterung, unter einem apokalyptischen Himmel wieder erwachte; wenn jetzt, unter Wenigen und vielleicht einmal unter Mehreren, das Herz wieder wirkte, Menschen verbindend und stärker werdend, bis aus den starken, gesammelten Herzen die Liebe zu Christus hervorbrächte? Auch das ist Gnade; und gewiß kann ein einziges Geschlecht nicht wieder erringen, was Generationen verloren haben; wer wollte aber denen, die mit ganzer Seele bereit sind, zu ringen oder nur zu leiden und zu warten, den Platz neben den Gläubigen verweigern? Und wenn dann das Leben nicht ausreicht für den Weg zum Glauben, wenn es hinging im Warten und Zögern, im Befragen des Gewissens und des Herzens, ist es dann ein verlorenes Leben gewesen? So stark ist vielleicht schon der Glaube, daß er dieses Leben nicht für ganz verloren hält. Und könnte nicht auf diese Weise eine Wendung sich anbahnen und anbhanen sollen, der Geist eine andere Richtung einschlagen und wieder, wie er es früher getan, lernen, neben dem Glauben zu geben? Alles Entscheidende geschieht langsam; in der Teife der Welt, den flüchtigen Geschlechtern oft nicht erkennbar, regiert das „sanfte Gesetz“, von dem Stifter sprach; es ist das Gesetz, an dem sich alle Empörer vergehen, und durch das sie fallen. Welcher Erschütterungen es noch bedarf, ist ungewiß; aber hier, in der Sammlung, im Ringen, im Warten ist eine Möglichkeit es Lebens, eben weil dieses Leben seinen Sinn nicht in sich selber oder im Irdischen hat; alles kommt darauf an, daß es ein reines Leben sei, das sich nicht übereilt, das den ihm gebührenden Platz einnimmt und keinen andern und auf ihm auszuharren und sich zu verantworten bereit ist. Innerhalb des geschichtlichen Ablaufs ist auch mit einem solchen Dasein eine Entscheidung vollzogen, die nciht übergangen werden kann. Jenseits der Geschichte aber, in der eigentlichen Wirklichkeit, entscheidet die Gnade.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Oktober 1935