Von Reinhold Schneider

Wir können der Toten dieses Krieges nicht gedenken, ohne uns der Toten des ersten Weltkrieges wieder zu erinnern. Da es unser Schicksal ist, Zeugen zweier Kriege zu sein, so ist es unsere Aufgabe, niemanden zu vergessen; kein neuer Schmerz soll den alten auslöschen. Alle, die wir betrauern, sind an derselben Stelle gefallen, wo die letzte Hingabe des Persönlichen gefordert wurde; alle haben dasselbe Beispiel gegeben und dieselbe Forderung gestellt. Das Ethos des Lebens und Sterbens in der Geschichte verändert sich nicht. So möchten wir diese Blätter, die dem Andenken eines Toten des ersten Weltkrieges gelten, als ein Zeichen des Dankes an die Toten dieses Krieges bringen dürfen, namentlich auch an die Toten aus unserem Kreise; wir werden unseren Mitarbeiter Dr. Hanns Früchtl und alle, die Anteil an unserer Arbeit nahmen und schon dahingegangen sind, niemals vergessen; sie bleiben in unserem Gedächtnis mit allen verbunden, die uns teuer waren, diesselbe feste Hoffnung steht über ihrer aller Andenken.

Soldatenfriedhof in Frankreich

Soldatenfriedhof in Frankreich

Nach langen Regenwochen erscheint ein silbriges Licht über dem kahlen Platze der Vorstadt, während die Nacht noch in den langen Häuserschluchten dämmert; der Himmel ist günstig gestimmt für diese Fahrt, die ich lange gefürchtet habe. Wunderbar bleibt dieses Licht von Paris, das selbst unter Regenschleiern eine Kuppel, einen Turm aufleuchten läßt, ohne daß man wüßte, woher es kommt; und auch auf das Land scheint es an diesem ernsten Morgen dann und wann einen Schimmer zu werfen, ein einsames Schloß zwischen den kahlen Baumkronen oder einen Park, auf dessen Wiesen das Wasser steht, für eine flüchtige Minute verklärend. Nichts hat sich verändert in Chauny in den acht Jahren, seit ich hier gewesen; noch immer macht der Bahnhof ein wenig prahlerische Versprechungen, die der kleine Ort nicht hält; denn er konnte sich noch immer nicht zum Städtlein zusammenschließen. Ein paar Ziegelhäuser wollen einen Boulevard bilden; aber sie machen nur einen dürftigen Anfang. Alle sind neu; sie wissen nichts von dem, was hier geschah; und ein paar Mauertrümmer und ein mit einem Turme bewehrtes Haus, das man nicht bewohnen, aber auch nicht abreißen mag, verbergen sich an der Straße zum Friedhof, so gut es gehen will, in den Büschen. Sie haben eine furchtbare Erfahrung voraus vor der neuen Ortschaft, die sich gerne ein heiteres Ansehen geben möchte; aber wer mag sie hören?

Nichts hat sich auch verändert an dem Friedhof von Champs, der sehr einsam vor dem nächsten Dorfe liegt und von ihm den Namen hat; vielleicht sind die Bäume hinter den regenschweren Wiesen ein wenig höher geworden; das letztemal ragten noch die Trümmer des Schlosses von Coucy hinter ihnen auf, das einst ein vielbewundertes Bauwerk war; nun will sich auch Coucy verbergen. Hinter den weißen Kreuzen der Franzosen und den schräg stehenden, mit fremden Zeichen beschrifteten Grabtafeln der Farbigen warten die dunklen Kreuze, auf denen die deutschen Namen stehen. Das Grab, das ich besuchen möchte, hatte einst ein geschnitztes braunes Kreuz wie die anderen; nur zwei Rosenstöcke und das Immergrün aus einem fernen Garten schmücken es noch. Ich habe den Gefallenen nicht gekannt, aber ich habe sehr viel von ihm erzählen hören. Sein Bild ist mir vertraut geworden in seinem elterlichen Hause, und dieses Haus ist mir so teuer geworden, daß meine Gedanken in ihm einkehren, sobald sie nach der Heimat suchen. Ich habe die Liebe gefühlt, die dem Gefallenen durch all die langen Jahre in der Heimat bewahrt wird, als habe er gestern erst das Haus verlassen; ich habe seinen Vater verehrt und geliebt als einen der reinsten Menschen, die mir im Leben begegnet sind. Er ist dem Sohne längst nachgefolgt; aber da ich nun vor dem Grabe stehe, in dem seine schönsten Hoffnungen versanken und das er sich nie entschließen konnte aufzusuchen, sehe ich ihn vor mir, wie er an einem Sommernachmittag in seinem Garten die abgeblühten Rosen vom Strauche schnitt und wie er, einige Zeit danach, sich leise von dem Platze entfernte, auf dem wir Abschied feierten vor meiner ersten langen Reise. Damals sah ich ihn das letztemal; wenn es aber auf Erden noch einen Ort gibt, wo ich ihm besonders nahe sein kann, so ist es dieses Grab. Ich bin auch der Freundschaft begegnet, die der Gefallene weit über sein Leben hinaus erweckte, und in wieder der Freund seines Freundes geworden.

In immer tieferem Sinne ist der Gefallene eingetreten in mein Leben; alles Höchste, was ich empfinden durfte, die Gestalt, die mein Schicksal annahm, die beglückendsten und schmerzlichsten Erfahrungen meiner Seele, die letzten, über dieses Dasein hinausführenden Hoffnungen sind mit ihm verbunden.

Gegenwärtig ist sein Andenken an allen Tagen gewesen, die den Inhalt meines Daseins formten, in dem einen und einzigen, unwiederholbaren Sommer meines Lebens; und wenn es mir beschieden wäre, dereinst in das Licht aufgenommen zu werden, wo er und sein Vater gewiß vereinigt sind, so müßte ich ihn wohl erkennen, und dann erst könnte ich im danken für den Segen, der von ihm in meinem Leben gekommen ist. So ist er mir häher, als mir viele Lebende waren, mit denen ich Jahre verbracht; er ist einer der Dahingegangenen, die mich an die großere Wirklichkeit des Jenseits binden, und die Unbekannten alle, die mit ihm in Champs begraben wurden, sind mir nah.

Aber ein Grab stellt auch Fragen, denen wir nicht ausweichen können: „Was hast du mir zu bringen, da du nun kommst? Hast du beten gelernt in den langen Jahren? Bist du reicher an Liebe, an Vertrauen, an Zuversicht geworden? Bist du uns nähergekommen, leichter als damals bereit, dich zu lösen und überzugehen in unsre Schar? Was erwartest du noch, und meist du nicht, es wird dir sehr bald genommen werden? Wir warten, und du sollst dich wandeln, bis du uns erreichst mit deinem Gebet, deiner Liebe, der Ahnung des Reiches, in das wir heim gerufen wurden. Ihr alle lebt nicht so sehr für euch wie für uns. Die Trennung ist nur eine Probe auf die Liebe; und ihr werdet der Schmerzen erst Herr werden, wenn eure Liebe stark genug ist, alle eure Hoffnungen zu verpflanzen in unser Reich. Wir, nicht die Lebenden, stellen euch vielleicht die größte Aufgabe eures Daseins; keiner von euch wird dort unten seinen Kreis vollenden. Denn unversehens biegt sich der Weg in unser Leben hinüber, und die Liebe, die nur das Sichtbare umfaßt, verdient ihren Namen nicht.“

Die Kathedrale in der alten französischen Königsstadt Laon

Die Kathedrale in der alten französischen Königsstadt Laon

Das letztemal fuhr ich weiter nach Sankt Quentin, dessen Kathedrale so viele Schlachten bezeugt, aber es zieht mich so wenig mehr an wie die alte Königsstadt Laon. Denn in dem stillen Gräberfelde von Champs ist das ganze Geheimnis der Geschichte beschlossen; hier ist das Ziel, über das hinaus keine Straße führt; und wie könnten wir glauben, vor der Geschichte zu bestehen, wenn wir vor einem einzigen Grabe auf einem ihrer Schlachtfelder versagen? Und wie könnten wir meinen, Völker zu begreifen, wenn wir nicht in der Gemeinschaft der Seelen jenseits des Grabes die wahre Gestalt eines Volkes erkennen? Denn was dem Volke unverlierbar zu eigen ist, das prägt die Seelen, die ihm angehören; in einer jeden Seele, die heimkehrt, ist ein Teil seiner eigenen Unsterblichkeit bewahrt. Alle Geschichte geht über in die Geschichte der Seelen, die nicht mehr erforschbar, nicht mehr durchdringbar ist, aber vielleicht erfahrbar wird im Gebet. Alle Geschichte rollt um der Seelen willen ab, die ihre Liebe bezeugen sollen. Elstern streben auf den Feldern zu kurzem auf, der Wind kommt und geht, und bald wird er den Regen wieder herübertragen. Es ist Friede über dem Lande, und was bedeutet er anderes als die Zeit, da das Opfer der Toten Segen wirkt und unsere Liebe sie suchen und sich bereit machen soll, ihnen zu begegnen? Ihre Wege sind tief in die unseren geschlungen, wir kreuzen sie, ohne es zu wissen, und wie oft meinen wir einsam zu sein, weil wir die Seelenspur nicht sehen, die unseren Schritten folgt! Eine seltsame Fügung ist es ja auch, daß der Wärter, der hinter dem Friedhof im ersten Hause des Dorfes wohnt, am selbe Tage wie der Gefallene geboren wurde. Er ward verwundet im Kriege, und das Leben hat sich in denacht Jahren tiefer in sein Gesicht gegraben; seine Kinder, scheue, dunkelhaarige Mädchen, drücken sich an ihn in der Tür des armen Hauses; ja, er erinnert sich gut, in dieser Woche steht der Jahrestag bevor; sein Geburtstag ist der Geburtstag des Gefallenen. Dieser wäre nun ein Mann wie er; aber das Bild der Dahingegangenen ist unverständlich, und so ist der Gefallene ein Jüngling geblieben, während den Altersgenossen das Leben und die Wucht der Erinnerung beugen. Früh hat der eine durch sein Opfer die schwere Aufgabe seines Lebens gelöst, und nur in langen, langen Jahren im Dienst an den Gräbern wird sie der andere lösen können.

Einmal noch sehe ich im Vorübergehen die Blumen hinter der Hecke auf dem Grabe leuchten; tief ziehen die Wolken über die unermeßliche Ebene, und in den langen Stunden des Wartens droht das Alltäglich-Trübe den Trost im Herzen zu verdunkeln. „C’est le coin le plus gai de Chauny“, sagt die Wirtin in der weiten Stube, die in die stumpfe Ecke des Hauses gebaut ist; hier hat man den Blick auf den Bahnhof, wo immer einige Menschen kommen und gehen; hier finden sich die Bürger am Sonntagnachmittag zusammen; man hat die großen Scheiben und Licht. Freilich, seit langen Wochen schon regnet es, und nun treibt der Wind die Tropfen wieder an das Glas. Die Wirtsleute kamen vor längerer Zeit aus Paris; der Anfang war hart, inzwischen haben sie sich eingewöhnt und mit einigen Gästen befreundet, die sie beim Abschied umarmen und küssen. Ich hatte mir am Morgen eine Postkarte eingesteckt, auf der Tintorettos „Paradies“ abgebildet ist, und stelle sie, als eine Nothelferin, auf den Tisch. Wie sehr bedürfen wir in solchen Stunden, da sich der Himmel verschließt der Vision der Begnadeten! Denn nur in wenigen Augenblicken werden wir der Größe der Wirklichkeit, des Diesseits und des Jenseits, das uns erwartet, inne; und lange Jahre leben wir, die wir nach der Meinung Pascals „entthronte Könige“ sind, ohne Erinnerung an das Reich, das wir verloren haben und das wir uns wieder gewinnen sollen. Auf diesem Bilde aber ist der Himmel offen; in gewaltigen, sich nach oben verengenden Kreisen schließt sich der Chor der Seligen um den höchsten Kreis zusammen, den undurchdringliches Licht erfüllt. Der Beschauer steht zuunterst, aber inmitten der schwingenden, von Jubel tönenden Kreise; er ist emporgerissen in den größten Raum, den die Vision offenbaren mußte, ehe ihn ein menschliches Auge im Spiegel des Kunstwerkes wieder erblicken kann. Und erst vor diesem Bilde können wir vielleicht des Künstlers Selbstbildnis verstehen, das nicht weit von der Himmelsvision im Louvre hängt: die Wangen des Greises sind eingesunken; eine Art von Blindheit überdekct die von innen glühenden Augen; sie haben zu viel gesehen, zu viel sehen müssen. Abe sie sind nicht blind geworden vom Sonnenlichte und vom verschleierten Farbenglanz der Erde: sie sind erblindet von dem zerstörenden Licht der Vision, dem kühnen Blicke hinauf in den höchsten Lichtkreis, den kein menschliches Auge ungestraft wagt.

Aber dann wird es Nacht in Chauny; die tanzenden Lampen werfen einen kalten Schein auf die Straße, die nur ein Anfang ist und sich rasch in die Finsternis verliert; der Wind wehr frostig. Wir weinen nicht um die Toten, wir weinen um uns; denn unser Herz ist schwer von ungesagten Worten, von der Liebe, für die nie eine Stunde kam, vom der Ahnung einer grenzenlosen, allumschließenden Möglichkeit des Lebens, von der Sehnsucht nach Menschen, denen wir nie begegnet sind. Wir weinen auch um das ruhelose Leid der Welt, das gestern vor diesem Hause vorüberkam und heute auf eine andere Straße zieht und morgen vielleicht zurückkehren wird, um aufs neue einzufordern, was ihm schon tausendmal erstattet ward. Aber die Stunden, die wir verweint haben, sind nicht unsere verlorenen Stunden; heimlich wächst in ihnen das Kreuz in unserem Herzen, und eines Tages werden wir gewahr, daß das Kreuz gewachsen ist; wir können es nun nicht mehr verneinen; es ist da. Im verborgenen ist es zu einem Teil unseres Wesens geworden; und so müssen wir es annehmen und müssen glauben an das Kreuz. Alles liegt ja daran, daß das Kreuz im Menschen lebt und der Mensch zum lebendigen Kreuze wird; in solchen Menschen siegt das Kreuz über die Welt, und die Zeiten werden ihm nichts entgegensetzen können, was es nicht überwindet.

Golgatha

Ein Tag ist um, einer der schweren, uns zugemessenen Tage, deren ein jeder gelöst und erfüllt sein will wie eine erdrückende Aufgabe; die Toten aber kennen keine Zeit. Und so denke ich mit der ganzen Kraft meiner Seele an jenes Grab zurück, auf dem der Nachtwind unter dem Kreuze die Blüten dieses Tages entblättern mag. Ihr Toten, verlaßt uns nicht, betet für uns, wie wir wieder beten für euch. Mein Gott, hilf uns allen!

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe November/Dezember 1941