Von Reinhold Schneider

Der Turm der Kirche zu Röcken stammt noch aus romanischer Zeit; in seinen hochgelegenen winzigen Fenstern stehen die runden Säulchen; er ist ungefüg und fast schwer für die kleine Kirche mit dem gotischen Chore. Ringsum breitet sich der Rasen, auf dem die Grabsteine verstreut sind; einige Kreuze und Platten neigen sich zur Erde, als wollten sie den Toten nachsinken in die Tiefe. Mauern schließen das enge Totenfeld ein, ohne den alten ländlichen Häusern draußen den Blick auf den Friedhof zu verwehren. Hier, an der Mauer der Kirche, neben dem Grabstein der Mutter, liegt die Platte, die Friedrich Nietzsches Namen nennt; und man könnte wohl meinen, daß keine Stätte dem Denker fremder sein müßte als diese, wo er die letzte Ruhe fand.

Führte hierher der Weg Zarathusras, in den Schatten der alten Kirche, die noch in der besten Zeit des Glaubens und wohl auch des Reiches gegründet wurde? Hätte er nicht en anderes Grab finden müssen, auf einer südlichen Felsenhöhe, vielleicht angesichts des Golfes von Rapallo, den er so liebte? Was verband ihn mit der Kirche außer seinem Haß? Was mit der Mutter? Und was mit dieser deutschen Enge, dieser schlichten, fast armen Landschaft, in der keine Größe ist; in der sich die Seele, eingesponnen in das Idyll, eine Heimat erträumt, oder sich bestenfalls der Gedanke ein grenzenloses Reich erschafft, das niemals Wirklichkeit wird?

Aber das Grab liegt in der großen Schlachtenebene der Deutschen. Denn nicht ferne von Röcken weht die schwedische Fahne an der Stelle, wo Gustav Adolf an jenem Nebeltage des Jahres 1632 fiel: in derselben Ebene, wo der Schwedenkönig bei Breitenfeld seinen großen Sieg gewann; hier flüchteten die Franzosen vorüber nach der Völkerschlacht; aber auch Großgörschen ist nicht fern, und über dem Passe von Köfen, auf dem rotbraunen Ackerlande, liegt Auerstedt; an der Brücke von Weißenfels drohte Friedrich dem Großen die tödliche Kugel, ehe er bei Roßbach seinen strahlenden Sieg gewann; Karl V. zog n der Nähe vorüber nach Naumburg nach einem Siege bei Mühlberg; und auch die Schlachtfelder des Alten Reiches sind nahe: südlich, bei Hohenmölsen an der Elster, verlor Rudolf von Schwaben die Schwurhand, mit der er Heinrich IV. Treue gelobt; in Merseburg, der Stadt Heinrichs I., in der fast alle Kaiser einkehrten, liegt der Gegenkönig begraen; allzufern sind auch die Schlachtfelder der Unstrut nicht: Homburg, wo Heinrich IV. die Sachsen schlug, Riade, wo Heinrich I. die Ungarn besiegte, Burgscheidungen, wo der letzte Thüringerkönig fiel; und nördlicher, in der Gegend von Mansfeld, schlugen die Sachsen den Feldherrn Kaiser Heinrichs V., den Grafen Hoyer von Mansfeld, am Welfesholze.
Hinter dem Grabe zu Röcken öffnet sich die Landschaft deutscher Tradition, schwer verhangenes Land. Nietzsche selbst erinnert sich am Ende seines Lebens daran, daß sein Vater im Schlachtenjahr 1813 in Eilenburg an dem Tage geboren wurde, wo Napoleon mit seinem Generalstab dort einzog; daß er selbst, da er am Geburtstage Friedrich Wilhelms IV. geboren wurde, „wie billig die Hohenzollern-Namen Friedrich-Wilhelm“ erhielt. Der Denker, der aus der Schlachtenebene stammte und in ihr sein Grab fand, trug auf der Ebene des Geistes die Geschichte seines Volkes aus, so wie ein jeder Geist von Bedeutung die Geschichte austragen muß, unabhängig von seinem Willen. Und das Leben des Geistigen ist, wie das des Politikers, zu einem guten Teil Frohndienst an der Geschichte, deren Wesen darin besteht, daß sie den Menschen wohl für sich fordert, aber über den Menschen hinweg zu diesem unbekannten Ziel strebt. Nietzsche, der, nachdem er den „Zarathustra“ geschrieben, nach Rom ging, um dort, in der Vorstellung ein Zertrümmerer zu sein, ein seltsames Glück zu genießen: er war der Reformation nicht so fern wie er meinte; im Gegenteil: die Tradition des deutschen Protestantismus lebte in ihm. Wie aber die Reformation nur verständlich ist, sofern sie auf die Geschichte des Alten Reiches und seine Kämpfe bezogen wird, so steht auch der Zertrümmerer in der Geschichte als ein Fortsetzer dieses alten Streits; den Namen „Der Hammer“, den er für sich beanspruchte, hatte schon Thomas Münzer — der unter seine Flugschriften schrieb: Thomas Münzer mit dem Hammer — und vor ihm Kaiser Friedrich II. geführt.

Die Geschichte des Reiches, die endlich dazu führte, daß ein fremder heldischer König als Befreier geehrt wurde, steht hinter dem Leben Friedrich Nietzsches; auch in seinem Jahrhundert hatten die Deutschen im Grunde das alte Verhängnis nicht überwunden, und es scheint, daß sie es nie überwinden sollen. Indessen, er bedurfte des Südens so wie die Deutschen in ihren großen Zeiten des Südens immer bedurft hatten; dort konnte er der Tradition nahe bleiben, die als einzige an Form und Inhalt, Bestimmtheit und menschenformender Kraft stark genug ist, dem Christentum entgegengesetzt zu werden: der Antike. Die Antike ist ihrem Wesen nach tragisch und führt die Menschen, die sich ihr ergeben, einem tragischen Schicksal zu; Nietzsche hat es gelebt. Hatte die Reformation, die er ihr zum Vorwurf machte, Rom wiederhergestellt statt es zu vernichten, weil sie gegen Rom, aber für das Kreuz kämpfte, das — trotz allem — doch in Rom war, so suchte er das Kreuz zu stürzen und damit erst endgültig Rom. Der letzte Widerhall der Schlacht von Lützen, der nach mehr als zweihundert Jahren von dem alten Kampffeld kam, war — „ein Fluch auf das Christentum“. Es soll damit nicht gesagt werden, daß dieser Fluch die letzte notwendige Folge war, aber eine Möglichkeit bestand; auch in diesem Fluche war Tradition. Die Schlacht von Lützen und von Breitenfeld, alle Kämpfe des alten, des zerfallenden und sterbenden Reiches tobten fort in der Seele dieses Mannes, der selbst großen Wert darauf legte, als Pole zu gelten und als Pole angesprochen zu werden — während er mit dem Schicksal Polens auch nicht das mindeste zu tun hatte; er rief die Bundesgenossen aus allen Lagern und stritt am liebsten unter fremder Fahne; aber die Sache, die er austrug oder auszutragen suchte, war so ausschließlich deutsch, daß sie allein in der Perspektive der deutschen Geschichte verstanden werden kann.
Nicolaus Lenau übersetzte einmal in seiner Wahnsinnszeit, in der blitzhaften Erkenntnis seines Schicksals, den Namen seines Geburtsortes Csatád in Ungarn mit „Deine Schlacht“; als „seine Schlacht“ hätte auch Nietzsche den Ort seiner Geburt und seines Grabes bezeichnen können. Die Geschichte, in der es stand, kam freilich nicht zu Ende, als er neben der Kirche zu Röcken engesenkt wurde; und doch bedeutete sein Ende eine Entscheidung: der Kampf mußte in eine neue Phase treten; es konnte von nun an nicht mehr versucht werden, was Nietzsche gewollt hatte. Denn die Lebensform, für die er sich entschieden, hatte sich als unmöglich erwiesen; die Götter, die er sich geschaffen, wurden verzehrt vom Nichts, in dem sie standen; in diesem Nichts aber wirkte — die Gewalt Gottes. Denn es gibt Zeiten, die Gott von Angesicht sehen; und Zeiten, die seine Macht nur an ihrer Verzweiflung spüren; Zeiten die ihn empfangen in seiner Fülle, und Zeiten, die ihn erleiden, weil er ihnen fehlt; die Geschlechter, die Gott nicht aufnimmt in das Sein, fallen ins Nichts, und nun wirkt Gott, von dem sie sich abwendeten, auch auf sie: durch eine namenlose Not. Die Verneiner unterstehen ebenso seiner Macht wie die Gläubigen; je heftiger das Nein, umso großer ist der Glaube einmal gewesen, möchte der Glaube vielleicht sein; darum brachte ein Geschlecht, dessen Glieder durch Generationen am Altar dienten, den Gottesleugner hervor. Die Bindung an den Glauben war geblieben: nur die völlige Gleichgültigkeit, ein gelassener Atheismus, wenn er in Europa möglich wäre, hätte an die Stelle des völlig überwundenen, aufgehobenen Glaubens treten können. Haß zeugt niemals von Überwindung; für ihn ist das Gehaßte ebenso wirklich wie für die Liebe ihr Gegenstand. Aber das Leben dieses Glaubensfeindes wurde ganz und gar vom Glauben und den von ihm geschaffenen Werten bestimmt; gegen ihn baute er seine Welt, die bestenfalls stehen konnte, solange der Glaube stand und ihr Widerstand leistete; wäre dieser gefallen, was wäre dann geblieben? Eine Welt, die sinnlos um sich selber kreisend, ihr Schicksal wiederholte, umgeben von Nichts, selbst ein Nichts; nach mechanischen Gesetzen umtreibender Staub. Auf ihr hätte der Mensch gedient, so wie der Denker diente, der diese Welt konstruierte, härteste Zucht sich auferlegend, steigend (aber wohin?) und dabei in solchem Maße leidend, daß er vor Leiden lachte; wer hätte ihm wohl dieses Lachen geglaubt? wer seine Tänzerfreude, unter der sich das Herz zusammenkrampfte? — Aber es blieb ja noch ein Wort, ein Gefühl, das nun aufstrahlte in einem Zauber, den nur ein großer Dichter zu entzünden vermochte, ein über alles geliebtes, bald in zärtlichem, bald in feierlichem Tone, bald auch unter den Schauern des Abschieds wiederholtes Wort: das „Leben“. Aber war dieses Leben nicht gedichtet von dem Einem, der „nur Narr, nur Dichter“ war; udn war seine Welt etwa die eines Philosophen? Auch sie war gedichtet; und hatte der große Freund und Widersacher in Bayreuth in diesem einen entscheidenden Punkte nicht Recht, als der den Verfasser der „Geburt der Tragödie“ einen „verkappten Tragödiendichter“ nannte?

Dichtung eines verzweifelnden, in der Kälte des entgötterten Raumes erfrierenden Herzens war diese ganze Philosophie, war auch das „Leben“, das nicht gelebt werden konnte; war der Rausch dieses Lebens und sein einsames Glück. Dichtung waren die Götter, und es ist die Tragik des Dichters, daß seine Gestalten in die letzte, steinerne Einsamkeit führen — und dort verlassen. Denn die Scheinwelt wird nicht zur Welt; sie verdrängt die Menschen, fordert Herz und Blut; aber in der schwersten Not löst sie sich auf, um zu verschwinden vor Gott, vo der letzten Wirklichkeit. Wenn aber Gott tot ist — was dann? Nietzsche dichtete sein tragisches Leben und kam in dieser Tragödie um; wenn auf der Bühne der Griechen der Held stürzte, so erschient der Gott; der Held empörte sich, aber der Dichter wußte von der englischen Sinnlosigkeit aller Empörung und ließ die Vergänglichkeit an der Ewigkeit zerschellen; das Irdische mußte untergehen, damit Raum für das Überirdische werde. Eine tragische Kultur wie Nietzsche sie wollte und prophezeite („Ich prophezeie ein tragisches Zeitalter …“) setzte den Glauben voraus; wurde diese Macht geleugnet, so blieb nur die „ewige Wiederkehr“, der Kreislauf des Stoffes. Das Wesen der Tragödie besteht aber darin, daß sie eben den Kreislauf des Zwanges durchbricht und über diesem eine höhere Sphäre öffnet. Äschylos und Sophokles glaubten an das Göttliche und stellten die Empörung gegen dieses unfaßbare Göttliche dar; Euripides (dem Nietzsche in mancher Beziehung am nächsten verwandt war) löste den Glauben auf, führte die Tragödie an ihr Ende. Die „Alkestis“ ist keine Tragödie mehr, sondern ein burleskes Spiel.
Der Versuch, ohne Gott zu leben, scheiterte, auch die Wertsetzung, die diesem Versuche dienen sollte, wird sich nicht behaupten: sie kann zu keiner Kultur führen, sondern nur in das Nichts. Dennoch war die Welt in ein Stadium getreten, wo dieser Versuch gemacht werden mußte: daß er ihn auf sich nahm mit allen seinen furchtbaren Folgen: dies ist Nietzsches große geschichtliche Tat, sein Verdienst — und (wenn ein solches Wort erlaubt ist) sein Dienst, der Dienst einer gottlosen Zeit, am Ewigen. Er ist den eingeschlagenen Weg zu Ende gegangen und hat eine Entscheidung vollzogen, die eben darin besteht, daß es sinnlos ist, sein Jünger zu werden. Aber auch dieser Versuch, das Unendliche zu vernichten, konnte nur von einem Volke unternommen werden, das, wie die Deutschen, mit ganzer Seele am Unendlichen hing, ja sich von ihm verzehren ließ; dessen ganze Geschichte, so lange sie große Geschichte war, im Schatten des Glaubens abrollte; und das, als es mit dieser Geschichte zu Ende ging, das Unendliche wie kein zweites Volk feierte in der Musik, in der Dichtung und in seinem Denken. Zwischen Naumburg und Weimar, auf den Hängen des Saaletals, liegt Schulpforta, das einstige Kloster, dessen Schüler Nietzsche war; dort, in dem engen Kreuzgang, träumte auch Klopstock als Knabe, der vom Unendlichen so trunken war, daß ihm die Gestaltung darüber zerfloß; dort lernte Fichte, der in dem tragischen Übermaß, das ihm eingeboren war, den Deutschen die Losung gab: „Mehr denn alle Unendlichkeit“. Ein Volk, das um des Unendlichen willen zu keiner Form gelangte, mußte einmal den Versuch machen, das Unendliche zu vergewaltigen; einen notwendig scheiternden Versuch, der die Natur dieses Volkes, die bisher durch das Ja sich ausdrückte nun durch das unmögliche Nein erwies.

Aber die Straße von Röcken nach Naumburg und Weimar führt auch durch Weißenfels und an dem stillen, ansteigenden Totentals vorüber, wo Novalis liegt, der nicht minder trunken war wie Klopstock, trunken vom Raum und der Unendlichkeit und zugleich vom Tod und der Liebe. Er war dem Dionysischen so nahe wie Nietzsche, wenn er ihm auch nicht diesen Namen gab; aber er hat, wie am Ende auch Hölderlin, einfache, innige Worte gefunden, die Christus gelten, und die, als sein schönstes Vermächtnis, auf dem Grabstein des Jünglings stehen:

Wenn alle untreu werden,
So bleib‘ ich dir doch treu.

Und seltsam! War nicht auch Nietzsche am Ende der Erlöser erschienen, nicht im Lichte des Jenseits, aber doch als der unberührbar Reine, Große, dessen Bild in ihm geruht hatte während all der Jahre des Hasses und Streites? Der „Antichrist“ — kämpfte für Christus. Und dem Glauben hatte im Grunde das ganze Leben des Verneiners — wie aller Verneiner — gedient, nicht nach seinem, sondern nach einem höheren Willen; denn indem es erwies, daß ein Leben ohne den Glauben nicht möglich ist, machte es wieder Raum für den Glauben.

Alle, die auf Erden mit dem Einsatz ihrer ganzen Seele streiten, streiten für Gott. Und vielleicht ist darum das Grab zu Rücken in einem Sinne, der nur angedeutet werden kann, am rechten Ort. Aber auch innerhalb der deutschen Tradition ist es am rechten Ort: an der Straße des deutschen Geistes, deren Ziel nicht mehr zweifelhaft ist.

Quelle: Weiße Blätter, Ausgabe Juli 1935