Warum toben die Heiden und murren die Völker so vergeblich? Die Könige der Erde lehnen sich auf, / und die Herren halten Rat miteinander wider den HERRN und seinen Gesalbten: „Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke!“ Aber der im Himmel wohnt, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer. Einst wird der mit ihnen reden in seinem Zorn, und mit seinem Grimm wird er sie erschrecken. (Psalm 2, 1-5)

Heute, gut zwanzig Jahre nach Ende des Systemgegensatzes, ist es eine gute Idee Bücher zu lesen, die geschrieben wurden bevor in den Besatzungszonen der Westalliierten die Ära Konrad Adenauer begann, von deren „Mief“ man sich dann ab 1968 sexuell zu befreien suchte. Um Freiheit geht es auch in Reinhold Schneiders Die Heimkehr des deutschen Geistes. Über das Bild Christi in der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts, das 1946 in Baden-Baden im Hans Bühler jr. Verlag erschien.

Publizistische Opposition während der NS-Zeit

Schneider (1903-1958) war, soweit es um die publizistische Auseinandersetzung mit dem politisch-ideologischen System ging, dem im Frühjahr 1933 ein beträchtlicher Teil der Deutschen zum Opfer gefallen war, der führende Kopf des Widerstandes. In der von Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg ab 1934 herausgegebenen Monatsschrift „Weiße Blätter für Geschichte, Tradition und Staat“, die ihr Erscheinen erst 1943 wegen Papiermangels einstellte, hatte er regelmäßig Buchrezensionen und Essays zu geschichtlichen und religionsphilosophischen Fragestellungen veröffentlicht, die den ideologischen Rahmen der Gleichschaltung verließen und oft sogar auch sprengten.

Auch aktuelle und von der Tagespresse diskutierte Themen wurden darin gelegentlich aufgegriffen. „Was ist eigentlich deutsch?“ Bezüglich dieser Frage, kann, zumindest in der frühen Phase, jedenfalls von Meinungspluralismus gesprochen werden. Gerade weil der offene Diskurs nicht mehr möglich war, wurde um diese Grundsatzfrage umso leidenschaftlicher gestritten, je mehr es den Kern der deutschen Identität betraf. Die Kunst bestand darin, solche Debatten aufzugreifen. Zu einem wahren Sturm im „Reichs“-Blätterwald kam es im Frühjahr 1935, nachdem es im Hagener Stadttheater bei der Aufführung eines neuheidnischen Bühnenstücks zu so heftigen Tumulten gekommen war, daß die Vorführung erst weitergeführt werden konnte, nachdem Polizei und SA die „jungen Burschen“ aus „katholischen Kreisen“ aus dem Saal entfernt hatten. Gegenstand dieses in seiner schamlosen Einseitigkeit an Rolf Hochhuts „Der Stellvertreter“ erinnernden Schauspiels war die geschichtliche Auseinandersetzung zwischen Reichsgründer Kaiser Karl dem Großen und Sachsenherzog Widukind, — die Hauptrolle.

Dieser Angriff aus der Feder eines Anhängers der Ludendorff-Bewegung richtete sich gegen die römisch-katholische Kirche. Für die „Weißen Blätter“ die Gelegenheit Stellung zu beziehen! Die Februarausgabe brachte in der Rubrik „Stimmen und Urteile“ zwei Nachdrucke aus der „Germania“ zum Ablauf der Drama-Vorführung und zur Verteidigung der Heiligsprechung Karls durch Friedrich Barbarossas Gegenpapst Paschalis III., und von Reinhold Schneider erschien eine Würdigung des im Vorjahr erschienenen Geschichtswerks der Dichterin Ricarda Huch, in der er mit spitzer Feder die „Aktualisierung der Geschichtsbetrachtung und Darstellung in den letzten Jahren“ diskutierte und als Leitartikel seine Abhandlung zum „Gotteserlebnis der Völker“. Sich darin direkt gegen den Nationalsozialismus zu stellen ging nicht. Schneiders Weckruf war gleichwohl deutlich erkennbar. Wer damals las, jeder an ein besonderes „Gottesträgervolk“ gebundener Zugang zu Gott müsse dazu führen, daß zwar „fort und fort von Gott die Rede ist“, jedoch wie „von einem Toten“, der wußte natürlich, daß es dem Autor weder um die am Rande erwähnten „Araber“ ging noch gar um das „russische Volk“. Daß in der Sowjetunion damals niemand versucht sein konnte, diesem falschen Gottesbegriff zu verfallen „ohne ihn zu durchschauen“ war offenbar, weil Gott dort ja gerade nicht „mitten im Tagesgeschehen gegenwärtig, in den politischen Entscheidungen, selbst im Staate“ war.

Die Botschaft derart prompt und klar zu vermitteln gelang freilich nicht immer. Mitunter gab es auch Beiträge, in denen Begriffe und Denkmuster aus der NS-Propaganda wiederkehrten, so daß sie der Leser von heute schon sehr aufmerksam lesen und durchdenken muß, wenn er sie richtig deuten können möchte. Begriffen sein will dabei auch, welchen Wert das legale Erscheinen dieser Zeitung für die Opposition hatte: mit der deutschen Geschichte als breiter Themensetzung konnten traditionsverbundene Katholiken und gläubige Protestanten gleichermaßen angesprochen werden. Nur so konnte in die Mileus beider großer Konfessionen hineingewirkt werden, um über den Vertrieb Netzwerke knüpfen und inhaltlich-konzeptionell auf eine gemeinsame Ebene hinarbeiten zu können. — — —

Sein Umgang mit dem schrecklichsten Strafgericht der Geschichte

Als dann der Krieg zu Ende und Deutschland eine Trümmerwüste war, sah sich Reinhold Schneider wohl in der Schuld zweier enger Freunde und Weggefährten: Der Herausgeber der Zeitung, die ihm über bald ein Jahrzehnt als Sprachrohr gedient hatte, war nach dem 20. Juli 1944 festgenommen und in der Nacht auf den 24. April 1945 umgebracht worden, und Jochen Klepper, dessen Gedichte, Kirchenlieder und fein erfühlte Reminiszenzen an das entglittene Preußen, ebenfalls in den „Weißen Blättern“ erschienen waren, hatte sich im Dezember 1943 zusammen mit seiner jüdischstämmigen Gattin Johanna, der ihre Taufe in dieser Welt nichts hatte helfen können, mit Schlaftabletten und Gas das Leben genommen; — erschütternd das ihm gewidmete Sonett des Davongekommenen, das legal erst 1946 erscheinen konnte.

Im selben Jahr noch kam Schneiders „Heimkehr des deutschen Geistes“ heraus. Darin ergründet er, was dieses „schrecklichste Strafgericht der Geschichte“ heraufbeschworen hatte, das er in diesem „grauenhaften Erdenleid“ erblickte: „Wer in Wahrhaftigkeit den Stromlauf (der Geschichte, Anm. d. Verf.) erforscht, wird die Entdeckung machen, daß der Strom keinen Damm durchbrochen hat, den der Geist nicht zuvor schon durchwühlte und kein Felsentor sprengte ohne die Sprengkraft des Geistes.“

Als gläubiger Katholik hätte er freilich auch zu individueller Schuld vieles sagen können. Nur hatten ja selbst er und seine Mitstreiter dem System gewisse Konzessionen gemacht, — ja machen müssen! —, weil ihre gegen diesen Geist gerichteten Artikel sonst gar nicht hätten veröffentlicht werden können. Wohl aber gerade deshalb wäre ihm nichts anderes in den Sinn gekommen, als eben eine geistesgeschichtliche Aufarbeitung der Schuld: Der „deutsche Geist“, jener Geist also, der ab Anfang des 19. Jahrhunderts den wissenschaftlichen Diskurs an den Universitäten zu dominieren begann, „ist in all seiner Rätselhaftigkeit wohl vertraut mit dem Geheimnis des Falles, den wir getan, dem Geheimnis unserer abgründigen Schuld; ließen wir uns nur in ein wahrhaftiges Gespräch mit ihm ein, so könnten wir vieles erfahren. Es scheint, als habe die Welt, das ungestüme Drängen der Geschichte, keine Zeit, keinen Ort für ein solches Gespräch.“ — So Schneider im ersten Kapitel, in dem er seine eingehene Prüfung dieses Geistes im Sinne 1. Joh. 4, 1-3 begründet.

Die geschichtsphilosophischen Implikationen im Bild Christi der Philosophen des 19. Jhdts.

In dem in den Kapiteln II. bis VII. folgenden Gespräch gibt Schneider dann einen Überblick über die Philosophen des deutschen Idealismus und deren Lehren. Seine Prüfung konzentriert sich auf deren Bild Christi und die entsprechenden geschichtsphilosophischen Grundaussagen und Implikationen. Alle diese Denker hatten sich mehr oder minder intensiv mit dem Erlöser befaßt und suchten sich mit der Übertagung Seiner Essenz —, oder vielmehr dessen, was sie dafür hielten, — in die „Sprache der Vernunft“ einen Namen zu machen.

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)

Lessing vertrat, die Suche nach Wahrheit sei besser, als ihrer teilhaftig zu werden, selbst wenn man dabei „immer und ewig“ fehl gehe. Statt des Erlösers sah er in Christus einen „erleuchteten Lehrer“, verdammte „die Tyrannei des Buchstabens“ und wollte Geschichte als einen von Gott dem Vater geleiteten „Erziehungsprozess“ sehen. Nach Schneider hatte Lessing jedoch selbst schon erfaßt, daß „ein Leben für hierfür nicht ausreichen“ konnte, weshalb er denn auch dem Aberglauben verfiel, der Mensch würde „mehr als einmal auf die Welt“ gesandt; als Motiv war Nietzsches „Ewige Wiederkehr“ somit also bereits in Lessing angelegt.

Immanuel Kant (1724-1804)

Das Thema Kants war „der gute Lebenswandel“, gegenüber dem er ausschließlich „alles, was der Mensch außer dem … noch tun zu können vermeint, um Gott wohlgefällig zu werden“ als „bloßen Religionswahn und Afterdienst Gottes“ bezeichnete. Trotzdem Kant mit den Worten der heiligen Schrift sehr gut vertraut gewesen sein muß und selbst sogar noch vom „bösen“ und „verkehrten Herzen“ der Menschen geredet hatte, wendete er alles ins Rationale um. Innerhalb der von ihm gezogenen Grenzen war die geschichtliche Erlösertat Christi ohne jede Bedeutung, konnte nichts zur Endabsicht der heiligen Schrift beitragen und war „etwas ganz Gleichgültiges, mit dem man es halten kann, wie man will.“ Schneider erkennt zwar an, daß sich „Geschlechter“ an Kants Morallehre „gestärkt und aus ihr bewährt haben“, sieht es jedoch als erwiesen an, daß „ihre Grundfesten nicht tief genug reichten“ und weist darauf hin, daß „die Gestalt Christi außerhalb der Geschichte“ ebenso wenig erkannt werden kann, wie auch Geschichte sich nur „im Lichte, das Christus in sie getragen hat“ erkennen läßt.

Johann Gottlieb Fichte (1762-1814)

In Fichte sieht Schneider gleichsam den Archetyp eines im „Kerker der bloßen Vernunft“ Gefangenen, der „fern der Wahrheit die frei macht“ nach Wirklichkeit suchte; in dieser geistigen Verfassung gebar er seine Lehre vom Ich und Nicht-Ich, die ihm wegen des 1799 mit ihr ausgelösten Atheismusstreits seine Professur in Jena kostete; um sein ins „Ungemessene gewachsenes“ Ich retten zu können, sah er sich gezwungen seine Zellwände mit neuen Elementen zu verstärken und redete seitdem, unter Berufung auf die „Botschaft Jesu Christi“, von der „Einsicht in die absolute Einheit des menschlichen Daseins mit dem göttlichen“, womit ihm dann 1805 die Rehabilitation als Professor in Erlangen gelang. Anstelle der historischen Erlösertat Christi setzte er das „Metaphysische“, das „allein selig“ mache. Hier zitiert Schneider Kant, der bezüglich des Glaubens an die historische Erlösertat vom „salto mortale der menschlichen Vernunft“ gesprochen hatte, auf den es bei Fichte angekommen wäre: „der Denker hätte einmal auf die Knie fallen und der Stimme göttlicher Liebe das Opfer seines Denkens bringen müssen“.— Grundmuster von Fichtes Lehren fanden sich später bei der Ludendorff-Bewegung wieder.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831)

Die Wirkmächtigkeit der Geschichtsphilosophie hatte erst Hegel erkannt. Mit seiner „Philosophie der Weltgeschichte“ erschloß er „wie mit einem Schlage Räume und Zeiten, die gewaltige Dimension des Erdendramas dem Denken“. Offenbar unter dem Eindruck der französischen Revolution, die ihn zunächst begeisterte, dann aber abstieß, erdreistete er sich seine Philosophie mit einem Zerrbild mit der allerheiligsten Dreifaltigkeit zu verdrahten, um sie „christlich“ zu untermauern! Die Deutung und der Gehalt der Geschichte verkam zu einem gedanklichen Spiel zwischen den miteinander kämpfenden Subjekten der Weltgeschichte mit einem sich immer weiter verwirklichenden „Weltgeist“ in der Position eines Schiedsrichters in der Art eines Gottesersatzes. In diesen als Geist begriffenen Subjekten, bei denen man es „nicht mit Einzelnen oder mit der Beschränkung und dem Zurückgehen auf die partikulare Individualität zu tun“ habe, erkennt Schneider den „deutschen Volksgeist“ wieder, mit dessen Sieg im deutschtümelnden März 1848 ab dem Sturz der Hohenzollern-Monarchie im November 1918 ein wie auch immer gearteter Hitler vorgezeichnet war.

Das gilt umso mehr, als Hegel die Weltgeschichte in Epochen aufgeteilt hatte, deren dritte „von den Germanen getragen“ werde. Das Reich der „konkreten Freiheit“ zu schaffen sei Aufgabe der Germanen, deren Reich die diesseitige Vollendung der Geschichte sein müsse. Diese Konzeption, der nach Schneider „die Geschichte mit einem entsetzlichen Hohne geantwortet hat“, war umso fataler, als sie sich schon lange vor Hitlers Machtantritt an den Universitäten etabliert hatte, so daß mit Einspruch von akademischer Seite zu rechnen war, wenn man diesen „Volksgeist“ in Frage stellte. Dies galt insbesondere auch für „die Geschichte“ als derjenigen Instanz, die das Unrecht von heute zum Recht von morgen umdeuten würde, weil nach Hegel „jedesmal das Volk an der Zeit und das regierende“ sei, das „den höchsten Begriff des Geistes gefaßt“ habe; es könne zwar sein, „daß Völker von nicht so hohen Begriffen“ blieben, sie seien aber „in der Weltgeschichte auf Seite gesetzt“; das „Werdende“ galt immer als „höher“ als das „Gewordene“, gegenüber dem es „Recht“ habe. „Heilig“ wurde nach Schneider somit „der herrschende, in der Kraft der Geschichte stehende Staat“.

Als ein in geschichtlichen Begriffen denkender Mensch hatte Schneider allemal Achtung vor Hegel, verlor sich aber nicht in ihm. Er kritisiert, daß „die Stelle, wo Christus in die Geschichte eingetreten ist, wo er als Sieger über den Tod ihren Kreis durchbrochen und das Kreuz errichtet hat, in dem Geschichtsbilde nicht bezeichnet (ist) als Tor des Eingangs und Ausgangs, als die ‚Tür‘, durch die wir lebend und sterbend gehen müssen, wenn wir aus der Geschichte in die Ewigkeit gelangen wollen“. Nicht verschwiegen werden darf hierbei, daß Karl Marx über Feuerbach gleichfalls aus dieser trüben Quelle schöpfte. So wie Hitler im Sinne Hegels als „Vollender des deutschen Volksgeistes“ gesehen wurde, so hatte man in der Sowjetunion in Entzückung zu verfallen, wenn vom „Klassengeist“ und dessen historischer Mission die Rede war. Gemäß Iwan Iljin (1883-1954) hatten allerdings die Linkshegelianer „eigentlich nichts verstanden, und alles entstellt“, was „ganz besonders bei Karl Marx“ zuträfe, „dessen empirisch-dialektische Spielereien auch bis ins Vorzimmer der Hegelschen Philosophie“ nicht reichten. Daß Marx Hegel dennoch hochhielt, ließe sich damit erklären, daß jener gemäß Richard Wurmbrand (1909-2001) offenbar „Satanist“ war.

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775-1854)

Schelling, besonders der alternde, wird von Schneider sehr positiv gesehen. Er erkennt in ihm Ansätze des Versuchs „Philosophie und Offenbarung zu versöhnen, heimzufinden aus der kalten Einsamkeit des mit sich selbst sich besprechenden, in ungeheuren Ansprüchen vergebens nach Genüge trachtenden Geistes“ bei Hegel, zurück „in Gottes Tempel — nicht in den Tempel von Menschenhand“. Schellings Ziel einer „Wiederbelebung des Überlieferten“ als „Aufgabe der Philosophie und zugleich Heilmittel“ für die „an großen Übeln“ krankende Zeit hätten lediglich die Verteidiger Hegels entgegen gestanden, denen gegenüber er das Zugeständnis gemacht hatte, daß man ein System „haben müsse“ und „ein System nur durch ein anderes System widerlegt“ werden könne. Schellings Traum von der „Wiederbelebung der Religion durch höchste Wissenschaft“ blieb somit unerfüllt.

Das Scheitern des „ersehnten Überwinders Hegels“ am „Willen zum System“ war umso tragischer, als er die Fehler Lessings und Kants erkannt und klar benannt hatte: „Der eigentliche Inhalt des Christentums ist aber ganz allein die Person Christi … Christus ist nicht der Lehrer, wie man zu sagen pflegt, Christus nicht der Stifter, er ist der Inhalt des Christentums“.

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844-1900)

Bei der Nachzeichnung eines auf Nietzsche gemüntzten Bildes van Goghs, in dem sich „der Kreis der Gefangenen“ „unter gewaltigen Mauern dreht“ erinnert Schneider mit einem spöttischen „Ist nicht die ganze Welt mein?“ an die Worte Lessings, mit denen dieser gewissermaßen von der Welt abschied nahm. In Nietzsche findet er u.a. „die Kritik der Zeit und ihres Ungeistes, die wohl oft das Rechte traf und die man sich doch nicht zu Herzen nahm“, „die betörende Melodie der Seele, die sich selber zum Tode der Einsamkeit verurteilt hatte, das einzige Schauspiel eines sich selber verbrennenden Menschen“; schließlich „ein Baum, der zur Fackel werden wollte, das war er selbst“ und „hier ist der Tod mächtig, als Tod, der sich verzehrt“.

Wo Nietzsche in seinem „Antichrist“ gegen all jene wetterte, die „Theologen-Blut im Leibe“ haben, sieht Schneider „den Sohn des Pfarrers zu Röcken“ gegen seinen Vater schimpfen. Er ist zwar konsterniert, daß Nietzsche „mit furchtbarem Ernste, nach der Redlichkeit und Weite des Christentums gefragt“ und doch „ohne Antwort“ blieb, vertritt jedoch, daß Nietzsche „wider Willen“ noch „im Feuer seines Hasses einen schmalen Raum zu retten“ suchte „für den Träger der ‚frohen Botschaft‘, wie er sie verstand“ und sieht ihn — auch noch in seiner Gestalt des Antichristen — im dauernden Widerstreit mit der „Macht Christi“, die ihm „gegenständlich wurde, in dem Augenblick, da ihr Dasein abgesprochen wurde“.

In dessen „Zarathustra“ erkennt Schneider dann die „maßlose Emsigkeit“ wieder, mit der erst wenige Jahre zuvor Autobahnen gebaut wurden, „auf denen — in der nächsten Stunde der Geschichte — der Besieger einherfahren“ würde und nennt Nietzsche einen „armen Knecht des Hegelschen Weltgeistes“, der den Untergang „im voraus gefühlt und gefeiert hat“. — In diesen Worten sieht man förmlich Hitler vor sich, der in seinen letzten Tagen seelenruhig erklärt hatte, daß sich das deutsche Volk eben „als das schwächere erwiesen habe“ und „die Zukunft“ nun eben dem „stärkeren Ostvolk“ gehöre. Europa und Deutschland waren zwar in Schutt und Asche, aber der Hegelsche „Weltgeist“, dem er diente, hatte überlebt und seine Blutgier ward gestillet.

In dem Kapitel zu Nietzsche wendet sich Schneider auch gegen alle Versuche Schuld wegzuphilosophieren: „Schuld bleibt Schuld; wir sind zu Bekennern, nicht zu Richtern berufen, zur Buße und Sühne, nicht zur Verteidigung“. Wichtiger als das ist ihm aber, daß „die Völker wieder erkennen, was Geschichte immer war: das Widerspiel von Gnade und Anfechtung, in das der Mensch gerufen ist“. Schneider wittert die Gefahr, daß „der Schauplatz dieser Jahre in seiner ungeheuren Dimension zum bürgerlichen Tribunal verflacht“, weil dann „die Toten umsonst gestorben, die Leiden umsonst erlitten wurden„ und „die Anfechtung noch heute — oder morgen — triumphiert.“

Bis heute unerfüllt bleibt seine Hoffnung, „daß die Welt lerne, sich dem Todesernste der Anfechtung zu stellen im Vertrauen auf Den, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, das wäre vielleicht ein Anfang, der jene entsetzliche Kette abreißen könnte. Aber der Anfang müßte noch innerlicher, noch stiller sein: die Welt müßte wieder lernen zu beten: ‚Führe uns nicht in Versuchung.’“

Trost und Heimkehr des deutschen Geistes

Trost und ein mögliches zu Hause für den deutschen Geist sucht und findet Reinhold Schneider, der wohl mit allen seinen Schriften darum kämpfte, das eigentlich Deutsche doch bitte nicht mit dem zu verwechseln, was er als Ursache für all das Elend erkannt hatte, erst im letzten Kapitel über den „Frommen zu Frankfurt“: in seinem „Büchlein vom vollkommenen Leben“ aus dem 15. oder ausgehenden 14. Jahrhundert „als vielleicht die Phase begann, die jetzt überwunden werden muß“ unterschied dieser „zwischen dem wahren und falschen göttlichen und natürlichen Licht, das wieder eine wahre und falsche Liebe erweckt. Im wahren Lichte offenbart sich Gott, und die von diesem Lichte ‚gelehrte, geleitete‘ Liebe ‚folgt ihm und vollbringt sein Gebot‘. … Das falsche Licht aber ist auf das ‚Ich, Mein, Mich‘ gewendet; seine Liebe sucht nicht Gott, sondern sich selbst, obgleich sie wähnt ‚Gott und die lautere einfältige Wahrheit‘ zu erkennen.“

„Und dies“, gibt Schneider den Frankfurter wieder, „geschieht am allermeisten da, wo hohe natürliche Vernunft ist; denn sie steigt so hoch in ihrem eigenen Licht und in sich selbst, daß sie zuletzt selber meint, sie sei das ewige wahre Licht, und gibt sich dafür aus und ist also selbst betrogen und betrügt die Leute mit sich, die nichts Besseres wissen und auch dazu geneigt sind.“

Am Ende erklärt er dann mit Worten des Frankfurters:

Selbst wenn es möglich wäre, daß das falsche, natürliche Licht „Gott und die einige Wahrheit ganz recht erkennte, so ließe es dennoch nicht vom Eigentum, nämlich von sich selbst und von dem Seinen“. Der Grund ist, daß das falsche Licht hinaus zu sein glaubt über Christus und das „Christusleben“. Sein Eigenwille müßte gestorben sein am Kreuz. Denn das „Kreuz ist nichts anderes als das Christusleben“, es ist ein bitteres Kreuz für alle Natur. Aber das falsche Licht liebt doch nur „sich in sich selber“. Dies ist sein Wesen, sein furchtbares Verhängnis: „Es will nicht Christus sein, sondern es will Gott sein in seiner Ewigkeit.“

Dieses Licht, das nicht Christus sein will, ist gleichwohl Licht; es vermag mit gewaltigem Glanze Jahrhunderte zu überblenden. Wir aber gelangen mit diesen Worten vor die äußerste Möglichkeit der Unterscheidung und Entscheidung, der Verantwortung im geistigen Leben der Welt: Wir müssen das Licht fragen, ob es Christus sein will. Dieser Wille des Lichtes kann nicht verborgen bleiben; er kann auch nicht täuschen. Das Prisma der Wahrheit macht ihn offenbar. Im Lichte des Christuslebens sah der Fromme die Kreaturen als eine „Weisung und einen Weg zu Gott“, die Zeit und Zeitlichkeit schon als eine selige „Vorburg und Vorstadt der Ewigkeit“, die Welt war ihm offen, das Geschaffene alles eine Botschaft Gottes, die Erde ein Garten, in dem nur der eine Baum verboten war: der Wille, der nicht sterben will am Kreuze, nicht Christus sein will.

Die Geschichte kennt keine Rückkehr, keine Wiederkunft im wörtlichen Sinne. Aber auch sie ist eine „Weisung und ein Weg zu Gott“. Durch das Erfahrene hindurch und die ganze Not der Erfahrung — nicht etwa durch die Verleugnung der Not — führt der Weg zu Christus, führt Christus, der Herr der Geschichte, die Menschheit und mit ihr die Kreatur und alles Geschaffene heim zu Gott. Wo das Kreuz steht, ist der Geist gefragt, ob er Christus sein will. Wider seinen Willen, unter der Gewalt der Gnade, hat der Geist mitgeholfen an der Errichtung des ungeheuren Kreuzes dieser Jahre. Nun frägt ihn das Kreuz, das er aufgerichtet hat, ob er Christus sein will.

Quelle: Das Testament Reinhold Schneiders.